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Sex

Sex oder Porno? Es kann nur eins geben

Immer mehr Studien scheinen zu belegen, dass wir uns mit Pornos aus dem Internet lebenslange Probleme mit echter Sexualität heranwichsen.
10.9.14

Foto: Megan Koester

Vor nicht allzu langer Zeit konnten alle jungen, hingebungsvollen Onanisten noch absolut sorgenfrei bis zur völligen Erschöpfung masturbieren. Jetzt allerdings entwickelt sich langsam ein Bewusstsein für ein Problem, das für alle, deren Blut nicht gerade von ihrem Hirn weggepumpt wurde, hätte offensichtlich sein müssen. Nämlich dass es irgendwann schwierig werden könnte, von einem echten, nackten, atmenden Menschen erregt zu werden, der normalen Sex mit dir haben möchte, wenn du dir tonnenweise Videos voll von grenzenloser Verderbtheit reinziehst. Wenn es dir normal vorkommt, dass jemand seinen großen Zeh in jemandes Arschloch steckt, kann es passieren, dass dir rummachen irgendwann langweilig erscheint.

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Einer der Menschen, die dieses Thema ins Gespräch gebracht haben, ist Gary Wilson. Seine Internetseite yourbrainonporn.com ist eine der ersten, die sich damit beschäftigt, was Pornofilme mit den Konsumenten machen. Jetzt hat er seine Erkenntnisse in einem Buch zusammengefasst: Your Brain on Porn: Internet Pornography and the Emerging Science of Addiction.

Ich habe mit Gary über sein neues Buch und das Problem der Abhängigkeit von Pornofilmen, das Millionen von jungen Onanisten weltweit betrifft, gesprochen.

VICE: Die Hauptaussage Ihres Buches ist, dass man entweder Pornos kucken oder Sex haben kann. Beides geht nicht. Liege ich damit richtig?
Gary Wilson: Natürlich geht beides. Aber für manche Männer ist es schwierig, das eine mit dem anderen zu vereinbaren. Wegen Internetpornos leiden manche Männer nicht nur unter Erektionsstörungen, sondern zeigen auch andere Symptome wie z.B. die Unfähigkeit, zum Höhepunkt zu kommen, verzögerten Samenerguss, abnehmende Libido mit echten Partnern, abnehmendes Interesse an echten Partnern. Häufig haben sich auch ihre sexuellen Vorlieben, zumindest was Pornos angeht, in eine Richtung entwickelt, die sie selbst merkwürdig und bedenklich finden.

Kann man sich ein paar Pornos ankucken und trotzdem ein gesundes Liebesleben haben? Gibt es einen Punkt, bis zu dem es unbedenklich ist?
Pornografie beeinflusst dich immer irgendwie. Wie sehr, ist schwer zu sagen. Wir hatten Fälle von Männern, die absolut abhängig waren und deren Abhängigkeit ihr Liebesleben grundlegend beeinträchtigt hat. Sie brauchten über ein Jahr ohne Pornos, um eine echte Erektion mit einem echten Partner zu bekommen. Das ist extrem. Andererseits sehen wir auch Männer mit festen Freundinnen, die sich mehrmals die Woche Pornofilme ansehen. Der Knackpunkt ist aber: Sie werden nie wissen, wie groß der Einfluss ist, wenn sie die Variablen nicht verändern. Also lassen sich diese Typen z.B. auf eine Wette ein und sagen ,Ok, ich höre auf, Pornos zu schauen.’ Und plötzlich stellen sie fest, dass sich ihre Lebensqualität verbessert. Echter Sex ist plötzlich viel erregender. Ihre Frau oder Freundin wirkt plötzlich viel attraktiver. Sie hätten nicht gedacht, dass die Pornos ihr Leben irgendwie beeinträchtigen, aber wenn sie einmal damit aufhören, stellen sie fest, dass es so war. Die Auswirkungen von Pornografie sind weitreichend.

Pornografie gibt es in verschiedenen Formen schon seit Generationen. Was hat den Anstieg von Fällen von erektiler Dysfunktion (ED) verursacht? Sind es allein die immer höheren Bandbreiten?
Es gab in den vergangenen Jahren auf jeden Fall einen sprunghaften Anstieg und er wurde mit Sicherheit auch durch das Bereitstellungssystem des Internets verursacht. Zweitens aber haben Heranwachsende heutzutage unbeschränkten Zugang zu Hardcorevideos über Streaming. Die grundlegende Frage ist aber, weshalb wirkt das Internet so anziehend? Denken Sie nur an Facebook. Es gibt Studien, die zeigen, dass Facebook zu Abhängigkeit führt. Es kann Veränderungen im Gehirn verursachen, die die Veränderungen im Gehirn von Drogenabhängigen widerspiegeln. Es gibt sogar ganze 70 Studien zum Thema Gehirn und Internet, die das zeigen. Das Internet kann das Erregungs- und Dopaminlevel in unserem Gehirn erhöhen. Dopamin treibt das Belohnungszentrum in unserem Gehirn an und das Internet ist in dieser Hinsicht einzigartig. Auf neue Bilder und Wörter zu klicken, Nachrichten zu schicken, Nachrichten zu empfangen wird zu einer Neuheit, die das Dopaminlevel im Belohnungssystem erhöht. Dasselbe passiert bei Überraschung, Schock und Angst. Wenn Sie das mit sexuellen Stimuli verbinden, der größtmöglichen Form von Erregung, und dann einem Teenager in Form von Internetseiten mit Hardcorepornos vorsetzen, wird der in der Lage sein, die Erregungs- und Dopaminlevel in seinem Hirn gleichbleibend hoch zu halten. Man kann das Gehirn daran gewöhnen, diese Stimuli zu brauchen, um sexuell erregt zu werden. Wenn Sie sich dauernd diese Videos mit echten Menschen, die sogenannten echten Sex haben, anschauen, ersetzt das Ihre eigene Vorstellungskraft irgendwann vollständig. Sie stellen sich selbst nichts mehr vor. Sie werden zu einem Voyeur, der der Handlung nur zuschaut, statt ein Bild zu haben und sich die Handlung selbst vorzustellen.

In Ihrem Buch zeigen Sie Unterschiede zwischen jüngeren und älteren Generationen auf, die deutlich machen, dass jüngere Menschen Pornografie weit stärker ausgesetzt sind als diejenigen, die noch mit Pornoheften aufgewachsen sind. Ist das eine allgemeine Regel oder gibt es Überschneidungen?
Wenn Sie sich die Studien anschauen, bekommen Sie ein ganz anderes Bild. Die Jugendlichen zwischen 14 und 25 Jahren kucken deutlich mehr Pornos als Erwachsene und natürlich nimmt die Häufigkeit mit zunehmendem Alter ab. Eine aktuelle Umfrage in Großbritannien hat gezeigt, dass eine große Mehrheit überzeugt ist, dass der Pornokonsum negative Auswirkungen hat. Ihre Meinung stützt sich auf ihre eigene Erfahrung als—sagen wir—heranwachsende 18-Jährige, die jetzt sehen, welche Auswirkungen auf ihr Leben Pornos haben.

Was würden Sie den Sexologen antworten, die die These ablehnen, dass Pornokonsum ED verursachen kann?
Sie liegen einfach falsch. Bekannte Urologen haben schon angefangen, Artikel zu dem Thema zu schreiben. Außerdem gibt es zwei Neurologiestudien von der Cambridge-Universität und eine vom Max-Planck-Institut. Die Cambridge-Studien haben herausgefunden, dass bei Drogenabhängigen dieselben Veränderungen im Gehirn auftreten und dass 60 Prozent der Studienteilnehmer unter ED und Verlust der Libido litten. Die deutsche Studie hat den wöchentlichen Pornokonsum in Stunden und den Pornokonsum über Jahre mit den Strukturen im Belohnungszentrum in Verbindung gebracht. Sie haben einen Zusammenhang gefunden, der darauf hindeutet, dass Menschen, die Pornos kucken, weniger graue Substanz haben. Die, die über Jahre regelmäßig Pornos konsumierten, zeigten außerdem weniger Aktivität im Belohnungszentrum. Die Wissenschaftler schlussfolgerten, dass intensiver Pornokonsum mit einem Abnehmen der grauen Substanz und der sexuellen Erregung in Verbindung steht. Und hierbei handelte es sich um Studienteilnehmer, die nicht abhängig waren. Viele Sexologen behaupten, dass Porno-„Abhängigkeit” (sie bezeichnen es nicht als Abhängigkeit) von einer ausgeprägten Libido verursacht wird, und mit der wird man geboren. Aber die Studien widerlegen das und zeigen, dass diejenigen, die exzessiv Pornos konsumieren, eine abgeschwächte Libido haben, die wiederum Probleme wie ED verursacht. Die Ergebnisse widerlegen also Behauptungen der Sexologen.

Sie schreiben darüber, dass wir mehr Aufklärung zum Thema ‚sexuelle Konditionierung und Abhängigkeit von Pornofilmen‘ brauchen. Wird Aufklärung die Menschen wirklich davon abhalten, sich Pornos anzukucken?
Natürlich nicht. Aber es passiert nun mal, dass viele der Männer, die irgendwann in den Internetforen auftauchten, sich gar nicht darüber im Klaren waren, dass Pornokonsum all die Probleme verursachen kann, die sie entwickelt hatten, wie z.B. schwere ED. Für diese junge Generation sind Pornokonsum und Masturbieren synonym. Sie lesen Artikel, in denen steht, dass Masturbieren gesund sei, also glauben sie, dass Pornokonsum gesund wäre. Sie stellen keine Verbindung her. Aufklärung wäre hier hilfreich. Hinzu kommt, dass Sexologen keine Verbindung zwischen Pornografie und dem Gehirn Heranwachsender herstellen, das sich ja zwecks Fortpflanzung neuverdrahtet. Im sehr plastischen Gehirn eines Heranwachsenden treten viel größere Dopaminschübe auf, deshalb sucht dieses Gehirn Nervenkitzel und neue Eindrücke, die diese Schübe auslösen.

Sie schlagen einen „Systemneustart” durch Pornoabstinenz vor. Wie effektiv ist das? Wie schwer ist es, Pornoabhängigkeit zu behandeln?
Mit dem sogenannten Neustart ist das Ausschalten aller sexuellen Stimuli gemeint. Es gibt dafür verschiedene Gründe, z.B. ED oder einer abgeschwächte Libido. Manche Männer machen es auch aus anderen Gründen. Ihnen fällt auf, dass Freunde in den Foren, die aufgehört haben, viel motivierter, selbstbewusster und konzentrierter sind. Ihre Wahrnehmung verändert sich nach dem „Neustart”. Männer zwischen 40 und 50 mit funktionellen Sexualstörungen, die noch mit Pornoheften aufgewachsen sind, entwickeln plötzlich ED, wenn sie ihren Pornokonsum ins Internet verlagern. Jüngere Männer brauchen häufig deutlich länger für so einen Neustart. Älteren Männer geht es nach acht bis zwölf Wochen wieder besser. Manche der Jüngeren, zwischen 20 und 24, brauchen bis zu zwei Jahre. Dabei sind sie gerade auf dem Höhepunkt ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit, sie haben den höchsten Testosteronspiegel und brauchen trotzdem länger. Das ist dadurch bedingt, dass sie als Jugendliche, als ihr Gehirn unglaublich plastisch war, viel Pornografie konsumiert haben.

Betreffen die Probleme auch Frauen?
Männer konsumieren normalerweise deutlich mehr Pornografie als Frauen. Wenn wir uns die Nutzernamen in Foren wie NoFap anschauen, fällt auf, dass Frauen häufig einfach nicht mehr von ihren Partner erregt werden. Sie brauchen Pornos, um zum Höhepunkt zu kommen, sie werden nicht feucht, sie sind abhängig. Also haben Frauen ähnliche Probleme. Der Unterschied ist nur, dass Männer eine Messlatte haben, im wahrsten Sinne des Wortes. Frauen haben kein Barometer. Deshalb bringen sie ihre Probleme häufig nicht mit Pornokonsum in Verbindung.

Wie ist es um unser Wissen zum Thema Auswirkungen von Pornokonsum auf das Gehirn bestellt?
Es gibt eine große Kluft, sogar ein gewisses Misstrauen, wenn es darum geht herauszufinden, wie die Abhängigkeit von Pornografie unser Gehirn beeinflusst. Dank der Arbeit zahlreicher Neurowissenschaftler ist Abhängigkeit die am besten untersuchte psychische Erkrankung. In den vergangenen 30 Jahren wurde sie bei Tieren hervorgerufen, um die Veränderungen im Gehirn auf molekularer und genetischer Ebene untersuchen zu können. Die Ergebnisse wurden dann mit den verschiedenen Formen von Abhängigkeit beim Menschen verglichen. Es gibt daher eine Menge fundierter Ergebnisse. Andererseits haben wir es mit Sexologen zu tun, die eben nicht die Mechanismen in unserem Gehirn untersuchen, sondern als Soziologen Fragebögen ausfüllen lassen. Sie wollen vermeiden, dass Abhängigkeit von Pornografie festgestellt wird, weil sie befürchten, dass Sex im Allgemeinen als negativ abgestempelt wird, sobald man Pornokonsum als schädlich abstempelt. Sie möchten aber nicht, dass Sexualität in irgendeiner Form mit Scham assoziiert wird. Was ja durchaus verständlich ist, nur übersehen sie dabei, dass Sex wegen des Pornokonsums eben nicht mehr im richtigen Leben, sondern nur noch auf der Leinwand stattfindet.

Was halten Sie von Internetseiten, die nur „gute Pornografie” enthalten und „schlechte” herausfiltern?
Das ist ein wirklich bedenklicher Trend. Es wird versucht, den Leuten den Unterschied zwischen „guter” und „schlechter” Pornografie beizubringen. Als ob es so etwas gäbe. Diese Idee wird von Internetseiten wie z.B. makelovenotporn.com eingebracht, was ja in Ordnung ist. Nur dass man dafür bezahlen muss und kein junger Mensch je für Pornografie bezahlen wird. Außerdem wird davon ausgegangen, dass ein 15-Jähriger sagt: „Oh, mir wurde gesagt, auf dieser Seite gibt’s gute Pornografie, also bleibe ich auf dieser Seite.“ Und das ist einfach lächerlich. Das ist ja, als wenn Sie einen 15-Jährigen in den Supermarkt schicken und ihm sagen. „Kauf, was immer du willst, solange es gesund ist.“ Der geht ja nicht los und kauft Brokkoli. Stattdessen wird er das widerlichste und befremdlichste Zeug anklicken, weil Teenager das eben so machen. Deshalb wird das Ganze einfach nicht funktionieren. Darüber hinaus stellt sich die Frage, was denn „schlechte” Pornografie sei? BDSM, Unterwerfung, Analsex? Diese Frage lässt sich nicht beantworten. Sie berührt auch nicht das grundlegende Problem, nämlich dass junge Männer und Frauen ihre sexuelle Erregung an Highspeed-Internet, Klicks und ständige Neuheiten koppeln. Es ist tatsächlich die Aufbereitung und Bereitstellung, die heutzutage den Unterschied macht.