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Ich bin Clubfotograf und liebe es

Ich störe Andere beim Feiern und bekomme nicht mal Freisuff. Glaub mir, das ist es wert.
04 Juli 2016, 7:00am

Erwartung | Foto: Tokyo Times | Flickr | CC BY-SA 2.0

Alle hassen den Clubfotografen. Er läuft mit einem creepy, lauernden Blick über die Tanzfläche und stört dich, während du gerade mit deinen Freunden die anstrengendste Arbeitswoche deines Lebens vergessen möchtest. Und er hat mit seiner Kamera die Waffe in der Hand, um jede deiner nächtlichen Eskapaden auf Facebook zu verewigen.

Laut unseren Kollegen von Thump sind die Jobvoraussetzungen—neben der Kamera—schlechte Haut sowie eine autistische und soziopathische Veranlagung. Wenn man das liest, könnte man denken, dass diesen Job nur Leute freiwillig machen, die ihr Portfolio dringend vollbekommen wollen—selbst, wenn sie sich damit ins soziale Aus schießen.

Seit drei Jahren fotografiere ich als Amateur auf Events. Und ich liebe diesen Job trotz all seiner Fehler.

"Gibt es Partyfotografen überhaupt noch? Das ist so 2000", sagte mir eine Kollegin, als ich von meinem Job erzählte. Ja, gibt es. Für provinzielle Großraumdiskos gelten die umgekehrten Regeln wie für Wiener Clubs. Wo Letztere sich vor Besuchern kaum retten können und ihren eigenen Mythos gerade dadurch erhalten, dass niemand innerhalb ihrer Wände fotografieren darf, brauchen die anderen Clubs jede nur denkbare Promo.

Konzerte sind das Trostpflaster für tausend Neunziger-Jahrgangspartys

Auf den ersten Blick klang die Job Beschreibung ganz gut: Du stehst überall auf der Gästeliste plus eins. Du beobachtest die skurrilsten Geschichten von Samstagnacht. Zuerst habe ich auf Konzerten geknipst. Das war mein Ding. Na gut, ich durfte nur für die ersten drei Lieder in den Graben vor die Bühne, musste den anderen Pressekollegen ausweichen. Ich musste in die Knie gehen, denn hinter mir wollten noch eine Menge anderer Leute den Gig sehen. Aber trotzdem: So nah und so intim sieht man die Band sonst nur im Backstage-Bereich.

Doch dann kamen die Aufträge in den Großraumdiskos in der Provinz: Main Floor, kleiner Floor, Ballermann-Floor, Bar, Raucherlounge und von vorne. Entweder, du läufst dir die Füße wund, weil du nach willigen Fotomodellen suchst, oder du bleibst im Gedränge stecken. Es gibt keinen Mittelweg und die Kamera ist im dicht gedrängten Club grundsätzlich im Weg—ich kann sie mit zarten 1,65 Metern auch nicht unbedingt über die Köpfe der Vorbeilaufenden heben. Das wäre alles völlig in Ordnung, würde meine Abendbeschallung nicht im Wechsel aus "Traum von Amsterdam" und "Wiggle" bestehen.

Geld ist definitiv kein Grund für den Job

Vergiss das Geld. Viele Fotografen kennen das Problem, jene im Club aber ganz besonders. Weil dein Job vor allem daraus besteht, gestellte Porträtfotos von trinkenden, verschwitzten Gruppen zu schießen, bist du auch als mangelhaft ausgebildeter oder—wie ich—techniklegasthenischer Kameranutzer qualifiziert.

Das Angebot ist einfach: Die Fotografen bekommen Routine im Knipsen, die Agentur möglichst viele Bilder für den Traffic. Für 20 Euro pro Job und kostenlosen Eintritt zu gelegentlichen Großveranstaltungen bin ich vier Stunden lang bei Nacht am Herumwuseln und auf meine eigene Fotoausrüstung angewiesen.

Die Bildbearbeitung mache ich ebenfalls nachts—gar nicht so einfach, nach 20 Club-Runden und wenn man einen sitzen hat. Wo wir schon beim Thema Alkohol sind: Freie Getränke kriegst du im Club nicht, schließlich sollst du klar und fähig bleiben und durch deine Linse schauen und nicht zu tief ins Glas. Ohnehin: Bis man einen anständigen Partypegel erreicht hat, ist der Verdienst des Abends schon weg.

Realität | Foto: Zeitfixierer | Flickr | CC BY-SA 2.0

Der Partyfotograf ist der Feind jeder Party

So selfie-liebend unsere Generation auch ist: Am Ende suchen wir immer noch selbst heraus, welche Bilder wir lieber nur in der WhatsApp-Gruppe "Eskalation gestern Nacht (Affe-der-sich-die-Augen-zuhält-Emoji)" herumschicken. Als Partyfotograf bin ich der Eindringling: Jeder, der meine Kamera sieht, weiß, dass ich jedes Suffbild gnadenlos ins Netz stellen kann.

Je nach Location betrete ich auch zielgruppentechnisch eine fremde Welt. Nach dem zwanzigsten Job in derselben Großraumdisko verblasst die Erinnerung an Underground-Konzerte zu einem flüchtigen Hauch von Nebelmaschinenduft. In den Clubs der Provinz gibt es stattdessen v-förmige McFit-Oberkörper, Solariumbräune, rasierte Schädel und superernste Resting Bitch Faces.

Gesichter kann ich mir leider überhaupt nicht merken. Deshalb mache ich meinem Berufsstand absolut keine Ehre, wenn ich zum dritten Mal an der gleichen Gruppe gleich aussehender Boxerschnitte vorbeilaufe und sie nach einem Foto frage, so häufig, bis ihnen sehr unfotogen die Halsschlagadern anschwellen.

Jedes Mal höre ich die gleichen dummen Sprüche

Doch es gibt ein paar Sätze, für die wir Partyfotografen eigentlich jedes Mal einen Schnaps extra für unseren Schmerz bräuchten:

- "Da zerreißt es doch deine Kamera."— Meine tote Urgroßmutter möchte ihren Witz zurückhaben und du hast nicht mal halb so viel Rücken, wie du tust.

- "Da war eben grade schon jemand da."— Ja, das war die Konkurrenz, die mir jetzt die Brotkrumen wegfrisst, du herzloses Wesen.

- "Nein, aber ich kann dich fotografieren, wenn du willst."— Bekäme ich jedes mal, wenn jemand diesen Satz sagt, einen Euro, würde ich weder fotografieren noch einen Text darüber schreiben.

Der Job ist trotzdem eine absolute Leidenschaft

In meinen drei Jahren als Clubfotograf habe nicht nur gelernt, mit einer Kamera umzugehen und schamlos Leute anzusprechen (hallo, Sex-Umfragen für VICE). Aber wenn mir das perfekte, rauchige, mit bunten Lichtern durchzogene Porträt des Abends gelingt und sich jede Woche die gleichen Leute neue Posen für mich einfallen lassen—dann bin ich am richtigen Ort.

Ich hatte einen Auftrag, als meine Ex-Freundin und ich uns gerade frisch getrennt hatten—ein paar Kleinstadt-Player haben mir das angesehen und gefragt, ob es mir gut geht und ob ich nicht einen mit ihnen trinken möchte.

Das macht diesen Job aus. Jedes Mal habe ich keine Lust auf 20 immergleiche Runden im immergleichen Club. Und jedes Mal, wenn ich rausgehe, war es den Abend absolut wert und ich möchte nur noch meine Bilder fertig exportieren. Und mich ausschlafen.