Hogwarts

Alles, was ich aus Harry Potter gelernt habe

J.K. Rowling hatte in meiner Kindheit und Jugend mehr Einfluss auf meine Erziehung, als Toggo-TV, Bravo und meine schreiende Mutter zusammen.

von Fredi Ferkova
30 November 2015, 10:00am

Foto: Noël Zia Lee | Flickr | CC

Harry Potter ist nicht nur der Auserwählte, sondern auch ungefähr die beste Figur einer verfilmten Buchreihe. Was ich damit meine: J.K. Rowling hat in meiner Kindheit und Jugend mehr Erziehungscharakter gehabt, als Toggo-TV, Bravo und meine schreiende Mutter zusammen. Und ich bin sehr glücklich darüber. Als ich am Wochenende verkatert im Bett gelegen bin, habe ich einen nostalgischen Ausflug in die Welt der Magier und Muggels gewagt.

Damit meine ich, dass ich die Filme angesehen habe—ich hatte einen Kater. Als ehemalige Buch-Hardlinerin, hat es mir etwas im Herzen wehgetan. Aber nicht allzu sehr. Harry-Hardliner feiern nämlich alles, was die Welt von Harry zeigt, beschreibt oder bespricht. Auch die Filme. Bei mir hat sich Potter-Krankheit auf allen Ebenen ausgedrückt. Ich habe sehnsüchtig auf jedes Buch gewartet. Ich habe mit 13 Bücher auf Englisch gelesen—meine Englisch-Professoren hätte sich ruhig etwas von Joanne abschauen können. Ich bin nächtelang wachgelegen, um das Buch zu verschlingen. Ich habe jeden Film sofort sehen müssen.


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Aber es wird kränker: Ich habe versucht, auf J.K Rowlings Website das große Rätsel zu lösen. Ich habe alles über Harrys Welt, was Rowling niemals herausgebracht oder autorisiert hat. Bis ich 14 war, habe ich einen rothaarigen Freund gesucht. Mit Sommersprossen. Der lustig ist. Weil Ronald meine damalige Liebe des Lebens war. Ich habe Fanfiction geschrieben!

Ich habe nicht geheult, als Dumbledore oder Dobby gestorben sind, aber ich hatte einen Nervenzusammenbruch, als ich die letzte Seite des letzten Buches gelesen habe. Ich war zu dem Zeitpunkt 15. Und ich habe mich im Bad eingesperrt und zwei Stunden lang geheult und geschrien. Mein Freund wollte ins Badezimmer und mich trösten, aber ich habe nur hysterisch „DU VERSTEHST MICH NICHT!" gekreischt. Es war ziemlich weird. Nach diesem Zwischenfall war die Beziehung irgendwie angeknackst.

Harry verkörpert meine gesamte Jugend. Aber das Schöne war: Ich war zwar wahnsinnig besessen und mein gesamtes Verhalten war bedenklich, aber es hat mich niemand aufgehalten. Weil Bücher für Erwachsene immer toll sind, auch wenn man am liebsten sterben möchte, wenn der Lieblingsfigur etwas passiert. Nerdsein macht suchthaftes Verhalten in gewissen Kreisen akzeptierter. Es gibt der Obsession einen akzeptierteren Begriff und vielleicht auch eine Rechtfertigung.

Auch, weil ich nicht der einzige Hardliner war. Jedes Mal, wenn ein neues Buch erschienen ist, wurden die lautesten Kinder der Klasse leise und haben gelesen. Sonst haben wir unsere Zeit schreiend mit Pokémon-Kämpfen und Yu-Gi-Oh-Battles vertrieben, aber bei Harry war das anders. Harry war besonders.

Mittlerweile bin ich älter, die Harry-Zeiten sind glücklich gefärbte Erinnerungen und ich lächle selig, wenn ich über ihn schreiben darf. Demnächst lasse ich mir die Heiligtümer des Todes tätowieren. Eine Modekette hat T-Shirts und Pullis mit seinem Shit rausgebracht—ich habe sie alle. Dennoch bin ich schon so weit, dass ich auch kritisch reflektieren kann. Gut, es ist nach wie vor die beste Buchreihe der Welt, aber warum war am Ende des Buches absolut niemand traumatisiert? Ich meine, da sind Menschen gestorben. Es gab Krieg. Sogar ich war traumatisiert.

Am Ende fetzt uns die Joanne aber ein wundervolles Happy End hin—nachdem sie einige Schlüsselpersonen getötet hat. Niemand wird alkoholkrank oder depressiv, alle haben zusammen eine glückliche Familie. Aber ich kritisiere gerade den Realitätssinn eines Buches über Zauberer. Hier, was Harry Potter, Bücher wie Film, zu meinem Leben beigetragen haben und was ich daraus gelernt habe. Danke Joanne.

Aus Freundschaft entsteht die schönste Liebe

Als Harry Potter mit Rons kleiner Schwester zusammenkommt, gibt es einen kleinen Aufschrei in meinem Fan-Hardliner-Forum. Aber als Ron und Hermine mit dem Schmusen beginnen, zerspringt mein Herz vor Liebe. Mit Hermine konnte ich mich am meisten identifizieren. Und Ron war mein erster Traummann. Traumjunge. Wurscht. Beste Freunde wurden zu Partnern. Herzaugen-Emoji.

Die Buchreihe zeigt auch durch andere Liebesgeschichten—wie die zwischen Harrys Eltern oder Lupin und Tonks—wie wichtig eine freundschaftliche Basis ist. Sie zeigt, dass Freundschaft mehr wert ist, als Banalitäten und Oberflächlichkeiten. Lange bevor ich wusste, wo man Frauenmagazine herbekommt, wusste ich, dass ein gute Partnerschaft aus besten Freunden besteht. Aus Verbündeten. Und nicht aus gut aussehenden Liebhabern.

Außerdem ist Harry ein Waise. Er findet aber schnell eine neue, liebende Umgebung. Eine Familie. Und zwar seine Freunde. Der Unterschied zwischen Menschen, die Potter feiern und nicht feiern, ist die überaus loyale Freundschaftseinstellung. Potter-Fans handhaben Freunde wie Familie. Foltert mich für diese Aussage.

Mut ist die mächtigste Eigenschaft, die ein Mensch besitzen kann

Egal, ob gut oder schlecht—die Menschen, die am meisten in der Geschichte bewirkt haben, hatten eines gemeinsam: Sie waren mutig. Sie haben sich alle getraut, Sachen zu machen, die vor ihnen niemand oder kaum jemand gewagt hätte.

Tom Riddle hat seine verdammte Seele zerteilt, um für immer zu leben. Wirklich harter Scheiß. Harrys Mutter hat sich vor ihr Neugebornes geworfen, um ihr Kind zu retten. Dobby. Bellatrix. Hagrid. Neville. Jeder, der einem auch nur ein bisschen bekannt vorkommt aus den Büchern und in den Filmen vielleicht nicht einmal vorkommt, war irgendwann mutig. Oder die ganze Zeit. Manche haben sich getraut, selbstlose Dinge zu tun. Es gewagt, in ein unerforschtes Gebiet vorzupreschen oder mal etwas anderes zu machen. Sie waren mutig genug, Sachen zu verändern. Populistischer kann ich es einfach nicht schreiben.

Das Böse kann nicht ohne das Gute existieren

Philosophisch, oder? Genau wie jede einzelne Ansprache von Mr. Überweise aka Dumbledore. Die erste Lektion in Gut und Böse lernen wir direkt im ersten Teil. Es ist nicht Professor Snape, der böse ist. Es ist der liebe Professor Quirell, der unter seinem Turban Voldemort versteckt.

Versteht ihr? Da sind das Gute und das Böse in einer Person. Tiefgründiger geht es nicht mehr. Im Laufe der Bücher erleben wir so etwas ein Mal pro Buch mindestens. Joanne liebt es, ihre Leser und in weiterer Folge Zuschauer im Unklaren darüber zu lassen, wer jetzt tatsächlich böse ist. Und wir lieben es, immer wieder zu sehen, dass auch die Besten schlechte Seiten haben—und umgekehrt.

Das was dich besonders macht, ist auch deine größte Stärke

Jeder im Buch hat ein ganz besonderes Talent. Die sonderbare Luna Lovegood, die wirr von Sachen spricht, an die nicht einmal Zauberer glauben, hilft Harry genau mit diesem wirren Zeug im sechsten Teil. Oder Neville, der ein unheimliches Wissen über Pflanzen mit sich bringt, hilft Harry im vierten Teil. Hermine rettet mit ihrer Streber-Art Harry ungefähr alle drei Seiten den Arsch. Rons Brüder, Fred und George, machen aus ihrem Hang zu Witzen und Streichen ein florierendes Geschäft. Das Buch ist voll mit Beispielen, die zeigen, dass Jeder einen Nutzen hat. Nicht nur das: Jeder einzelne Exzentriker ist wichtig. Durchschnitt? Nicht mit Harrys Anhängern.

Der erste Eindruck täuscht fast immer

Eigentlich würde der Absatz mit einem einfachen Snape abgehandelt sein. Aber außer der Tatsache, dass eigentlich Snape der beste Mensch der Reihe ist, gibt es auch laufend andere Enthüllungen. Quirell—eigentlich böse. Harrys Vater—eigentlich ein Arschloch. Draco und seine Familie—eigentlich hochmütige Zauberei-Nazis, aber dann doch feige und lieb. Joanne hat mir beigebracht, dass jeder Mensch komplex ist. Jeder Mensch hat seine Motivationen und Gründe. Und nur, weil jemand böse wirkt, ist er noch lange nicht böse.

Menschen die eine Menschengruppe nicht mögen, sind scheiße

Als Slowakin hat mich die ganze Zweiter-Weltkrieg-Aufarbeiten-Sache in der Schule immer nur so ein bisschen interessiert. Slowaken neigen sogar gerne auch mal zum rechten Gedankengut. Ich könnte nichts desto trotz niemals eine rechte Partei wählen.

Nicht nur, weil ich ein geborener Tschusch bin—auch das hält viele nicht ab—sondern weil ich seit Voldemort weiß, dass es gefährlich ist und Leben kosten kann, wenn man andere Menschen aufgrund von was auch immer diskriminiert und benachteiligt oder sogar verfolgt. Ja, ich habe gerade rechte Parteien mit Lord Voldemort und seinen Anhängern verglichen. Und ich würde es wieder tun.

Fredi twittert über Muggel-Dinge: @schla_wienerin