Wirres Deutschland

Ich habe auf einer Couch in Berlin-Steglitz herausgefunden, wer ich in einem früheren Leben war

Eine "Geistheilerin" hat mit mir einen Trip in meine Vorleben unternommen. Unterwegs hab ich gemeine Zwerge, ausgestopfte Wölfe und nässende Wunden gesehen. Und das ohne Drogen.

von Greta Taubert
17 Mai 2016, 4:00am

Foto: Flickr | Jlhopgood | CC BY-ND 2.0

Unterwegs zum unbekannten Kontinent. Der Zug nach Berlin ist dicht besetzt. Wandergruppen aus Bayern in Karohemden. Businesstypen mit Laptops auf dem Klapptisch. Dazwischen der unvermeidliche Boardsteward mit dem Kaffeewagen. Sie alle haben ein genaues Ziel: Wandern, Geschäfte machen, Kaffee ausschenken. Ich habe das nicht. Es ist das erste Mal, dass ich zu einer Reise aufbreche, deren Zielort ich nicht kenne. Als mich vor einigen Wochen ein Freund anrief, fragte er, ob ich Lust auf ein Abenteuer hätte. Es gelte, unbekannte und nie zuvor betretene Gebiete zu erforschen. Ich sah mich schon mit Stirnlampe und Survival-Rucksack durch Sachsen-Anhalt robben. Aber dann konkretisierte er: Ich solle in mein Vorleben reisen, zur früheren Heimat meiner Seele, zu mir. Dafür braucht es keine Lampe und keine Landkarte, sondern nur einen Reiseführer. Dann wünschte er mir viel Glück.

Im Internet finde ich Inkarnationsexperten, spirituelle Zentren, esoterisch Erleuchtete, Geistheiler, Sekten, Lebensberater und Seelencoaches, die eine "Reinkarnationstherapie" anbieten. Diese setzt zwar an dem Glauben der Wiedergeburt an, wie sie der Hinduismus oder Buddhismus kennt. Dass man damit psychische und physische Leiden heilen kann, ist allerdings erst Mitte des vergangenen Jahrhunderts in Westeuropa populär geworden. Die alternativen Therapeuten wollen den Kanal zur Seelenwelt mit Hypnose öffnen, andere mit bioenergetischen Massagen, Klangschalen, Atemtechniken oder Meditation. Es ist kein gesetzlich anerkanntes Heilverfahren, die Methode ist nicht wissenschaftlich bestätigt, Therapeut kann sich im Grunde jeder nennen. Das macht die Reiseführer-Suche äußerst schwierig.

Ich bleibe bei einer Webseite mit blauem Meer, Palmen, buddhistischen Mönchen, sich berührenden Kinderhänden hängen. Auf der Seite erklärt die fünfzigjährige Berlinerin Manuela Z., wie sie Menschen heilt, indem sie mit ihnen die Erinnerungen eines früheren Lebens aus dem Zellgedächtnis ins Bewusstsein hebt. Keine Hypnose, keine Mediations-CD, keine Berührungen. Man müsse noch nicht einmal daran glauben, um es zu erleben. Auch nicht an Inkarnation, ewiges Leben oder Gott. Alles, was man tun müsse, ist, sich zu öffnen für einen abenteuerlichen Trip zu sich selbst. Das spricht mich an und ich schreibe ihr. Manuela Z. ruft kurz darauf zurück. "Warum haben Sie mich gewählt?", fragt sie. Ich sage, dass ich ihre Palmen und ihre Website mag, krame zusätzlich ein neugelerntes Wort aus der Internetrecherche raus: "Herzensentscheidung." Sie seufzt erleichtert. "Ja, wir arbeiten nur mit dem Herz, nicht mit dem Hirn." Auch ich seufze. Das kann ja was werden.

Manuela Z. erklärt mir, wie das bei ihr so abläuft: Eine Rückführung dauert etwa drei Stunden. Man muss vorher gut gegessen haben, weil der Trip doch recht anstrengend werden könnte. Keine Drogen oder Psychopharmaka einwerfen. Taschentücher, Wasserflasche, wärmende Decken lägen bereit. Der Weg zum Klo werde mir erklärt. Der Weg zum Klo? Ja, es fließe dann so viel göttliche Kraft durch uns. Das muss man abführen. Sie selbst gehe auch zwei bis drei Mal während der Sitzung. Ich denke, aha, interessant, Gott ins Klo. Außerdem braucht es ein Problem aus dem jetzigen Leben, dessen Ursache man in einem Vorleben entdecken und lösen möchte. Ich sage, dass ich eigentlich nichts habe, außer eben Neugier. Sie sagt, dass sei ja mal was ganz Neues. Wir würden schon etwas finden. Ich frage, was mich während der Sitzung denn dann so erwartet? Sie sagt: einen geistigen Orgasmus. Ich sage sofort zu.

Ankommen in Berlin-Steglitz. Station Südende. Das klingt nach Fernweh, ist aber das Gegenteil. Küchenstudios, Nagelstudios, Fitnessstudios. Lindenalleen, Geranienkästen. Hausmeisterservicelieferwägen. Am Klingelschild des Wohnhauses findet sich kein Hinweis auf die "Rückführungstherapie". Ich steige die Treppen hoch, bis ich in Manuelas Wohnung stehe. Wir duzen uns ab jetzt, hat sie festgelegt, weil es nun nicht mehr um solche Ego-Sachen wie Etikette oder Selbstdarstellung gehe.

Meine Finger sind feucht, der Magen wirbelt unkontrolliert. Bis hier hin habe ich das alles als Experiment betrachtet, das man ja mal machen kann. Wie autogenes Training oder eine Spritztour durch Sachsen-Anhalt. Jetzt bekomme ich Bammel. Könnte es sein, dass ich hier, in diesem Zimmer mit den selbstgemalten Weltraumfantasien, den Unterwassercollagen aus Farbe und Glitzer sowie mit Edelsteinen und Bergkristallen dekorierten Leinwänden die großen Antworten finde? Gibt es das ewige Leben? Wer war ich, und wenn ja, wie viele?

Manuela schreibt auf einen College-Block "Gefühl: aufgeregt". Sie wird ab jetzt alles protokollieren, was ich sage. Manchmal malt sie auch kleine Bilder oder schreibt wissenswerte Assoziationen dazu. Zum Beispiel steht da: "Dienstag, Tag vom Erzengel Michael, Farbe blau". Weil sie sich so gefreut hat, dass wir beide heute unbewusst ganz viel Blau angezogen haben und das so gut zum blauen Dienstag passt. In welcher Farbenlehre ein Dienstag blau ist, weiß ich nicht. Später fällt mir auf: Es ist Mittwoch.

Im Vorgespräch klären wir, was es zu klären gilt. Ich brauche ja eine Frage an die höheren Mächte und finde es am ehrlichsten auszuloten, warum ich so oft Ich-Texte schreibe. Also Selbstversuche mache und darüber schreibe—auch wenn sie weh tun.

Alexander von Humboldt mit seiner Mutter. Wer konnte damals ahnen, dass er auf einer Couch in Steglitz enden würde? | Foto: Wikimedia Commons

Dann geht es ab auf die Couch. Ich strecke mich gemütlich aus, Lucky, ein sehr dicker schwarzer Kater nimmt am Kopfende Platz, Manuela am Fußende. Sie senkt die Stimme, wird leise und säuselig. Drei Mal durchatmen. Ich soll in einen "hellfühligen" Zustand versetzt werden. "Du musst dein Ego ablegen", sagt sie. Wenn ich wüsste, wie das geht, hätte ich deutlich weniger Probleme im Leben, denke ich, probiere es aber aus, habe Schwierigkeiten. Ego zeigt sich nicht. "Am besten gedanklich das Ego in einen Hund oder eine Katze verwandeln", rät Manuela. Ich konzentriere mich. Egoegoego. Eine noch dickere Katze als Lucky erscheint vor dem geistigen Auge. Legt sich faul daneben. Na also. "Deine Fußsohlen werden jetzt von einem goldenen Strahl durchflutet", sagt Manuela. Ich visualisiere. "Der Strahl wandert weiter, Füße, Knöchel, Beine". Das Gold durchflutet meinen ganzen Körper, bis ich also quasi erleuchtet auf der Steglitzer Couch liege. Es sei mein Schutz. Wovor, weiß ich nicht. Noch nicht.

Ich soll mir ein Haus vorstellen, beschreiben, was ich sehe. Ich träume: Steine, Holzdielen, Ledercouch, großes Bücherregal. Amerikanisches Sommerhaus in den Hamptons. Yeah. "Dort gibt es eine Tür", sagt Manuela. Ich suche sie. Hinter dem Bücherregal. Mist. Schwer. Muss wegschieben. Klinke drücken. Ich finde, es läuft schon ganz gut. "Du siehst einen Nebel", sagt Manuela. Nein. Eher gleißende Helligkeit, antworte ich übermütig. Ist ja mein Trip. "Durchschreite sie. Du kommst an eine Brücke. Wie sieht sie aus?" Ich glotze—ins Leere. Ich sehe gar nichts. Dachte, ich dürfte noch ein bisschen im Traumhaus bleiben. Enttäuschung. Meine Augen jucken. Das melde ich, weil Manuela gesagt hat, alle körperlichen Zeichen seien von Bedeutung. "Frag deine Augen, warum sie jucken." Ich gehorche: Warum juckt ihr? Keine Antwort. Manuela sagt, ich soll mir wieder die Brücke vorstellen, aber ich sehe immer noch nichts. Es juckt so sehr, dass ich lila Feuerwerke vor dem inneren Auge sehe. Ich melde es. Manuela murmelt "Farbe der Transformation". Sie klingt zufrieden. Jetzt aber Brücke, endlich, vermutlich der Übergang zur anderen Welt. Sieht aus wie eine Planke über einem dünnen Bächlein. "Was ist eine Planke?", fragt Manuela und ich glaube, sie kennt das Wort wirklich nicht. Sie hat mir vorher gesagt, ich solle mit ihr so sprechen wie mit einer Fünfjährigen. Ich dachte, dass sei nur ein therapeutischer Kniff, um meine Gedanken zu vereinfachen. Allmählich glaube ich, es geht um ihre Gedanken. Ich kläre also: Eine Planke ist ein einfaches Brett, über das Piraten ihre Gefangenen in den nassen Tod geschickt haben. "Aha. Na schön. Jetzt darfst du jedenfalls deinen Geistführer rufen." Geistführer ist ein Szenewort und meint meinen inneren Reiseführer, der mich in die Vorleben bringt. "Geistführer erscheine", sage ich feierlich, warte und bin augenblicklich beleidigt. "Was siehst du?", fragt Manuela. "Ich will den nicht", sage ich. "Was siehst du denn?" Einen Gartenzwerg. Mit roter Mütze und Schubkarre. "Frag ihn doch, ob er der Geistführer ist." Ich frage. "Bist du etwa mein Geistführer?" Er lacht. Verschwindet. Abgefahrener Kram. Muss noch mal Geistführer rufen. Die griechische Sagengestalt Antigone erscheint mit Wallekleid und Wallemäne. Endlich eine Fachfrau im Bereich Götterkommunikation. Kann sein, dass die Ego-Katze da mitgeträumt hat.

Wir drei, also Manuela, Antigone und ich, stehen auf der Planke. Jetzt sagen wir zusammen eine Art Beschwörungsformel: "Bitte Antigone, führe mich in das Leben, in dem die Ursache dafür liegt, dass ich so oft Selbstversuche mache." So. Jetzt werde ich es sehen: das andere Leben. Ich sehe: nichts. Dann: graue, schwarze, Flecken. "Du musst scharfstellen", sagt Manuela. Ich sehe: Augen. Tieraugen. Wölfe, Krokodile. Das ist doch kein Ort, denke ich und beginne, mich zu langweilen. Manuela muss aufs Klo. Bei ihr fließt es offensichtlich, ich hänge bei den toten Tieren fest. Als sie zurückkommt, soll ich Geistführerin Antigone befehlen, mich dorthin zu führen, wo die toten Tiere sind. Ich sehe erst eine fahle Weide, dann ein leeres Gutsherrenhaus. Mir wird immer langweiliger. Das ist doch nur ein Bilder-Glücksrad der Psyche. Irgendwelche Bilder, die ich irgendwann man aufgenommen habe, werden jetzt hirnlos abgespielt. "Wer bist du?", fragt Manuela. Ich gucke an mir runter, habe aber absolut überhaupt kein Bild. Dunkle Stoffhose, schwarze Schuhe, sage ich um den Fluss nicht zu bremsen. Das dürfte in allen Jahrhunderten ein Klassiker gewesen sein. "Geschlecht?" Ein junger Mann. "Ist da noch jemand?", forscht sie weiter. Wir mäandern durch meine öden Fantasmen. Im Haus wartet eine alte Amme. Sie nennt mich "Alexander".

Manuela sagt, Antigone und ich sollten doch mal ein bisschen im Haus rumgucken, Türen öffnen, rumschnüffeln. Ich sehe Marmorböden, Kronleuchter, Ölgemälde mit Patriarchen, Adels-Pomp. Schätzungsweise 18. oder 19. Jahrhundert. Wir durchstreifen die Empfangshalle, Balustraden, Schlafgemächer. Ich frage mich, ob man während einer Rückführung einschlafen kann. Dann: eine Naturalienkammer. Ich erschrecke. Die toten Tiere. Sie stehen, hängen, glotzen. Manche ausgestopft, manche zerlegt und konserviert, schwebend in Gläsern. Getrocknete Pflanzen, Mineralien, Zeichnungen, ein gewaltiger Globus. Meine linke Hand beginnt zu kribbeln, als wollte sie einschlafen. Mache Meldung. "Hast du mit dieser Hand getötet?", fragt Manuela. Ich reiche weiter an Antigone. Sie nickt. "Warum?", bohrt Manuela weiter. Antigone verweigert angesichts der Offensichtlichkeit der Szenerie die Antwort. "Ich bin Forscher", übersetze ich. Anscheinend ein manischer, dabei aber auch wohlhabender Naturwissenschaftler, der jeden Grashalm der Felder und jede Kröte der Seen in der Umgebung eingesammelt und beschrieben hat.

Ich gucke mich staunend in der Naturalienkammer um. Die eigene Egokatze wird wach und regt sich: "Biste der große Alexander von Humboldt, oder was?" Sie schüttet sich aus vor Lachen. Ich denke erst: Huuuuuuu, der größte Wissenschaftler aller Zeiten! Und dann: Seit wann ist die Egokatze die Grinsekatze und Teil der spirituellen Reisegruppe? Die Hand kribbelt immer noch. Jetzt fast schmerzhaft. Soll wieder aufhören. "Antigone, mach was!", rufe ich. Sonst gehe ich aufs Klo und spül dich weg. Antigone tippt auf dem Globus auf ein südamerikanisches Land. Augenblicke später stehen wir im Dschungel. Die Sache nimmt jetzt Fahrt auf. Die Bilder kommen rangerauscht. Sogar Gerüche und Geräusche. Es stinkt furchtbar faulig. Wasser tropft von gewaltigen Blättern. Vogelschreie. Trillern. Ein Einbaum liegt am Ufer eines Flusses. Gemurmel einiger Indios, die Süßholz kauen. Ich bin kein Junge mehr, sondern ein hochgewachsener Mann. Es ist heiß und dunstig im Dschungel. Schwärme von Moskitos. Entzündungen. Auch auf der Couch wird es immer ungemütlicher. Meine linke Hand kribbelt so sehr, als würde sie gleich taub werden und absterben. Dann gesellt sich eine weitere körperliche Unannehmlichkeit dazu. Ein reißendes, wundes Stechen in der Bauchgegend. "Guck nach, was es ist", sagt Manuela. Ich sehe, wie meine linke Hand versucht, eine klaffende, stinkende Wunde zu versorgen. Vielleicht sind es entzündete Insektenstiche oder eingenistete Maden. Mit stumpfer Nadel und brennender Tinktur versuche ich, die Wunde zu versorgen. Obwohl es doch eigentlich nur ein Wachtraum ist, nur sein kann, geht es auch meinem irdischen Körper auf der Couch nicht so gut. Dann wird mir plötzlich wieder schwarz vor Augen. Da ist nichts mehr.

"Bist du gestorben?", fragt Manuela. "Willst du der Geistführerin noch eine Frage stellen? Oder dem Höheren Selbst? Du kannst jetzt auf alles eine Antwort bekommen. Du bist jetzt im Kontakt." Ich schüttele den Kopf. Mir ist kalt, meine Lider sind verklebt, der Körper schmerzt. Ich kann nicht mehr. Ich will jetzt gern meine grinsende Ego-Katze wieder haben, die 150 Euro bezahlen und verschwinden.

Auf dem Steglitzer Bürgersteig zwischen den Lindenbäumen, Nagelstudios und Handwerkerautos habe ich Mühe, mich auf den Beinen zu halten. Wacklig und in Zeitlupentempo setze ich einen Fuß hinter den anderen. Es fühlt sich an, als hätte ich mich tatsächlich wochenlang den tropischen Orinoco entlang gekämpft. Die Orientierung ist weg. Ich gucke auf mein Handy, vier Stunden war ich weg. Verpasste Anrufe. Nachrichten. Mails. Ich kann jetzt nichts zurücksenden. Das spannungsarme Steglitz erscheint mir jetzt geradezu tosend. Am Südende sinke ich zusammen, frage mich, was das denn jetzt eigentlich war. Die spirituelle Antwort wäre: Ich habe gerade einen strapaziöse Seelenwanderung zum genialen Naturforscher, todesmutigen Abenteurer und wissenschaftlichen Superstar Alexander von Humboldt gemacht. Sein Karma, die Welt mit den eigenen Augen und Händen vermessen zu wollen, wurde in mir inkarniert. Deswegen muss ich auch heute noch raus in die Welt oder nach Steglitz, um Sachen auszuprobieren. Die logische Antwort: Meine Fantasie hat stärker auf Daniel Kehlmanns Roman Die Vermessung der Welt reagiert, als ich dachte, und hat mit dessen Fragmenten ein inneres Wunschbild aufgebaut.

Aber was ist wahr? Ich tendiere zur logischen Erklärung: die Rückführung als Tombola kurioser Geschichtsbilder, verschütteter Assoziationen, geheimer Sehnsüchte. Ich glaube, Humboldt ist da ganz bei mir.