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Flüchtlinge erzählen, wie es ihnen nach ihrer Ankunft in Deutschland ergangen ist

„Sowohl der deutschen Regierung als auch der deutschen Bevölkerung muss viel Respekt gezollt werden."

von Alexander Coggin
04 November 2015, 11:00am

Alle Fotos: Alexander Coggin

„Ich dachte immer, dass Deutschland ein Paradies sei. Jeder hier ging davon aus, dass nach der Ankunft in Berlin sofort alles besser werden würde", erzählt mir Ahmed Kanaan. Der 19-jährige Syrier gehört zu den fast 1,5 Millionen Flüchtlingen, die Schätzungen zufolge bis Ende des Jahres in Deutschland angekommen sein werden. Obwohl der junge Mann schon glücklich darüber ist, es überhaupt bis nach Berlin geschafft zu haben (gut 3.000 Menschen sind bisher bei der Überquerung des Mittelmeers ums Leben gekommen), stellt er sich doch die gleiche Frage wie zahllose andere Flüchtlinge auch: Und was jetzt?

Keine zwei Flüchtlinge haben die gleiche Geschichte über ihren Weg nach Berlin zu erzählen. Für die einen dauert die Hölle beim Warten auf ein besseres Leben in Europa Tage, für andere wiederum Monate.

Und alleine schon das Warten bedeutet meist schlimmen Stress. Die Anzahl der Menschen, deren Anträge weiter bearbeitet werden, schwankt von Tag zu Tag. Und selbst wenn man die Warteschlange vor dem LaGeSo für nur fünf Minuten verlässt, kann es sein, dass man seine Chance verpasst, in eines der Camps in den Vororten ziehen zu können. Dazu kommen noch sprachliche Barrieren, rassistische Vorurteile und heftiges Chaos—sowohl bei den Flüchtlingen als auch bei den Beamten und freiwilligen Helfern. Diese ganze Mischung aus emotionalen Qualen und Verwirrung gleicht dabei einer tickenden Zeitbombe.

Der Fotograf Alexander Coggin hat sich zusammen mit Qudsija Ansary und Yasmine Jamal, die dolmetschten, unter die sorgenvoll wartenden Flüchtlinge gemischt und dabei mit mehreren Menschen gesprochen, die sich in verschiedenen Abschnitten des Asyl-Prozesses befinden. Einige haben das Chaos vom LaGeSo bereits hinter sich und wohnen schon in den Flüchtlingslagern, andere wiederum warten schon seit Tagen vor dem Regierungsgebäude darauf, ihre Nummer zu hören, und wieder andere haben extremes Glück und konnten ihr neues Leben bereits beginnen. Folgende Geschichten haben wir über ihre Flucht nach Berlin und die Vorkommnisse nach ihrer Ankunft erzählt bekommen.

Sarah Kohestani (rechts, 38) aus Afghanistan
Tage seit der Ankunft in Berlin: 14

„Auf unserem Weg aus Afghanistan raus gab es einen Unfall. Wir waren 40 Leute auf einem Lastwagen und ich erlitt durch die Motorhitze schwere Verbrennungen an meinem Bein. Ich saß direkt über dem Motor und es wurde immer heißer, aber ich konnte mich nicht bewegen, weil sich so viele Leute um mich herum drängten. So war mein Bein fast zwei Stunden lang sengender Hitze ausgesetzt. Das Ganze geschah an der iranisch-türkischen Grenze und deshalb gab es für den Rest der Reise keine Möglichkeit, einen Arzt aufzusuchen. Ich konnte nicht mehr wirklich laufen und auch die Wunde wurde immer größer, aber das interessierte niemanden. Mir wurde immer nur gesagt, dass ich sofort nach Deutschland müsste, weil es dort viele Ärzte geben würde. Ich bin jetzt allerdings schon seit zwei Wochen hier und man hat mir immer noch nicht geholfen. Nicht mal Medikamente werden uns bereitgestellt. Ich wünsche mir doch eigentlich nur einen richtigen Schlafplatz und die Möglichkeit, zu einem Arzt zu gehen."

Aws (30) aus Homs (Syrien) und Steven (24) aus Aleppo (Syrien)
Tage seit der Ankunft in Berlin: 30

„Als wir in Berlin ankamen, suchten wir direkt nach einem ordentlichen Schlafplatz, mussten dann aber in einem Camp bleiben, wo mehr als 60 Leute in einem Raum übernachteten. Dort sind wir drei Nächte lang geblieben und genügend Essen gab es auch nicht. Wir sind dann zurück zum LaGeSo, wo wir eine junge deutsche Frau kennenlernten. Ich erzählte ihr, dass ich mit meinem Freund hierher gekommen war und wir nicht mehr zurück ins Camp wollten, denn wenn man dort herausfinden würde, dass wir schwul sind, dann wäre das sehr gefährlich für uns. Daraufhin stellte sie mich einer anderen Frau vor, die uns einen Schlafplatz in der Nähe des LaGeSos anbot. Wir erzählten ihr davon, wie wir während unserer Reise einmal belästigt wurden, weil wir Händchen hielten, und immer noch Angst vor Gewalt hätten. Die Frau unterstützte uns bei der Suche nach einer Unterkunft und gab uns dazu noch Geld für Schuhe. Außerdem half sie uns beim Kauf von Bustickets und schaute auch mal über unsere Dokumente.

Inzwischen leben wir bei einem jungen Mann und man kümmert sich um uns. Die LGBT-Gemeinschaft hilft uns ungemein. Sie fühlen sich für uns verantwortlich. Wir warten jedoch immer noch darauf, dass man beim LaGeSo unsere Nummer ausruft. Wenn wir unsere Aufenthaltserlaubnis bekommen haben, wollen wir heiraten. Das hier ist ein freies Land, wo wir uns küssen und unsere sexuelle Neigung öffentlich zeigen können. Wir wollen hier arbeiten und etwas lernen—wir sind nicht nur hergekommen, um das Geld der Regierung einzukassieren. Wir wollen in einem freien Land leben, weil wir in unserer arabischen Heimat nicht wir selbst sein können."

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Ali Ahmad (37) aus Afghanistan
Tage seit der Ankunft in Berlin: 10

„Ich bin vor 28 Tagen aus Afghanistan geflohen. Das geschah mit der Hilfe eines Schmugglers—erst auf einem Kayak, dann auf einem größeren Boot und schließlich zu Fuß. Ich weiß nicht genau, wann ich in der EU angekommen bin, aber in Berlin bin ich jetzt schon seit zehn Tagen. Verwandte haben hier eine Wohnung und da sind wir jetzt auch untergekommen. Ich habe meine Frau und meine zwei Söhne mitgebracht. Der Schmuggler verlangte 8.000 Dollar für mich, 8.000 Dollar für meine Frau und jeweils 4.000 Dollar für meine Söhne. Dazu mussten wir noch unser eigenes Essen kaufen, weil sich die Schmuggler darum nicht kümmerten. Unsere Lebensmittelvorräte haben dann für die 28-tägige Reise nicht gereicht. Ich konnte ohne Essen auskommen, meine beiden Kinder jedoch nicht. Deswegen haben sie auch immer zuerst etwas bekommen. Ich stehe jeden Tag von sieben Uhr morgens bis acht Uhr abends vor dem LaGeSo. Dabei gehe ich nicht mal für fünf Minuten weg, weil ich Angst habe, dass ich dann nicht mitbekomme, wie sie meine Nummer aufrufen. Ich will unsere Chance auf die weitere Bearbeitung unseres Antrags nicht zerstören."



Kathem und Wijdan Selim mit ihren Kindern Muemel (15), Ahmed (13) sowie Abrar und Anwar (beide 8) aus Basra (Irak)
Tage seit der Ankunft in Berlin: ungefähr 60

„Im Irak arbeitete ich in einem Krankenhaus. Vor unserer Flucht kam eine Gruppe Milizsoldaten in die Klinik und wollte, dass ich ihre Wunden behandle, ohne das Ganze zu melden. Ich bekam Angst und sagte deshalb Nein. Wenn es sich um offizielle Soldaten gehandelt hätte, dann wären sie direkt in ein staatliches Krankenhaus gegangen. Sie schlugen mir dann gegen den Kopf und verprügelten mich. Ich musste schließlich meinen Job aufgeben, weil ich so viele Drohungen erhielt. Zwei Wochen später entführten sie dann meine Tochter—und zwar direkt von meinem Haus. Wir dachten erst noch, dass sie bei einer ihrer Freundinnen wäre, aber wir konnten sie nirgendwo finden. Drei Stunden später bekamen wir dann einen Anruf von einer geblockten Nummer: Ein Mann meinte zu mir, dass sie meine Tochter hätten und ich 5.000 Dollar bezahlen müsste, um sie wiederzubekommen. Natürlich besaßen wir nicht so viel Geld.

Ich flehte sie an, meiner Tochter nicht weh zu tun, denn sie war ja noch ein Kind! Sie sagten, dass sie sie umbringen würden, weil ich die Soldaten damals nicht als Patienten behandeln wollte. Meine Frau war zu diesem Zeitpunkt auch schwanger und erlitt aufgrund des Schocks eine Fehlgeburt. Insgesamt war meine Tochter drei Tage lang verschwunden. Dann kam der nächste Anruf und es hieß, dass ich ihre Leiche vor meiner Haustür finden würde. Sie dachten, dass sie tot wäre, aber sie hatte zum Glück nur das Bewusstsein verloren und schwere Verbrennungen erlitten. Außerdem hatten die Soldaten Dinge in sie gesteckt. Meine Tochter atmete nur noch schwach, aber wir haben sie wieder gesund gepflegt. Ich hatte zu viel Angst, sie in ein Krankenhaus zu bringen, weil ich dachte, dass sie uns dort wieder finden würden. Deshalb nahm ich sie mit zu meinem Schwager, wo ich sie anschließend privat behandelte. Ihre Genesung dauerte insgesamt sechs Monate und eine ganze Zeit lang konnte sie auch nichts mehr sehen, weil sie mit dem Trauma so sehr zu kämpfen hatte.

Das ist alles vor einem Jahr passiert. Wir hatten wirklich Angst, in der Gegend zu bleiben, und sind deswegen im Irak oft umgezogen. Schließlich zahlten wir einem Schmuggler 20.000 Dollar, damit er mich und meine ganze Familie nach Deutschland bringt. Wir hatten keine Ahnung, wo wir hin sollten, und haben uns deswegen für die Hauptstadt entschieden. Als wir dann in Berlin ankamen, meldeten wir uns direkt bei der Polizei. Seitdem haben wir uns beim LaGeSo registriert, aber Geld, deutsche Ausweise und medizinische Unterstützung sind bis jetzt noch Fehlanzeige. Zwar hat man uns schon ein Datum für die weitere Bearbeitung unserer Unterlagen genannt, aber dieses Datum wird immer wieder nach hinten verschoben. Morgen müssen wir wieder zum LaGeSo.

Eigentlich wollen wir nur Stabilität und Sicherheit für unsere Kinder. Sie sollen eine ordentliche Zukunft haben und etwas lernen. Ich würde gerne wieder in der medizinischen Branche arbeiten und Menschen helfen. Ich will Deutschland aber auch ein großes Dankeschön aussprechen. Die Leute hier verdienen großen Respekt für die Menschlichkeit, die sie selbst in solchen Krisenzeiten noch zeigen. Sowohl der deutschen Regierung als auch der deutschen Bevölkerung muss viel Respekt gezollt werden."

Inana Alassar (20) aus Syrien
Tage seit der Ankunft in Berlin: ungefähr 60

„Als ich hier ankam, fühlte ich mich zum ersten Mal in meinem Leben richtig geborgen, denn ich bin lesbisch. In Syrien ist Homosexualität illegal und man wird dafür eingesperrt. Dort fühlt man sich total verloren und so, als ob die eigene Homosexualität eine Art Fluch wäre. Ich kam mir so vor, als wäre ich mein ganzes Leben lang lebendig begraben gewesen, und die Paranoia ließ mich immer total vorsichtig sein—was irgendwann ebenfalls zu einer richtigen Belastung wurde.

Aber wie gesagt, hier fühle ich mich richtig geborgen. Das Ganze ist total überwältigend—eine Art kleiner Traum, der fast zu schön ist, um wahr zu sein. Der Mensch sein zu können, der man eigentlich ist, fühlt sich einfach wunderbar an. Wenn ich den ganzen Papierkram hinter mir habe, will ich Gesang studieren und professionelle Sängerin werden. Hoffentlich habe ich dann auch irgendwann zusammen mit meiner zukünftigen Partnerin eine eigene Wohnung. Vor allem auf die Frau an meiner Seite freue ich mich schon sehr."

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Ahmed Kanaan (20) aus Kobanê (Syrien)
Tage seit der Ankunft in Berlin: ungefähr 60

„Jeder dachte, dass nach der Ankunft in Deutschland alles OK wäre und sich die Dinge schnell zum Besseren verändern würden. Wir gingen davon aus, dass man hier alles für uns vorbereitet hätte. Ich dachte, dass es hier wie im Paradies wäre: Man bekommt eine Wohnung gestellt, erhält 390 Euro pro Monat und darf direkt arbeiten. Aber nichts davon ist eingetreten. Eigentlich will ich doch nur meinen Schulabschluss fertig machen."

Mehr von Alexanders Arbeiten findest du auf seiner Website.