Hangover-News, 19. Oktober 2015

Die niedergestochene Kölner OB-Kandidatin hat die absolute Mehrheit bekommen, Beckenbauer will von nichts gewusst haben, und Donald Trump behauptet, unter ihm hätte es 9/11 nie gegeben.

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Okt. 19 2015, 4:18am

Die niedergestochene Kandidatin hat die absolute Mehrheit in Köln bekommen
  • Henriette Reker | Foto: imago | Future Image

    Am Samstag wurde die Kölner Oberbürgermeister-Kandidatin Henriette Reker von einem rechtsextremen Arbeitslosen mit einem Messer lebensgefährlich am Hals verletzt. Der Täter soll fremdenfeindliche Motive für den Mordversuch gehabt haben, offenbar war er nicht mit Rekers Positionen in der Einwanderungspolitik einverstanden. Die Tat sorgte weithin für Entsetzen, ein Kommentator bezeichnete sie als „Angriff auf die Demokratie in Deutschland". Die hat sich aber nun gewehrt: Die parteilose Kandidatin, die nach einer Operation nicht mehr in Lebensgefahr schwebt, hat jetzt mit 52,7 Prozent der Stimmen die nötige absolute Mehrheit bekommen, um den SPD-Kontrahenten Jochen Ott abzulösen und als erste Frau Oberbürgermeisterin von Köln zu werden. Die Kandidatin hatte allerdings schon vor der Attacke gute Chancen auf einen Sieg gehabt: Von Reker, die seit fünf Jahren als Sozialdezernentin der Stadt tätig ist, erhoffen die Kölner sich frischen Wind in die verfilzten Verwaltung der Stadt.

    Franz Beckenbauer hat alle Vorwürfe von sich gewiesen

    Mein Name ist Hase, ich trinke Sekt | Foto: imago | Karina Hessland

    Kurz vor Beginn des Wochenendes ließ der Spiegel noch schnell die Bombe platzen: Die WM 2006 sei gekauft worden, 13 Millionen D-Mark hätten DFB-Funktionäre an FIFA-Entscheider bezahlt, mit dabei nicht nur der jetzige DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, sondern auch der damalige Präsident des Organisationskomitees—kein geringerer als der Kaiser selbst, Franz Beckenbauer. Die Geschichte klingt so abenteuerlich wie beschämend: Das Geld sei vom damaligen Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus privat zur Verfügung gestellt worden. Um ein paar Jahre später die mittlerweile 6,7 Millionen Euro zurückzuzahlen, hätten die Verschwörer sich zusammen mit der FIFA eine nie stattgefundene Eröffnungsgala im Olympiastadion ausgedacht, die exakt so viel Geld gekostet hätte. Niersbach, der DFB und Beckenbauer streiten alles „absolut und kategorisch" ab. Niersbach erklärte in einem Interview (geführt von seinem eigenen Verein), er werde gegen die „nicht im Ansatz bewiesene und definitiv falsche Kernbehauptung" vom Spiegel „alle denkbaren rechtlichen Schritte" einleiten. Schließlich meldete sich auch Beckenbauer zu Wort: Er habe „niemandem Geld zukommen lassen", ließ er verlauten. „Und ich bin sicher, dass dies auch kein anderes Mitglied des Bewerbungskomitees getan hat." Die Zahlung der 6,7 Millionen an die FIFA bestreitet der DFB allerdings nicht, der „Vorgang" werde bereits seit dem Sommer intensiv geprüft. In dem ganzen Chaos freut sich nur einer: Das Satire-Magazin TITANIC, das schon 2006 offen behauptet hatte, die Vergabe der WM nach Deutschland sei getürkt—allerdings übernahmen die Frankfurter selbst die Verantwortung dafür. Die ganze Geschichte kann (und sollte) man hier nachlesen.

    Ein ausgebrochener Bulle hat auf der Autobahn zwei Polizisten verletzt

    In Sachsen-Anhalt brannte am Samstagnachmittag ein Jungbulle von einem Hof durch und verirrte sich auf die Autobahn A2. Dort rannte er offenbar eine ganze Weile auf der Fahrbahn herum, erschreckte Autofahrer und griff schließlich zwei Polizisten in ihrem Auto an. „Während des Einsatzes wurden zwei Beamte im Auto attackiert und dabei verletzt", erklärte ein Polizeisprecher der Bild. „Sie mussten danach ärztlich behandelt werden." Näheres darüber, wie ein Bulle es schafft, gleich zwei Polizisten im Innern eines Fahrzeugs krankenhausreif zu prügeln, ist nicht zu erfahren (vielleicht hat er den Wagen so geschickt gerammt, dass die Airbags ausgelöst wurden?), stattdessen beömmelt sich die Bild darüber, dass auf der A2 wohl—har har—„Bullenalarm" geherrscht habe. Das Tier konnte kurz darauf eingefangen und zum heimischen Hof zurückgebracht werden.

    Donald Trump behauptet, mit seiner Einwanderungspolitik hätte es kein 9/11 gegeben

    Foto: imago | UPI Photo

    Donald Trump ist jetzt schon einer der unterhaltsamsten Präsidentschaftskandidaten, die die USA je hatten. Der Mann mit der Betonfrisur sagt grundsätzlich einfach alles, was ihm gerade einfällt, und ziemlich oft fallen ihm ziemlich haarsträubende Sachen ein. Highlights waren die pauschale Verurteilung der mexikanischen Einwanderer als Vergewaltiger und Drogendealer oder die Lästereien, mit denen er seine republikanischen Rivalen immer wieder bombardiert. Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit—und kurz vorm Wochenende hat Trump es schließlich geschafft, sich mitten in das fetteste Fettnäpfchen der amerikanischen Debatte zu setzen: Er erklärte, dass die Angriffe auf das World Trade Center nie passiert wären, wenn er damals schon an der Macht gewesen wäre und seine „extrem strenge" Einwanderungspolitik angewandt hätte. Und weil Trump auch noch so halb andeutet, der traumatische Anschlag sei irgendwie ein Versäumnis des damaligen Präsidenten George W. Bush gewesen, hat Trump mal wieder richtig Ärger mit dessen Bruder und seinem direkten Rivalen Jeb Bush. Bush bezeichnete Trumps Äußerungen als „armselig", dem Kandidaten mangele es an Seriosität. Trump selbst hat offenbar mittlerweile auch keine Lust mehr, das Thema zu vertiefen—jedenfalls antwortet er nicht mehr auf die Frage, ob er wirklich George W. Bush die Schuld an 9/11 gibt.

    Merkel will Erdoğan „kaufen", damit er uns die Flüchtlinge vom Leib hält

    Between two flags: Merkel und der türkische Premier Davutoglu schauen sich an. Foto: imago | Xinhua

    Foto: Angela Merkel hat den Sonntag in Istanbul verbracht, um sich mit Premier Ahmet Davutoglu und Präsident Recep Tayyip Erdoğan darüber zu unterhalten, wie die Türkei Europa in der Flüchtlingskrise unterstützen kann. Die Unterstützung soll vor allem darin bestehen, dass die türkischen Grenzen zur EU dichter gemacht werden, so dass weniger Flüchtlinge sich auf den Weg nach Deutschland machen können. Dafür hat die deutsche Kanzlerin der türkischen Regierung vor allem Geld und Visa-Erleichterungen versprochen. Dass Merkel Erdoğan überhaupt zwei Wochen vor den türkischen Parlamentswahlen besucht und ihm so mit Sicherheit erheblichen Auftrieb gibt, ist wohl der verzweifelten Lage zu verdanken. Niemand in der EU kann den polternden Präsidenten besonders gut leiden, und Merkel war immer offen gegen den EU-Beitritt der Türkei, den sie jetzt wieder in Aussicht gestellt hat. „Vor zwei Jahren hätte ich nicht geglaubt, vor einem ebenso wenig, dass die Kanzlerin als Bittstellerin, mit konkreten Gegenleistungen nach Ankara fliegen muss", wird der EU-Kommissar Günther Ottinger von Spiegel Online zitiert. Aber vor zwei Jahren gab es auch noch keine Flüchtlingskrise: Allein vom 5. September bis zum 15. Oktober, also in 40 Tagen, meldeten die Bundesländer 409.000 Neuankömmlinge. Der Tagesspiegel bezeichnet Merkels Mission daher als „bitter, aber für das Europa, wie wir es kennen, von existenzieller Bedeutung". Die Linken-Chefin Sahra Wagenknecht erklärte Merkels Abmachungen mit Erdogan allerdings als „moralische Bankrotterklärung."

    Die Wahl in der Schweiz haben schon wieder die Rechtsnationalen gewonnen

    SVP-Chef Toni Brunner | Foto: imago | Geisser

    Am Sonntag haben die Schweizer gewählt, und ihr Parlament ist jetzt noch ein ganzes Stück rechter als vorher: Die rechtsnationale SVP hat eine „historischen Sieg errungen" (SRF) und ihre Spitzenposition gefestigt. Zusammen mit der liberalen FDP und den ähnlich rechten Kleinparteien Lega und MCR könnte die SVP sogar eine komplett bürgerlich-rechtskonservative Mehrheit im Nationalrat bilden. Für die meisten Kommentatoren ist ziemlich klar, wo der Erfolg der Partei herrührt: Die Krisen der EU und natürlich die Flüchtlingsbewegung der letzten Monate haben dazu geführt, dass die Schweizer sich deutlich nach rechts orientiert haben. Da in der Schweiz aber eine sogenannte „Konkordanzdemokratie" praktiziert wird (möglichst viele Parteien müssen an der Macht beteiligt werden, am Ende regieren alle zusammen, niemand weiß, warum das funktioniert), wird das Land wohl nicht zu einem einzigen Pegida-Käse in den Alpen, sondern bleibt eben einfach ziemlich steif-bürgerlich.

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