Lucid Trips macht den Traum vom Fliegen real und schickt euch auf eine virtuelle Schatzsuche

Das Hamburger Kollektiv VR Nerds um Motion Designer Nico Uthe hat die wahrnehmungserweiternde Erfahrung luzider Träume mit dem Prinzip des Geocachings kombiniert und so ein einzigartiges Spielkonzept für die Oculus Rift geschaffen.

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Dez. 10 2014, 2:42pm

Du träumst. Du weißt, dass du träumst. Du weißt, dass du träumst, und du kannst dich in deinem Traum frei bewegen. Meterweit springen. Fliegen. Deinem Körper sind keine Grenzen gesetzt. Du kletterst einen Berg hoch, springst und segelst nach unten, indem du einfach deine Arme ausbreitest. Du machst das, weil du dich bewusst dazu entschieden hast. Du kannst den Berg noch mal hochklettern, wenn du willst. Du kannst aber auch einfach auf ihn drauf springen, um dann noch ein mal nach unten zu segeln. Du hast einen Klartraum. In einem Klartraum (auch als luzider Traum bekannt) führt der Träumende Regie. Er träumt bei vollem Bewusstsein. Klarträumen kann man lernen, aber es ist harte Arbeit.

Der Hamburger Motion-Designer Nico Uthe hat zwei Bücher zum Thema gelesen und jeden Tag trainiert. Zwischen 20 und 30 Klarträume meint er, gehabt zu haben. „Mittlerweile habe ich es fast schon wieder verlernt. Klarträumen erfordert tägliche Praxis. Du suchst dir einen realen Gegenstand, wie eine Uhr oder einen Text. Wenn er sich verändert, weißt du, dass du träumst. Ich habe dabei echt krasse Erfahrungen gemacht, es fühlte sich realer an als die Realität."

Realer als die Realität? Das lässt sich seinen Freunden natürlich nur schwer vermitteln. Doch Nico Uthe wollte die überwältigenden Emotionen seiner Klarträume, seine persönlichen Schätze, mit anderen teilen. Bei Klarträumen werden die fünf Sinne wie im Wachzustand wahrgenommen. Mit dem Unterschied, dass der Träumende mitunter Situationen erlebt bzw. Handlungen vollzieht, die die Erfahrungswerte seines realen Lebens übertreffen.

Die virtuelle Realität ermöglicht jedem das Erleben von Klarträumen 

„Meine ursprüngliche Idee war es, Klarträume zu simulieren und zu teilen. Ich wollte eine Plattform schaffen, auf der man sich Träume herunterladen kann", erzählt Uthe. „Die Erkenntnis, dass ich das in meinen Klarträumen Erlebte nicht mit anderen teilen konnte, war eine wichtige Inspiration für Lucid Trips." Lucid Trips ist der Name des Virtual-Reality-Spielkonzepts, das Uthe in den letzten anderthalb Jahre gemeinsam mit 3D-Künstler Gero Doll entwickelt hat, um einfach jedem die bewusstseinserweiternde Erfahrung aus seinen Klarträumen zu ermöglichen. Denn wie wir spätestens seit Into the wild wissen: happiness is only real when shared. Ein Prinzip, das auch beim Geocaching, der elektronischen GPS-Schnitzeljagd, funktioniert. Beim Geocaching geht es um die Faszination des Suchens und Findens. Man möchte anderen Leuten schöne Orte kommunizieren, damit sie diese genauso erleben, wie man selbst. Man versteckt einen kleinen Schatz, damit andere Leute ihn finden. Diese Idee des Teilens passt zu meiner Idee des Teilens", erklärt Uthe.

Uthe und Doll, Mitglieder des Hamburger Virtual-Reality-Kollektivs VR-Nerds, wurde schnell klar, dass ihr Konzept, die Sinneswahrnehmungen eines luziden Traums in den Kontext einer Geochaching-Experience einzubetten, mit den visuellen Möglichkeiten der Videobrille Oculus Rift einen perfekten technischen Rahmen gefunden hatte. Da das Display der Oculus ein Sichtfeld von 110° Grad bietet, sind die Ränder des 3D-Bilds vom Träger der Brille so gut wie nicht wahrnehmbar. Ein Bewegungssensor zeichnet die Bewegungen des Kopfes auf, so dass das Bild in Echtzeit an die Kopfbewegung des Spielers angepasst wird. Es entsteht der Eindruck einer dreidimensionalen 360°-Umgebung.

Mit Hilfe sogennannter Positional-Tracking-Technologien ist es zudem möglich die Bewegungen einzelner Körperteile zu scannen und ebenfalls in Echtzeit auf dem Display der Brille darzustellen. Die Bewegungen der echten Hand entsprechen so exakt den Bewegungen der virtuellen Hand. In der Robotik nennt man das Inverse Kinematik. Technisch problemlos möglich wäre die Darstellung des gesamten Körpers auf der Oculus Rift. Doch hier stoßen nicht nur Uthe und Doll auf ein echtes Problem: Wenn der Körper des digitalen Avatars vollständig mit dem Körper seines Spielers synchronisiert ist, muss der Spieler weite Wege zurücklegen, um seinen Avatar in der virtuellen Realität fortzubewegen. Und im Gegensatz zum virtuellen Raum ist der reale eindeutig begrenzt.   

„Stell dir vor dein Körper besteht nur noch aus Händen, Armen, Brust und Kopf"

Die Entwickler von Lucid Trips hatten hier eine geniale Idee: Sie verzichten auf einen Avatar mit Beinen. Stattdessen bewegt sich ihre virtuelle Spielfigur ausschließlich mit Hilfe von Armen und Händen. Uthe beschreibt es folgendermaßen: „Stell dir vor, dein Körper besteht nur noch aus Händen, Armen, Brust und Kopf. Dein Körper schwebt nun ca. 30 cm über dem Boden. Nun benutzt du abwechselnd deine Hände, um dich nach vorne zu bewegen. Als säße dein kurzer Körper auf einem Hoverboard wie in Zurück in die Zukunft. Da dein gesamter Körper im Vergleich zur Welt relativ groß zu sein scheint, fühlt es sich nicht so an, als würdest du über den Boden krabbeln, sondern du hast eher das Gefühl, du wärst ca. 1,50m über dem Boden und hättest sehr lange Arme, die bis zum Boden reichen."

Zur Zeit arbeitet das Team von Lucid Trips hier noch mit den Move-Controllern der PlayStation. In Zukunft sollen aber andere Handtracking-System eingesetzt werden, die bisher noch nicht marktreif sind oder den den Ansprüchen von Lucid Trips noch nicht genügen, wie Leap Motion, Nimblr VR; Sony Morpheus oder das sich noch in der Entwicklung befindliche System von Oculus. „Im Prinzip entwickeln wir grade ein Spiel für Controller, die es noch gar nicht gibt", scherzt Uthe.

Während du im 150-Grad-Winkel über dem Boden hängend Quadrocopter-Wind im Gesicht spürst, ist der Traum vom Fliegen greifbar nahe  

Trotzdem ist die Handsteuerung das zentrale Tool von Lucid Trips, mit der sich die Spieler durch die Traumwelten manövrieren und verschiedene Handlungen ausführen können. „Die haptische Erfahrung ist für die Immersion sehr wichtig. Man kann Objekte mit den Händen berühren. Durch Positional Tracking wird es möglich sein, intuitiv 3D-Objekte und Skulpturen zu gestalten und ganze Planeten zu modulieren. Du kannst Objekte finden und anschließend für andere Leute verstecken. Ich wüde das Spielkonzept in der ersten Version als Virtual-Reality-Geocaching beschreiben: Du bist auf einem Planeten und suchst nach einem bestimmten Spot, einem schönen Ort, der schwer zugänglich ist. Du kannst auf diesem Planeten kriechen, krabbeln, fliegen oder hoch springen. Die Art und Weise, wie du dich der Suche nach dem Schatz fortbewegst, ist an meine luziden Träume angelehnt. "

Um ein möglichst hohes Level an Immersion, dem mentalen und emotionalen Eintauchen in die virtuelle Traumwelt, zu gewährleisten, hat das Team von Lucid Trips eine spezielle Körperaufhängung entwickelt, in der der User 30 Grad nach vorne geneigt über dem Boden hängt. Während ihm dabei eine Installation aus Quadrocoptern künstlich generierten Wind ins Gesicht bläst, scheint der ewige Traum vom Fliegen greifbar nahe. Doch die Aufhängung ist vorerst nur ein Experiment und soll nicht Teil des kommerziellen Spiels werden, das die VR-Nerds hoffen, im nächsten Jahr auf den Markt bringen zu können. Ein älteres Video zeigt die Körperaufhängung, die das Team von Lucid Trips im Septmeber auch auf der Play 14 in Hamburg vorgestellt hatte.

Ob die VR-Nerds aus Lucid Trips, das sie derzeit noch in einer „frühen Alpha-Phase" sehen, eventuell mal eine Kickstarter-Kampagne machen, lassen die Hamburger derzeit noch offen. In jedem Fall hoffen sie, mit ihrem innovativen Ansatz, auch andere Entwickler zu inspirieren. „Wir möchten kein Spiel rausbringen, das fertig ist, sondern einen Baukasten, der sich mit der neuen Technik immer weiter entwickelt. Es soll für andere Entwickler offen sein, damit sie ihre eigenen Träume gestalten können. Wir teilen den Mechanismus mit Entwicklern, aber das Prinzip des Geocachings muss zum Beispiel nicht übernommen werden", erklärt Uthe. 

>> Auf der Website von Lucid Trips könnt ihr den aktuellen Status der Projekts jederzeit mitverfolgen

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