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Popkultur

Sex, "Strawberry Cumshot"-Nagellack & Selfies im Park! – Warum ich auf YouTube-Stars neidisch bin

Keine Lust mehr, bei strahlendem Sonnenschein den kompletten Tag in der Uni oder im Büro zu verbringen? Werdet doch einfach YouTube-Star und lernt von Sami Slimani, Dagi Bee und Co.
12.5.16

Screenshot von YouTube aus dem Video "DIY SCHNELLE&LECKERE EIS-IDEEN für den SOMMER!" von Sami Slimani

In meiner Zeit bei VICE habe ich bereits versucht, eine Woche lang wie die Slimanis zu leben, mich mit Lionts "Rapkarriere" auseinandergesetzt oder das gefilmte Beziehungsdrama von Bibis Beautypalace analysiert. Man könnte also sagen, dass ich mich schon ziemlich umfangreich mit YouTube-Stars beschäftigt habe, zum Teil auch überaus kritisch, und von allen Dingen, die mir in den Kommentaren zu den Artikeln unterstellt wurden, kam ein Vorwurf besonders häufig auf: Du bist doch nur neidisch. Lange habe ich mich dagegen gewehrt, aber jetzt, im Alter von 27 Jahren und nach fast zehn harten Jahren auf dem normalen Arbeitsmarkt, kann ich es endlich zugeben—ja, bin ich. Natürlich.

Während ich nämlich mit irrem Blick und schwitzigen Fingern Texte in meinen Laptop hämmere und ab und an einen sehnsuchtsvollen Blick durch das Fenster nach draußen werfe, rollt sich Dagi Bee gerade lachend über eine Blumenwiese und arbeitet an ihrer Sommerbräune. (Dabei isst sie Eis, ohne es sich großflächig auf dem Top oder im Gesicht zu verteilen, denn sie ist ein perfekter Mensch und für alles andere gibt es Instagram-Filter.) YouTube-Stars haben im Gegensatz zum Gros der Gesellschaft einen Vorteil: Sie können arbeiten, wann und wo sie wollen.

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Tatsächlich gibt es keinen besseren Zeitpunkt, um zum Teeniestar der nächsten Generation aufzusteigen, als den Sommer. Und wir wären nicht euer absolutes Lieblings-Onlinemagazin (wir können eure Widerworte nicht hören, weil uns Freshtorge laut und hysterisch ins Ohr lacht), wenn wir euch bei diesem wichtigen Schritt nicht begleiten wollen würden. Deswegen kommen hier unsere ultimativen Gründe dafür, die kommenden Monate dazu zu nutzen, ein nahtlos gebräunter Influencer zu werden.

Ihr könnt den ganzen Tag in der Sonne abhängen

Man unterstellt YouTube-Stars ja gerne, dass sie ihren Lebensunterhalt damit verdienen, absolut nichts zu tun. Das stimmt natürlich nicht. Sich jeden Tag das Gesicht zu konturieren und die Augenbrauen immer on-fleek zu haben, ist ziemlich harte Arbeit—und die strahlendweiße Zwei-Zimmer-Wohnung dekoriert sich zum Jahreszeitenwechsel auch nicht von selbst! Tatsächlich haben sie uns gegenüber aber einen ganz entscheidenden Vorteil: Sie sind nicht dazu gezwungen, den Großteil ihrer Zeit an einem Schreibtisch zu verbringen und sich in Tagträumen über das faszinierende, sprudelnde Leben da draußen (Sex! Sonne! Selfies im Park!) zu ergehen.

Ein Follow Me Around ist einfach spannender, wenn man sich nicht nur vom Sofa zur Kaffeemaschine bewegt, sondern zwischendrin auch ab und an mal die perfekt lackierten Zehennägel (Gel-Nagellack von Essence, 2,45 Euro, Farbrichtung "Strawberry Cumshot") am Stadtstrand in die Kamera hält. Egal was ihr draußen macht: Solange ihr eure Kamera (oder zumindest das Smartphone) dabei habt, könnt ihr euch selbst erfolgreich einreden, gerade zu arbeiten. Kein Wunder, dass die ganzen YouTuber immer so hysterisch glücklich wirken. Die sind nicht drauf oder künstlich überdreht, die haben einfach den perfekten Job!

Nichts ist einfacher herzustellen als DIY-Eis

Wisst ihr, wie Eis entsteht? In dem man etwas ansatzweise Flüssigkeithaltiges unter seinen Gefrierpunkt bringt. Das ist ziemlich einfach, solange man eine Gerätschaft besitzt, mit der sich genau das bewerkstelligen lässt—zum Beispiel eine Kühltruhe oder einen Kühlschrank mit Eisfach. Obwohl das Prinzip jedem bekannt sein sollte, erfreuen sich DIY-Videos, in denen einem das alles zu poppiger Musik erklärt wird, unfassbarer Beliebtheit. Eurer Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt. Wenn ihr zum Beispiel unauffällig betrunken werden wollt, füllt doch einfach Wodka in eure Eiswürfelform, wartet ein bisschen und und kippt sie anschließend in einen Gemüse-Smoothie. Kühl, gesund und betäubt den Schmerz: Life Hack! Auch für Wechseljuicer. Eigentlich braucht ihr nur irgendwas, was sich pürieren und/oder verflüssigen lässt, ein Behältnis und opponierbare Daumen. Eure Abonnenten werden ausrasten.

Wie erfolgreich diese Art der Do-it-Yourself-Schiene ist, zeigt sich schon alleine darin, dass Sami Slimani gleich zwei nahezu identische Videos dazu gemacht hat: "DIY SCHNELLE&LECKERE EIS-IDEEN für den SOMMER!" und "4 DIY LECKERE und Einfache EIS-IDEEN/REZEPTE für den Sommer!" (hinter beiden Videotiteln folgt noch jemals ein Sonnensymbol, von dem ich nicht weiß, wie man es in einem Textverarbeitungsprogramm macht. Vielleicht bin ich deswegen noch kein YouTube-Star: Es fehlt mir an den Basics.) Andere offensichtliche Dinge, die ihr den Leuten als ultimative Tipps für die heiße Jahreszeit verkaufen könnt: Viel Wasser trinken und immer schön eincremen.

Eure Selfies sehen einfach besser aus

Als jemand, der offen dazu steht, sein Gesicht überdurchschnittlich häufig zu fotografieren—damit sich auch noch meine Enkelkinder davon überzeugen können, wie wichtig die Investition in diesen sehr matten, aber auch sehr teuren Lippenstift war—, kann ich euch eine ultimative Weisheit mit an die Hand geben: Nichts ist besser für Selfies als sehr viel natürliches Licht. Im Winter erreicht man das dadurch, dass man sich innerhalb der einen Stunde, in der es am Tag nicht stockdunkel ist, vor dem größten verfügbaren Fenster positioniert. Im Sommer habt ihr solche Probleme allerdings nicht, da scheint die Sonne gefühlt ja fast durchgehend.

Zusätzlich habt ihr insbesondere als Frau die Option, euren Sommer-Look durch verspielte Accessoires wie Blumenketten im Haar aufzupeppen—und Instagram, ein weiteres wichtiges Tool auf eurem Weg zum digitalen Weltruhm, LIEBT Blumen. Da wir bereits etabliert haben, dass ihr als YouTube-Star sehr viel Zeit draußen verbringen könnt, werdet ihr innerhalb kürzester Zeit außerdem eine ansatzweise gesunde Gesichtsfarbe haben, von der eure neidischen Ex-Bürokollegen nur träumen können. Neid ist gut, denn YouTube ist es egal, ob jemand auf eurem Kanal rumhängt, weil er euch abgrundtief hasst und regelrecht besessen von eurem Leben ist, oder einfach nur gerne Flecht-Tutorials guckt: View ist View.

Es ist der perfekte Zeitpunkt, um einen Deo-Deal abzuschließen

Mittlerweile dürfte es auch bei der breiten Masse angekommen sein, dass YouTube-Stars nicht allein von selbstangerührten Gesichtsmasken und Abozahlen leben: Sie bekommen unter anderem auch Geld dafür, Produkte mal mehr, mal weniger unauffällig in die Kamera zu halten. Wer keine Lust darauf hat, einen "Haul" nach dem anderen zu machen und immer wieder aufs Neue so zu tun, als würde die 75-Cent-Eigenmarkehandcreme einer bekannten Drogeriekette unser aller Leben besser machen, sollte sich Artikel suchen, die sich ganz natürlich in den eigenen Kanal einfügen. Im Winter wären das beispielsweise rumhaltiger Glühwein und Stimmungsaufheller.

Stellt euch also selbst die Frage: Was eint uns alle in dieser heißen, unerbittlichen Jahreszeit? Ja, ganz richtig, Schwitzen. Was tun wir gegen Schwitzen, außer uns nur rudimentärst zu bewegen und so wenig wie möglich am Körper zu tragen? Wir benutzen Deo. Ka-Ching! Wenn ihr euch in jedem eurer Videos mindestens einmal großflächig mit Antitranspirant einnebelt, minimiert ihr nicht nur den Schweißgeruch, ihr könnt euch ordentlich Geld machen—und erhöht unter Umständen euer Risiko für Brustkrebs. Aber das lässt sich in jumpcut-lastigen Lifestyle-Videos nicht so gut unterbringen.

Eure suboptimale Strandfigur wird zum politischen Statement

Social-Media-Stars fallen in aller Regel vor allem durch ihr überoptimiertes Äußeres auf. Es ist an der Zeit, das dramatisch zu ändern. Ihr habt den Winter lieber mit Netflix und Chill (was für die meisten von uns Sekt statt Sex bedeutet, machen wir uns nichts vor) verbracht, als auf einen stahlharten Bikinibody hinzuarbeiten? Super! Zum einen sollte sich niemand irgendeinem abstrusen Schönheitsideal unterwerfen müssen, zum anderen ist YouTube bereit für mehr Diversität, und wer unter all den Beauty-Gurus noch auffallen möchte, sollte auch optisch herausstechen.

Bedenkt dabei immer: Wenn es einen Hashtag hat, ist es keine Faulheit oder irgendetwas anderes, das ihr euch vorwerfen lassen solltet—es ist ein politisches Statement und wird euch in die Riege der YouTube-Stars katapultieren, die sogar vom ewig kritischen gehobenen Feuilleton als mündige, vollwertige Menschen akzeptiert werden. #bodypositivity, Bitches!

Lisa ist der gestrandete Wahl an der Küste eures Social-Media-Herzens. Folgt ihr bei Twitter.