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Refugees Welcome: Basel zeigt Flagge

Die Strasse zeigt der Politik wie's geht: Refugees Welcome statt Grenzen zu.
3.10.15
Alle Fotos von Luke Robinson

Alle Fotos von Luke Robinson

Was wäre Europa derzeit ohne die Zivilgesellschaft? Ohne die Menschen, die sich freiwillig an Bahnhöfe stellen und Menschen auf der Flucht willkommen heissen? Ohne die Menschen, die dem Chaos in Asylzentren etwas entgegensetzen? Ohne die Menschen, die tonnenweise Hilfsgüter von der Schweiz nach Calais bringen? Europa versänke wohl im Chaos—nicht weil es muss, sondern weil es will.

Wir leben auf einem Kontinent, auf dem die politisch mächtigsten Menschen im gleichen Atemzug mit ihrem „wir müssen Flüchtlingen helfen" betonen, dass die europäischen Aussengrenzen viel besser abgesichert werden müssen. Auf einem Kontinent, in dem meterhohe Stacheldraht-Zäune hochgezogen werden, um Menschen, die rein wollen draussen zu halten. Auf einem Kontinent, auf dem Menschen mit ihrem überheblichen Gerede von einem Asylchaos Wahlerfolge feiern werden.

Gut 1'200 Menschen sagten gestern in Basel: Uns reicht's! Wir wollen nicht, dass in unserem Namen so mit Menschen in Not umgegangen wird. Wir wollen keine Headlines der Verzweiflung wie „Über 100 Migranten stürmen Eurotunnel" mehr lesen. Wir wollen eine Willkommenskultur, die ihren Namen verdient. Keine, in der sich sogar eine linke Bundesrätin in PR-Gelaber über die längst beschlossene Aufnahme von 1'500 syrischen Flüchtlingen suhlt, während zur gleichen Zeit Flüchtlinge aus ebendiesem Land wieder ausgeschafft werden.

So schlossen sich nach einem Facebook-Aufruf der JUSO Basel-Stadt etliche Organisationen von Amnesty International bis zum Alevitischen Kulturzentrum zusammen, um dem vorherrschenden politischen Nonsense-Kurs ein ebenso lautes wie klares „Refugees Welcome" entgegenzusetzen. Und um zu sagen: Genug geredet, wir müssen handeln.

Gehandelt wurde auch: Vor die Demo vom St. Johannspark Richtung Dreirosenbrücke loszog, stapelten sich dutzende Winterjacken, die an die Asylzentren in der Umgebung verteilt werden. Ohne schwarzen Block, ohne Pflastersteine und ohne Polizeisperren zog der Demo-Zug—wie angekündigt—anschliessend friedlich durch die Stadt und rief seine Botschaft von Basel nach Bern: „Solidarität jetzt: Refugees welcome!"

Die Schweiz steht—verglichen mit den Nachbarstaaten—zwar vor einer bedeutend geringeren Herausforderung, was die Flüchtlingswanderungen anbelangt. Bis Ende Jahr erwartet das Staatssekretariat für Migration nur 30'000 Asylgesuche in der Schweiz—über 10'000 weniger als in den Spitzenjahren der 90er.

Totzdem brüllen Teile des Internets im Chor mit dem rechts-bürgerlichen Teil der Politik immer noch ihr Wutlied des angebliche Asylchaos. Und dem gilt es, auch nachdem wir den Wahlkampf-Sommer auf den Köpfen der Flüchtlinge überlebt haben, eine laute Stimme entgegenzusetzen. Sei es wie vor ein paar Wochen in Zürich, vor ein paar Tagen in Aarau oder gestern Abend in Basel. Die Schweiz kann mehr, als die Politik der vergangenen Wochen vermuten lässt.

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