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Auf Streifzug durch das Hauptquartier von Australiens berüchtigtstem Kult

1987 durchsuchte die Polizei ein Grundstück der „Family" und befreite dabei auch 14 Kinder, die von der religiösen Gruppe geschlagen, ausgehungert und unter Drogen gesetzt wurden.
04 August 2015, 4:00am

Mitte der 60er Jahre schlug „The Family" seine Zelte in den Hügeln vor Melbourne auf. Bei The Family handelt es sich um einen New-Age-Kult, der von der Yogalehrerin Anne Hamilton-Byrne gegründet wurde. Selbstverständlich erklärte sie sich in diesem Zug auch zur Wiedergeburt Jesus Christus und verbreitete eine religiöse Doktrin, in der das Christentum und fernöstliche Mystik wild miteinander vermischt wurden. Trotz einer Vielzahl an erschreckenden Anschuldigungen wuchs die Family im Laufe der darauffolgenden zwei Jahrzehnte immer weiter und häufte dabei auch noch ein kleines Vermögen an.

1987 durchsuchte die australische Bundespolizei ein Grundstück der Family und befreite dabei auch sechs Kinder, die quasi in totaler Isolation großgezogen worden waren. Insgesamt wurden 14 Kinder—die meisten davon adoptiert—auf den verschiedenen Anwesen der Family aufgezogen. Dabei wurde ihnen eingeredet, dass sie der biologische Nachwuchs von Hamilton-Byrne seien. Außerdem mussten sie immer identische Outfits tragen und ihre Haare wurden wasserstoffblond gefärbt. Sie wurden geschlagen, mussten Hunger leiden und man zwang sie regelmäßig dazu, psychedelische Drogen wie LSD zu nehmen.

Anne Hamilton-Byrne musste nie ins Gefängnis und wird inzwischen in einem Melbourner Altersheim von ihrer Demenz zerfressen. Aufgrund einer fehlenden Führungsperson verschwindet der Kult so langsam in der Versenkung. Im April berichtete die Zeitung Sydney Morning Herald auch über einen Rechtsstreit um das Kult-Hauptquartier in Mt. Dandenong, dessen Wert auf gut 1,5 Millionen australische Dollar geschätzt wurde (etwa 1 Million Euro). Michael Stevenson-Helmer, ein Kult-Mitglied, meinte gegenüber den Journalisten: „Früher war dort noch einiges los, aber die Welt dreht sich nun mal weiter und die Leute haben entweder zu viel zu tun, ihnen vergeht die Lust oder sie werden zu alt. Ich nehme an, dass es jeder Institution oder Kirche so geht, wenn die Mitglieder älter werden."

Ich war mir nicht ganz sicher, ob diese Aussage nun bedeutet, dass das Grundstück noch bewohnt wird, oder ob es einfach so vor sich hin modert. Ich wollte das Ganze mit eigenen Augen sehen, aber meine Mails und Anrufe blieben unbeantwortet. Schließlich musste ich meiner Neugierde nachgeben und bin dorthin gefahren—und so befinde ich mich jetzt vor den Toren des Hauptquartiers von Australiens berüchtigtstem Kult.

Hmm, dumm gelaufen.

Ich klettere über den Zaun und schaue mich ein wenig um. Dabei kann ich allerdings nur Bäume und Gras erblicken, also noch nichts wirklich „Kultiges".

Schließlich fällt mir ein Gebäude auf, das mich an die Kapelle meiner Grundschule erinnert. Ich weiß nicht genau, was mir jetzt mehr Angst einjagt. Ich bewaffne mich mit einem Ast, falls irgendetwas schief gehen sollte. Mein neunjähriges Ich findet das alles total cool, mein jetziges Ich scheißt sich in die Hose.

Ist das ein Hundenapf? Ich liebe Hunde zwar, aber ich muss jetzt auch nicht unbedingt von scharfen Wachhunde in Tausend Stücke gerissen werden.

Es scheint kein Mensch zu Hause zu sein.

Wenn man gerade eben keinen Lärm machen will, hört sich jeder Schritt natürlich so an, als würde ein Sumoringer in ein Becken voller Kartoffelchips fallen. Schon irgendwie witzig, oder?

Ich klopfe sogar, aber niemand macht auf.

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Es wäre ziemlich unhöflich, diese Einladung nicht anzunehmen.

Das Dach ist jedoch ziemlich unspektakulär.

Das Teil hier ist ziemlich cool.

Um die Ecke bemerke ich dann ein eingeschaltetes Licht. Ich klopfe erneut, aber wieder macht mir niemand auf. Im Raum befindet sich ein kleiner Schreibtisch, auf dem ein paar lose Blätter und ein Stift verteilt sind. Das Einzelbett ist auf diesem Bild nicht zu sehen.

Ich schaue mich noch ein wenig um und entdecke dabei diesen ziemlich coolen Pfad—inklusive Vogeltränke, aber ohne Vögel. Ganz klar das Werk der Illuminaten.

Ich schlage mich durch ein paar Büsche und erreiche irgendwann eine weitere Lichtung. Dann wird es richtig klischeehaft und ich höre, wie hinter mir Äste knacken. Alles klar, ich bin am Arsch. Jetzt heißt es kämpfen oder fliehen. Ich mache allerdings weder das eine noch das andere. Nein, ich drehe mich langsam um und erblicke ...

... einen verdammten Emu.

Ich muss einfach ein Selfie mit dem Vogel schießen, auch wenn es ziemlich verschwommen ist.

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In den Büschen finde ich dann einen weiteren halbversteckten Pfad. Jetzt heißt es: Hinunter in den Kaninchenbau.

Gruselig schön.

Macht irgendwie den Eindruck eines normalen Hauses.

In diesem Moment wird mir klar, dass ich im Falle meines Todes noch ein ganzes, nicht angerührtes Snickers zu Hause liegen habe. Scheiße.

Ja, hier wohnt definitiv niemand.

Ich entscheide mich dazu, noch ein bisschen mit meinem neuen Emu-Freund zu rumzuhängen, um so vielleicht ein bisschen mehr über das Grundstück zu erfahren. Aber der Vogel bleibt still. Sie haben ihn echt gut trainiert.

Ich sage meinem neuen Emu-Freund Lebewohl und gehe nach Hause, um das oben erwähnte Snickers zu essen. Falls hier irgendwann mal ein Kult gelebt haben soll, dann muss das schon eine ganze Weile her sein.