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Deutschland im Herbst. Mal wieder.

Momentan soll es wahnsinnig spannend sein, irgendwo etwas stehen zu lassen und sich dann schnell aus dem Staub zu machen. Besonders wenn Bahnhöfe und Koffer im Spiel sind.
22.11.10

Totenstille und gesperrte Kuppel

Momentan soll es wahnsinnig spannend sein, irgendwo etwas stehen zu lassen und sich dann schnell aus dem Staub zu machen. Besonders wenn Bahnhöfe und Koffer im Spiel sind. Also bin ich heute früh mit meiner Lunchbox zum Bahnhof meines Vertrauens gefahren und habe sie auf einen Müllbehälter gelegt. Als nach einer Stunde und zwei Pappbechern Kaffee nichts weiter passierte, gab ich enttäuscht auf. Die Polizei vor dem Reichstagsgebäude war nicht so unmotiviert, die Medien hatten für heute auch viel versprochen: „angespannte Ruhe“ und „Totenstille“ standen auf der Tagesordunug. Der Sitz unserer Regierung steht wohl auf dem Wunschzettel der Terroristen ganz oben, deswegen gab es dort heute besonders viel Sicherheit und Bedenken bzgl. der Sicherheit. Um den Hütern des Rechts ein wenig Gesellschaft zu leisten fuhr ich mal hin, zum Brennpunkt der herrenloser Koffer. Es war auch wirklich ruhig, nur ein paar vereinzelte Touris kämpften sich mit ihren Stadtplänen durch den Regen. Drei davon konnte ich erfolgreich unter meinen Regenschirm und an mein Diktiergerät locken um zu erfahren, wieviel Angst sie an diesem grauen Berliner Tag haben.

Steine, Polizei und Axel aus Berlin

Vice: Du arbeitest heute schon den ganzen Tag neben dem gefährlichen Reichstag, hast du Angst?

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Axel: Ich arbeite seit ca. 9:30 Uhr hier am Brandenburger Tor, bin zwischen durch auch mal mit dem Bus herum gefahren. Bis jetzt war der gefährliche Reichstag noch nicht so gefährlich, wie ich zuerst gedacht habe.

Hattest du denn Bedenken, als du heute früh dein Bett verlassen hast?

Nein, ich hatte keine Bedenken. Sicherheitsfanatismus gehört nicht zu den Dingen, die mich ausmachen.

Denkst du das nach diesem Rummel wirklich noch der Reichstag angegriffen wird, oder sucht man sich jetzt lieber etwas mit Überraschungsfaktor?

Der Reichstag wird gut überwacht, vom Metalldetektor bis zur Armee der Bomben-Spürhunde wurde alles aufgefahren. Aber wenn ich ein Terrorist wäre, dann würde ich mir was mit mehr Zivilbevölkerung suchen, wie 2005 in London, wo die U-Bahn und ein Sightseeing-Bus angegriffen wurde. Wir wurden von Oben auch angehalten, keine finsteren Leute mit einem Köfferchen in den Bus zu lassen.

Gehen wir mal davon aus du hättest etwas böses geplant, wo würdest du deine Bomben verstecken?

Unter der Mütze oder in den Eiern…

Lieber im Körper, als im Koffer?

Nee keine Ahnung. Aber ich denke es gibt unendlich viele Möglichkeiten, wie man seine Bombe dann auch in den Reichstag bekommt. Vielleicht Flüssigkeiten, die man später auf dem Klo zusammen mixt. Wenn man einen Anschlag vor hat, dann bekommt man auch seine Waffen rein.

Nimmt Deutschland seine Rolle als Beschützer an und legt schützend seine Arme über dich?

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Ich finde nicht, das unsere Politik dazu beiträgt, dass die Terroristen unser Land nicht angreifen sollten. Wir sind immer noch der drittgrößte Rüstungsexporteur der Welt und wir mischen uns auch immer noch zu sehr in Angelegenheiten ein, die uns nichts angehen.

Gibt es etwas, was deiner Meinung nach auch so viel Aufmerksamkeit verdient hat, wie der Kampf gegen den Terrorismus?

Den Tierschutz finde ich sehr wichtig, da bin ich auch Mitglied in einem Verein und spende jeden Monat vier Euro für Haustiere.

Würdest du eine Bombe in einem Haustier verstecken?

Bombe in einem Haustier… das wird aber kompliziert. Obwohl wenn so ein Hund irgendwo rein rennt, würde er nicht so viel Aufmerksamkeit erregen. Doch die Bombe würde ich außen drapieren und nicht innen. Im Großen und Ganzen würde ich Muschi und Co. da lieber raus lassen!

Möchtest du noch jemanden Grüßen zum Abschied?

Ich grüße George W. Bush, dem wir viel zu verdanken haben, bezüglich dieser Geschichte.

Theresa, Aline und der verdächtige Weihnachtsbaum

Na ihr zwei, seid ihr nun Touristen oder Terroristen?

Theresa: Wir sind ganz liebe Touristen aus Aachen, die eine Freundin besuchen und eine wenig Sightseeing machen.

Ihr habt euch ganz nah an das Brandenburger Tor heran getraut, habt ihr keine Bedenken wegen der bevorstehenden Terror-Apokalypse?

Aline: Eigentlich nicht. Es fällt schon auf, das viel Polizei da ist und alles abgesperrt wurde aber ich fühle mich nicht bedroht.

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Fühlt ihr euch denn beschützt von der Polizei? Oder stehen dir nur herum und sehen gut in ihrer Uniform aus.

Aline: Ich glaube wenn hier wirklich die Post abgehen würde, dann könnten sie es auch nicht unterbinden, überall lauern Gefahren und theoretisch befinden wir uns gerade mitten im Hexenkessel. Solche Geschichten sind für mich immer weit weg und wenn wirklich jetzt was passiert, dann waren wir einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.

Theresa: Wenn aber noch mehr Polizei unterwegs wäre, dann würden sie auch eher verunsichern als sichern. So sind sie da und das ist ok. Es wirkt beruhigend, wenn die ihre Runden drehen.

Ist der Reichstag denn ein gutes Angriffsziel?

Aline: Die Frage ist, ob man das wirklich aufhalten könnte, wenn die den Reichstag im Visier haben.

Theresa: Weihnachtsmärkte sind gute Ziele, viele Menschen auf einem Haufen. Es hängt davon ab, welche Botschaft sie überbringen möchten, wirklich Zivilisten töten oder „nur“ ein Zeichen setzten.

Würdet ihr eure Bomben auch noch in Koffern verstecken oder habt ihr aus dem TV gelernt und sucht euch was neues?

Theresa: (grinst) wenn ich Terrorist wäre… nee warum sollte ich mir darüber Gedanken machen?

Aline: Früher hatte man immer Angst vor Bomben-Anschlägen und dann fliegen sie einfach mit dem Flugzeug direkt rein, da hat auch keiner dran gedacht. Ich mach mir jetzt nicht bei jedem Koffer Gedanken. Der Weihnachtsbaum da zum Beispiel, der könnte doch auch gefährlich sein. Weihnachtskugeln mit Füllung.

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Wird die Sache mit dem Terror zu sehr aufgespielt? Sollte man vielleicht die Augen auch noch für andere Themen offen halten?

Theresa: Ich finde es schon wichtig, dass der Terrorismus thematisiert wird.

Aline: Ich habe viele persönliche Standpunkte über die man mehr reden sollte, schon einfach das bestimmt Menschen nicht so leben können, wie sie es gerne möchten. Der Begriff der Freiheit, wird meiner Meinung nach immer noch sehr kurz gehalten.

Abschließende Worte an diesem grauen Tag?

Aline: Sein Leben weiterhin genießen. Den Terrorismus als wichtiges Thema anerkennen, aber sich nicht von ihm einschüchtern lassen.

Einer ist besser als keiner