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Interviews

Fürchtet euch nicht, Serdar Somuncu bringt euch frohe Kunde

Serdar Somuncu über sein neues Buch ‚Der Adolf in mir', das Kleiner-Penis-Problem im Deutschrap und die von ihm initiierte „hassistische" Bewegung.
16.10.15
Fotos: Grey Hutton

Dafür, dass Serdar Somuncu als Hassprediger durch die Lande zieht, glänzte er während unseres Interviews von ausgesuchter Freundlichkeit. Er erschien pünktlich und erkundigte sich besorgt, ob es angemessen wäre, eine Zwiebelsuppe zu essen („Aber der Geruch!"). Sein neues Buch, Der Adolf in mir erscheint am 19. Oktober, und er hat aus reiner Nächstenliebe angekündigt, „seinen nackten Arsch zu fotografieren und auf Gayromeo zu posten", wenn es in die Spiegel-Bestsellerliste kommt. Zudem geht gerade er mit seinem neuen Programm namens mit seinem neuen Programm namens H2 Universe - Die Machtergreifung auf Tour auf Tour. Insofern hat es uns natürlich besonders gefreut, dass er sich die Zeit genommen hat, mit uns zu plaudern.

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VICE: Hey, dein PR-Mann sagt, du magst eigentlich gar keine Interviews mehr geben, wieso?
Serdar Somuncu: Kein Bock mehr. Zuviel Gelaber nervt.

Aber dein Job ist doch zu labern.
Genau, deswegen. Da muss ich nicht auch nebenher noch labern.

Fotos: Grey Hutton

Als ich zur Schule ging, gingen immer Raubkopien von deiner deiner Mein Kampf-Lesung-Lesung in der Klasse rum, ich hab die als Vierzehnjährige gefeiert. In deinem neuen Buch erzählst du deine Jugend, und du beschreibst auch, dass du als Kind über Nacht immer ans Bett gefesselt wurdest? Wie lange ging das?
Lange. Ein paar Monate. Das war in diesem Heim, wo ich vom 2., 3. Lebensmonat bis zum dritten Lebensjahr war. Das war so ein katholisches Nonnenheim, und da ich versucht habe abzuhauen, haben die mich immer ans Bett gebunden. Das war eh kein angenehmer Ort, die Kinder da waren alle Waisenkinder oder abgegeben und wurden dort auch nicht gut behandelt. In den späten 60ern war das in Kinderheimen nicht anders üblich.

Du schreibst wiederholt darüber, wie dich das beeinflusst hat, immer durchzuhalten. Wärst du jetzt ein anderer, wenn das nicht passiert wäre?
Das ist hypothetisch, aber ich denke schon, dass es dazu beigetragen hat, dass ich so bin, wie ich bin. Das war nicht immer einfach. Erst die letzten 15 Jahre läuft es, davor war es ein langwieriger Weg.

Aber auch, weil du keine Kompromisse eingegangen bist, an deinem Traum festgehalten hast? Bist du bei deinen Eltern nicht rausgeflogen, weil du aufs Konservatorium wolltest?
Ja. ich hab mich aus dem Staub gemacht und heimlich angemeldet. In Schlagzeug und Komposition. Ich hatte ein Stipendium, da bin ich auf merkwürdige Weise zu gekommen. Es war früher so, dass Kinder, die keine musikalische Grundausbildung hatten, nicht aufs Konservatorium durften. Wenn du nicht Blockflöte gelernt hast, durftest du auch nichts anderes machen. Ich hab nun nicht Blockflöte gelernt, weil ich das total schwul fand. Ich wollte Schlagzeug spielen. Also bin ich nach Holland getrampt, nach Maastricht, und hab mich da heimlich beworben. Meine Eltern haben das sechs Monate nicht mitbekommen, dass ich statt zur Schule eigentlich immer zum Konservatorium getrampt bin. Irgendwann kam dann ein Brief von der Schule: „Hallo, wo ist denn ihr Sohn?" Und dann ist alles aufgeflogen und dann wurde ich rausgeschmissen.

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Dann hast du auf der Straße gelebt.
Ich hab ein paar Monate auf der Straße gelebt. Das ist heute noch so, wenn ich durch die Straße laufe, und ich sehe, dass da einer unter der Brücke liegt, denk ich: Der hat eine relativ gute Matratze, einen guten Schlafsack. Und dann hab ich einen Flashback, immer, wenn ich das Wetter sehe, denk ich: Boah, scheiße. Oder denke: Gott sei Dank! Je nachdem. Damals war jeder Abend offen, und irgendwann war es soweit, dass ich die erste Nacht draußen verbringen musste. Es war superkalt, minus 16 Grad. Du bist dann erstmal total ratlos, du weißt gar nicht, wie das geht. Womit deck ich mich zu? Es gibt da auch Reviere, du kannst dich innerhalb einer Stadt nicht einfach auf einen Rost legen, wo heiße Luft rauskommt, weil bestimmte Penner dir dann sagen: Das ist mein Platz.

Hast du eigentlich Er ist wieder da gelesen, beziehungsweise den Film gesehen?
Ja. Also, erstens ist die Idee von mir geklaut. Fangen wir mal so an. Es gibt einen Stand-up von mir aus dem Jahre 2006 im Quatsch Comedy Club, da sag ich wortwörtlich: „Ich bin irgendwann nachts aufgewacht, und dachte, ich bin Hitler. Und dann bin ich auf die Straße, und in die Bäckerei, und hab gesagt: ‚Ich hätte gern drei deutsche Brötchen.' Worauf die Frau nach hinten gerufen hat: ,Hol die Fahnen, er ist wieder da.'" Kann das deutlicher sein? Außerdem geht's in dem Buch um einen Hitler, der zum Comedian wird, all das habe ich ja zehn Jahre lang gemacht.

Es geht also um dich?
Ich glaube, dass er mindestens mein Programm gesehen haben muss. Es gibt zum Beispiel im Film ein Zitat aus Mein Kampf, das ich verwendet hatte, ich mein, Mein Kampf hat 800 Seiten, du kommst nicht einfach auf ein und das selbe Zitat, wenn du nicht vorher die Lesung gesehen hast. Ich denke also, es ist mindestens von mir inspiriert, zweitens ist es aber auch noch schlecht gemacht, weil es sich nur auf diese eine Idee beschränkt, ohne die zweite Seite zu zeigen. Das war ja bei mir das Wichtige, dass ich nicht nur Hitler veralbert habe, sondern auch eine sehr ernsthafte Auseinandersetzung mit der Thematik geführt habe. Und da ist der Film manchmal echt an der Grenze zur Peinlichkeit, manchmal auch mindestens politisch sehr fragwürdig.

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Ja.
Es gibt einen Beweis dafür, dass sich die Macher dessen bewusst gewesen sein müssen. Irgendwann ist der Typ in diesem Film so sympathisch, dass du dich mit ihm identifizierst. Dass du sagst: Ey geil, der sagt alles richtig, der gibt diesen komischen Comedyleuten mal aufs Maul … Wenn das eine gewisse Grenze überschreitet, musst du dich berechtigterweise auch rechtfertigen. Warum stell ich den positiv dar? Da haben die im Film einen ganz dämlichen Kniff gemacht, am Ende ist noch mal ein Wurmfortsatz „Aktualität", über Hogesa und Pegida. Um deutlich zu machen: „Heh, wir sind eigentlich dagegen, wir sind auf der richtigen Seite." Das hinkt auf mehr als einem Bein. Ich finde, jede Auseinandersetzung mit Hitler muss auch immer doppelbödig sein, und das ist der Film auf keinen Fall.

Außerdem sind alberne Auseinandersetzungen mit Hitler jetzt nicht die neueste Idee der Welt. Das gibt es schon seit Charlie Chaplin.
Helge Schneider, Charlie Chaplin. Es gibt Hunderte von Beispielen. Auch wesentlich bessere. Ernst Lubitschs Sein oder nicht sein ist für mich immer noch das große Highlight in der Verarbeitung von Hitler. Ich finde es schon gut, wenn solche Filme gemacht werden. Ich finde das gar nicht falsch. Aber ich wünsche mir, dass sie klüger gemacht werden.

Im Buch beschreibst du auch, dass du Bombendrohungen bekommen hast …
Na ja, lustig war das nie. Es war echt scheiße, nicht zu wissen, was passiert, wenn man abends auf die Bühne geht. Es gab Momente, in denen man sich dachte: Wie dämlich eigentlich diese Leute waren. Die haben zum Teil Drohungen geschickt mit kompletter Adresse. Wo du dachtest, 3, 2, 1, Polizei steht vor der Tür. Und tatsächlich war's dann auch so. Irgend so ein Typ im Saarland hat eine Bombendrohung geschickt, innerhalb von einer Stunde haben sie den ausfindig gemacht.

Vielleicht haben die Leute, die ihre Adresse angegeben haben, eine Antwort erwartet. Eine Grußkarte.
Keine Ahnung, manche denken, sie wirken im Namen des Gesetzes. Es gab eine Geschichte in Potsdam, die war sehr unangenehm, da kam eine Stunde vor der Vorstellung eine Drohung und dann musste ich mit kugelsicherer Weste spielen. Die sind total schwer, man kann damit nicht spielen. Ich hab die auch ausgezogen. Da dachten die Leute: „Wow, das ist aber mutig." Aber die war einfach nur zu schwer.

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Eine Stelle im Buch, die ich auch sehr mag, da sprichst du über Gangsta Rapper und du sagst, sie seien „die humorloseste Gemeinschaft von Fetischisten, die mir je begegnet ist". Was denkst du, woran liegt es, dass Leute im HipHop so humorlos sind?
Kleine Pimmel.

Alle?
Die haben Minderwertigkeitskomplexe. Du siehst ja, dass hinter dem Getue ganz kleine Würstchen stecken. Meistens Leute mit migrantischem Hintergrund, die aus ganz patriarchalischen Verhältnissen kommen zu Hause, wo der Vater bestimmt, was gemacht wird, und draußen lassen die halt die Sau raus. Deswegen sag ich immer, ich würde gerne mal den Eltern dieser HipHopper übersetzen, was die so alles sagen.

Später schreibst du über Islamismus. Denkst du, die Leute, die hier in den Dschihad gehen, sind die gleichen, die sonst Nazis geworden wären?
Das ist hypothetisch, aber kann sein. Ich finde, dass diese Generation von neuen Leuten, den neuen „Terroristen", so nennen wir sie mal, zum Teil auch erschreckend unpolitisch sind. Wenn du hinterfragst, wofür die da eigentlich stehen, wirst du selten eine fundierte Aussage bekommen. Es geht da eher um eine Widerstandshaltung. Der Syrien-Krieg hat in vielen Leuten Widerstand ausgelöst, weil ja auch seit Jahren Ungerechtes passiert ist im Nahen Osten. Aber dass jetzt die Lösung ist, dass du nach Syrien gehst, und dich als Dschihadkämpfer einsetzen lässt, ist für mich total erschreckend. Auch so eine Querverbindung, die ich ganz seltsam finde: Man sieht die am deutlichsten, wenn man sich den Iran anschaut, der Ahmadinedschad war ja ein gestandener Holocaust-Leugner, und viele NPD-Leute sind in den Iran gefahren auf irgendwelche Kongresse, wo dann eben der Holocaust besprochen wurde, als große Geschichtslüge. Das fand ich damals schon schräg. Aber das sind neue Strömungen, und die muss man sehr sehr ernst nehmen.

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Was glaubst du, wie sich das entwickeln wird?
Nicht gut. Im Moment ist es so, dass die ISIS etwas macht, was wir nicht wissen, man merkt es nur am Aktionismus der Amerikaner, die jetzt plötzlich mit Putin wieder gemeinsame Sache machen, dass es was Schlimmes sein muss. Erstmal befürchte ich, dass die ISIS sowieso alles macht, was sie machen kann, wenn sie irgendwann atomwaffenfähiges Material in die Hände bekommen, ist das auch gar nicht mehr soweit weg, wie wir denken. Darum wird jetzt auf unterschiedlichen Ebenen sehr viel getan, siehe der Schulterschluss mit der Türkei, und Erdoğan, den man vorher nicht haben wollte, wird wieder zum Freund erklärt.

Wenn man dich googelt, kommt immer noch als vierter Treffer …
Hitler!

Nee, das ist der Este. Als vierter kommt dieser Artikel von Stefan Niggemeier, der sagt, dass du Schwule hasst. Hasst du Schwule?
Das war eine ganz unangenehme und müßige Diskussion. Eigentlich war ich der Meinung, dass man mich kennt, und die Arbeit, die ich seit mittlerweile 30 Jahren mache, auch einem Stefan Niggemeier bekannt sein müsste. Aber das Ganze war ja eine Aktion, als Sascha Lobo frustriert war, nachdem wir zusammen in dieser Show waren. Und dass dann so ein Typ, ohne mich zu kennen, satirische Aussagen ernst nimmt, und sie mir zum Vorwurf macht, das war ein starkes Stück. In derselben Sendung habe ich gesagt „Ich bin für Atomkraft" und „für Ganzkörperkopftücher bei Frauen". Da hätte er zumindest auch einen Artikel drüber schreiben müssen.

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Haha. Neben dem neuen Buch gehst du jetzt auch auf Tour, haben die beiden Sachen miteinander zu tun?
Das Buch hat mit der Tour gar nichts zu tun. Es ist keine Buchlesung. Das Programm heißt H2 Universe—Die Machtergreifung, H2 heißt Hassprediger 2, Universe heißt, dass ich auf der letzten Tour gestorben und als Prophet in den Himmel gestiegen bin und jetzt sozusagen wiederkomme. Die Machtergreifung bezieht sich auch auf das Programm vorher, weil ich da immer gesagt habe, dass wir, unsere hassistische Bewegung ist ja eine fiktive Religionsgemeinschaft, irgendwann mal an die Macht wollen. Und jetzt ist es soweit.

Ist das so wie mit dem fliegenden Spaghettimonster?
Ein bisschen, ja. Es ist natürlich eine Parodie, aber die Leute mögen das total gerne und spielen gerne mit und mittlerweile hat das auch so eine Eigendynamik bekommen. Mittlerweile wissen einige, glaub ich, gar nicht mehr, dass es eine Parodie ist.

Macht dir das nicht Angst?
Manchmal ja. Wenn ich Leute treffe, die mich erkennen, und die sind ganz ehrfürchtig, so als würden sie den lieben Gott sehen, ist das schon erschreckend.

Fragen sie dich nach Absolution?
Auch das. Alle Rituale, die man so von anderen Religionen kennt, haben wir auch. „Kannst du mich mal berühren" und sowas.

Echt? Was passiert, wenn man vom Hassprediger berührt wird, kommt man dann automatisch in die Hölle?
Nichts passiert. Es passiert gar nichts.

Serdar Somuncus neues Buch Der Adolf in mir erscheint am 19.10.2015.