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In einem Astralreisen-Seminar habe ich versucht, meinen Körper zu verlassen

Astralreisen sind luzide Träume für Fortgeschrittene und über ihre Existenz ist man sich uneinig. Deshalb habe ich im Schwarzwald versucht, meine Seele vom Körper abzuspalten.

von Nadja Brenneisen
18 Mai 2016, 4:00am

Foto von Mateus Lunardi Dutra

Schon seit ich denken kann, bin ich von Träumen fasziniert. Nachdem ich als Kind—wie wahrscheinlich die meisten Menschen auch—die verrücktesten Träume durchlebte und teilweise auch bewusst auf diese einwirken konnte, verlor ich meinen intensiven Bezug zu den Traumwelten mit jedem neuen Lebensjahr ein wenig mehr. Der Film Inception trug deshalb umso mehr dazu bei, dass mir die Erinnerungen an mein kindliches Träumen wieder präsent wurden, und so habe ich mich auf die Suche nach luziden Träumen begeben. Nachdem mein erster Artikel über luzide Träume veröffentlicht wurde, lud mich Bharati, die mit bürgerlichem Namen Corinna Glanert heißt, ein, ihr Astralreisenseminar zu besuchen.

Stell dir vor, du könntest jede Nacht in eine Welt gelangen, wie du sie dir wünschst. Stell dir vor, du könntest deine Träume lenken, die physikalischen Gesetze deiner Welt durchbrechen, die Zeit zur Illusion verkommen lassen und so wirklich frei sein. All das können dir luzide Träume geben. Nun stelle dir vor, es gäbe eine Ebene, die nicht wirklich Traum, aber eben auch nicht die Alltagsrealität ist. Eine Ebene, in der Wirklichkeit stattfindet, zu der du im wachen Zustand allerdings keinen Zugang hast. Die Astralwelten sind solche Ebenen. Doch gibt es diese Welten wirklich oder sind sie eine Erfindung von Esoterikern?

Foto: Robert Couse-Baker | Flickr | CC BY 2.0

Astralreisen sind eine Art außerkörperlicher Erfahrungen, wie man sie von Erzählungen von Menschen mit Nahtoderfahrungen kennt. Doch Bharati ist sich sicher, dass jeder Mensch jede Nacht solche Erfahrungen macht. Die Seele, oder wie auch immer man das bezeichnen möchte, was einen zum Menschen macht, löst sich vom Körper ab und begibt sich auf eine andere Ebene. Diese Reise auf höherer Ebene kann zum Teil auch bewusst erlebt werden—so die Theorie. Umso mehr war ich gespannt, wie ich die Praxis im Seminar erleben würde.

Nach einer längeren Autofahrt durch eine verregnete Landschaft komme ich mit meiner Begleitung im Schwarzwald an, wo das Seminar stattfindet. Wir nächtigen in der "Lehren Post", einem badischen Gasthaus, das auf seiner Speisekarte Gerichte führt, die jedem Vegetarier Albträume bescheren würden. Meine Begleitung ist darüber höchst erfreut und will die verbleibenden zehn Minuten bis zum Kursbeginn nutzen, um einen Teller Hirschgulasch zu verdrücken. Dies setzt mich als überpünktliche Person noch ein wenig mehr unter Druck als die erwartete Ablösung meiner Seele von meinem Körper.

Wir sind schlussendlich fast pünktlich, als uns eine ältere, sehr freundliche Frau die Tür des alten Bauernhauses öffnet und hineinbittet. Wir ziehen unsere Schuhe aus, schlüpfen in Wollsocken und steigen die knarrende Holztreppe in den ersten Stock hinauf. Die Frau bringt uns in den Seminarraum, in dem die anderen Kursteilnehmer schon warten. Kurz darauf betritt Bharati den Raum und beginnt die Vorstellungsrunde. Sie will unsere Namen wissen und ob wir schon luzide Träume oder sonstige außerkörperliche Erfahrungen gemacht haben. Es stellt sich heraus, dass wir alle blutige Anfänger sind. Dennoch bringen alle Teilnehmer große Erwartungen mit. Vor allem ein älterer Geschäftsmann aus der südlichen Hemisphäre gibt sich äußert ambitioniert: "Ich will erleuchtet werden."

Den Abend verbringen wir mit ein wenig Theorie und bekommen für die erste Nacht eine Hausaufgabe. Eine wichtige Grundlage für luzide Träume ist unter anderem, dass man sich an seine Träume erinnert. Man sollte also versuchen, Träume möglichst bewusst wahrzunehmen, indem man sich schon am Abend die Absicht vergegenwärtigt, sich an die kommenden Träume erinnern zu wollen. Am Morgen sollte man gleich nach dem Aufwachen versuchen, sich an den Traum zu erinnern. Bharatis Tipp half mir enorm, mich an meinen Traum zu erinnern: "Nach dem Aufwachen müsst ihr still liegenbleiben. Nicht bewegen. Nach etwa zwei Minuten dreht ihr euch dann auf jede Seite und bleibt dort wieder zwei Minuten still liegen. Oft erinnert man sich in diesen Positionen an den Traum, den man im Schlaf in ebendieser Position geträumt hat."

Foto: Charlie Stinchcomb | Flickr | CC BY 2.0

Die erste Sitzung am nächsten Tag verbringen wir mit dem Austauschen über unsere Träume. Tatsächlich hat eine vegetarische Teilnehmerin vom leidenschaftlichen Verzehr einiger Schweinswürste geträumt und teilt ihren Albtraum entrüstet und ausschweifend mit dem Rest der Gruppe. Dann geht's ans Eingemachte und an das, weswegen ich hier bin: Astralreisen. Laut Bharati gibt es einfache Tricks, um luzide Träume von Astralreisen zu unterscheiden. Wer schon einmal in einem Traum etwas gelesen hat, der sei nicht wirklich in einem Traum, sondern auf der astralen Ebene gewesen. Im Traum könne das Gehirn nicht lesen.

Bharati erzählt uns weiter von eigenen Astralerfahrungen, in denen sie ihren Körper verlassen hat und in einer Astralwelt auf hochintelligente Wesen traf, die sie fragten, wieso die Menschen unserer Welt ihre Natur so erbarmungslos zerstören. Ich verscheuche die Avatar-Bilder im Kopf und konzentriere mich auf Bharatis Überleitung zur Praxisübung. Sie erklärt uns, dass es eine Technik gibt, mit der man aus dem normalen Tagesbewusstsein—also im Wachzustand—Astralreisen erleben kann. Dafür verteilen wir uns alle im Haus und begeben uns in bequeme Positionen. Ich mache es mir auf dem Sofa bequem.

Während die Om-Box (ein Gerät, das kontinuierlich den Om-Laut abgibt) ihre meditativen Klänge von sich gibt, versuchen wir, still liegenzubleiben. Komplett bewegungslos in einer Position zu verharren, ist gar nicht so einfach. Doch genau hier liegt der Trick: Der Körper fällt nach einer gewissen Zeit der Regungslosigkeit in eine Art Körperstarre, eine sogenannte Schlafparalyse. Manche Menschen kennen den Zustand, wenn sie nachts aufwachen und sich einfach nicht bewegen können. Der Körper verfällt in diese Schlafparalyse, damit geträumte Bewegungen nicht wirklich vom Körper umgesetzt werden.


Die Welt der Indigo-Kinder:


Wir sollen nun unseren Körper austricksen und die Körperstarre mit noch wachem Bewusstsein auslösen. Nach etwa zehn langen Minuten überfällt mich ein enorm unangenehmes Gefühl. Ich habe das dringende Bedürfnis, mich umzudrehen und zu bewegen. Doch ich erinnere mich an Bharatis mahnende Worte, diesem Bedürfnis nicht nachzugeben. Ich halte durch und fühle nach etwa fünf weiteren Minuten die Starre eintreten. Es ist ein wirklich irres Gefühl und ich muss mich beherrschen, ruhig zu bleiben.

Aus dieser Körperstarre heraus sollen wir nun unseren Energiekörper ablösen. Das gelingt laut Bharati, indem wir uns vorstellen, uns selbst von einem anderen Winkel des Raumes aus zu betrachten. Diese Vorstellung helfe dem Astralkörper, den physischen Körper vollends zu verlassen. Der Astralkörper wird nach manchen religiösen und okkulten Lehren als eine wolkenartige "Hülle" verstanden, die den Menschen umgibt und den Tod des materiellen Körpers überdauert.

Foto: Georgie Pauwels | Flickr | CC BY 2.0

Ich schaffe es leider nicht, mich zur Augen- und Zeitzeugin der Existenz von Astralkörpern zu mausern. Stattdessen werde ich immer mehr von der Om-Box eingelullt und tauche ab in einen Zustand tiefer, unbewusst erlebter Meditation.

Nach diesem doch entspannenden Nachmittag gibt uns Bharati jede Menge Tipps mit auf den Weg, die uns das luzide Träumen und Astralreisen vereinfachen sollen. Sie kommt auf die sogenannten Reality Checks zu sprechen, welche man im Wachzustand möglichst oft wiederholen sollte, sodass diese beim Träumen vom Unterbewusstsein automatisch ausgeführt werden. Ich entscheide mich für einen einfachen Reality Check: Das Händeanschauen. Bharati erzählt, dass Hände im Traum oft anders aussehen als in der Realität. Der Reality Check hat zum Ziel, dass mir der Unterschied zwischen meinen im Traum betrachteten Händen und der Realität auffällt. So könne ich es schaffen, im unbewusst erlebten Traum luzid, also bewusst, zu werden.

Wieder zu Hause überrascht mich nur zwei Tage später die Wirkung dieser Tricks: Ich erinnere mich an meinen Traum, indem ich meine Hand betrachte und mir auffällt, dass mein Zeigefinger doppelt so lang ist, als er sein sollte. Er überragt all meine anderen Finger deutlich. Dieser Umstand erschreckt mich aber so sehr, dass ich aufwache. Wirklich luzid geträumt habe ich seither nicht. Trotzdem weiß ich, dass man mit Durchhaltevermögen luzide Träume wie in Inception erleben kann.



Titelfoto: Mateus Lunardi Dutra | Flickr | CC BY 2.0

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