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Vice Blog

Die Geschichte von Chris

21.6.10

Als Kind hatte ich Angst vor Chris. Er war, wie man das von den seltsamen Onkels oft behauptet, „anders“. Das ist eine gewagte Behauptung von der durchschnittlichen Person aus Didam, dem kleinen holländischen Dorf in dem ich aufgewachsen bin. Er hatte dicke Dreads, roch unangenehm, zog einen Wagen durch die Stadt und kaufte Cola für sein Pony.Keiner kannte seine ganze Geschichte, aber es gab alle möglichen Mythen über ihn, die allesamt das Zeug zum Teen-Horrorfilm gehabt hätten. Jetzt, fast zehn Jahre später, begann ich mich über diesen seltsamen Kautz, der am Rande der Gesellschaft lebt zu wundern – was er wohl denkt, und was er tut. Also statte ich ihm einen Besuch ab.

Vice: Hallo, wer bist du?

Chris: Ich heiße Chris Scheffer, aber ich hätte es bevorzugt wenn meine Eltern mich Paul genannt hätten. Frag mich nicht warum. Ich wurde in Didam geboren und meine Eltern waren sehr altmodisch. Mein Vater versuchte mein gesamtes Leben zu kontrollieren. Ich durfte eigentlich nichts tun und hatte keine Freunde. Zu dieser Zeit gab es nur zwei Gruppen von Leuten—die Superschlauen und die Schwachköpfe. Alle dachten ich gehöre beiden Gruppen an, weil ich viel und gut gelernt habe, aber ich hatte kein Leben. Mein Vater wollte, dass ich zur Armee gehe, aber darauf hatte ich keine Lust. So habe ich ihm das auch gesagt. Er ging mit mir zur Postbank in Arnhem und hat mich buchstäblich den Bankmanager übergeben. Ich hasste es dort, aber habe es irgendwie geschafft dort 25 Jahre zu arbeiten. Die Verkleinerung der Firma hat mir wirklich geholfen. Das einzig Gute daran da zu arbeiten, waren die Luftkämpfe.

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Luftkämpfe?

Ja, du weißt schon, man tut so als würde man in den Himmel schießen [er feuert ein paar Kugeln mit einem unsichtbaren Maschinengewehr ab]. Dafür war ich bekannt. Nachdem ich dort 25 Jahre gearbeitet habe, gab es eine Veränderung in den Machtverhältnissen. Mein Boss kam eines Tages zu mir und sagte mir ich solle die Bank mit 40% meines Lohns verlassen. Ich glaubte ihm nicht, da er normalerweise nicht solche Entscheidungen traf, aber es war dann doch wahr und ich habe nicht eine Sekunde gezögert. Ich hatte meinem Boss immer schon gesagt, dass ich einen Bauern anheuern würde, mit einen Güllewagen in die Bank zu fahren, sollten sie mich feuern. Ich glaube sie hatten Angst ich würde das tatsächlich tun. Ich habe daran gedacht, mit einem Güllewagen ein bisschen vor der Bank herum zu fahren um ihnen Angst zu machen, aber ich habe es nie getan, und nun ist das auch schon lange vorbei und seit dem lebe ich von einem Tag zum anderen.

Was ist deine größte Leidenschaft?

Es ist nicht wirklich eine Leidenschaft, aber meine Tiere sind mir wirklich ans Herz gewachsen—Sie sind meine besten Freunde. Meine Tiere sind aber nicht das Einzige was mich am Laufen hält. Ich habe kein Internet oder einen Fernsehapparat, aber ich lese viele Zeitung. Ich lese nur ein paar Mal die Woche, aber immer drei gleichzeitig, weil ich nicht alles in der gleichen Zeitung lesen will. Sie alle haben ihre eigene Sicht der Dinge und bestimmte Standpunkte. Manchmal denke ich an etwas, und es bleibt mir ewig im Kopf. Vor ein paar Monaten zum Beispiel–Ich habe viel über die Zeit bevor die Erde da war nachgedacht. Sie sagen dass, es einen großen Knall gab, aber was war da vor dem großen Knall? Keiner denkt daran, aber ich kann ganze Tage damit verbringen darüber nachzudenken. Ich lebe allein, aber ich denke wirklich über globale Nachrichten und Probleme nach.

Du hast mir ein Zirkus Magazin gezeigt. Magst du den Zirkus?

Ich habe den Zirkus schon immer geliebt. In letzter Zeit wurde der Zirkus oft kritisiert, aber ich denke nicht, dass die Tiere alles was sie machen nur aus dem Grund tun, weil sie dafür Essen bekommen. Die Tierpfleger kümmern sich mit sehr viel Liebe um die Tiere. Ich denke sie sind ein gutes Beispiel für mich—Ich will nicht, dass meine Tiere solche Tricks lernen, aber ich mag es wie bedacht mit den Tieren umgegangen wird wenn mit ihnen gearbeitet wird.

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Bekommst du viel Besuch?

Oh, ja, bekomme ich. Ich habe einen Fanclub für jede Art von Tier. Ich wäre einsam ohne meine Tiere. Früher hatte ich keine, und auch sonst durfte ich nichts haben. Ich kann mich daran erinnern, dass mein Vater mich einmal mit meiner Cousine besuchen kam, er sagte mir ich solle eine schöne Platte für sie raus suchen. Dann war er sofort verärgert, weil ich zu lange brauchte den richtigen Song für sie zu finden. Seiner Meinung nach habe ich alles falsch gemacht. Ich glaube das hat mir wirklich zu der Person gemacht die ich heute bin. Ich hatte mal viel mehr Besuch. Ich wollte hier einen Streichelzoo eröffnen. Einer der Stadträte fand die Idee wirklich gut, aber er verließ sein Amt, und als er das tat, waren auch alle meine Ideen vom Tisch. Ich war sehr enttäuscht.

Wie kommt es, dass du kein Fernseher oder Internet hast?

Ich habe einfach nicht das Bedürfnis danach. Ab und zu kuck ich bei einem Freund zuhause Fernsehe, aber es gibt so viel mehr im Leben. Es interessiert mich, aber es beinhaltet zu viele Informationen für mich. Mit dem Internet ist es das Gleiche. Ich wollte etwas über eine bestimmte Elefantenart wissen, und ein Freund wollte es für mich im Internet nachsehen. Ein paar Tage später tauchte er bei mir zu Hause mit vier Blättern voll Informationen auf!

Wie bekommst du deine Zeitungen?

Ich kaufe sie. Ich habe sie früher im Supermarkt gelesen, aber das gab immer Ärger vom Manager. Jetzt kaufe ich sie mir ein paar Mal die Woche. Aber immer drei auf einmal, wie ich vorhin schon sagte. Vor ein paar Tagen fragte mich ein Typ ob ich die Zeitung lese, und als ich ihm sagte ich lese drei, war er beeindruckt. Ich lese ein linksorientierte und eine rechtsorientierte Zeitung weil ich es mag, Dinge von verschieden Gesichtspunkten zu betrachten. Darum mache ich das.

Was ist dein Lieblingsessen?

Ich interessiere mich nicht wirklich für Essen. Ich ziehe es vor abends viel Bier zu trinken! Letztes Jahr hatte ich eine Infektion am Fuß, und der Arzt sagte mir ich könnte kein Alkohol mehr trinken, das verstimmte mich wirklich, weil ich es so mag vor dem Abendessen ein paar Bier zu trinken. Ich könnte den ganzen Abend trinken, manchmal aß ich Mettwurst während dem Trinken. Ich fühle mich gut damit, und kann danach gut schlafen. Irgendjemand sagte mir ich solle doch Wein trinken, aber ich habe es nicht getan, weil ich zehn Bücher lesen müsste um zu wissen welche gut sind.

Ich sehe, du hast eine riesige Plattensammlung, was für eine Art von Musik magst du?

Abends höre ich gerne Q-Music [Holländischer Radio Sender]. Ich finde Shakrira toll, Christina Aguilera und ich finde Kelly Clarkson ist super. Oh und Lionel Richie natürlich. Ich liebe “All Night Long.” Ich habe früher viel Jazz gehört, es half mir sehr dabei zu lernen der Musik wirklich zuzuhören. Ich habe Christina Aguilera unterstützt als sie fünf Millionen Dollar den Opfern einer riesigen Katastrophe gespendet hat, das war toll! Ich selbst bin kein Musiker. Einmal, als ich bei meinen Nachbarn war um ein bisschen Heu zu bekommen, und auf ihrem Dachboden war, sah ich ein Drumset, und fragte sie ob ich spielen dürfte. Die Drums gehörten irgendeiner Rockband, aber sie erlaubten mir einmal darauf zu spielen, aber sagten auch, dass wenn ich etwas kaputt machen würde zwölfhundert Dollar zahlen müsse. Ich spielte ein halbes Jahr lang jeden Tag. Es war kalt auf dem Dachboden, aber das drummen hielt mich warm und ich habe sogar Kaffee umsonst bekommen. Ohne einen Lehrer würde ich nicht weitermachen, weil ich das Gefühl habe alles gelernt zu haben, was ich ohne Lehrer lernen konnte.