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Ich habe mit dem Tinder für Reiche versucht, möglichst viel umsonst zu bekommen

Luxy soll eine Art Dating-App für Millionäre sein. Trotzdem habe ich es irgendwie geschafft, mich als erfolgreiche Businessfrau auszugeben.

von Rose Dalle
27 November 2014, 3:49pm

Foto von Dana Boulos (nicht abgebildet: die Autorin)

Ich mag Champagner, teuren Käse und Bettbezüge aus Seide. Leider nur habe ich mich für die falsche Karriere entschieden. Ich ernähre mich größtenteils von Tiefkühlpizza und mein Budget reicht nicht mal für eine Übernachtung in einem Billighotel am Meer.

Zu meinem Glück gibt es aber Luxy. Angepriesen wird diese Dating-App als „Tinder ohne die Armen" und brüstet sich mit einer Einkommensüberprüfung als Aufnahmekriterium, damit auch nur die dicksten Fische unter den paarungswütigen Jungspunden es miteinander treiben. Laut Eigenbeschreibung gehören Firmenvorstände, Spitzensportler, Ärzte, Anwälte, Investoren und Promis zu den „erfolgreichen und attraktiven" Nutzern der App. Wie ich es in diesen überaus exklusiven Dating-Pool geschafft habe? Ich musste mich einfach nur anmelden und meine Dates davon überzeugen, dass ich eine von ihnen war.

Es begann alles sehr vielversprechend. Nach wenigen Tagen und ein paar flirtiven Nachrichten wurden mir schon Flüge um die Welt, Opernbesuche und Übernachtungen in luxuriösen Hotels angeboten.

Ich wollte aber sehen, wie viel ich an einem einzigen Abend abstauben konnte—im Gegenzug für nichts als eine kurzweilige Unterhaltung mit mir. Deswegen verbrachte ich den Freitagabend und den folgenden Morgen damit, mir Dates für Samstagabend zu arrangieren. Als Treffpunkt für alle drei Luxy-Verabredungen wählte ich den feinen Sloane Square in Chelsea, London, um den monetären Wert meiner potenziellen Beute zu maximieren. Mein Outfit garnierte ich mit dem dezentesten Schmuck, den ich auftreiben konnte, und einem Paar hässlicher Pumps mit Pfennigabsatz.

Mein erstes Date war ein Typ, den wir von nun an einfach Piers* nennen werden. Wir trafen uns um 17 Uhr in The Botanist, einer luxuriösen Cocktailbar. Piers kam 20 Minuten zu spät, aber mir fehlte es dann doch an der nötigen Dreistigkeit, um ihm deswegen eine Szene zu machen—immerhin war ich ja gerade dabei, ihn nach Strich und Faden zu verarschen.

Piers wiederum schien es nicht für nötig zu halten, sich für seine Verspätung zu entschuldigen. Ich schnappte mir mit der Aussicht auf eine Menge Freigetränke die Karte, die er mir dann aber mit einem Lächeln wieder schloss. Ganz so, als wollte er sagen: „Darling, die brauchst du heute Abend nicht. Piersy wird sich um dich kümmern."

Er ging fort und kam mit etwas zurück, das sich Lavender Bloom nannte—für ihn „das Übliche" und zufälligerweise auch der teuerste Drink auf der Karte. Er schmeckte nach Mottenkugeln und Blumengedeck. Egal, dachte ich mir. Ich hatte mir mein erstes Getränk erschlichen und alles schien gut zu laufen. Ich musste mich ja nur mit ihm unterhalten. Er machte beruflich irgendwas mit Firmenrecht, was ziemlich öde klang. Das ganze Zugehöre zahlte sich aber aus. Schon bald bot er mir an, mich das kommende Wochenende mit nach Paris zu nehmen.

Meine eigene Lebensgeschichte versuchte ich so nah wie möglich an meinem tatsächlichen Leben zu halten, um nicht irgendwann über meine eigenen Lügen zu stolpern. Ich bin Hannah Ramazanov, halb Deutsche, halb Russin, aber aufgewachsen in London. Ich bin im Stadtteil Bettersea auf die Welt gekommen, hatte ein Medienunternehmen geerbt und verbringe seither meine Tage damit, durch Harrods zu streunen und in Immobilien zu investieren. OK, vielleicht orientierte ich mich doch nicht so sehr an meinem tatsächlichem Leben. An irgendeinem Punkt muss es mich wohl etwas überkommen haben.

„Du kommst mir irgendwie bekannt vor", sagte er. Ich hatte ihn vorher noch nie gesehen. Normalerweise bewege ich mich nicht in Kreisen, in denen Männer ihre üppige Brustbehaarung zur Schau stellen und Namen wie Piers haben. Ich hoffte also einfach, dass er mich mit irgendeinem anderen blondgefärbtem Chelsea Girl verwechselt hatte. „Während ich uns den nächsten Drink besorge, werde ich noch einmal drüber nachdenken", sagte er.

Er kam mit dem hauseigenen Champagner-Cocktail zurück. Dieser schmeckte genau so furchtbar wie das Getränk davor, aber, hey, es war Alkohol, also runter damit. Er bestellte außerdem noch ein paar Austern dazu, was in seinen Augen wohl besonders weltmännisch rüberkommen sollte. Mit dem glibbrigen Weichtier zwischen den Fingern erzählte er mir, dass Austern von vielen Menschen auch als Aphrodisiakum verwendet werden. Wie auch dem Rest der westlichen Zivilisation war mir diese Tatsache hinreichend bekannt. Piers fing an, mich zu langweilen.

Ich musste es aber nicht mehr allzu lange mit ihm aushalten. Bei der fünften Auster hatte er plötzlich eine Erleuchtung. „Ich weiß jetzt, woher dich kenne. Du siehst aus wie dieses Mädchen in dem Artikel, den ich letztens gelesen habe." Ich lachte mit dem schrillen, nasalen Krächzen einer älteren reichen Frau. „Unmöglich", prustete ich und winkte ab. Er holte sein Handy raus, um mir den Artikel zu zeigen. Ich sagte irgendwas von Nasepudern und schlich mich aus dem Restaurant.

Im Gegensatz zu Piers war mein zweites Date, Henri, pünktlich an der Haltestelle, wo wir uns verabredet hatten. Er sagte mir, dass er lieber nicht direkt am Sloane Square was trinken würde—es sei einfach zu prätentiös. Wir gingen also zu einer anderen Bar und dort angekommen gab er sofort seine Kreditkarte ab, um unsere Rechnung darüber laufen zu lassen.

Zwei Champagner-Cocktails später verstanden wir uns schon prächtig. Er erzählte mir davon, dass er bei einer großen Musikfirma arbeiten würde. Nach dem Vorfall mit Piers war ich jedoch etwas nervös. Das hier war doch alles gefährlich nah an meinem tatsächlichen Leben. Als er anfing, von Plattenfirmen und Musikjournalismus zu reden, befürchtete ich schon, dass diese Verabredung ähnlich abrupt wie die vorherige enden würde. Wir plauderten aber nur ein bisschen über Metallica und J-Pop, bis ich es dann endlich schaffte, das Thema zu wechseln.

Da Henri bessere Manieren hatte, wurden mir, während wir so unseren Champagner schlürften, eine Menge Fragen gestellt—und auf Fragen werden auch Antworten erwartet. Wo wohne ich? Welches Medienunternehmen gehört mir? Wo habe ich Immobilien? Er hatte es wirklich auf die ganzen kleinen Einzelheiten abgesehen und während ich versuchte, mich möglichst vage zu halten, verlor ich langsam aber sicher den Überblick über mein Lügengeflecht. So fühlt es sich also an, in der PR zu arbeiten, dachte ich mir.

Meine schwammigen Antworten schienen ihn nur zu weiteren Fragen anzuspornen. Er zeigte mir dann noch die Dating-App aus seiner Sicht. „Sieh mal, diese ganzen Mädchen hier sind nur auf Kohle aus", grinste er schelmisch, bevor er mich dazu einlud, mit zum Lady Gaga Konzert zu kommen—natürlich mit VIP-Pässen. Als Henri mir dann bestimmt sagte, dass er mich zum Abendessen einladen würde, kam bei mir die Vermutung auf, dass er mich gerade testet. Das sollte ich aber nie herausfinden, für das Abendessen war ich schließlich schon anderweitig verabredet.

Nachdem ich mich mit einer Ausrede verabschiedet hatte, traf ich um 20 Uhr mein drittes Date in einem feinen Restaurant namens Colbert. Als ich durch die Tür trat, fragte mich die Oberkellnerin, auf welchen Namen der Tisch denn reserviert sei. Ich hatte mittlerweile schon ordentlich einen sitzen und musste erst mal die Luxy-App nach dem Namen meiner Verabredung durchsuchen. „Tarquin", sagte ich. Sie erwiderte mir, dass zwei Tarquins für 20 Uhr einen Tisch bestellt hätten und bot mir zwei Nachnamen an. Ich hatte keinen blassen Schimmer. Zum Glück winkte mich aber schon freudig ein Mann zu seinem Tisch rüber. „Ich hoffe, du hast nichts dagegen", sagte er, „aber ich habe mir die Freiheit erlaubt, etwas Champagner zu bestellen."

Mittlerweile hatte mich dieser Heißhunger überkommen, der einen normalerweise nur ereilt, wenn man um 4 Uhr Morgens sternhagelvoll in der eigenen Küche hockt. Auf dem Tisch stand ein Körbchen mit feinem Brot. Ich schnappte mir sofort ein Stück, tunkte es in Butter und schob es mir in den Mund, als wäre ich bei einem Kuchenwettessen. Tarquin schien das zu gefallen. „Ich mag Mädchen mit Appetit", grinste er anerkennend. „Tut mir leid", erwiderte ich. „Ich hab seit dem Brunch keinen Bissen mehr zu mir genommen."

Als der Kellner zu uns kam, fragte mich Tarquin, ob ich nicht das Getränk aussuchen möchte. Ich wählte Rotwein und ließ mein Date eine der teuersten Flaschen bestellen. Außerdem wollte ich irgendetwas essen, das ich mir normalerweise niemals leisten könnte. Ich hatte ursprünglich den Heilbutt ins Auge gefasst, wollte aber auch nicht zu billig rüberkommen. Ich entschied mich dann also für das zweitteuerste Fischgericht auf der Karte und dazu Pommes als Beilage—zwei Portionen Pommes. In diesen schicken Restaurants sind die Gerichte ja immer winzig.

Wir unterhielten uns über seine zahlreichen Ausflüge zu den ​Proms, über Chopin, Jagen und unser gemeinsames Interesse: Gourmet-Essen. Von einer irgendwie gearteten sexuellen Grundstimmung war nichts zu spüren. Es war, als würde man mit seinem reichen, Tory wählendem Onkel Essen gehen. Ich bestellte zum Nachtisch noch ein unglaublich überteuertes Eis und verabschiedete mich dann der Einfachheit halber auf die Toilette, während er sich um die Rechnung kümmerte.

Auf dem Weg zurück zur Haltestelle machte Traquin schon Pläne für die kommende Woche. „Ich werde erst einmal im Savoy einen Tisch reservieren", sagte er. Nach einer Pause und einem nicht ganz so subtilen Seitenblick fügte er mit gedämpfter Stimme hinzu: „Und eine Übernachtung vielleicht? Die zeitlosen Suiten dort würden sich doch wahrscheinlich besonders gut eignen."

Das war mein Stichwort, um mich zu verabschieden. Ich hätte mich allerdings auch problemlos weiter durchschnorren können. Henri verlangte, sich später noch für Champagner und mehr zu treffen. Piers schien unterdessen der Illusion erlegen zu sein, dass unser Date nicht eine einzige Katastrophe gewesen war und wollte mich schon am nächsten Tag wieder in einer Bar im Clardige's treffen. Ein weiterer Typ, der mir am Morgen noch abgesagt hatte, schickte mir pausenlos Nachrichten und schaffte es sogar irgendwie, mich bei Facebook ausfindig zu machen.

Das war auch irgendwie das Problem mit diesen Luxy-Männern. Sie sahen etwas, das ihnen gefiel, und wollten es dann sofort haben. Nachdem mir jeder von ihnen etwas ausgegeben hatte, hatte ich das Gefühl, eine Art von finanziellem Vertrag eingegangen zu sein: schöne Sachen für mich und eine Übernachtung für dich. Es war wie bei Pretty Woman, nur dass ich nicht genug Zeit mit einem der Typen verbracht hatte, um herauszufinden, ob die Geschichte auch ein Happy End haben würde. Es war aber immerhin genug, um Getränke und Essen im Wert von einer halben Monatsmiete abzustauben—und die Mieten in London sind verdammt hoch.

*Alle Namen wurden geändert.