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Warum wir wieder lernen müssen, faul zu sein

Wenn du diesen Artikel während der Arbeit liest, machst du alles genau richtig.

Sebastian Sele

Sebastian Sele

Foto: Masteraah | Wikimedia | CC BY-SA 2.0

Tippst du die 15 Buchstaben des Wortes Prokrastination in das Google-Suchfeld, erhältst du neben dem üblichen Wikipedia-Artikel (mit eher unüblichen Infos wie: "Das Gegenteil der Prokrastination ist die Präkrastination") vor allem eines: Tipps, wie du dich vor dem Übel der Studentenkrankheit retten kannst. "50 Tipps gegen Aufschieberitis" oder sogar "Spezialtrainings sollen Prokrastination therapieren" nennen sich etwa die Artikel, die dir bei der Überwindung helfen wollen.

Wie so oft sind die Google-Suchergebnisse, auch was die Prokrastination angeht, ein veritabler Gradmesser der gesellschaftlichen Realität: Prokrastination wird von den meisten als etwas wahrgenommen, das es zu überwinden gilt. Wir halten Menschen für erfolgreich, die ständig beschäftigt sind, die viele Dinge anfangen und diese auch zu Ende bringen. Wir werten das Machen als Erfolg, während wir das Nicht-Machen als Faulheit oder im extremsten Fall gar als Versagen ansehen.

Kaum etwas steht dabei mehr für das Nichtstun als die Prokrastination. Dabei ist die Königin unter den Luxusproblemen nicht nur das Übel, das wir vom Zeitgeist geprägt gerne in ihr sehen, sondern erfüllt auch wichtige Funktionen, für die wir sie liebkosen sollten:

Urlaub vom Müssen

Wir müssen. Ständig. Im Job wird von uns verlangt, dass wir präsent sind und fleißig unsere To-Do-Listen abhaken. An der Uni wird verlangt, dass wir nicht nur in Hörsälen sitzen, sondern auch noch kluge Dinge sagen—egal, ob das Seminar, durch dessen schlechte Studentenreferate wir uns quälen, "Shit-Storms" oder "International vergleichende (Makro-)Soziologie: Methodenprobleme und Lösungswege" heißt. Und sogar unsere Freizeit ist nicht ganz so frei, wie es der Name vermuten lässt. Unsere Freunde möchten, dass wir mit ihnen ausgehen, uns bei ihnen melden und sie auf dem Laufenden halten, welches Techtelmechtel bei uns gerade aktuell ist.

Meistens ist das OK so. Im Optimalfall wählen wir unseren Job, unser Studienfach und unsere Freunde schließlich selbst aus. Trotzdem ist es wichtig, sich hin und wieder auch mal zwischen den Gitterstäben des Goldkäfigs des alltäglichen Müssens hindurchzuzwängen und einfach mal nichts zu tun, das sich direkt verwerten lässt. Das ist die angenehmste Form der Rebellion gegen den Zeitgeist der Produktivität—doch angesichts des inneren und äußeren Drangs zum Produktivsein, paradoxerweise doch nicht so einfach zu erreichen.

Prokrastinieren ist Dünger für die Kreativität

Wer heute noch nie DJ war, hat falsch gelebt. Das klingt vielleicht etwas übertrieben, trifft aber den Kern dessen, was Andreas Reckwitz, Professor für Kultursoziologie, in seinem Buch Die Erfindung der Kreativität als Imperativ unserer Zeit verortet. In seinem Buch (und im angenehme 46 Minuten statt 408 Seiten langen Vimeo-Video) beschreibt er unter anderem, wie wir "Be creative!" zum fordernden Slogan unserer Gegenwart erhoben haben.

Wir erheben die Kreativität zu unserem persönlichen Ideal. Um diesem Ideal zu entsprechen, durchlaufen die meisten von uns, so paradox das auch klingen mag, denselben Prozess. Viele der wissenschaftlichen Modelle, die diesen Prozess in einen Rahmen pressen wollen, greifen auf das Vier-Phasen-Modell von Graham Wallas zurück.

Kein wissenschaftliches Kreativitätsmodell | Comic von toothpastefordinner.com

Ich langweile dich nun nicht damit, was die vier Phasen ausmacht und welche Wirkungen sie auf uns haben. Nur das, was in obigem Comic mit "Fuck off" beschrieben ist und von Graham Wallas um einiges langweiliger "Inkubation" und "Illumination" genannt werden würde, ist hier wichtig. In diesen Phasen ist es so, dass wir uns vom Ausgangsproblem entfernen, unsere Aufgabe also aufschieben. Hier prokrastinieren wir. Anstatt diesen Text für die vergangene Woche zu schreiben, habe ich ihn verschoben und verschoben, um mir mehr Gedanken darüber zu machen, wie ich ihn angehen soll.

Im allgemeinen Verständnis heißt das also: Ich bin faul. Doch auch diese Faulheit hat ihren Zweck. Ich breche aus den üblichen Denkmustern aus und sehe das Problem von anderen Seiten. Erst in diesem Moment werde ich das, was wohl im Alltag als kreativ verstanden wird: Ich sammle Ideen, die mich weiterbringen.

Es ist schwierig, dieses Nichtstun zu ertragen. Doch wenn wir das schaffen, wenn wir erfolgreich prokrastinieren, entsprechen wir letzten Endes unserem eigenen Ideal der Kreativität.

Finde dich selbst im Nichts

Vergangenen Januar habe ich einige Wochen mit meinen Eltern auf einer fast menschenleeren Insel im Mittelmeer verbracht, das erste Mal seit einiger Zeit, dass ich über einen längeren Zeitraum mit ihnen zusammengelebt habe. Dabei ist mir ein wesentlicher Unterschied zwischen ihnen und mir aufgefallen. Sie konnten quasi tagelang im Liegestuhl vor dem Kaminfeuer liegen und ihren Blick entweder in ein Buch oder das Flackern des Feuers vertiefen. Ich hingegen musste ständig etwas tun—weil das auf einer einsamen Insel im Mittelmeer nicht so einfach ist, verbrachte ich meine Zeit damit, immerhin die Insel, das Internet oder das Thema meiner Masterarbeit genauer zu erkunden.

So geht es vielen Menschen in meinem Alter. Wir verspüren ständig den Drang, Dinge zu machen. Wir verplanen unsere Abende mit Pub-Quizes, unsere Wochenenden mit Ausflügen in die Berge und unsere Ferien mit einer Tour durch Südostasien. Tun wir nichts, fühlen wir uns unwohl—oder eben unproduktiv. Wir haben Angst, etwas zu verpassen.

Auf diesem Laufband des Machens vergessen wir manchmal, stehen zu bleiben, um unsere derzeitige Situation von außen zu betrachten. Das Band ohne uns weiterlaufen zu lassen und zu schauen, für was wir in dieser Gesellschaft und auf dieser Welt stehen. Sich diese Freiheit zu nehmen, ist nicht nur Wählern von Rechtspopulisten zu empfehlen. Wir alle sollten öfters mal unseren inneren Geisteswissenschaftler rauslassen, um den Macher in uns aus der Distanz zu analysieren und ihm den Weg zu weisen.