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Obama hat nicht vor, den Islamischen Staat zu vernichten

Die neue Strategie ist ein leeres Versprechen. Der amerikanische Präsident kann und will nicht genug tun, um den IS wirklich zu zerstören.

von Matern Boeselager
12 September 2014, 9:09am

Der widerwillige Kriegsherr Obama auf der Bagram Air Base, Afghanistan. Foto: Pete Souza | Gemeinfrei

Damit es keine Missverständnisse gibt: Der US-Präsident wünscht sich wahrscheinlich nichts mehr, als dass der Islamische Staat für immer verschwindet. Aber seine neue Strategie kann dieses Ziel nicht erreichen—und das weiß Obama auch. Obwohl er in seiner Rede am Mittwoch zweimal klar betonte, dass das Ziel seiner neuen Kampagne sei, den Islamischen Staat „zu schwächen und letztendlich zu zerstören“, handelt es sich dabei vor allem um eins: ein leeres Versprechen an die verängstigte Welt.

Mit der neuen Strategie gehen die USA zwar eindeutig in die Offensive: Die Luftschläge, die vorher offiziell nur geflogen wurden, um amerikanisches Personal im Irak zu schützen, werden jetzt zu einer offensive Kampagne ausgeweitet werden, die zum ersten Mal auch Syrien einschließt. Und nicht nur damit wollen die USA sich jetzt direkter in den syrischen Bürgerkrieg einmischen, aus dem Obama sich bisher mit aller Macht ferngehalten hat: Auch die Waffenlieferungen an die Rebellen werden zunehmen.

Trotzdem fehlt eine entscheidende Komponente in Obamas Strategie: der massive Einsatz von Bodentruppen. Der Präsident weiß sehr gut, dass man den IS nicht mit Luftschlägen allein erledigen kann. Aber da Obama der Welt um keinen Preis eine erneute amerikanische Invasion im Irak verantworten will, ist das tatsächliche Ziel dieser Kampagne deutlich bescheidener: den Vormarsch des IS aufzuhalten, und ihn womöglich aus den im Irak eroberten Gebieten zu verdrängen.

IRAK: „SCHWERER ALS ALLES, WAS WIR BIS JETZT VERSUCHT HABEN“

Bomben reichen nicht. Ein Luftangriff der pakistanischen Luftwaffe beim Falcon Air Meet in Jordanien. Foto: US Air Force | Gemeinfrei

Selbst dieser Teilerfolg ist alles andere als sicher. Da die Amerikaner selber keine Bodentruppen in den Krieg schicken wollen, fußt der Kern von Obamas Strategie auf der Unterstützung von Amerikas Verbündeten in der Region—und die sind notorisch unzuverlässig, untereinander zerstritten, und haben eine Heidenangst vor dem IS.

Die Kurden im Irak haben zwar bewiesen, dass sie in der Lage sind, mit massiver amerikanischer Luftunterstützung militärische Erfolge gegen die IS-Kämpfer zu erzielen und ihre Gebiete zu verteidigen. Aber die Kurden sind weder fähig, von Sunniten bevölkerte Landstriche einzunehmen und auf lange Zeit zu sichern, noch haben sie irgendein Interesse daran. Stattdessen werden sie sich bemühen, ihre territorialen Gewinne zu konsolidieren und die Gründung ihres eigenen Staats mit Hochdruck vorantreiben—jetzt unter anderem auch mit deutschen Waffen.

Eine weitere zentrale Rolle in Obamas Strategie spielt die von Schiiten dominierte irakische Zentralregierung. Nachdem es vor Kurzem endlich gelungen ist, den bei Sunniten besonders verhassten Nouri al-Maliki vom Premierministerstuhl zu drängen, setzen die USA ihre Hoffnung in die neue Regierung Haidar al-Abadis.

Aber al-Abadi steht vor einer fast unlösbaren Aufgabe: Er muss nicht nur die Sunniten Iraks irgendwie überzeugen, dass es ihnen unter der Herrschaft der schiitischen Zentralregierung besser ergehen wird als unter IS—und und zwar während seine Armee sunnitische Ortschaften bombardiert. Er muss auch den Schiiten erklären, dass die Sunniten Dialog verdienen, und dass die gegenwärtige Krise nicht die Schuld der untreuen Kurden ist—eine unter irakischen Schiiten weit verbreitete Auffassung.

Zu guter Letzt muss er die völlig demoralisierte und vor Korruption ausgehöhlte Armee irgendwie zu einer effektiven Streitmacht formen. Wenn er das nicht schafft, werden fanatische schiitische Milizen mit iranischer Unterstützung den Kampf übernehmen. Diese Milizen arbeiten jetzt schon fleißig daran, sich einen Ruf als mindestens so gnadenlos wie ihr Feind IS aufzubauen—was die Chancen für eine Versöhnung mit den Sunniten gegen Null tendieren lässt.

Und schließlich würde selbst ein militärischer Sieg über IS nicht bedeuten, dass die Gruppe restlos vernichtet ist—im Gegenteil. Die ISIS hat schon seit Jahren im Untergrund im sunnitischen Westirak existiert. Durch die offene Besetzung des Territoriums haben sie sich zwar konventionell angreifbarer gemacht. Sollten sie aber durch eine erfolgreiche Kampagne wieder in den Untergrund getrieben werden, könnten sie von dort noch jahrelang Unheil anrichten.

Das heißt, dass allein einem Erfolg im Irak enorme Hindernisse im Weg stehen. „Das wird schwerer als alles, was wir bis jetzt im Irak oder in Afghanistan versucht haben“, erklärte ein US-General der Washington Post. Wie gesagt, er sprach dabei nur von der Kampagne im Irak. In Syrien wird die ganze Sache noch schwieriger.

Syrien: Das unlösbare Problem

Ausländische IS-Kämpfer in Syrien. Still aus diesem Video.

Der Bürgerkrieg in Syrien hat die ISIS zu der militärischen Organisation gemacht, die schließlich auch Teile des Iraks erobern konnte, und die syrische Stadt Rakka war bis zur Eroberung ihre Hauptstadt. In der Dokumentation von VICE News kann man deutlich sehen, dass der IS seine staatlichen Ambitionen ernst meint—vor allem, was politische Indoktrination der Bevölkerung angeht. Um diesen Terrorstaat wieder aufzulösen, werden die Amerikaner auch hier effektive Unterstützung von Verbündeten am Boden brauchen—und da sieht es in Syrien noch schlechter aus als im Irak.

Theoretisch hat Obama die Wahl zwischen drei möglichen Verbündeten, die in Syrien gegen den IS kämpfen: schwache, schlecht organisierte Rebellen, einen gnadenlosen Diktator und al-Qaida.

FSA-Kämper. Still aus diesem Video

Die Rebellen teilen sich grob vereinfacht in zwei Teile: die Säkularen und die gemäßigten Islamisten (die aber eigentlich nur gemäßigt genannt werden, weil sie nicht zu IS oder al-Qaida gehören). Obwohl der von den Amerikanern unterstützte Zusammenschluss Freie Syrische Armee (FSA) nominell immer noch für ein säkulares, demokratisches Syrien kämpft, sind sie geschwächt, schlecht bewaffnet und haben Rekrutierungsprobleme. Obama will diese Einheiten jetzt trainieren und mit neuen Waffen ausrüsten—was aber wiederum die Gefahr birgt, dass diese Waffen bei schlimmeren Gruppen landen, wenn ihre Träger die Seite wechseln oder gefangen genommen werden.

Außerdem ist das salafistische Bündnis „Islamische Front“ mit ca. 45.000 Mann unter Waffen schon lange die wichtigere Kraft. Die beiden arbeiten im Kampf gegen Baschars Armee und IS zwar oft zusammen, trotzdem kämpfen die Milizen der Islamischen Front für die Errichtung eines islamischen Gottesstaats. Allerdings erhielt die Führung der Islamischen Front letzten Dienstag einen empfindlichen Schlag, als ihr politischer Sprecher zusammen mit 40 weiteren Führern bei einem Anschlag auf ein Treffen getötet wurde. Ihre Nachfolger gelten als noch radikaler. Außerdem könnte diese Schwächung dazu führen, dass mehr von ihren Kämpfern zum IS oder zur al-Qaida überlaufen.

Der schlagkräftigste potenzielle Verbündete wären wahrscheinlich Baschar al-Assad und seine Regierungstruppen. Da Baschar aber die schlechte Angewohnheit hat, die eigene Zivilbevölkerung zu vergasen, und Obama sich immer noch sehnlichst wünscht, dass er von der Bildfläche verschwindet (auch wenn er wahrscheinlich die Hoffnung aufgegeben hat, dass das jemals passiert), wird aus dieser Zusammenarbeit wohl nichts.

Zuletzt gibt es dann noch die al-Qaida. Die wird in Syrien durch die An-Nusra-Front vertreten, die sich seit ihrem Zerwürfnis in scharfer Konkurrenz zum IS befindet—aber vor allem deswegen, weil sie beide um Rekruten wetteifern, um derselben Ideologie zum Sieg zu verhelfen. Die Nusra-Front untersteht zumindest nominell Aiman az-Zawahiri, der Nummer Eins der al-Qaida, und hat vor Kurzem mit dem Gedanken gespielt, ein eigenes „Emirat“ in Syrien auszurufen (sozusagen als Pendant zum „Kaliphat“ des IS), hat sich bis jetzt aber zurückgehalten. Dass sich die Amerikaner mit ihnen zusammentun, gilt also eher als unwahrscheinlich.

BESSER ALS NICHTS ODER BESSER NICHTS?

Es wird also auch Obama vollkommen klar sein, dass seine Strategie keine Chance hat, den IS zu vernichten. Möglicherweise besteht eine gewisse Chance, den Irak zu stabilisieren—aber auch das ist alles andere als sicher. Ohne eine gut koordinierte Bodenoffensive—und einer Besatzungstruppe, die zumindest eine gewisse Chance hat, von der Zivilbevölkerung akzeptiert zu werden—kann eine Bombenkampagne auf lange Sicht nicht viel ausrichten. Warum verspricht Obama also, den IS „letzendlich zu vernichten“?

Ganz einfach: weil es besser klingt als „wir werden genug tun, um diese Schlächtertruppe so zurechtzustutzen, dass sie ein bisschen aus den Medien verschwinden. Und zwar solange, bis mein Nachfolger sich darum kümmern muss.“ Neun von zehn Amerikanern fühlen sich von IS bedroht, 71 Prozent verlangen Luftschläge im Irak—aber noch einmal dort oder in Syrien einmarschieren will fast niemand. Die Amerikaner—und die Welt—bekommen von Obama also genau die Kompromisslösung, die sie im Grunde verlangt haben. Sicher ist aber, dass diese Herangehensweise fast schon garantiert, dass das Problem auf Jahre ungelöst bestehen wird—aber das ist dann schon nicht mehr Obamas Problem.