Sex

Ein Orgasmus-Flüsterer erklärt uns, wie man eine Sexmaschine richtig reitet

Wenn man in einem Zeitraum von drei Jahren für über 2000 sexuelle Höhepunkte gesorgt hat, dann kennt man sich mit dem Thema Befriedigung schon ganz gut aus.

von Raf Katigbak
24 September 2015, 1:52pm
Titelfoto: Raf Katigbak
Wil McLean sieht mir vergnügt dabei zu, wie ich durch eine Tasche voller beiger Gummi-Phalli krame. „Sind alle Penisse drin? Ich hab da auch ein paar richtig massive Schwänze am Start: Einer sieht aus wie eine Cola-Dose, ein anderer wiegt über zwei Kilo." Diese Aufsätze—die von schlanken, mit Noppen besetzten Pilzen bis hin zu riesigen Fleischpeitschen reichen—sind normalerweise für einen Sybian bestimmt. Dabei handelt es sich um ein Sexspielzeug, das McLean über seine Website vermietet.

Für diejenigen von euch, die auf einschlägigen Seiten noch nicht „zufällig" über eine solche Maschine gestolpert sind: Bei einem Sybian handelt es sich um einen schwarzen Ledersattel, an dem vibrierende und rotierende Aufsätze angebracht werden können—zum Beispiel auch eine Fingerprothese. Das Ganze ist außerdem mit einer Fernbedienung ausgestattet, die eher den Eindruck macht, als würde sie zu irgendeinem schweren Industriegerät gehören. Kurz gesagt: Ein Sybian ist erstmal richtig furchteinflößend.


Alle Fotos: Raf Katigbak

Wenn man jedoch unbedingt eine Maschine ficken will, dann ist der Sybian immerhin gut und stabil verbaut. Der Website zufolge besteht das Gehäuse aus einem Verbundmaterial, das einen Druck von fast einer halben Tonne aushält. Im Inneren befindet sich ein industrieller Elektromotor, der den Sattel vibrieren lässt, und ein anderer, der den Aufsatz zum Rotieren bringt. Das ist genau die Art des schlanken, schnörkellosen und zweckdienlichen Designs, das keine Faxen macht. Und genau dieser Umstand beschert Frauen unglaublich intensive Orgasmen.

Wenn er schätzen müsste, dann hat McLean im Laufe der Jahre wohl „ein paar Tausend" Frauen zum Orgasmus gebracht, als er mit seiner Maschine durch die Sexclubs von Toronto zog. Diese Zahl hat er jedoch nicht sofort parat und er gibt auch keineswegs damit an. Eigentlich ist McLean ein ziemlich umgänglicher Typ: witzig, locker, immer unter Strom, aber dennoch entspannt—er gehört zu der Sorte Menschen, die man schon fünf Minuten nach dem Kennenlernen zu einem Familien-BBQ mitnehmen würde. Und diese Eigenschaft ist doch ganz praktisch, wenn er die Wohnungen von fremden Menschen betritt und dabei eine 11 Kilo schwere und vibrierende Sexmaschine unterm Arm trägt.

Normalerweise besteht McLeans Inventar aus sieben Maschinen, die er pro Monat 15 bis 20 mal verleiht. Derzeit ist die Anfrage aber ungewöhnlich hoch (was ihm zufolge am Toronto International Film Festival liegt) und es mangelt nicht an Leuten, die pro Nacht bereitwillig 115 Dollar zahlen, um sich mit einem Sybian zu vergnügen.

Wir haben uns mit McLean getroffen, um mehr über seine Verbindung zu Sexspielzeug zu erfahren, um über seine Rolle als Sexualpädagoge zu reden, um die Wissenschaft hinter seiner Maschine erklärt zu bekommen und um ein paar Anweisungen für Liebespärchen aus ihm herauszukitzeln. Dürfen wir vorstellen: der Orgasmus-Flüsterer von Kanada.

VICE: Wenn dich Leute nach deinem Beruf fragen, was antwortest du ihnen dann?
Wil McLean: „Professioneller Orgasmus-Vermittler". Eigentlich gehöre ich aber schon eher in die Sexualkunde-Ecke. Ich erschaffe ein Umfeld, in dem die Leute sich mit einbringen können.

Wie wird man zu einem Orgasmus-Vermittler?
Früher arbeitete ich in einem Sexshop und kam so mit den ganzen Spielzeugen in Berührung und mit den Lieferanten in Kontakt. Als ich dort dann aufhörte, wollten diese Lieferanten aber auch weiterhin meine Meinung zu ihren Produkten hören. Ich bekam Sachen zugeschickt und gab dazu dann konstruktive Kritik ab und beriet die Verantwortlichen auch in Sachen Verkaufsstrategie und so weiter. Schließlich fing ich dann an, als Fahrer in der Escort-Branche zu arbeiten und die Damen zu ihren Kunden zu chauffieren. So bekam ich einen guten Einblick hinter die Kulissen des Dienstleistungsbereichs. Mir wurde bewusst, wo es an Sicherheit und an Angeboten für Frauen und Pärchen mangelt. Das Ganze ist oftmals total frauenfeindlich und vom männlichen Ego getrieben: Es geht ja eigentlich nur darum, einen Typen, der Bock auf Sex hat, mit einer Frau zu versorgen. Das Gegenteil ist nur ganz selten der Fall.

Sexuelle Dienstleistungen für Frauen und Pärchen, die nicht irgendwie total schäbig oder zwielichtig daherkommen, sind rar gesät. Du bestellst dir einen Liebhaber für dich und deine Frau? Dann kommt meistens so ein schmieriger Typ mit zerrissenen Jeans-Shorts und Cowboyhut daher, der im schlimmsten Fall auch noch ein paar Sachen aus deiner Wohnung mitgehen lässt. Ich wollte etwas erschaffen, das eben nicht so ist. Ich musste allerdings den richtigen Zeitpunkt abwarten, denn früher gab es in Toronto einfach noch kein so ausgeprägtes sexuelles Bewusstsein.

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Wie genau sieht dein Service jetzt aus?
Mein Service ist vor allem auf Paare ausgelegt. Normalerweise werde ich von Männern kontaktiert—Freunde oder Ehemänner—, die ihre Partnerin mit einem Geschenk überraschen wollen.

Warum wirst du deiner Meinung nach vor allem von Männern kontaktiert?
Wenn man sich mal die demographische Auswertung von Pornografie anschaut, dann stellt man fest, dass das Ganze sehr heteronormativ und auf Männer fixiert ist. Oftmals ist es so, dass die besagten Freunde bei YouPorn sehen, wie ein Porno-Star auf einem Sybian reitet, und sich dann denken: „Oha, meine Freundin fände das sicher auch total geil. Und ich würde gerne dabei zuschauen, wie sie auf so einem Ding richtig abgeht."

Wenn ich den Sybian dann vorbeibringe, versuche ich, den Männern so gut es geht zu vermitteln, dass es hier nur um die Frau, ihr Wohlbefinden und ihre Bedürfnisse geht. Man muss das Ganze als Möglichkeit sehen, den Paaren etwas über non-verbale Kommunikation beizubringen. Der Mann kann sich hier ganz auf seine Partnerin konzentrieren, ohne mit sich selbst beschäftigt zu sein. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Frau so nicht nur viel entspannter ist, sondern dass den Männern dadurch auch einige Dinge bewusst werden, weil sie sehen können, wie ihre Partnerinnen ganz offen und ehrlich ihre Sexualität zeigen. Normalerweise ist es egal, wie gut der Sex für die Frau ist, denn wenn man als Mann selbst Spaß hat, dann bekommt man immer nur die Hälfte mit. Der Sybian kann Paaren also richtig gut tun und ihnen ganz neue Dinge aufzeigen.

Der Sybian wirkt auf den ersten Blick ja doch erstmal ziemlich furchteinflößend. Wie viel Zeit geht dafür drauf, den Leuten die Angst vor der Maschine zu nehmen?
Es gehört auch zu meinem Job, die Menschen mit der Materie vertraut zu machen, die mit Vibratoren oder nicht normativen Sexualpraktiken noch keine Erfahrungen gemacht haben. Irgendwann muss es dann heißen: „Hey, ist auch nicht schlimm, wenn das hier nicht so dein Ding ist. Lass uns einfach nur die Erfahrung genießen. Mach dir keine Sorgen, wenn du keinen Orgasmus bekommst, denn das ist kein Muss. Du hast dann nicht versagt und auch niemanden enttäuscht." Es lastet im Allgemeinen ein großer Druck auf der Frau, sich beim Sex richtig anzustrengen, weil das männliche Ego so zerbrechlich ist. Wenn sie nicht kommt, dann hat zum einen der Mann versagt, aber zum anderen wird die Schuld auch bei der Frau gesucht. Diese Vorstellung ist inzwischen schon so verinnerlicht worden, dass Dinge wie Sexspielzeuge Paaren erstmal Angst machen.

War das hier schon immer dein Traumberuf?
Ich bin schon immer ein Mensch gewesen, der sich seiner Sexualität bewusst ist. Außerdem besitze ich schon seit jeher eine gewisse sexuelle Neugierde. Zwar habe ich mich mit diesem Thema nie wirklich akademisch auseinandergesetzt, aber ich habe mich trotzdem intensiv damit beschäftigt und wirklich viel darüber gelesen. Dabei habe ich nicht nur haufenweise Pornos angeschaut, sondern bin auch selbst richtig aktiv geworden. Ich habe zum Beispiel mit einer Lernkrankenschwester zusammengearbeitet. Jedes Mal, wenn sich mir die Möglichkeit bot, in jeglicher Form von sexueller Interessenvertretung aktiv zu werden, war ich an vorderster Front dabei. Von einem bildungsbezogenen oder anthropologischen Standpunkt aus betrachtet, ist diese ganze Sache so interessant, weil es sich dabei eigentlich um den oft verschwiegenen Grundpfeiler der meisten Kulturen handelt.

Wie finden dich deine Kunden?
Laut Google suchen die meisten Leute einfach nur nach „Sybian in Toronto" und meine Seite ist dann der erste Treffer. Der Sybian selbst ist ziemlich teuer—er ist ja auch quasi der Cadillac der Sexspielzeuge. Mit allem Zubehör und so weiter kommt man da schnell mal auf einen Preis von mehreren Tausend Dollar. Und das ist den meisten Leuten zu viel. Ihnen wird dann aber bewusst, dass sie sich die Maschine ja auch erstmal ausleihen können. Das lässt sich finanziell eher bewerkstelligen, denn für ein gutes Abendessen zahlt man auch nicht viel mehr.

Mundpropaganda hilft mir aber auch extrem viel weiter. Nehmen wir doch mal eine Gruppe von Freundinnen als Beispiel: Die Abenteuerlustige ist vielleicht in einen Sexclub gegangen und hat dort einen Sybian ausprobiert. Schließlich erzählt sie ihren Freundinnen von ihrer Erfahrung und die Schüchterne, die erstmal gar nichts sagt, geht dann nach Hause und schreibt mir sofort eine E-Mail. Sexclubs haben viel dazu beigetragen, dass sich die Maschine etabliert hat. Hier in Toronto finden sowieso viele Sexpartys und Orgien statt, ich bin also schon richtig häufig dazu eingeladen worden, mit meinem Sybian vorbeizuschauen. Ich fühle mich dann irgendwie immer wie derjenige, der bei einem Potluck das Schoko-Fondue mitbringt.

Wie läuft das mit dem Ausleihen im Normalfall ab?
Wenn ich die Maschine abliefere, gebe ich den Leuten üblicherweise immer noch ein paar Profi-Tipps mit auf den Weg. Da steckt ja auch kein großes Geheimnis dahinter, der Sybian basiert auf fundamentalen wissenschaftlichen Prinzipien. Es geht hier vor allem um Vibrationen und Resonanz. Das, was die meisten Leute für die Klitoris halten, wird eigentlich nur als Klitoriseichel bezeichnet und ist im Bezug auf Gefühlsempfindungen wirklich nur die Spitze des Eisbergs. Die richtige Klitoris reicht zurück bis ins Becken und ist mit dem Schamnervensystem verbunden, das sich am Ende der Wirbelsäule befindet.

Der Sybian sendet Vibrationswellen mit einer Frequenz aus, die der Körper versteht. Das führt dazu, dass tiefer im Becken liegende Nervenenden angesprochen werden. Es werden Körperbereiche „massiert", die man mit dem Penis so gut wie gar nicht erreichen kann.

Unser Körper spricht auf bestimmte Frequenzen mehr an und jede Person hat dementsprechend eine gewisse Vorliebe. Wenn du du zum Beispiel deine Lieblingslieder vergleichen würdest, dann garantiere ich dir, dass die meisten davon in der gleichen Tonart geschrieben sind.

Diese bevorzugte Frequenz kann vom Sybian erreicht werden, weil er dank der Motorgröße Bassvibrationen durch den Körper schickt. Und wenn man die Intensität erhöht, dann wirkt sich das quasi nur auf die „Lautstärke" und nicht auf die Frequenz aus.

Also liegt der Schlüssel des Sybians im Finden der richtigen Frequenz?
Auch hier muss man immer alle Faktoren in Betracht ziehen und sich der Partnerin anpassen. Man beobachtet und hört zu. Manchmal schaue ich die Person, die auf dem Sybian sitzt, aber auch gar nicht wirklich an. Ich lege mein Bein dann immer an ihr Bein, um die Vibrationen zu spüren, und achte auf ihre Atmung. So bekommt man ein gutes Gefühl dafür, was abgeht. Bewegt sie ihre Zehen? Wie sieht ihre Haut aus? Errötet sie? Schwitzt sie? Umklammert sie mich fester? Lehnt sie sich zurück? Sucht sie eine bequemere Position? Wenn sie zum Beispiel ihre Hüften in einem bestimmten Rhythmus bewegt, dann versuche ich, die Maschine an diesen Rhythmus anzupassen. Es geht wirklich nur darum, die unterbewussten Bewegungen und Reaktionen der Partnerin zu erkennen und dementsprechend zu handeln.

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Was war das Verrückteste, das du als Orgasmus-Flüsterer bisher erlebt hast?
Ich will hier nicht zu sehr ins Detail gehen, denn das Ganze ist doch eine sehr persönliche Erfahrung, aber beim Sybian ist es doch so, dass man nach ein paar Versuchen wirklich lernt, sich gehen zu lassen. Das hier ist eines der wenigen sexuellen Erlebnisse, bei denen es einzig und allein um die Frau geht. Wenn man das akzeptiert, dann ist einem alles egal. Dann stößt man Geräusche aus, die man so von sich noch gar nicht kannte. Eine Frau, die meine Dienste relativ regelmäßig in Anspruch nahm, konnte ich schließlich überhaupt nicht mehr verstehen. Das Ganze wird irgendwann zu einer solch intensiven Erfahrung, dass man sich gar nicht mehr verständlich ausdrücken kann. Ich weise meine Kundinnen oft an, mich einfach nur anzutippen, wenn sie genug haben, weil sie kein richtiges Wort mehr rausbringen werden.

Das klingt ja schon fast nach einem psychedelischen Trip.
Ich finde es richtig toll, wenn meine Kundinnen etwas anderes erleben, als sie normalerweise gewöhnt sind. Das kann dann auch schon mal richtig unter die Haut gehen. Es ist sogar schon vorgekommen, dass Frauen auf dem Sybian vor Freude angefangen haben zu weinen. Manchmal fließen auch erst nach dem Ritt die Tränen, weil es ihnen bisher noch nicht möglich gewesen war, auf eine solche Art und Weise aus sich rauszugehen. Manche meiner Kundinnen haben durch meine Maschinen auch zum ersten mal einen G-Punkt-Orgasmus bekommen oder gesquirtet.

Hast du zum Abschluss noch einen finalen Sex-Ratschlag für uns?
Wenn eine sexuelle Erfahrung mal nicht so gut war, dann sollte man darüber nachdenken, was genau diese Erfahrung so schlecht gemacht hat. Oftmals liegt das Ganze nämlich gar nicht am Sexualpartner oder am emotionalen Kontext der Situation. Viele Menschen lassen viel potenzielle Lebensfreude links liegen, indem sie Hemmungen haben oder so nach dem Motto „Das könnte und würde ich niemals tun" agieren. Wenn man eine Sache ausprobiert und dann feststellt, dass das nichts für einen ist, dann ist das ja vollkommen in Ordnung. Ich will damit jetzt aber auch nicht sagen, dass man jeden Schwanz lutschen sollte, bis man den einen besonderen findet, denn wenn man nicht auf Schwänze steht, dann steht man eben nicht auf Schwänze. Normalerweise ist es aber so, dass einmal Ausprobieren nicht ausreicht, um wirklich sagen zu können, ob einem eine gewisse Sache nun gefällt oder nicht. Man sollte sexuellen Dingen immer eine zweite Chance geben—am besten mit einem Partner, bei dem man sich wohl fühlt. Allein das kann schon einen großen Unterschied machen.