Dir einen Eiskübel über den Kopf zu kippen macht dich nicht zu einem besseren Menschen

Die #IceBucketChallenge ist der neueste Trend im faulen, narzisstischen Hashtag-Aktivismus. Wenn du die Welt ändern willst, machst du das nicht mit Tweets, einem Armband oder ein paar Eiswürfeln.

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14 August 2014, 3:11pm

Falls du die letzten Tage nicht gerade „Interneturlaub“ gemacht hast, wird die virale Flut von Ice Bucket Challenge-Videos wahrscheinlich nicht völlig unbemerkt an dir vorbeigegangen sein. Es flippen ja gerade alle wegen Zuckerberg aus. Dabei geht es darum, sich einen Eimer Eiswasser über dem Kopf auszuleeren und dann andere zu „nominieren“, das Gleiche zu tun. Es also quasi das selbe Prinzip wie bei der Biernominierung, aber anstatt vermeintliche Trinkfestigkeit oder Männlichkeit zu demonstrieren, geht es bei der Ice Bucket Challenge darum, gesellschaftliches Bewusstsein ALS zu schaffen. Wenn du deiner Nominierung nicht nachgehst, musst du Geld an die ALS-Stiftung deiner Wahl spenden. Es ist eins dieser würdest-du-eher-als-Spiele, bei dem das ganze Internet mitmacht, und erschreckenderweise kippen sich die meisten Amerikaner lieber einen Eimer Eis über den Kopf, als einer Wohltätigkeitsorganisation etwas zu spenden.

Es gibt wirklich viel, was man an der Ice Bucket Challenge kritisieren kann, das Nervigste an der ganzen Sache ist aber die Tatsache, dass man es hier mit einer Form von Narzissmus zu tun hat, die sich als Altruismus ausgibt. Wenn der Sommer dann wieder kühler wird und sich Eiswasser nicht mehr ganz so erfrischend anfühlt, werden die Menschen ALS wieder komplett vergessen haben. Es ist unglaublich en vogue, so zu tun, als wäre uns etwas wirklich wichtig, aber auch diese Mode wird schon bald wieder verschwunden sein.

Das ist letztendlich auch die Krux des ganzen „Hashtag-Aktivismus“, der begeistert von vielen Millennials praktiziert wird: Anstatt tatsächlich etwas zu tun, kannst du einfach nur so tun als ob, indem du die Timeline deiner Facebook-Freunde mit irgendeinem Stuss vollspammst. So wie die Ice Bucket Challenge verkommen auch andere, eigentlich gut gemeinte Anlässe zu einer kollektiven Social-Media-Nabelschau. Aus diesem Anlass haben wir unsere liebsten viralgewordenen sozialen Bewegungen Revue passieren lassen und herausgefunden, was aus ihnen geworden ist, nachdem sie aus unseren Twitter-Feeds verschwunden waren. Man möchte es kaum glauben, aber soziale Probleme bleiben weiter bestehen, auch wenn man aufhört, sie mit Hashtags zu versehen. 

Livestrong-Armbänder

Schon lange vor Hashtags gab es Mittel und Wege, seine vermeintliche Betroffenheit zu irgendeiner Angelegenheit, mit der man natürlich überhaupt nichts am Hut hatte, wie eine Trophäe zur Schau zu stellen. Vor allem in den USA erinnert man sich noch an die Livestrong-Armbänder. Diese gelben Gummibändchen waren das geistige Kind von Lance Armstrong, der die Teile über seine Livestrong Foundation verkaufte, um Geld zu sammeln und das gesellschaftliche Bewusstsein für Krebserkrankungen zu stärken. Jeder, von Lindsay Lohan bis zu John Kerry, schmückte sein Handgelenk damit und demonstrierte auf diese Weise Empathie für die Problem anderer Menschen und ein Bewusstsein für Trends.

Wenigstens kam jeder Dollar, den du für dieses bescheuerte-aber-modische Armband ausgegeben hattest, über die Livestrong Foundation der Krebsforschung zugute. Na gut, das dachtest du jedenfalls. Tatsächlich begann die Livestrong Foundation 2005 damit, die Krebsforschung auslaufen zu lassen und nahm schon wenige Jahre später überhaupt keine Forschungsanträge mehr an. Es wurden über 80 Millionen dieser Bändchen verkauft, was natürlich die Frage aufwirft, wo die ganze Kohle gelandet ist.

#Haiti

Die Welt war mehr als ein bisschen bestürzt, als ein Erdbeben mit 7.0 auf der Richterskala Haiti erschütterte, über 200.000 Menschen das Leben kostete und fast die komplette Infrastruktur des Landes zerstörte. #Haiti machte es in der gleichen Woche auf den zweiten Platz der Trending Topics auf Twitter und war in der darauffolgenden Woche Inhalt von mindestens 15 Prozent der getweeteten Links. Besonders erwähnenswert ist hierbei, dass die meisten dieser Links die Menschen auf Spendenseiten führte. Auch das Rote Kreuz mobilisierte über Twitter und ermutigte die Menschen dazu, Geld zu spenden und #HaitiRelief publik zu machen.

Die sozialen Netzwerke haben Haiti anscheinend wirklich einen guten Dienst geleistet, indem sie dabei halfen, 8 Millionen Dollar für Hilfsfonds zu sammeln. Es ist aber wie bei allen anderen Dingen im Internet, zuerst verlieren sie ihren Glanz und ihre Dringlichkeit und schon bald sind sie wieder vergessen. Inzwischen sind über vier Jahre seit dem schweren Erdbeben vergangen und obwohl die Spendenwelle schon enorm dabei geholfen hat, Port-au-Prince etwas vom Schutt zu befreien, leben über 150.000 Haitianer weiterhin in Sperrholzhütten in Hilfslagern. Anfang diesen Jahres berichtete NPR, dass viele dieser Menschen ohne Wasser, Elektrizität oder Licht leben. Warum postet darüber darüber eigentlich niemand bei Twitter? Ganz einfach, weil #Haiti so 2010 ist.

#Kony2012

Um es hier mal klarzustellen, Joseph Kony hat in Uganda schon Kinder entführt, lange bevor sein Name 2012 im Internet die Runde machte. 2001 wurde er schon als Anführer einer Terrorvereinigung ausgemacht und 2005 klagte ihn der Internationale Strafgerichtshof wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit an. Es erscheint also als etwas willkürlich, dass das Internet gerade 2012 kollektiv beschloss, dass Kony ein böser Mensch ist. Das haben wir Jason Russell zu verdanken, dem Mitbegründer von Invisible Children. Russel war derjenige, der die Minidokumentation Kony 2012 gedreht hatte, in der die Gräueltaten der Lord’s Resistance Army in Uganda aufgezeigt wurden. Ungeachtet der Tatsache, dass Kony schon lange vor 2012 aus Uganda vertrieben worden war, verbreitete sich der Film wie ein Lauffeuer. Er wurde über 11 Millionen Mal geteilt und fast 100 Millionen Mal angeschaut. Jeder, von Bill Gates bis zu Kim Kardashian, unterstützte die Kampagne.

Der Sinn und Zweck hinter der dem Film lautete schlicht und einfach „Stop Kony“. Niemand wusste allerdings genau, was diese vage Zielvorgabe bedeuten sollte, also kauften die Menschen—anstatt wirklich etwas zu tun—„Action Kits“ für 30 Dollar mit Kony 2012 Postern und Armbändern. Der Reingewinn mit den Kits ging locker in die Millionen, aber Invisible Children klärte uns nie auf, wo das Geld eigentlich hin ging. Trotz aller Bemühungen der Afrikanischen Union, die Gruppierung zu zerschlagen, treibt die Lord’s Resistance Army auch heute noch ihr Unwesen und auch Joseph Kony ist weiterhin ein freier Mann. Die Bemühungen, ihn festzunehmen, bestehen allerdings schon viel länger als Kony 2012. Der Film hat Kony nicht wirklich aufgehalten, ihm dafür aber zu einiger Prominenz verholfen.

Das rote Gleichzeichen

Im Zuge der letztjährigen Debatte am Obersten Gerichtshof der vereinigten Staaten um den sogenannten Defense of Marriage Act, erfand die Human Rights Campagin einen Weg, damit du allen zeigen konntest, dass du die gleichgeschlechtliche Ehe unterstützt: Das rote Gleichzeichen

Hast du eine Ahnung, wie viele Menschen ihre Profilbilder bei Facebook änderten? Fast drei Millionen Nutzer. Unter diesen Usern befanden sich auch Personen des öffentlichen Lebens wie Lance Bass, Beyoncé und mindestens 13 Kongressmitglieder (wer hätte gedacht, dass Politiker Facebook benutzen?). Weißt du, wie viele dieser Menschen irgendeinen Einfluss auf die Gesetzgebung zur Eheschließung hatten? Die 13 Politiker, schätze ich jedenfalls, alle anderen aber nicht. Ja, der DOMA wurde geändert. Nein, es lag nicht an deinem Facebook-Profilbild.

Foto via FLOTUSTwitter

#BringBackOurGirls

Im April machte eine Meldung über 276 nigerianische Mädchen die Runde, die von der militanten Gruppierung Boko Haram aus ihrer Schule in Chibok entführt worden waren. Diese Gruppierung blickt schon auf ein lange, gewalttätige Geschichte zurück: Zwischen 2009 und 2012 ermordeten sie über 900 Nigerianer und zeichnen sich seit 2011 für diverse Bombenattentate und Entführungen verantwortlich. Man kann also sagen, dass Boko Haram Nigeria schon seit einiger Zeit terrorisiert. Im Mai 2013 rief der nigerianische Präsident Goodluck Jonathan als Reaktion auf Boko Harams Aktivitäten in diversen Regionen den Notstand aus.

Es dauerte aber noch bis zu dem Entführungsfall im April, dass die Gruppierung sich in unser aller Bewusstsein einprägte, und das lag auch an der geschickten Marketingstrategie des #BringBackOurGirls-Hashtags. (Welche Mädchen? Unsere Mädchen!). Sogar Michelle Obama postete ein Selfie mit betrübter Mine und entsprechendem Hashtag. Die Aktion verebbte allerdings wenige Monate später auch wieder. Das lag zum einen daran, dass es langsam immer weniger neue Nachrichten zu dem Fall gab, und zum anderen, dass wir uns anfingen, mit spannenderen Sachen zu beschäftigen—wie dem Staffelfinale von Game of Thrones. Augenscheinlich hat selbst Nigeria das Interesse an der Geschichte verloren: Die dortige Regierung stellte offiziell ihre Ermittlungen zu Boko Haram ein. Mindestens 200 Schülerinnen werden weiterhin vermisst.

#IceBucketChallenge

So, da sind wir nun wieder zurück bei der unglaublich ansteckenden Ice Bucket Challenge. Wie zu Beginn schon erwähnt, ahmen diese Videos das Format der Biernominierung nach, behaupten aber, dass sie für einen guten Zweck sind. Die Sache ist aber, dass der Zweck in diesem Fall nur sehr lose damit verbunden ist, wenn überhaupt. In den meisten dieser Videos wird ALS mit keinem Wort erwähnt, geschweige denn irgendetwas gemacht, das die ALS-Forschung unterstützen würde. Nimm zum Beispiel Martha Stewarts Video von vorhin, in dem sie die Ice Bucket Challenge als „virale Internetsensation“ beschreibt, „bei der eine Person darum gebeten wird, einen Eimer mit Eiswasser über ihrem Kopf auszuleeren und diese Aufgabe an jemand anderes weiterzugeben.“ Das ist letztendlich auch das, was mittlerweile daraus geworden ist: eine Gelegenheit deine Bikinifigur zu präsentieren, während du etwas total Verrücktes machst. Moment, was ist ALS eigentlich?

Für den Fall, dass du dir nicht die Zeit genommen hast, ALS zu googeln, während du darauf gewartet hast, dass das ganze Eis endlich gefroren war: Amyotrophe Lateralsklerose ist eine degenerative Erkrankung des motorischen Nervensystems, an der auch der Maler Jürg Immendorf 2007 gestorben ist. Bei ALS kommt es zu einer fortschreitenden und irreversiblen Schädigung der Nervenzellen, die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind. Da ALS bislang unheilbar ist, führt die Erkrankung mit der Zeit zu einer vollständigen Muskellähmung, zum Atemstillstand und damit zum Tod. Lediglich 20 Prozent der Menschen mit ALS leben fünf Jahre oder länger. Wenn du also wirklich den Bruchteil eines Wandels bewirken möchtest, dann ziehst du besser in Erwägung, einer ALS-Organisation zu spenden oder dich als freiwilliger Helfer bei einer ALS-Organisation zu melden.

Meinetwegen kannst du dir auch gerne einen Eimer Eiswasser über den Kopf kippen, wenn dir das Spaß macht, aber versuche bitte nicht, mir das als Charity-Aktion zu verkaufen.