FYI.

This story is over 5 years old.

News

Die letzten Tage in Kairo

Seit wir von unserer Frau in Kairo, Rachel Pollock, das letzte mal gehört haben, ist die Situation in Ägypten ja offensichtlich zu einer noch größeren Angelegenheit expandiert.
1.2.11

Seit wir von unserer Frau in Kairo, Rachel Pollock, das letzte mal gehört haben, ist die Situation in Ägypten ja offensichtlich zu einer noch größeren Angelegenheit expandiert. Rachel hat uns mit einer Reihe SMS-Updates aus ihrem Apartment in Dokki auf dem Laufenden gehalten.

Update: Wir haben aus den SMS einen Artikel zusammengestellt damit du keinen Haufen unvollständiger Fetzen lesen musst. Update over.

Anzeige

Unser Vermieter kam hoch als wir gerade auf unserer Dachterrasse die letzten Bier getrunken haben. „Hey Leute, was geht ab?“ sagte er als er in den Lagerraum verschwand und mit einem Cricket-Schläger wieder kam. Dann eilte er zurück nach unten, um ihn einem unbewaffneten Typen vom Sicherheitsdienst zu geben.

Wir sahen schweigend zu, als Plünderer und Kriminelle die Stadt verwüsteten und Gruppen aufgebrachter Ägypter mit Messern und Metallstangen ihre Viertel abriegelten. Niemand sprach es aus, aber allen war klar, dass unser Freund Ahmed in seiner Gegend in Heliopolis dasselbe vorhatte. Und genau wie in den vergangenen Nächten hatte man keine Chance zu schlafen.

Mein Freund J hatte Panik-Attacken von den Geräuschen draußen, deshalb verbrachte ich Stunden damit seinen Rücken zu kraulen  und alle nur erdenklichen aufmunternden Sachen zu sagen. „Komm schon, lass uns Mighty Ducks ansehen“, schlug ich vor.

Als die Schüsse vorbei waren sah ich J an und lief sofort ins Nachbarzimmer, wo L und T schliefen. „Wir sind nackt", protestierten sie. Ich muss sie überhört haben weil sofort anfing, von den Gewaltausschreitungen zu erzählen. L kam ins Wohnzimmer und wir unterhielten uns über die Situation und die Lage, die sich draußen vor unserem Fenster abzeichnete: eine Gruppe Menschen mit Koffern stand draußen vor der jordanischen Botschaft, fest entschlossen aus der Gegend irgendwie und so schnell wie möglich zu verschwinden.

Anzeige

Am nächsten morgen entschieden wir uns von Kairo nach Tahrir zu laufen. Die UN hatte alle Ausländer dringend gebeten das Land zu verlassen und Rückflüge für Montag angesetzt, aber ich bleibe hier. Ägypten ist jetzt mein Zuhause. Es interessiert mich nicht was irgendjemand darüber denkt. Manche Sachen sind wichtiger als ich.

Einige Männer liefen mit Handfeuerwaffen vorbei. Die Leute auf der Straße sagten, wir sollten lieber eine andere Straße nehmen. Schließlich begleitete uns ein Mann mit einer Metallstange. Von überall waren Schüsse zu hören. Immer wieder trafen wir auf Panzer, die aus Tahrir kamen. Wir machten Halt um uns etwas zu Essen zu besorgen und ein Paar kleine Kinder mit Stöcken fragten, ob wir Ägypter wären. Wir sagten ja. „Ok, dasselbe wie bei unserem Trip nach Gaza“, sagte ich zu L. „Wir bleiben locker und passen aufeinander auf.“

Die Leute fragten uns immer wieder wo wir hinwollen. Nachhause, sagten wir und gingen weiter. Irgendwann erreichten wir die erste Brücke, die wir überqueren mussten um nach Tahrir zu kommen. Die Läden waren geplündert und leergefegt. Dann schafften wir es zur zweiten Brücke. Wir sahen stillgelegte Panzer. Ein Typ schlug mit seinem Stock nach mir aber als er sah, dass ich Angst hatte nahm er ihn herunter und meinte er wollte nur Spaß machen. Wir trafen Lucy und Muhammed, Freunde die wir dort eigentlich schon eher treffen wollten. Muhammeds Stimme hatte sich wegen dem ganzen Rumgeschreie bereits verabschiedet. Wir mussten weiter und versprachen bald wieder zu kommen.

Dann kamen wir nach Tahrir und staunten. Alle Menschen dort sangen und beteten. Wir trafen Jack, einen anderen Journalisten, der eben erst in die Wüste verschleppt- und zusammengeschlagen worden war. Es ging ihm aber gut. El-Baradei hielt eine Rede und die meisten Menschen waren damit einverstanden und mit einverstanden meine ich, dass niemand Steine nach ihm warf. Niemand traut diesem Typ.

Anzeige

Dann trafen wir unseren Freund Merc, der mehrere Tage im Stadtzentrum festsaß. Wir nahmen ihn mit. L machte Stress wegen Zigaretten und schließlich zogen wir mit Merc weiter. Er war der einzige Ausländer in seinem Gebäude. Sogar die Ägypter hatten es verlassen. Er saß allein da und sah zu, wie die Menschen in den Straßen erschossen wurden. Dann fingen sie an die Polizeiwache abzufackeln, die in direkter Nachbarschaft zu seinem Haus lag. Wir beschlossen nachhause zu gehen aber erst musste ich noch alle davon überzeugen darauf zu verzichten, noch nach einem Laden zu suchen der trotz allem Wein verkauft. Ich fragte „Wollt ihr tatsächlich für eine Flasche Wein sterben?“ Niemand hatte gute Argumente dafür.

Wir überquerten die Kasr-el-Aini-Brücke und ein Mann gab mir eine Patronenhülse als Souvenir mit. Die Worte 'Made in the USA' waren eingraviert. Auf dem Rückweg wirkten die Leute entspannt, niemand trug Waffen. Wir überquerten die nächste Brücke; ich weiß nicht wie sie heißt aber das Sheraton lag zu meiner linken Seite und Dokki geradeaus.

Ägyptische Menschen hatten und haben die Kontrolle über die Straßen. Sie sind viel besser organisiert als die Polizei jemals sein könnte. An jedem Checkpoint waren Leute mit Messern und Stöcken die uns sagten, wir sollten vorsichtig sein. Schließlich haben wir es zum Haus unseres Freundes geschafft. Wir waren endlich sicher und feierten mit Zigaretten und Bier.

Ich stelle mein Leben jeden Tag in Frage. Während all dem hier mache ich mir eher Gedanken um ein Erdnussbutter-Marmeladen-Sandwich. Ein schickes Outfit auszusuchen scheint trivial verglichen mit Ägyptern, die sich für eine neue Regierung entscheiden müssen. Wir werden das niemals ganz verstehen können aber solange du nicht herkommst und dir dieselben Fragen stellst, kannst du es auch nicht.

In den nächsten Tagen ist die Lage eigentlich semi-stabil aber die Amerikaner evakuieren wie verrückt die Gegend. Ich hatte Blut gehustet – wahrscheinlich vom Tränengas oder so. Es gab Gerüchte, dass die Wasser-, Lebensmittel- und Stromzufuhr unterbrochen wurde. Wir dachten darüber nach, meinen Hund zu essen.

Wir hatten seit einer Woche keinen Internetzugang mehr – deshalb musste ich diese Nachrichten hier als SMS schicken. Manche Leute hatten Erfolg damit, sich mit einem alten Modem einzuwählen, aber das hilft uns nicht weiter weil alle Läden ausgeräumt sind. Wir haben nicht mal TV. Alles was wir hören sind Gerüchte. Aber genau darum geht es hier – du kannst niemals wissen was tatsächlich wahr ist.