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Langzeitbeziehungen: Junge Paare erzählen, warum sie nicht wild rumvögeln

Die Generation Y legt sich angeblich nicht fest. Wir haben mit jungen Pärchen gesprochen, die es dennoch tun.

von Sascha Britsko
24 August 2016, 10:00am

​Foto von Scott Webb

Unsere Generation—oder eben das, was oft in die "Wir"-Schublade gesteckt wird—soll aus nie zufriedenen Perfektionisten bestehen, die fast seit ihrer Geburt auf Bildschirme starren. Aus Tinder-Millennials, die sich auf nichts festlegen wollen oder können. Nicht auf einen Job, nicht auf eine Zukunft und eben auch nicht auf einen Partner.

Aber natürlich schlagen wir nicht alle drei Monate ein neues Kapitel in unserer Bettgeschichte auf. Viele bleiben lange zusammen und haben schon teilweise fast ihr halbes Leben miteinander verbracht. Vielleicht ist es Liebe, vielleicht ist es Gewohnheit. Wir haben mit vier solcher Paare über Sinn und Unsinn einer Beziehung gesprochen und sie gefragt, wieso sie nicht schon lange Schluss gemacht haben.

Kushtrim (24) und Sandra (22), seit 10 Jahren zusammen

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VICE: Wie habt ihr euch kennengelernt?
Kushtrim: Wir lernten uns unserem Alter entsprechend klassisch kennen: im MSN-Chat. Zuerst fragte ich sie, ob wir zusammen ins Freibad gehen und dann, ob sie meine Freundin sein will.
Sandra: Zuerst gab ich ihm keine Antwort auf sein "Willst du mit mir gehen?". Er ignorierte mich anfangs noch eine Weile. Irgendwann willigte ich schließlich ein.
Kushtrim: Ich hätte nie gedacht, dass das Ganze mal so ernst sein wird. Ich nahm an, das wäre so eine Kinderbeziehung, die nach ein paar Monaten wieder zerbricht. Aber da sind wir nun.

Habt ihr nie das Gefühl, etwas verpasst zu haben?
Sandra: In Sachen Weggehen war er früher ein bisschen streng. Ich denke, wäre ich Single gewesen, dann hätte ich mehr Zeit mit meinen Freundinnen verbracht und wäre öfter feiern gegangen. Aber dadurch, dass wir so jung zusammengekommen sind, haben wir verschiedene Lebensabschnitte wie die Pubertät und das Erwachsenwerden miteinander erlebt, was uns noch näher zusammengebracht hat.
Kushtrim: Wir kennen es halt nicht anders. Man kann sich zwar vorstellen, wie es gewesen wäre, wenn man andere in unserem Alter ansieht, aber sie haben diesen Halt nicht, den wir einander geben können. Entweder man ist frei, oder hat eine Stütze im Leben.


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Wie sieht's mit Beziehungspausen aus? War das schon mal Thema?
Sandra: Oh ja, wir hatten schon etwa acht. Die längste dauerte einen Monat. Damals war ich 16. Als Kind fällt man viel schneller Entscheidungen. Kushtrim ist ein Sturkopf und sagte früher schnell mal: "Es ist aus". Aber er kam kurz darauf immer wieder zurück und entschuldigte sich.

Kushtrim: Eine Beziehung braucht auch Streit, Eskalationen und zwei Tage eisernes Schweigen. Es wäre nicht normal, wenn's nicht so wäre. Aber als Sandra zwei Monate in Amerika war, habe ich gemerkt: "Die musst du behalten."

Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, Schluss zu machen?
Kushtrim: Während dieser Beziehungspausen war ja quasi Schluss. Aber ich merkte dann immer schnell, dass es sich nicht richtig anfühlt, und kam wieder zurück.

Habt ihr vor, ewig zusammenzubleiben?
Kushtrim: Wir haben das schon vor. Aber wie die Welt in ein paar Tagen aussehen wird, weiß ich auch nicht.
Sandra: Wir haben Zukunftspläne, ja.

Marco (24) und Stefanie (23), seit 5 Jahren zusammen

VICE: Was ist gut an einer Beziehung—und was schlecht?
Marco: Man kennt sich sehr gut. Das ist ein Vor- und Nachteil. Man kennt die guten und die schlechten Seiten des Partners und kann sie zu seinem Vorteil auslegen. Und irgendwann kennt man sich eben so gut, dass man über belanglose Dinge zu streiten anfängt. Damit das nicht Alltag wird, muss man eben viel miteinander unternehmen und nicht nur zu Hause rumsitzen. Man muss sich halt Zeit nehmen füreinander, aber das ist ja kein Nachteil.
Stefanie: Für mich hat das eigentlich nur Vorteile. Meistens sind es ja Männer, die das Single-Leben vermissen. Aber dadurch, dass wir uns unseren Freiraum lassen, können wir uns beide ausleben. So kommt keiner zu kurz oder muss irgendwas am Single-Dasein vermissen.

Gab es auch schwierige Momente? Wann und wieso?
Marco: Natürlich gibt es schwierige Momente. In den letzten Jahren war es für uns am schwierigsten, Zweisamkeit zu finden. Ich studierte in einer anderen Stadt und war nur am Wochenende zu Hause. Jetzt studiert sie, muss ständig lernen und hat immer wieder Prüfungen. Außerdem hat man Hobbys und Freunde, da kann der eigene Partner schnell mal zu kurz kommen.

Habt ihr vor, ewig zusammenzubleiben?
Stefanie: Ja.
Marco: Grundsätzlich schon. Es ist sehr gut möglich. Sonst wäre ich ja nicht in dieser Beziehung.

Pinar (31) und Christian (32), seit 6 Jahren zusammen

VICE: Wie habt ihr euch kennengelernt?
Pinar: Das wissen wir gar nicht mehr. Verliebt haben wir uns 2010 auf einem Openair, aber davor kannten wir uns bereits fünf Jahre. Es war Liebe auf den 100. Blick oder so.

Was ist euch wichtig in einer Beziehung? Am Partner?
Pinar: Natürlich ist gegenseitiges Vertrauen sehr wichtig. Aber ich lege auch sehr viel Wert auf die Freiheit. Man soll auch innerhalb der Beziehung ein Individuum bleiben dürfen. Deshalb versuchen wir, uns gegenseitig nicht einzuschränken.
Christian: Ehrlichkeit und Loyalität. Sie ist zwar meine Frau aber sie ist auch meine beste Freundin. Aber man darf nicht aneinander kleben. Dann ist es auch kein Problem, wenn der andere feiern geht, oder ein wenig flirtet. Das machen wir beide sehr gern. Aber jeder kennt seine Grenzen.
Pinar: Bei solchen Dingen sind wir cool. Wir veranstalten wegen eines harmlosen Flirts nicht gleich ein großes Theater. Das gehört zum Leben.

Habt ihr schon mal an eine Beziehungspause gedacht? Oder ans Schlussmachen?
Pinar: Nein, auf keinen Fall. Kurz vor der Hochzeit bekam ich zwar kalte Füße, aber es hat ja doch alles gut geklappt, wie man sieht. Wir haben schon hin und wieder kulturelle Auseinandersetzungen vor allem beim Thema Familie, aber das ist für mich kein Grund, Schluss zu machen.
Christian: Bei mir sieht es auch so aus. Nur weil wir über die Wohnungseinrichtung streiten oder darüber, wann wir bei welchem Familienmitglied essen müssen, trennen wir uns doch nicht gleich. So sehr hat sie mich noch nie genervt.

Gibt es etwas, das ihr am Single-Leben vermisst?
Christian: Es gibt immer wieder diese Momente, in denen man gerne für eine Nacht wieder Single wäre. Aber dadurch, dass wir uns diese Freiheiten lassen, vermisse ich es eigentlich nicht. Mir wäre es viel zu anstrengend, wieder alles neu aufzubauen.
Pinar: Nein, ich vermisse es überhaupt nicht.

Ueli (21) und Solène (20), seit 4 Jahren zusammen

VICE: Wie viele Beziehungen hatte ihr schon?
Solène: Ueli ist meine erste.
Ueli: Ich hatte so etwas wie eine Beziehung vor ihr. Aber wir waren noch so jung. Solène ist eigentlich die erste richtige Beziehung.

Was sind die Vor- und Nachteile einer Langzeitbeziehung?
Solène: Man kennt sich in und auswendig. Das ist bestimmt ein Vorteil. Nachteil ist, dass man wichtige Entscheidungen nicht ohne äußeren Einfluss treffen kann. Zum Beispiel, ob man einen Sprachaufenthalt macht oder nicht. Man bezieht seinen Partner automatisch in seine Entscheidung mit ein, auch wenn man das nicht möchte. Aber ich bin allgemein ein Beziehungsmensch. Ich glaube, ich könnte nicht Single sein.
Ueli: Ein Nachteil ist vielleicht, dass man nicht die komplette Freiheit hat.

Habt ihr nie darüber nachgedacht, Schluss zu machen?
Ueli: Es gibt immer wieder Streitereien, bei denen man denkt: "Wäre ich doch Single, dann hätte ich diese Probleme nicht." Aber wenn der erste Groll verflogen ist, merkt man erst, wie dämlich das war. Mit ihr habe ich so ein gutes Los gezogen. Ich habe keinen einfachen Charakter, aber sie ist trotzdem sehr tolerant. Das schätze ich sehr. Ich denke, wenn ich Single wäre, würde ich schon wieder jemanden finden, aber niemanden, der so gut zu mir passt wie sie.
Solène: Nein. Ueli ist so ein guter Mann. Und es gibt so wenig wirklich gute Männer heutzutage. Für mich ist er perfekt.


Was vermisst ihr am Single-Leben?
Solène: Das Gefühl von Neuverliebtheit fehlt mir manchmal. Dieses aufgeregte Kribbeln im Bauch, wenn man aufeinander trifft.
Ueli: Mir fehlt das Weggehen, so wie es früher war. Wenn ich die Musik im Club nicht geil finde, hab ich dort nichts mehr verloren. Früher war Flirten der Hauptgrund. Und das war auch immer sehr witzig. Heute gehe ich nur weg, um zu tanzen oder zu trinken.



Titelfoto: Scott Webb | Unsplash | CC0