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LEGAL HIGHS

(Halb-)Legale Räusche: Ephedrin

Ephedrin macht zwar unglaublich wach, ist aber keine Erfahrung, die man unbedingt machen muss.
Rote Augen
Foto: Bloodshot via photopin

Die schlimmste Droge unserer Zeit ist ja für viele anhaltende Nüchternheit. Weil aber soziale Ächtung, Beschaffungskriminalität und komplette Abhängigkeit fast genauso schlimm sind, haben viele von uns in unseren rauschverliebten Jugendtagen das eine oder andere Mal zu (halb-)legalen Alternativen gegriffen. Deshalb sammeln wir die schwammigsten und schönsten Erinnerungen an unsere „Barely Legal Highs" aus—also zu Räuschen, die zumindest zu der jeweiligen Zeit oder in der jeweiligen Gegend legal waren. Nach Wahrsagesalbei, Poppers, Aspirin, Kratom-Tee, Ägyptischem Lotus und Slivovitz folgt heute Ephedrin.

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Ich bin ja mittlerweile über 30 und lasse eigentlich die Finger von Drogen, die ich nicht an der Kasse eines Supermarkts in Dosen kaufen kann. Aber natürlich habe auch ich früher ein bisschen mit Steinrose, Lachgas und anderen Legal Highs herumgespielt.

Besonders in Erinnerung geblieben sind mir meine zwei Erfahrungen mit Ephedrin. Vielleicht, weil sie beide sehr intensiv waren. Vielleicht auch, weil ich damals 18 oder 19 Jahre alt war und Erfahrungen in dem Alter generell noch sehr intensiv sind. Das ist insofern auch ein gutes Ephedrin-Alter, weil man dann schon über aufputschende Mittel nachdenkt, Kokain und Speed aber noch scary und auch nicht einfach zu bekommen sind, wenn man nicht direkt in einer Großstadt aufwächst.

Ephedrin ist in Deutschland durch das Grundstoffüberwachungsgesetz eingeschränkt und damit kein klassisches Legal High, das ich im nächsten Baumarkt in unbegrenzter Menge kaufen kann. Aber verglichen mit wirklich illegalen Drogen gibt es sehr viele Wege, daran zu kommen.

Das erste Mal in Kontakt mit Ephedrin gekommen bin ich auf einer Pfadfinder-Hütte im Nirgendwo, die ich mit Kiffer-Freunden und einem Bekannten aus der Goa-Szene für ein Wochenende gemietet hatte. Marijuana und Ephedrin sind für sehr gewohnte Smoker eine relative Winner-Kombi, weil man sich zur Besinnungslosigkeit kiffen kann, ohne dass der Moment eintritt, in dem man einfach einschläft—eine Erfahrung, die ich heute sicher nicht mehr brauchen würde, damals aber irgendwie schon.

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OK, alles klingt aus der Sicht meines 30-jährigen Ichs ziemlich douchy.

Wir rauchten also einen Joint nach dem anderen, führten Gespräche (etwas, das man unter Kiffern normalerweise ab einem bestimmten Moment nicht mehr tut) und wurden einfach nicht müde. Irgendwann gegen 07:00 Uhr morgens erreichten wir quasi einen Moment der Transzendenz: Niemand von uns war mehr in der Lage zu reden oder einen Finger zu rühren, aber müde waren wir auch nicht. Wir lagen also morgens körperlich wach, aber bewegungslos in einer Hütte auf dem Land, hörten Pink Floyds „The Dark Side Of The Moon" und waren fast buddhistisch in uns selbst gekehrt. OK, alles klingt aus der Sicht meines 30-jährigen Ichs ziemlich douchy.

Meine andere Ephedrin-Nacht ist ein bisschen aus dem Ruder gelaufen und war deutlich weniger cool. Jetzt verfalle ich ein bisschen in den alten Onkel-Ton, aber lasst es euch gesagt sein: Die Kombi aus Alkohol und Ephedrin ist nicht nur nicht ungefährlich, sie ist auch einfach ziemlich scheiße.

Ephedrin hält dich vom Einschlafen ab, was—wie oben beschrieben—beim Kiffen echt OK ist. Bei Alkohol ist das Einschlafen aber auch ein Selbstschutz, um dich davor zu bewahren, dich noch mehr zu blamieren, als du es ohnehin schon tust. Wenn dieser Mechanismus ausfällt, kann das alles sehr unfein werden.

Ich erinnere mich—OK, das ist ein ziemlicher Euphemismus—an eine Party, bei der meine gesamte Schulstufe versammelt war. Ich trank und trank, überschritt irgendwann den Moment zum völlig Jenseitigen und zum Kontrollverlust, wie es Teenager halt gelegentlich machen. Aber ich schlief nicht ein, sondern blieb unter den Kollegen. Kriechend, wankend, nicht mehr aufnahmefähig. Es gibt heute noch ein Foto davon, wie ich mit hochgereckten Armen (warum, weiß ich nicht mehr) apathisch in der Ecke sitze und ausschaue wie Jigsaw. Diese Stellung behielt ich für mehrere Stunden bei, während die Leute um mich herum die lebende Leiche in ihre Tanzmoves integrierten. Irgendwann war zum Glück auch dieses Martyrium vorbei.

Wenn ich versuchen würde, ein Fazit zu ziehen, wäre es wohl ein eher unspektakuläres: Ephedrin ist OK, aber keine Erfahrung, ohne die man nicht sterben dürfte. Es ist in dem Sinne auch keine Droge und ruft auch keine Erfahrungen hervor. Was es tut, ist, dich—sehr effektiv—wach zu halten. Aber es setzt eben auch Mechanismen außer Kraft, bei denen es oft recht sinnvoll ist, dass es sie gibt.


Titelbild von: Bloodshot | Flickr | CC BY-SA 2.0