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Trainieren bis zum Kotzen

Die völlige Erschöpfung, Sauerstoffmangel im Gehirn und der Drang kotzen zu müssen. Das sind die Dinge, die die Trainingsmethode Crossfit zu einer besonderen Qual machen.

von Till Führer
26 Oktober 2011, 12:00am

Ich war wohl selber Schuld, als ich mich einfach mal so beim Crossfit angemeldet habe. Nicht umsonst ist es das offizielle Trainingskonzept einiger uramerikanischer Institutionen (Marine Corps, kalifornische Rettungsschwimmer) und deckt mit seiner Mischung aus Koordination, Kraftausdauer, Schnelligkeit und der Kontrolle des Mageninhalts eigentlich alle wichtigen Bereiche zur Stählung seines Körpers ab. Mit ganz einfachen Methoden geht es darum, in einer vorgegebenen Zeit so viele Übungen, respektive eine bestimmte Anzahl davon, in so kurzer Zeit wie möglich zu machen. Es läuft darauf hinaus, dass du innerhalb von wenigen Minuten so zerstört bist, dass du danach lieber kein Auto mehr fahren solltest. Aber eigentlich weißt du erst, was Crossfit bedeutet und warum es zu den härtesten Trainingskonzepten der Welt gehört, wenn du dich mit übersäuerten Muskeln und pumpender Lunge zum x-ten Sit Up gezwungen hast.
 
Das Ganze kann man alleine im Hinterhof oder in einer Neuköllner Muckibude machen, indem man 100 Mal mit einem Vorschlaghammer auf einen Gummireifen eindrischt, oder man lässt sich von professionellen Trainern wie Leo Löhr in einem Berliner Loft anschreien, was für ein Weichei man sei. Immerhin passt dieser auf, dass man technisch sauber trainiert und man sich nicht selbst verletzt und dadurch zum Invaliden macht.
 
Crossfit betreibt man in kleinen Gruppen. Wer sich anmeldet und nicht kommt, bekommt auch gleich richtig Ärger von Leo. Und damit geht die Gruppendynamik, die sich durch das gesamte Training zieht, auch schon los. Man wird von allen angetrieben, seine Grenzen doch mal richtig auszutesten, wobei man zwischen ehemaligen Rugbyspielern, Balletttänzerinnen und durch den Film 300 dazu inspirierten Informatikern ziemlich untergeht.


Den Fehler mit der langen Hose machen nur blutige Anfänger wie ich. Das Teil reibt nach spätestens zwei Minuten alles wund und klebt dann wie ein nasser Lappen an deinen Beinen. Bewegungsfreiheit sieht anders aus.
 
 
Das Ranking des Tages steht zusammen mit dem „Workout of the Day“, kurz WOD, an der Wand. Diese Zahlen gilt es zu schlagen. Ich will nur lebend wieder rauskommen, aber Leo macht mir wenig Hoffnung.


Warm Up.


In der Holzstange war Blei, ich schwöre es euch. Wirklich anstrengend aber war die Haltung. Absolut gerader Rücken, durchgedrückte Arme und Schultern. Hört sich nicht schwer an, ist aber nach ein paar Minuten für die degenerierten Muskeln der Schreibtischgeneration wirklich harte Arbeit.


Techniktraining für Overheadsquats, auf Deutsch Kniebeugen mit über den Kopf gestreckter Langhantel. Rücken und Beine fangen langsam an zu zittern. Noch geht es nicht auf Zeit, sondern um die Technik, aber alle feuern sich gegenseitig an. Zurückstecken ist nicht. Spätestens wenn die Zeit läuft und alle wie wahnsinnig loslegen, kann man nicht anders, als mitmachen. Und wenn man sieht, wie alle schon eine Übung weiter sind, will man dran bleiben, auch wenn einem schwindelig wird. Gegen die Gruppendynamik kommt keiner an und implizit wird dir klar gemacht, dass du sonst auch zu Hause bleiben kannst. Offizielles Motto: „Go Hard or Go Home.“


Die erste Regel des Fightclubs: Kein Wort über den Kotzeimer.


Ab jetzt läuft die Uhr und man wird zwangsläufig von der Gruppe mitgerissen. 5 Pull-ups, 10 Wallballs und 15 Sit-ups. So viele Runden wie möglich, Pausen so kurz wie nötig. Im Crossfit ist alles Englisch, also hier zur Erklärung: Wallballs sind Kniebeugen mit einem 20 Pfund Medizinball, den man 3 Meter hoch werfen muss. Leo versuchte, mir den 10-Pfund-Ball anzudrehen, aber ich wollte es richtig machen. Super Idee.


Die Klimmzüge waren mein Tod. Das Kinn musste über die Stange, sonst brüllte irgendjemand „No Rep“, also „keine Wiederholung“ und du musst nochmal. Das war Klimmzug Nummer 29, „No Rep!“. Halts Maul ...


Am Ende zucken meine Muskeln und meine Hände zittern. Ich gehe zur Sicherheit mal Richtung Kotzeimer, kann mich aber beherrschen. Glücklicherweise fiel das Mittagessen auch recht schmal aus. Aber es war knapp.


Leo leistet moralische Aufbauhilfe. Aber ich weiß noch nicht genau, ob ich ihm den „No Rep!“ beim 58. Wallball verzeihe ... Ich brauch noch ein paar Minuten.


Der Beweis, 7 Runden plus 5 Pull-ups. Ich habe ein mittelschweres Workout auf den hintern Plätzen beendet und bin trotzdem halbwegs stolz auf mich. Man klatscht sich ab, beglückwünscht sich ganz ehrlich und ohne großes Aufsehen. Man arbeitet hier zusammen gegen die Uhr und den Brechreiz, nicht gegeneinander. Wer das durchhält, der kann noch ganz andere Dinge schaffen.

Am Ende schaffe ich in 15 Minuten 40 Klimmzüge, 70 Wallballs und 105 Sit-ups. Leo macht locker das Doppelte. Das war noch abzusehen, aber selbst der 16-jährige Schüler macht mich fertig. Dass ich die beiden Mädchen in der Gruppe knapp schlage, hilft dann auch nichts mehr. Am Ende bin ich völlig verausgabt und habe mehrmals zum berühmten Kotzeimer geschielt.  Mir tun Teile meines Körpers weh, von denen ich gar nicht wusste, dass sie überhaupt weh tun können. Dabei hielt ich mich für einigermaßen fit. Aber es gibt wenig, das dir deine Überheblichkeit deutlicher vor Augen führt, als der Morgen nach einer Einheit Crossfit, wenn du dir vor lauter Schmerzen deine Socken auf dem Boden sitzend anziehen musst.

Fotos: Grey Hutton

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