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(Halb-)Legale Räusche: Ägyptischer Lotus

Der Ägyptische Lotus ist völlig legal erhältlich, entfaltet beim Rauchen jedoch einen seltsamen Rauschzustand zwischen Euphorie, kosmischer Geilheit und der Angst zu sterben.

von Adrian Aranyos
10 Oktober 2014, 8:00am

Foto: MattysFlicks | Flickr | CC BY 2.0

Die schlimmste Droge unserer Zeit ist ja für viele anhaltende Nüchternheit. Weil aber soziale Ächtung, Beschaffungskriminalität und komplette Abhängigkeit fast genauso schlimm sind, haben wir in unseren rauschverliebten Jugendtagen alle das eine oder andere Mal zu (halb-)legalen Alternativen gegriffen. Deshalb packen wir ab heute die schwammigsten und schönsten Erinnerungen an unsere „Barely Legal Highs“ aus—also zu Räuschen, die zumindest zu der jeweiligen Zeit oder in der jeweiligen Gegend legal waren. Letztes Mal war Wahrsagesalbei dran. Jetzt Ägyptischer Mohn.

Blauer oder Ägyptischer Lotus (Nymphaea caerulea) ist eine Seerosenart, deren psychoaktive Wirkung man bereits im alten Ägypten erkannt hat und die man auch damals in Gräbern neben Alraune und Schlafmohn fand. Ein paar pflanzenkundigen Rauschbegeisterten ist es zu verdanken, dass die seltene Pflanze heute noch existiert. In Tee gekocht entfaltet sie eine beruhigende Wirkung. Weil Blumentee nicht so cool klingt, kann man die getrockneten Blüten aber auch rauchen, was zu einer euhporisierenden und luststeigernden Wirkung führen soll—besonders in Verbindung mit Alkohol, was ich am eigenen Leib erfahren durfte. Dabei ist der Blaue Lotus übrigens trotz fehlender Langzeitstudien vollkommen legal, genauso wie Klebstoff oder Edding eben. Man kann ja schließlich nicht alles verbieten, nur weil man es rauchen kann, du verdammter Junkie.

Meine mystische Reise beginnt, als mich beim Feiern die frisch kennengelernte Pandora (Name von der Redaktion geändert) gefragt hat, ob ich Papers habe. Neugierig, was sie wohl mit den Papers vorhat und trotz der Warnung meiner Freundin, dass Pandora verrückt ist, folgte ich ihr in den Kaninchenbau und wir saßen 20 Minuten später mit ihr und einer Freundin in ihrem Zimmer einer WG, die wohl 10 oder mehr Leute beherbergte und mich mit ihren vielen Türen und engen Gängen sofort an ein Irrenhaus erinnert hat. Die verrückte Pandora drehte also einen Joint, der so lang war wie mein Unterarm, und verteilte etwas darüber, das wie eine zerbröselte Libelle aussah. „Ägyptischer Lotus, das ist Friede!“, meinte sie. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine Ahnung, was mir blühte—no pun intended.

Nach ein paar kräftigen Zügen fragte ich mich, ob sie dieses Zeug wirklich im Shop um die Ecke oder aus den Gräbern von Ramses dem Zweiten gestohlen hat. Ich war ziemlich schnell ziemlich dicht (OK, ich habe davor auch gut getrunken), aber auch irgendwie ziemlich euphorisiert und ein klein wenig horny. Die verrückte Pandora hielt es nun für eine gute Idee, mit mir und ihrer Freundin in ihrem kleinen Auto in Maximalgeschwindigkeit um den Block zu fahren, während sie mit beiden Händen in der Luft (!) zu russischer Disko-Ravemusik abging und unser aller Leben gefährdete. Ich habe noch nie SO eine reale Angst vor dem Sterben gehabt und mir geschworen, ein besserer Mensch zu werden, sollte ich nicht gleich mitsamt der metallenen Todeskiste an der nächsten Häuserfront zerschellen.

Wieder in der Wohnung angekommen, rauchten wir munter weiter, doch bei dem dritten (oder war es der vierte?) Libellenjoint musste ich ablehnen: Ich war zwar euphorisiert und irgendwie auf eine seltsame „Wir kommen alle aus dem selben Sternenstaub“-Art geil, gleichzeitig konnte ich aber weder klar denken, noch richtig gehen und so musste ich die letzten Züge der Todestüte ablehnen. Pandora war von meiner Schwäche nicht begeistert und ging schlafen. Ob irgendwas gelaufen wäre, hätte ich munter weitergeraucht, wage ich an dieser Stelle zu bezweifeln.

Ich legte mich aufs Sofa und versuchte, auch ein wenig auf unseren Planeten zurückzukehren. Meine Paranoia war zu diesem Zeitpunkt jedoch schon so stark ausgeprägt, dass ich ein Auge offen ließ und bereit war, sofort aus dem Fenster, das sich hinter dem Sofa befunden hat, zu springen, wenn der Kettensägenmörder (der in dieser WG bestimmt eines der Zimmer bezieht) unerwartet reinkommen sollte, um meine Organe zu ernten. Der Kettensägenmörder kam nicht (vielleicht war er gerade auf einer Publizistikvorlesung), und ich entschloss mich, mein Glück nicht länger zu strapazieren und so schlich ich mich langsam und geduldig aus der Wohnung, die zu diesem Zeitpunkt aussah wie ein Werk von M. C. Escher.

Noch nie hatte ich so eine Angst zu sterben. Und nie wieder war ich so bereit, aus dem Fenster zu springen. Diese seltsame Mischung aus Euphorie, kosmischer Geilheit und der Angst vorm Sterben hat mich dazu gebracht, einen großen Bogen um die nächsten Tante, die mir mit ägyptischen Pflanzen ankommt, zu machen.

Begleitet Adrian auf seinen mystischen Reisen: @doktorSanchez

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