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Das Jahr, in dem ich herausfand, dass ich beziehungsunfähig bin

Ich bin narzisstisch, impulsiv, kritisch und das Gegenteil eines Traumpartners.
01 Juli 2016, 4:00am
Pärchen auf der Straße
Bild: Sascha Kohlmann | Flickr | CC 2.0

Bild: Sascha Kohlmann | Flickr | CC 2.0

Es war das Jahr 2013. Mein Soziologie-Studium war noch frisch, meine Beziehung nicht mehr. Mein Leben bestand aus lernen, zocken und alle zwei Tage mit meinem Ex streiten. Schon vor dieser Beziehung hatte ich einen anderen Ex-Freund. Mit dem ist es—ähnlich wie mit dem Nachfolger—dramatisch und hasserfüllt zu Ende gegangen.

Ich habe meine Freunde, die mit ihren Ex-Partnern guten und freundschaftlichen Kontakt hatten, nicht verstanden. Öffentlich sagte ich, dass Ex-Partner, die befreundet bleiben, sich nicht wirklich geliebt haben. Heimlich dachte ich, dass es schon schön wäre, zu wissen, wie es dem Menschen geht, der intensiv und lange mein Leben begleitet hat.

Bis dahin dachte ich in meiner jugendlichen Naivität, dass es nicht meine Schuld ist. War es auch nicht zur Gänze—zu einem turbulenten Ende gehören immer zwei. Aber ich bin davon ausgegangen, dass ich mich immer richtig verhalten habe. Was Bullshit ist, weil so ziemlich jeder Mensch gleich mehrere Verhaltensfehler in 24 Stunden schafft.

Angefangen hat es mit dem Studium. Soziologie war am Anfang aufregend und gab mir viel Einblick in menschliche Verhaltensmuster—nicht nur in gesamtgesellschaftliche, sondern auch in eigene. Zudem wurde ich auch älter und reifer. Und dann war da noch der Umstand, dass die Beziehung meiner besten Freundin zum selben Zeitpunkt auseinanderbrach, was viele Reflexionsprozesse mit sich brachte. Irgendwann habe ich einfach aufgehört, die Schuld bei den anderen zu suchen, und bin den schmerzlichen Weg in mein Inneres gegangen.

Wenn man nach der medizinischen, wissenschaftlichen Definition von "beziehungsunfähig" sucht, wird man nicht so einfach fündig. Das liegt daran, dass es so etwas—zumindest laut dem ICD-10—nicht gibt. Wie auch? Was für den einen Partner ein Fehler ist, könnte einen anderen glücklich machen. Im ICD-10 findet man nur die "Bindungsstörungen"; und auch diese beschränken sich auf das Kindheitsalter.

Was die Medien mit "bindungsunfähig" meinen, sind mehrere abgefuckte Komponenten der Persönlichkeit und des Verhaltens, die es einer Partnerschaft richtig schwer machen. Das Buch Generation Beziehungsunfähig von Michael Nast beschreibt hauptsächlich die Selbstdarstellung und die daraus resultierende Selbstverliebtheit als Problem.

"Das zu behaupten, ist einfach zu vage und wäre fachlich unzulässig."

Selbstdarstellung geht wohl oft mit einem gewissen Narzissmus Hand in Hand. Der ICD-10 definiert Narzissmus unter anderem mit Egoismus, Anerkennungsbedürfnis und einer überzogenen Selbsteinschätzung. Ich bin—hoffentlich—kein pathologischer Narzisst, aber ich füttere meine sozialen Bühnen regelmäßig mit Stoff, was wiederum meinen gesunden Narzissmus gedeihen lässt. In einer Beziehung halte ich mich meistens für das Zentrum der Welt. Noch dazu bin ich alles andere als kompromissbereit—oder nur, solange es nicht unbequem für mich wird.

Otto Kernberg, ein berühmter Psychiater, der sich mit dem Thema Narzissmus beschäftigt, hat 2011 dem Profil auf die Frage, ob wir in einem Zeitalter leben, dass dank Social Media narzisstische Störungen begünstigt, folgende Antwort gegeben: "Das zu behaupten, ist einfach zu vage und wäre fachlich unzulässig. Zur Zeit können wir noch nicht mit Sicherheit feststellen, ob diese Erkrankung—aber auch andere Persönlichkeitsstörungen wie die Borderline-Störung—jetzt häufiger auftreten oder einfach öfter erkannt werden, weil man sich eben intensiver in der Praxis und Forschung damit beschäftigt hat."

Lest hier, wie es sich anfühlt, wenn man die Diagnosen Borderline und Epilepsie bekommt.

Bewiesen ist also nichts, es sind alles Vermutungen. Ich für mich habe herausgefunden, dass ich mir mit einfachen Dingen, die ein Wir-Gefühl in einer Beziehung erzeugen würden, oft schwer tue. Besonders Kompromisse tun mir weh—wenn ich einmal für einen Partner einen eingehe, fühlt sich das für mich wie das Untergraben meiner eigenen Bedürfnisse an. Die ich—abgefuckterweise—für wichtiger halte, als die meines Partners. Zumindest im ersten Moment. Ich weiß nicht, ob ich dafür meinen Eltern—die beide ein großes Ego haben und nach langjährigen Streitigkeiten endlich geschieden sind—oder meiner selbstzentrierten Weltsicht danken soll.

Das ist weniger noch ein Problem in der ersten Verliebtheitsphase—da werde ich zum zahmen Lämmchen mit Selbstaufopferungstrieb. Wenn sich der Alltag einschleicht, kriegen meine Partner aber meinen ganzen Egoismus zu spüren. Zumindest kenne ich inzwischen diese Veranlagung und versuche, ihr entgegenzuwirken; was es natürlich nicht immer besser macht.

Wenn man nachschlägt, wie verschiedene Experten und Laien eine gute Beziehung definieren, dann kommen Schlagwörter wie "Augenhöhe", "Sex", "Respekt", "Beständigkeit" und "Freundschaft". Diese Dinge schaffe ich mehr oder minder—aber ich bin nicht ausgeglichen. Ich bin sehr launisch und eine Sache, die mich gestern gefreut hat, kann mich am nächsten Tag wütend machen. Das macht es einem Partner an meiner Seite sehr schwer, mich zu verstehen—aber ich verstehe mich oft selbst nicht. Beständig ist anders.

Ich verliere auch zu schnell Respekt, wenn meine zu hohen Verhaltensansprüche nicht erfüllt werden. Damals habe ich gesagt, dass es Ansprüche sind, die ich auch selbst erfülle. Aber ich weiß nicht mal, ob diese Ansprüche tatsächlich beziehungsrelevant sind. Ich reagiere oft viel zu impulsiv auf Reize—egal ob positiv oder negativ. Das macht eine chillige Beziehung quasi unmöglich. Und ich bin ein kritischer Mensch—bevor ich idealisiere, habe ich zehn Punkte am Gegenüber gefunden, die in meinen Augen absolut unmöglich sind.

Aber seit 2013 ist viel Wasser geflossen. Ich hatte gewisse Momente der Selbsterkenntnis und habe sie immer noch. Auch an mir ist nicht alles schlecht. Mein Ex redet zwar nicht mit mir, aber der nächste Ex wird es tun. Das habe ich mir geschworen. Und weil ich mich kenne, kommen nur ganz wenige Beziehungspartner in Frage. Ich geh gar nicht mehr so nach Aussehen, Hobbys und Beruf.

Vielleicht sind wir alle ein bisschen beziehungsunfähig, jeder auf seine Art.

Ich suche ein Gegenstück zu meinen Hängern. Das ist kein einfaches Vorhaben, aber es wird sich schon lohnen. Übrigens: Meine beide Ex-Freunde haben auch ihre Poscher. Genau wie alle meine Freundinnen, meine Eltern und so ziemlich alle anderen Menschen, die ich kenne. Ich denke nicht, dass wir eine gemeinsame Generation sind, nur weil "Beziehungsunfähig" das Schlagwort der Stunde zu sein scheint. Wir sind vielleicht Menschen, die eine Beziehung nicht über alles stellen, wie es 1950 noch gang und gäbe war. In der Zeit war es übrigens auch noch die Aufgabe der Frau, die Fehler des männlichen Partners einfach hinzunehmen, weil er immerhin das Geld nachhause brachte.

Diese Zeiten sind aber vorbei. Neben Alternativformen von Beziehungen gibt es verschiedenste Variationen von Lebensführungen und -auffassungen. Vielleicht sind wir alle ein bisschen beziehungsunfähig, jeder auf seine Art. Aber das sollte keine Ausrede sein, mit der wir es uns leicht machen. Vielleicht geht es einfach darum, jemanden zu finden, der uns heilt. Oder uns aushält. Bis dahin kann man ja noch immer reflektieren und an sich selbst arbeiten.

Fredi auf Twitter: @Schla_Wienerin