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DIE GLUTEUS MAXIMUS ISSUE

Musikreviews der Woche mit Gardens & Villa, Black Flag und mehr

Ausdauernde, meist krautige Pflanzen, elf Lovesongs, Allstar-Alben und Identitätskonstruktionen. Unsere Reviews.

GARDENS & VILLA
Dunes
Secretly Canadian

Der erste Song dieser Analogsynth-Veranstaltung, der wirklich hängen bleibt (es ist der vierte), behandelt die Pflanzengattung der Chrysanthemen. Wikipedia nennt diese „ausdauernde, meist krautige Pflanzen. Die Blätter sind wechselständig, schwach bis stark gefiedert, gelappt oder gelegentlich ganzrandig.“ Ganz ehrlich, eine bessere Beschreibung würde mir für diese Platte auch nicht einfallen. Krautige Spurenelemente im Synthie-Dünger—check. Leicht gefiedertes und auf jeden Fall ordentlich gelapptes Wurzelschlagen im Retro-Blumenbeet—check. Und die Art und Weise, wie hier präpotent-falsettige Selbstbestäubung in das Bouquet geatmet wird, ist mit „ausdauernd“ noch sehr zurückhaltend beschrieben.
LAMONA REISS

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FEADZ
Instant Alpha
Ed Banger/Because

Ed-Banger-Veteran Feadz hat sein Album auf den Namen Instant Alpha getauft und für das Cover sämtliche Boardingpässe abfotografiert, die sich in 15 Jahren glamourösem Produzentenjetset so angesammelt haben. Er bildet sich mit anderen Worten ganz schön was ein auf seinen Ruhm, der ja im Wesentlichen darin besteht, irgendwann mal ein paar Tracks mit Mr Oizo produziert und mit Uffie gevögelt zu haben. Beides ist schon eine ganze Weile her. Feadz patentierte Melange aus Dicke-Eier-Elektro, Chop-up-Vocals und gelegentlichen Wobble-Episoden klingt dann auch eher wie eine 2005er-Definition von Alpha. Und selbst die war bekanntlich nicht sexy genug, um Uffie längerfristig binden zu können. Vielleicht ist Feadz ja tief in seinem Herzen einfach nur ein hoffnungsloser Romantiker und diese Platte ein Versuch, mit einer Mischung aus Testosteron und Nostalgie seine Verflossene zurückzugewinnen. Ich glaube, wir halten uns aus der Sache besser raus.
RUFF REIDER

ILLUM SPHERE
Ghosts Of Then And Now
Ninja Tune

Ryan Hunn aka Illum Sphere ist ein cleveres Bürschchen. Er weiß, zukunftsfähig wird man heutzutage lediglich als besonders ansprechender Verwalter der Vergangenheit und der Tatsache, dass man hinter jeder neu aufgestoßenen Tür, hinter der an den Weichen irgendeines elektrifizierten Retro-Abstellgleises herumgepopelt wird, in kürzester Zeit von einem „Dead End“-Schild erschlagen wird, begegnet er einfach mit einem völlig grenzenlosen und angenehm unstreberhaften Eklektizismus. Hier ist alles drauf von Streetlight-illumniniertem D’n’B-Blues über wohltuende Glitch-Akkupunkturen bis zu streichelndem Ambient, Latin-Jazz und Soul-Verbassung. Im Ganzen erwächst das zu einer Haltbarkeitsprognose, die im Visier einzelner, kalt realistisch titelnder Tracks wie „It’ll Be Over Soon“, „Lights Out“ oder „Near The End“ völlig bescheiden allein dem Hörer überlassen wird.
DR. PETER WANKMAN

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SCHLIMMSTES ALBUM DES MONATS

FANTÔME
It All Makes Sense
Snowhite

Fantôme besteht aus Hanin Elias (Atari Teenage Riot) und Marcel Zürcher (Die Krupps), und es ist unmöglich, das nicht zu erwähnen, denn das Album klingt exakt wie eine Platte, die zuerst von den Krupps aus den 90ern hergebeamt und danach hier von Hanin Elias besungen wurde. Also konzeptuell furchtbar schon von vornherein, aber dass es in der Musik des „Power-Duos“ (Zitat) dann auch noch unter anderem um „Gesellschaftskritik und Politik, (..) aber auch um private Momente und Liebe“ (ebenfalls Zitat) geht, das … ergibt dann auf eine ernüchternde Art in der Tat irgendwie Sinn, da haben die beiden schon recht.
EMPTY TÄT

ANDREAS DORAU
Aus der Bibliothèque
Bureau B

Die Leihbibliothek ist nicht nur so was wie das Internet des kleinen Mannes, sie strahlt in Zeiten totaler Digitalisierung einen geradezu subversiven Charme aus. Stell dir vor, du kannst einfach hingehen, in einem Buch blättern, und die NSA bekommt nichts davon mit. Der revolutionäre Umsturz aller geordneten Verhältnisse kann also eigentlich nur an diesem ebenso anachronistischen wie potenten Ort seinen Ausgang nehmen. Nach Superpunk hat nun auch Andreas Dorau ein Liebeslied an die Hamburger Bücherhallen geschrieben und ein hübsches Album drumherumgestrickt, das von niemand geringerem als dem Übervater des Gute-Laune-Pops Zwanie Johnson aufgenommen wurde. Du solltest es dir auf jeden Fall ausleihen, also geh verdammt noch mal los und besorg dir einen Ausweis, bevor es zu spät ist.
RÜDIGER DOOFMANN

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PEDER MANNERFELT
Lines Describing Circles
Digitalis

Peder, besser bekannt als eine Hälfte des mysteriösen Leaf-Acts Roll The Dice und als das Sublimal Kid, das nicht DJ Spooky ist, aber dafür manchmal bei Fever Ray aushilft, hat sein erstes Soloalbum veröffentlicht—und das ist ein echtes Biest. In bestechender Ähnlichkeit zu frühen Pan Sonic (als sie noch Panasonic hießen) gelingt es dem Schweden, seinem antiken Maschinenpark die knochigsten Klänge diesseits der Friedhöfe und Schrottplätze von Detroit und Den Haag abzunötigen. Fieses Zeug, an dem kein Fitzel Fleisch hängt und irgendwas beschönigt. Pures Pochen, Sägen, Klopfen, Rauschen, Britzeln. Post-Industrial at its best.
MONDO CATSAN

TENSNAKE
Glow
Virgin/Universal

Zu Tensnakes bisherigen Verdiensten zählte es, mit ein paar ausgesprochen köstlichen Releases die letzte Neo-Disco-Welle mit aufzuschäumen, ein wirklich cooler Typ in einer Gilde der Arschlöcher zu sein (DJ-Producer) und die letzte Neo-Disco-Welle nicht nur überlebt zu haben, sondern darauf an neue Ufer gesurft zu sein wie ein Superstar. Zu den Verdiensten seines ersten Artist-Albums zählt es, Musik für das Radio zu produzieren, für die man das Radio sogar einschalten würde. Vielleicht sogar mehrfach.
PUFT DANK

SCHLIMMSTES COVER DES MONATS

BLACK FLAG
What The …
SST/Cargo

Es wäre wirklich eine gute Idee gewesen, wenn all diese über 30 Jahre alten, ehemals verehrten Punkbands, die in letzter Zeit ihre angeblich „langerwarteten“ (von wem eigentlich?) Spätwerke veröffentlichen, sich vorab abgesprochen und zu einer einzigen Supergroup zusammengeschlossen hätten. Ein einziges Allstar-Album mit einem Titel wie, sagen wir mal, Grandpunk‘s Adventures in Space and Time wäre zwar auch irgendwie bedauerlich gewesen, aber immerhin würden uns dann nicht jeden Monat drei bis zehn klägliche Rentenkassenaufbesserungsversuche ins Haus flattern, die allesamt gleich Scheiße sind.
BROWN SWAG

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LSD ON CIA
s/t
Noisolution/Indigo

Irgendwann entwickelt man Allergien, gegen bestimmte Gräser, Gewürze, Obstsorten oder auch mal bestimmte Instrumente. Ich bin seit meiner Kindheit ganz ordinär auf Birken, Haselnüsse und Äpfel allergisch—mit den Jahren sind noch ein paar ungewöhnlichere Allergene dazugekommen, aber keins ist seltsamer und heftig wie dieses: In meinen Ohren wachsen juckende Exeme und meine Haut schlägt Blasen, wenn ich daddelig, angewedelte Gitarren höre, die landläufig „funky“ genannt werden. Ich habe das im Dienst der VICE überwunden und wurde von einer Musik belohnt, die in ihrem Zitatreichtum zwischen Glam, Art School, zappaeskem Jazzcore und tuntigem Sleaze nach neuen Referenzen verlangt.
BLUE SUNSHINE

BIG UPS
Eighteen Hours of Static
Tough Love/Cargo Records

Bedenkt man, dass seit September letzten Jahres das neue Album von 65daysofstatic im Laden steht, scheinen die im Albumtitel großmundig versprochenen 18 Stunden, die uns Big Ups hier zum gleichen Preis verhökern wollen, auf den ersten Blick kein sonderlich guter Deal zu sein. Doch weit gefehlt, denn ein jeder Connaisseur abseitiger Science-Fiction wird auf den ersten Blick erkennen, dass der Titel auf Carl Sagans epischen Roman Contact von 1985 anspielt, der uns heute vor allem deshalb im Gedächtnis geblieben ist, weil er als einziges Buch die Mars-Rover-Mission der NASA korrekt vorhergesagt hat. Keine Ahnung, ob Big Ups mit ihrem albinesquen Sludgepunk ähnliche Ambitionen verfolgen, aber wenn auch nur die Hälfte ihrer wütenden Weltuntergangsprophezeiungen eintritt, stehen uns definitiv ein paar aufregende Jahre bevor.
T. ERROR COPTER

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BESTES COVER DES MONATS

RADIO SCHIZO
Die Menge macht das Gift
self released

Kompromisslos durchgeschwungene Springer-stiefeltritte, denen bei jedem Gebisskontakt neben klumpigem Dreck auch Northcore-Referenzen von Systral bis Loxiran, Hanse-Punk-Geröchel, Postcore-Breitseiten und manchmal sogar Kajal-Krümel aus dem Rillenprofil bröckeln. Erwachsen genug, um sich von niemandem belächeln lassen zu müssen—von den Zahnlosen gleich gar nicht. Liebevoll aufgemachte, handnummerierte DIY-Veröffentlichung—natürlich. Ihr Wahrheitsgehalt sprengt sämtliche Promillegrenzen. Das ist dann einfach doch zu viel Gift für Krämerseelen. http://radioschizo.bandcamp.com
POISON HIFI

DIE HEITERKEIT
Monterey
Staatsakt/Rough Trade

Die Heiterkeit sind nach wie vor eine dieser Bands, bei der man nicht genau weiß, ob sie hochgradig selbstreflektiert mit allen möglichen Klischees und Identitätskonstruktionen spielen, oder ob sie nicht doch einfach nur ein gewöhnlicher Haufen affektierter Kunstgören sind, die sich mit ihrem übergelangweilten Rösinger-meets-Nico-Geschrammel für die Geilsten halten. Immerhin lässt sich festhalten, dass sie das Klischee „schwieriges zweites Album“ für ihre Verhältnisse ziemlich gut gemeistert haben. Selbstreflexion hin oder her, ich bin ungefähr zwei Mal weniger eingeschlafen als bei ihrem Debüt. Das reicht, um zumindest einen müden Daumen nach oben zu recken, während ich mir mit dem anderen die Sandkörner aus den Augen reibe.
GREY WALTER

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CLICKCLICKDECKER
Ich glaub Dir gar nichts und irgendwie doch alles
Audiolith/Broken Silence

Vielleicht würde einem Clickclickdeckers Betroffenheitsindiepop, der sich inhaltlich ziemlich genau in der Mitte zwischen „eigentlich …“ und „… aber irgendwie eigentlich auch nicht“ festschwurbelt, tatsächlich nahegehen, wenn man sich mit viel Geduld auf ihn einließe. Aber es ist ein bisschen wie mit diesem etwas blassen Typen von der letzten WG-Party, mit dem du ein paar gezwungene Worte gewechselt hast, bevor dich jemand anders an der Hand nahm und auf die Tanzfläche zerrte. Er ist bestimmt sehr schlau und so und ihr könntet euch vermutlich ganz gut über die Uni unterhalten, wenn ihr mal gemeinsam im Fahrstuhl feststecken würdet. Aber in letzter Zeit nimmst du dann doch meistens vorsichtshalber die Treppe.
KIM KRAWÄTTCHEN

UNIVERSAL DAUGHTERS
Why Hast Thou Forsaken Me?
Santeria/Rough Trade

Auch du möchtest mal ein richtig guter Mensch sein, einer, der mehr macht als Lichterketten bei Campact oder Avaaz anzuzünden? Zugleich hast du ein Herz für darbende italienische Musiker und ein Ohr für obskure Hits aus der Jukebox von diesem Typen, der auch den Schnaps gemacht hat? Dann nimm das, „a charity album that actually didn‘t suck“. Eine extrem gut eingespielte Band unter Leitung von Marco Fasolo spielt sehr geschmeidige, inspirierte Songs von Legenden wie Screaming Jay Hawkins, Big Star oder Suicide. Das Salz in der Suppe ist die erlesene Schar von Gastsängern, unter ihnen Alan Vega, Gavin Friday, Lisa Germano, Jarvis Cocker, Carla Bozulich, Mark Arm (Mudhoney), Mick Collins (The Dirtbombs) und Stan Ridgway (Wall of Voodoo). Der Erlös kommt schwerkranken Kinder zugute. Nur Wale retten ist schöner.
CPT. AHABER

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STEPHEN MALKMUS AND THE JICKS
Wig Out at Jagbags
Domino

Vor einer Weile haben wir an dieser Stelle darüber sinniert, wie die Karriere von Malkmus wohl verlaufen wäre, wenn er nach Europa gezogen wäre, statt, ich zitiere, „einfach zu kapitulieren und ein Idiot zu werden“. Artigerweise ist er unserem freundlichen Rat gefolgt und vorübergehend nach Berlin übergesiedelt. Dieser Schritt ins Reich der unbegrenzten Möglichkeiten (Döner für zwei Euro, in Bars rauchen, auf der Straße Bier trinken etc.) markiert gemeinhin für jeden amerikanischen Künstler den Anbruch einer radikal neuen Lebens- und Schaffensphase. Außer für Malkmus, dessen freischwebender Slacker-Pop einfach mal genauso klingt wie immer. Vielleicht lebt er zu sehr in seiner eigenen Welt, um äußere Einflüsse überhaupt noch verarbeiten zu können. Vielleicht ist er auch einfach nur genauso kläglich an der Berghain-Tür gescheitert wie all die anderen Musiktouristen aus Übersee.
SNUMMEL DRUFF

MAZES
Better Ghosts
FatCat/Al!ve

Eigentlich wollten Mazes sich ja noch ein wenig auf dem verdienten Erfolg von Ores & Minerals ausruhen, aber jetzt hat sich doch schon wieder genug Material für eine Mini-LP angesammelt, die man am ehesten als marihuanageschwängertes Potpourri aus 60er-Psychedelia-Schnipseln, Field-Recordings und ein paar halbherzigen B-Seiten bezeichnen könnte. Das alles verfügt über eine unbestreitbare Grundqualität, wirkt aber trotzdem auf eine kalkulierte Weise belanglos, so als wäre man sich von vornherein darüber klar geworden, das der nächste große Wurf noch eine Weile auf sich warten lassen wird. Fanatische Hardcore-Fans der Band werden sich natürlich trotzdem freuen, vorausgesetzt natürlich, sie existieren überhaupt irgendwo.
WOBIN RILLIAMS

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LA FEMME
Psycho Tropical Berlin
Disque Pointu

Wenn der Infotext einer Band diese gleich zweimal als „leichtfüßig“ bezeichnet und mit „Unbedingt live erleben!“ endet, ist das normalerweise kein gutes Zeichen für ein nicht gerade „live“ erlebbares Album. Wenn dann auch noch 16 Tracks eigentlich nach einer Mischung aus „Cold Wave, Punk, Yéyé & Surf“ klingen sollten, man bei mindestens 15 davon aber nur Stereo-Total- (anstatt Poni-Hoax-)Assoziationen hat, wird die Hoffnung auf jenes Liveerlebnis eher noch weiter gesenkt. Schließlich sieht man sich das Cover an und findet mit einem Schlag ganz Frankreich wieder sehr eigenartig. Eigentlich schade drum, die Mittelmeerstrände sollen ganz nett sein.
GOTT ZILLER

THE MEN
Tomorrow’s Hits
Sacred Bones/Cargo

Das kommt davon, wenn man sich als Band im Schlafzimmer des Sängers verschanzt und Monate damit verschwendet, irgendwelche Demos aufzunehmen, dieselben Songs in einem richtigen „High-End-Studio“ erneut aufzunehmen, noch mal auszusieben, bis man acht übrig hat, nur um dann festzustellen: „Ja, Scheiße—aber jetzt ist zu spät.“
WUNDER WOMAN

GALLON DRUNK
The Soul Of The Hour
Clouds Hill

Immer noch die bessere, weil dreckigere Variante von Nick Cave und seinen Bad Seeds, ohne die dicken Eier von Grinderman und näher am Wahnsinn der Birthday Party. Allein die furiose Eröffnung „Before The Fire“ mit ihrem sechs Minuten instrumentalen Vorspiel wäre den Preis einer Totalbetäubung wert; sollte das mal einem Film als „Main Theme“ dienen, zahle ich für eine Komparsenrolle. Der Rest ist das Gerumpel von älteren Herren in dunklen Anzügen. Für sie ist es das aufregendste, leidenschaftlichste und am meisten bahnbrechende (?) Werk ihrer bisherigen Karriere. Eine verzeihliche Lüge.
NIKOLAUS EDWARDS

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DAVID KANAGA
Dyad
Software Recording Co.

Der sogenannte OGS (Original Game Soundtrack) kann auf CD nur ein Zehntel seines Potenzials präsentieren—bereits der Versuch, das Faszinosum auf CD zu bannen, erscheint ärmlich. Denn die Stärke, ja, das Revolutionäre an dem Soundtrack ist seine Funktion im Spiel, eine Art psychedelischen Wurmloch-Racer—je nach Aktion ändert sich die Musik und verlangt wiederum nach Reaktion vom Spieler—der Soundtrack wird endlich gleichberechtigt zum Bild zu einem integralen Bestandteil des Gameplays. Ohne diese Grundfunktion wirkt die Musik wie ein mild aufgeregter Mix aus Amateurfilm-Elektro und Vaporwave ähnlichen Mobilisierungs-Hymnen mit dem corporate Charme von Library Music.
LASSE D. BRAUN-RAMS

BRACE/CHOIR
Turning On Your Double
Tapete Records

Moment mal, lese ich da richtig, es handelt sich hierbei um Fahrradmechaniker und Philosophiestudenten, die sich in Berlin zu einer deutsch-amerikanischen Bafög-Vernichtungsmaschine im Spannungsfeld zwischen Krautrock, Impro-Kosmologie und Lavalampenschmelz formierten? Wenn ich es nicht besser wüsste, müsste ich davon ausgehen, dass irgendein Witzbold beim Label die Drehbuch-Grobskizze einer neuen (und besonders miesen) Haußmann/Buck-Berlinposse als Release-Info verschickt hat. Hat man diese Typen hier jedoch schon einmal live gesehen, dann weiß man: Sie sind gekommen, um auch noch das monumentalste Klischeegranit im Resonanzzentrum ihrer bis in die Ewigkeit greifenden Klangschichten zu zersprengen. Die beste Dope-Popel-verklebte Psych-Séance, die das Zodiak Free Arts Lab nie erleben durfte.
HAZE IENDA

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ACQUAINTANCES
s/t
Epitonic

Gestern erst. Ich hab mich wirklich angestrengt mit dem Nachdenken. Schließlich hat das Nachdenken nur noch mich angestrengt. Und dann wurde mir das zu doof, weiter durch mein Gehirn zu bohren, so nach den Namen, wie diese Band in einem früheren Leben mal geheißen haben könnte. Das ist sowieso schon so löchrig wie meine alte Jeans an Arsch und Knie, mein Gehirn meine ich. Kaum verwunderlich, dass da nichts weiter mehr hängen bleibt, als solche alten, zähen Brocken wie „Daydream Nation“ und „1000 Hurts“. „Acquaintances“ rutscht dazwischen irgendwo durch. Frag mich nicht, wo genau. Aber sonst so, eigentlich alles ganz gut. Kein Grund sich zu beklagen.
MAX SCHWURBEL

CHEATAHS
Cheatahs
Wichita Recordings

Ja, der Bandname könnte ein Porn-Starlet-Name sein. Ja, die Bandinfo spricht von einem „Debüt“ und ignoriert damit einfach die paar kleineren Releases, die’s schon gibt. Ja, Alternative-Gitarrenrock mit einem Hauch Lo-Fi und Lyrics über die Schwierigkeit von Beziehungen sind nicht gerade das, worauf die Welt sehnsüchtig gewartet hat. Und: Ja, sowohl Coverdesigner als auch Produzent der Platte waren vermutlich auf einer seltsamen Pilz-Gras-Mischung beim Einhalten ihrer Deadlines. Aber: Ganz so scheiße ist die Platte dann eigentlich gar nicht.
ZAR TAN

ANGEL OLSEN
Burn Your Fire For No Witness
Jagjaguwar

Angel Olsen hat eine Stimme zum Niederknien, mit der sie ähnlich King Dude eine Abgefucktheit in ihrem Folk-Kram rüberbringt, wie das sonst nur vielleicht noch Nico geschafft hätte. Ich kann mich immer noch nicht entscheiden, ob unter den elf Tracks kein einziger Lovesong ist oder ob alle elf als Lovesong durchgehen—und das ist ja mal mindestens das zweitbeste, was man über eine Platte sagen kann.
RAY ORBISON

BESTES ALBUM DES MONATS

THEE SILVER MT. ZION MEMORIAL ORCHESTRA
Fuck Off Get Free We …
Constellation Records

Ich muss gestehen, dass ich Efrim Menuck bei den letzten Konzerten mit Silver Mt. Zion eigentlich ziemlich scheiße fand. Die Ansagen des Typen, zweifellos eloquent und immer vom richtigen Klassenstandpunkt, hatten doch etwas von oberflächlicher Showmanship und der Vibe, mit dem er rumwedelte, schwang schließlich arg in Richtung: Rockstar. Vor diesen Konzerten hatte ich das Faseln, Silver Mt. Zion seien mit „Kollaps Tradixionales“ nun endlich Alternative Rock, nur als den Ausschlag böser Zungen abgetan, aber jetzt wurde es etwas unbehaglich. Ich könnte jetzt sagen: Heureka, das neue Album zerbläst alles Grübeln und Grummeln in grauen Rauch. Aber natürlich wäre das nicht sehr ehrlich. Für sich genommen allerdings ist dieses Fuck Off… nichts weniger als ein Meisterwerk. Noch losgelöster von Traditionen, mit Gitarren kreischend, sich noch hingebungsvoller in Dissonanz stürzend, um geheime Harmonien herauszustreichen. Dieses Album ist eine Welt für sich.
ATILLA COLGATHA