Wir haben junge Schweizer Pärchen gefragt, wieso sie nie Schluss gemacht haben
​Foto von Scott Webb

Wir haben junge Schweizer Pärchen gefragt, wieso sie nie Schluss gemacht haben

Die Generation Y legt sich angeblich nicht fest. Wir haben mit jungen Pärchen gesprochen, die es dennoch tun.
23.8.16

Unsere Generation—oder eben das, was oft in die "Wir"-Schublade gesteckt wird—wird oft mit einem knappen, scheinbar allessagenden Begriff umrissen: Generation Y. Wir werden als die nie zufriedenen Perfektionisten beschrieben, die fast seit ihrer Geburt auf Bildschirme starren. Als die Tinder-Millennials, die sich auf nichts festlegen wollen oder können. Nicht auf einen Job, nicht auf eine Zukunft und eben auch nicht auf einen Partner.

Aber wie so viele andere auch, ist der Begriff der Generation Y ein generalisierender. Natürlich entsprechen nicht alle von uns dem gezeichneten Bild des unschlüssigen Mittzwanzigers, der gefühlt alle drei Monate ein neues Kapitel in seiner Bettgeschichte aufschlagen muss. Viele sind zur Beständigkeit fähig, sogar zur Liebe. Oder vielleicht auch einfach zur Gewohnheit. Ich habe mit acht dieser Menschen über Sinn und Unsinn einer Beziehung gesprochen und sie gefragt, wieso sie nicht schon lange Schluss gemacht haben.

Kushtrim (24) und Sandra (22), seit 10 Jahren zusammen

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VICE: Wie habt ihr euch kennengelernt?
Kushtrim: Wir lernten uns unserem Alter entsprechend klassisch kennen: im MSN-Chat. Zuerst fragte ich sie, ob wir zusammen in die Badi gehen und dann ob sie meine Freundin sein will.
Sandra: Er ignorierte mich zu Anfang noch eine Weile, weil ich ihm keine Antwort auf sein "Willst du mit mir gehen?" gab. Irgendwann willigte ich schliesslich ein.
Kushtrim: Ich hätte nie gedacht, dass das Ganze mal so ernst sein wird. Ich dachte, das wäre so eine Kinderbeziehung, die nach ein paar Monaten wieder zerbricht. Aber da sind wir nun.

Habt ihr nie das Gefühl, etwas verpasst zu haben?
Sandra: In Sachen Weggehen war er früher ein bisschen streng. Ich denke, wäre ich single gewesen, hätte ich auch mehr Zeit mit meinen Freundinnen verbracht und wäre öfter feiern gegangen. Aber dadurch, dass wir so jung zusammengekommen sind, haben wir verschiedene Lebensabschnitte wie die Pubertät und das Erwachsenwerden miteinander erlebt, was uns noch näher zusammengebracht hat.
Kushtrim: Wir kennen es halt nicht anders. Man kann sich zwar vorstellen, wie es gewesen wäre, wenn man andere in unserem Alter ansieht, aber sie haben diesen Halt nicht, den wir einander geben können. Entweder man ist frei, oder hat eine Stütze im Leben.

Wie sieht's mit Beziehungspausen aus? War das schon mal Thema?
Sandra: Oh ja, wir hatten schon etwa acht. Die längste dauerte einen Monat. Damals war ich 16. Als Kind fällt man viel schneller Entscheidungen. Kushtrim ist ein Sturkopf und sagte früher schnell mal "es ist aus". Aber er kam kurz darauf immer wieder zurück und entschuldigte sich.
Kushtrim: Eine Beziehung braucht auch Streit, Eskalationen und zwei Tage eisernes Schweigen. Es wäre nicht normal, wenn's nicht so wäre. Aber als sie vor einiger Zeit zwei Monate in Amerika war, habe ich gemerkt "die musst du behalten".

Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, Schluss zu machen?
Kushtrim: Während dieser Beziehungspausen war ja quasi Schluss. Aber ich merkte dann immer schnell, dass es sich nicht richtig anfühlt und kam wieder zurück. In der Pubertät spielen halt die Hormone verrückt und da ist es nicht immer einfach, sich im Griff zu haben.

Habt ihr vor ewig zusammenzubleiben?
Kushtrim: Vor haben wir das schon. Aber wie die Welt in ein paar Tagen aussehen wird, weiss ich auch nicht.
Sandra: Wir haben Zukunftspläne, ja.

Marco (24) und Stefanie (23), seit 5 Jahren zusammen

Welches sind die Vor- und welches die Nachteile einer Beziehung?
Marco: Ich denke, dass man sich sehr gut kennt, ist ein Vor- und Nachteil. Man kennt die guten sowie die schlechten Seiten des Partners und kann diese zu seinem Vorteil auslegen. Und irgendwann kennt man sich eben so gut, dass man über belanglose Dinge zu streiten anfängt. Damit das nicht Alltag wird, muss man eben viel miteinander unternehmen und nicht nur zu Hause rumsitzen. Man muss sich halt Zeit nehmen füreinander, aber das ist ja kein Nachteil.
Stefanie: Für mich hat das eigentlich nur Vorteile. Man kennt vorwiegend von Männern, dass sie das Single-Leben vermissen. Aber dadurch, dass wir uns unseren Freiraum lassen, können wir uns beide ausleben. So kommt keiner zu kurz oder muss irgendwas am Single-Dasein vermissen.

Gab es auch schwierige Momente? Wann und wieso?
Marco: Natürlich gibt es schwierige Momente. Ich denke, in den letzten Jahren war es für uns das Schwierigste Zweisamkeit zu finden. Ich studierte in einer anderen Stadt und war nur am Wochenende zu Hause. Jetzt studiert sie, muss ständig lernen und hat immer wieder Prüfungen. Wenn man Hobbys und Freunde miteinbezieht, kann der eigene Partner schnell mal zu kurz kommen. In solchen Situationen muss man eben Kompromisse eingehen.

Habt ihr vor, ewig zusammenzubleiben?
Stefanie: Ja.
Marco: Grundsätzlich schon. Es ist sehr gut möglich. Sonst wäre ich ja nicht in dieser Beziehung.

Pinar (31) und Christian (32), seit 6 Jahren zusammen

Wie habt ihr euch kennengelernt?
Pinar: Wie genau das war, wissen wir gar nicht mehr. Wir verliebten uns im Jahr 2010 am Frauenfelder-Openair, aber davor kannten wir uns bereits fünf Jahre. Es war Liebe auf den 100sten Blick oder so.

Was ist euch wichtig in einer Beziehung? Am Partner?
Pinar: Natürlich ist gegenseitiges Vertrauen sehr wichtig. Aber ich lege auch sehr viel Wert auf die Freiheit. Man soll auch innerhalb der Beziehung ein Individuum bleiben dürfen. Deshalb versuchen wir, uns gegenseitig nicht einzuschränken.
Christian: Ehrlichkeit und Loyalität. Sie ist zwar meine Frau aber sie ist auch meine beste Freundin. Aber vor allem eben persönliche Freiheit. Man darf nicht aneinander kleben. Dann ist es auch kein Problem, wenn der andere feiern geht, oder ein wenig herumflirtet. Wir flirten beide sehr gerne und das macht ja auch Spass. Aber jeder kennt seine Grenzen.
Pinar: Bei solchen Dingen sind wir cool. Wir veranstalten wegen einem harmlosen Flirt nicht gleich ein grosses Theater. Das gehört halt zum Leben.

Habt ihr schon mal an eine Beziehungspause gedacht? Oder ans Schluss machen?
Pinar: Nein, auf keinen Fall. Kurz vor der Hochzeit bekam ich zwar kalte Füsse, aber es hat ja doch alles gut geklappt, wie man sieht. Wir haben schon hin und wieder kulturelle Auseinandersetzungen vor allem beim Thema Familie, aber das ist für mich kein Grund Schluss zu machen.
Christian: Bei mir sieht es auch so aus. Nur weil wir über die Wohnungseinrichtung streiten oder darüber, wann wir bei welchem Familienmitglied essen müssen, trennen wir uns doch nicht gleich. So sehr hat sie mich noch nie genervt.

Gibt es etwas, dass ihr am Single-Leben vermisst?
Christian: Es gibt immer wieder diese Momente, in denen man gerne für eine Nacht wieder single wäre. Aber dadurch, dass wir uns diese Freiheiten lassen, vermisse ich es eigentlich nicht. Mir wäre es viel zu anstrengend, wieder alles neu aufzubauen.
Pinar: Nein, ich vermisse es überhaupt nicht. Und da wir ja so offene Menschen sind, können wir auch in einer Beziehung neue Menschen kennenlernen.

Ueli (21) und Solène (20), seit 4 Jahren zusammen

VICE: Wie viele Beziehungen habt ihr vor eurer schon gehabt?
Solène: Ich hatte noch gar keine. Ueli ist mein Erster.
Ueli: Ich hatte so etwas wie eine Beziehung vor ihr. Aber wir waren noch so jung. Solène ist eigentlich die erste richtige Beziehung.

Welches sind die Vor- und welches die Nachteile einer längeren Beziehung?
Solène: Man kennt sich in und auswendig. Das ist bestimmt ein Vorteil. Nachteil ist, dass man wichtige Entscheidungen, wie zum Beispiel, ob man einen Sprachaufenthalt macht oder nicht, nicht ohne äusseren Einfluss treffen kann. Man bezieht seinen Partner automatisch in seine Entscheidung mit ein, auch wenn man das nicht möchte. Aber ich bin allgemein ein Beziehungsmensch. Ich glaube, ich könnte nicht Single sein.
Ueli: Ein Nachteil ist vielleicht, dass man nicht die komplette Freiheit hat.

Habt ihr nie darüber nachgedacht, Schluss zu machen?
Ueli: Es gibt immer wieder Streitereien, bei denen man denkt: "Wäre ich doch Single, dann hätte ich diese Probleme nicht". Aber wenn der erste Groll verflogen ist, merkt man erst, wie dämlich das war. Mit ihr habe ich so ein gutes Los gezogen. Ich habe keinen einfachen Charakter aber sie ist trotzdem sehr tolerant. Das schätze ich sehr. Ich denke, wenn ich Single wäre, würde ich schon wieder jemanden finden, aber niemanden, der so gut zu mir passt wie sie.
Solène: Nein. Ueli ist so ein guter Mann. Und es gibt so wenig wirklich gute Männer heutzutage. Für mich ist er perfekt.

Was vermisst ihr am Single-Leben oder an wechselnden Beziehungen?Solène: Das Gefühl von Neuverliebtheit fehlt mir manchmal. Dieses aufgeregte Kribbeln im Bauch, wenn man aufeinander trifft.
Ueli: Mir fehlt das Weggehen so wie es früher war. Ich sag jetzt mal, wenn ich die Musik im Club nicht geil finde, hab ich dort nichts mehr verloren. Der Hauptgrund wieso wir früher mit Freunden feiern gingen, war das Flirten. Und das war auch immer sehr witzig. Heute gehe ich nur weg, um zu tanzen oder zu trinken. Die Art des Weggehens verändert sich in einer Beziehung schon sehr.

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