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The Up in Flames Issue

Guerillas im Nebel: Sieben Tage unter kolumbianischen Rebellen

Was macht ein halbes Jahrhundert Krieg mit einem Land?
18.4.16

Fotos von Carlos Villalón. Guerilla-Kämpfer vom FARC-Bataillon Combatientes del Yarí einen Tag vor Beginn des Waffenstillstands

Aus der Up in Flames Issue

Ein Comandante hatte uns gesagt, wir würden vor der Billardhalle abgeholt, doch wir waren zwei Stunden zu spät dran. Nun wussten wir nicht, ob jemand kommen würde. Wir warteten den ganzen Nachmittag und Abend und nach einer Übernachtung in einem billigen Hotel auch am nächsten Morgen. Dann erschien eine Frau mit einer schwarzen Kappe und einem engen blauen Hemd auf einem Motorrad vor der tienda, an der wir warteten. Sie beäugte uns misstrauisch und fuhr wortlos weg.

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Wir versuchten, ihr Verhalten—sowie das von Bauern, Verkäufern und überhaupt allen Leuten—als Zeichen zu deuten, dass sie uns abholen würden. Das hatten wir mit den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens oder FARC, der ältesten kommunistischen Guerilla-Organisation des Landes, vereinbart. Die Gruppe kämpft seit 1964 gegen die Regierung, ein Konflikt, der bereits mindestens 218.000 Menschenleben gefordert hat. Sie hatten uns versprochen, uns zu ihrem Versteck tief im Dschungel mitzunehmen, wenn wir dieses winzige Dorf aufsuchten, das am Rande eines riesigen von der FARC kontrollierten Gebiets namens Llanos del Yarí lag.

Am Vortag hatten wir uns aus der Landeshauptstadt Bogotá auf den Weg gemacht. Die Strecke führte über sanfte, nebelumzogene Hügel, in denen Unmengen Schlangen und Brüllaffen lebten. Die FARC, die heute etwa 8.000 Mitglieder zählt, kon­trolliert dieses Gebiet seit mehr als 30 Jahren. Die Reise zu ihrem Hauptquartier fühlte sich irgendwann an wie eine Reise durch die kolumbianische Geschichte. Marode Dörfer erzählten von dem krassen Kontrast zwischen dem Herzen des Landes und den vergessenen Randbereichen. Eine zweispurige Landstraße wurde nach und nach schmaler, bis sie in eine einzelne, schlammige Spur überging. Je größer die Entfernung zu Bogotá, desto schlechter die Infrastruktur. Gegen Ende der Reise, kurz vor der Ankunft im FARC-Gebiet, sahen wir Guerilla-Graffiti an Regierungsgebäuden.

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„Sind Sie unbeschadet hier angelangt?", fragte ein junger Soldat der Nationalarmee. Er bewachte einen Checkpoint der Brigada Móvil auf einem Berggipfel in den Anden, kurz vor den Abwärtswindungen der Straße hinunter nach Caquetá. Hier im Randbereich des FARC-Gebiets hat die Nationalarmee viele Checkpoints. Es ist die Front eines Bürgerkriegs. Als der Soldat sah, dass wir nur Stative und Kameras in unserem Truck hatten, entspannte er sich ein wenig.

„Sie sollten umkehren", sagte er. „Wenn Sie weiterfahren, treffen sie auf El Paisa, einen Guerilla-Kommandanten. Haben Sie von ihm gehört? Er ist ein blutrünstiger Mann, er lehnt jede Friedensverhandlung ab. Bitte, Sie sollten hier wirklich nicht entlang."

Schließlich ließ er uns passieren und zwei Stunden später dunkelte es bereits. Dann trafen unsere Scheinwerfer plötzlich einen Mann mitten auf der Straße, der den Lauf seines Gewehrs direkt auf uns richtete.

„Lichter ausschalten und aussteigen!", schrie er. Es war ein junger Guerillakämpfer in Zivilkleidung. Zu seinen Seiten standen zwei weitere bewaffnete Männer.

„Wo kommt ihr her?", rief einer von ihnen. Wir waren anscheinend bereits im FARC-Gebiet. „Wisst ihr, dass es verboten ist, nach 18 Uhr hier durch zu fahren?"

Wir erklärten, wir seien aus Bogotá gekommen, um eine Doku zu drehen, erwähnten aber nicht, dass wir die Erlaubnis eines FARC-Kommandanten hatten, da wir nicht wussten, ob diese FARC-Einheit sich mit dem Kommandanten verstand, der uns eingeladen hatte.

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„Aus welcher Richtung kommt ihr?", fragte einer der Rebellen.

„Bogotá, Girardot, Neiva …", antwortete unser Fixer. „Das war's?" „Und durch diesen Militär-Checkpoint da oben …" Stille. Er hatte uns auf die Probe stellen wollen. Hätten wir unser Gespräch mit den Soldaten nicht gebeichtet, hätten wir Ärger bekommen.

„Dann kehrt um", sagte er. „Hier könnt ihr nicht bleiben. Ihr werdet beschossen, bombardiert. Fahrt zurück und merkt euch, dass ihr hier nachts nicht durch könnt."

Wir kehrten um. Nach einer kurzen Fahrt erreichten wir einen weiteren Militär-Checkpoint in San Vicente del Caguán. In einem Zelt in der Nähe erhellte eine Glühbirne die Gesichter von 32 FARC-Mitgliedern auf einem Fahndungsplakat der Regierung. Ganz oben war ein Bild von El Paisa, auf den ein Kopfgeld von 5 Millionen Dollar ausgeschrieben steht. „Meldet sie und werdet belohnt", hieß es auf dem Plakat. „Damit wir alle unseren ersehnten Frieden bekommen."

Wir waren nicht nur nach Llanos del Yarí gekommen, um die wichtigsten Guerillakämpfer Kolumbiens zu treffen. Wir waren außerdem dort, weil nach zwei Jahren der Verhandlungen im kubanischen Havanna der historische Friedensprozess zwischen der FARC und der Regierung von Präsident Juan Manuel Santos in seiner finalen Phase angelangt war. Am 20. Juli 2015 hatten FARC-Anführer einen einseitigen Waffenstillstand verkündet. Seit Beginn des Dialogs war dies bereits vier Mal versucht worden und gescheitert. Im April 2015 hatte ein viermonatiger Waffenstillstand damit geendet, dass FARC-Kämpfer nächtlich eine Einheit des kolumbianischen Militärs angriffen und dabei elf Soldaten töteten. Einen Monat später übte die Regierung Vergeltung und tötete 26 Guerillakämpfer. Würde es diesmal anders sein? Wir wollten es herausfinden.

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In jener Nacht schliefen wir in einem primitiven Hotel ein paar Blocks vom Checkpoint entfernt. Am nächsten Morgen folgten wir einer matschigen, kurvenreichen Straße Richtung Llanos del Yarí und FARC.

In den von ihnen kontrollierten Gebieten verhängen die Rebellen Ausgangssperren.

Und nun standen wir da und warteten vor der Billardhalle. Das Dorf bestand aus einem Dutzend schäbiger Hütten. Es gab einen Gemüsestand, eine Schule, einen Bierladen. Ein FARC-Kommandant hatte versprochen, uns abzuholen, doch bis auf ein paar Bauern und die misstrauische Motorradfahrerin hatten wir niemanden gesehen.

Nach mehr als 24 Stunden des Wachehaltens vor der Billardhalle waren wir kurz davor aufzugeben, als ein Mann in Zivilkleidung von einem Motorrad stieg und uns zu sich rief. Mit strengem Ausdruck sagte er, wir sollten ihm folgen. Er führte uns über die Yarí-Ebenen und dann zu ein paar einsamen Häusern am Fuße der Hügel. Unter den Gesichtern der FARC-Kämpfer, die sich vor einem der Häuser versammelt hatten, erspähte ich die Motorradfahrerin. Bei ihrem Anblick wurde mir klar, dass FARC-Mitglieder uns die gesamte Zeit beobachtet hatten.

Sie winkte uns zu und lächelte. Dann führte sie uns schweigend zu einem großen Haus tief im Tal. Vor einer rothölzernen Hazienda standen mindestens 20 Männer in Uniform, manche mit Sturmgewehren. Sie waren Mitglieder der Combatientes del Yarí der Frente 63. An einem Fahnenmast wehte die Flagge der Gruppe: zwei gekreuzte Gewehre vor den Landesfarben Kolumbiens, gelb, blau und rot. Auf der anderen Seite des Hauses wehte zum Zeichen ihrer Breitschaft zum Waffenstillstand eine weiße Fahne.

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Eine füllige Frau kam aus dem Hauseingang und begrüßte uns freundlich. Sie trug eine grüne Uniform und Kampfstiefel. Alles ging sehr schnell; gerade waren wir noch unter Zivilisten gewesen, doch nun standen wir zweifellos im Herzen des FARC-Territoriums.

Die freundliche Guerillakämpferin stieg auf ihr Motorrad und fuhr entlang versteckter Straßen unserem Truck voraus, vorbei an Weiden und Weggabelungen, bis wir drei Stunden später tief in der menschenleeren Savanne waren, wo es weder Vieh noch Zäune, weder Häuser noch Straßen gab. Um uns herum waren überall Dschungelpfade, die zum Fluss Putumayo und in die riesigen, unberührten Berge führten.

Geschätzte 40 Prozent der FARC-Mitglieder sind Frauen. Bis vor Kurzem durften sie keine Kinder kriegen. Einige Ex-Kämpferinnen haben ausgesagt, man habe sie zur Abtreibung gezwungen.

Es war der 21. Juli, nur einen Tag nachdem die FARC ihren nunmehr vierten einseitigen Waffenstillstand seit Anfang der Friedensverhandlungen im Jahr 2012 begonnen hatte. Die Regierung Castro in Havanna sowie die norwegische Regierung hatten als Vermittler zwischen der FARC und der kolumbianischen Regierung agiert. Die FARC hatte im Zuge der Verhandlungen mehrere Male Frieden gelobt—doch dabei kein einziges Mal tatsächlich eingewilligt, die Waffen niederzulegen. Bei früheren Verhandlungen in den 1980ern und den frühen 2000ern hatte die FARC Waffenstillstände ausgenutzt, um ihre militärischen Stellungen zu stärken. Diesmal wollte die Regierung das nicht zulassen. Die Regeln waren also klar: Während die beiden Seiten von Frieden sprachen, kämpften sie weiter.

Da die Nationalarmee während der Verhandlungen möglicherweise weiterhin die Lager der FARC angriff, brachten die Rebellen uns bei einer Bauernfamilie unter. In der Holzhütte ohne Strom und fließend Wasser—aber mit Satellitenfernsehen—verbrachten wir die folgenden Tage.

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Auf Anweisung der FARC hieß uns Laura, eine runzelige alte Bäuerin, bei sich willkommen. Sie war bucklig und zerbrechlich und lief nur langsam. Ihre Stimme brach beim Sprechen so sehr, dass man hätte meinen können, sie würde jeden Moment völlig verschwinden. Sie teilte ihr Haus mit ihrem Mann Cruz, ihrem Sohn und ihrer Tochter, der Schwiegertochter und drei Enkeln. Während wir uns unterhielten, jagten die Kinder einander mit hölzernen Spielzeuggewehren durchs Haus.

Die Mutter erklärte, die Kinder seien dieses Jahr nicht in der Schule, weil die nächstgelegene Schule keine Lehrer habe. Die Familie könne es sich nicht leisten, die Kinder eine Schule weiter ins katholische Internat zu schicken, also halfen die Kinder ihrer Oma bei der Arbeit auf der Hazienda und spielten in ihrer Freizeit Guerillakrieg.

Laura war krank. Sie hatte Diabetes und litt an chronischem Schwindel und Übelkeit, doch regelmäßige medizinische Versorgung hatte sie nicht. Ins Krankenhaus nach San Vicente de Caguán zu reisen, würde sie etwa 100 Euro kosten, was die Hälfte ihres monatlichen Einkommens war. Stattdessen holte sie sich Medizin von einem Bus, der alle zwei Wochen vorbeikam. Manchmal musste sie ihn vorbeifahren lassen, weil sie nicht genug Geld hatte.

Wie die meisten Bauern in der Region leben Laura und ihre Familie unter der Herrschaft der FARC und befolgen deren Regeln. „So ist es besser. Wer tötet oder stiehlt, muss sich [vor der FARC verantworten]", sagte mir ein anderer Bauer. „Natürlich müssen wir ihnen Steuern zahlen. Jeder Verkauf, jedes Vieh hat seinen Preis", erklärte er. Wie im Rest des Landes kümmern sich lokale Juntas aus Zivilisten um die alltäglichen Probleme der Gemeinde—Behausungen, öffentliche Dienste, Forderungen von lokalen Beamten. Die Steuern machen armen Bauern das Leben schwer, doch die von mir Befragten empfanden die Gesetze der FARC als genauso fair wie die der Regierung. Einheimische erzählten mir, Zivilisten würden Gemeindetreffen abhalten, sodass die Bevölkerung sich an der Regierung beteiligen könne—auch wenn alle in der Region wüssten, dass die Rebellen das letzte Wort haben.

Ein paar Tage nach dem Besuch von VICE schloss sich FARC-Kämpferin Antonia Simón Nariño einer Friedensdelegation an, die nach Havanna, Kuba, reiste.

Chepe, ein großer, schüchterner Mann, war Comandante einer Kompanie von 30 Guerillakämpfern. Wir trafen uns in einem aus Baumstämmen und riesigen grünen Blättern zusammengezimmerten FARC-Lager ein paar Kilometer von Lauras Haus entfernt. Chepe wurde im Dschungel von Caquetá geboren, doch er wuchs in Bogotá auf. Damals hieß er Jorge Suárez, womit er sich den Nachnamen mit dem FARC-Kommandanten Victor Julio Suárez Rojas teilte—seinem Vater. Suárez Senior starb am 22. September 2010, als die Regierung mehrere Tonnen Sprengstoff über seinem Lager abwarf.

„Die Genossen wollen, dass ich in der Stadt studiere und dann hierher zurückkehre, um bei der Revolution zu helfen", sagte mir Chepe. „Als ich in der 9. Klasse war, fing die Regierung an, Druck auszuüben, und die Paramilitärs wollten uns verschwinden lassen. Also brach ich die Schule ab und kam mit meinem Vater hierher. Ich habe elf Jahre mit ihm verbracht.

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Ich frage mich, was aus meinen Freunden von damals geworden ist", sagte er. „Was würden sie denken, wenn sie wüssten, dass ich hier bin? Sie sind wahrscheinlich Ärzte, Politiker, Ingenieure. Ich konnte nie auf die Universität. Aber ich habe Revolution studiert."

Sein Vater war ein berühmter Mann—oder eher berüchtigt. Auch bekannt als Mono Jojoy und Jorge Briceño führte er den östlichen Block der FARC an, der in den 1990ern und frühen 2000ern Dutzende Menschen entführte. Mehr als ein Jahrzehnt lang war die Entführung reicher Leute eine der Haupteinkommensquellen der FARC. Viele Menschen starben in jenen Jahren in Gefangenschaft. Was wäre passiert, wenn damals einer von Chepes Schulkameraden zum secuestrado, zum Entführungsopfer, geworden wäre?

Chepe sagte, er habe schon damals gewusst, dass seine Klassenkameraden seine „Feinde, die Söhne der Bourgeoisie" waren. Um sie zu studieren, sei er auf der Schule gewesen. Er habe gewusst, dass er fürs Gemeinwohl kämpfen müsse. „Ihre Ideale haben uns nicht beeinflusst", sagte er. „Wir waren bereits gefestigte Individuen."

Die Rebellen saßen auf Strandliegen Chepe gegenüber und hörten ihrem Comandante zu. Chepe öffnete seinen Laptop und eröffnete die Versammlung, die alle Guerilla-Einheiten morgens abhalten. Sie sangen die Internationale und Chepe las „Al Filo de la Navaja" vor, eine Kolumne aus Havanna von Comandante Carlos Antonio Lozada. Der Text bezog sich auf die vorangegangenen sechs Monate, eine Zeit, in der die Rebellen einen Waffenstillstand erklärt hatten, der gebrochen worden war, als eine Militärpatrouille in ihr Gebiet vorgestoßen war. Lozada, der ein Mitglied der FARC-Delegation in Havanna war, betonte, die Nationalarmee müsse die Intensität ihrer Angriffe zurückschrauben, um dem Waffenstillstand eine Chance zu geben.

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Als Nächstes standen die Kämpfer auf, um ein Lied zu Ehren von Manuel Marulanda Vélez' zu singen, der die FARC 1964 mit einer Gruppe kommunistischer Bauern gegründet hatte:

Ich singe für Manuel, den guten, alten Freund.
Manuel, der einst den Mut zu träumen hatte.
Manuel, von bösen Zungen Bandit genannt
und mit dem Teufel verglichen.
All die Liebe in seinem Wesen wird gedeihen.
Wie auch Fidel wird die Geschichte dich freisprechen, Manuel.

Hinterher hoben acht Rebellen die Hand, um die kubanische Kolumne zu kommentieren. Jeder brachte dieselbe Meinung vor: Sie gaben alle der kolumbianischen Oligarchie und dem US-Imperialismus die Schuld an dem Konflikt. Doch sie betonten auch, wie sehr sie ihren Kommandanten in Havanna vertrauen würden, weshalb sie auch gewillt seien, ihre Waffen niederzulegen und die Revolution in der Politik fortzuführen. Ihre Aussagen unterschieden sich nur in der Wortgewandtheit. Sie schienen so überzeugt von ihren Gedanken, dass sie schon fast vor Intensität vibrierten.

„Es ist so schön", sagte Luisa Montserrat, eine junge Rebellin aus Bogotá. Sie schloss die Augen mit der spirituellen Trunkenheit einer Betenden, die ihren Blick nach innen richtet, um Gott zu sehen. „Es ist so schön, im Besitz der Wahrheit zu sein."

Alle Guerillakämpfer gehören sowohl einer militärischen (der FARC) als auch einer politischen Partei an (Partido Comunista Clandestino Colombiano oder PC3). Sie wussten, dass mit ihrem Beitritt die Revolution zu ihrem Lebensinhalt würde. Laut der offiziellen Satzung der FARC müssen freiwillige Rekruten für unbestimmte Zeit dienen. In anderen Worten, sie verschreiben sich einem Leben als professionelle Revolutionäre, bis die Revolution triumphiert. Die Fahnenflucht ist ein Verbrechen und wird manchmal mit dem Tod bestraft.

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Um die Gruppenidentität zu stärken, halten die Rebellen jeden Tag eine solche Versammlung ab. Der Lesestoff variiert: Mal gibt es die Grundlagen des Leninismus oder Simón Bolivars Manifest von Cartagena, dann wieder klassische russische und kolumbianische Romane.

Eine der Frauen auf der Versammlung war Antonia Simón Nariño. Sie war in Bogotá aufgewachsen wie Chepe und hatte an der Nationalen Pädagogischen Universität studiert. Sie erzählte mir, sie habe vor etwa zehn Jahren begonnen, die politischen Schriften von Rebellen zu lesen, und kurz darauf sei sie vom Movimiento Bolivariano rekrutiert worden. Dies ist der erste Schritt für jede junge Person, die der FARC beitreten will. Ihr Freund war Angehöriger der Miliz. Drei Jahre lang schlich sie sich aus dem Haus ihrer Eltern, um Trainingsstunden in den Lagern von Caquetá zu besuchen. Ihrer Familie sagte sie, sie würde in der Sierra Nevada den Katechismus unterrichten. Eines Tages ging ihr Vater zur Universität, um sich zu erkundigen, wie es den jungen Lehrkräften in der Sierra Nevada erging, und entdeckte ihre Lüge. Sie brachte nie den Mut auf, ihm zu sagen, dass sie eine Rebellin sei. Stattdessen sagte sie ihm, sie sei der Kommunistischen Partei beigetreten, die in Kolumbien im Gegensatz zur PC3 eine legale, nichtsubversive Organisation ist. Nicht lange darauf zog sie in den Dschungel. Sie vereinbarte mit ihrem Freund, dass er ihrer Familie die Wahrheit sagte.

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Sie beendete ihre traurige Geschichte, indem sie „Todo Cambia" von Mercedes Sosa sang:

Meine Liebe ändert sich nicht,
ganz gleich, wie fern ich bin.
Auch ändert sich weder die Erinnerung
noch der Schmerz meines Volkes.

Jeden Tag waschen sich die Kämpferinnen und Kämpfer zusammen. In der FARC wird zwischen Frauen und Männern kein Unterschied gemacht.

Im Lager hatten wir nicht wirklich das Gefühl, uns im Kriegsgebiet zu befinden. Während meines Besuchs vertrieben sich die Rebellen die Zeit, indem sie auf Chepes MacBook amerikanische Serien und Katy-Perry-Videos ansahen. Manche hoben Schützengräben aus, andere kochten cancharina, ein frittiertes Gebäck aus Maismehl.

Die FARC führt diesen Kampf seit mehr als 50 Jahren. Er begann als Konflikt zwischen kommunistischen Bauern und der US-gestützten, reichen und mächtigen Elite des Landes. Doch in den 1980ern beteiligte sich die FARC am Drogenhandel, um den Kampf zu finanzieren, und der Aufstieg des Schmuggelgeschäfts brachte neue Paramilitärs hervor, die den Guerillas das Territorium streitig machten. Die Kämpfe intensivierten sich während der 1990er, wobei die Taktiken aller Seiten neue Abgründe der Unmenschlichkeit erreichten: Die FARC entführte Zivilisten oder tötete sie mit Bomben, Paramilitärs verübten in Hunderten Dörfern Massaker, und Soldaten der Nationalarmee ermordeten Tausende unschuldiger junger Kolumbianer und Kolumbianerinnen, die sie als positivos ausgaben, eine Militärbezeichnung für Rebellen, die im Gefecht sterben.

Die Zahlen sind grauenvoll. Laut dem Nationalen Zentrum für Historisches Gedenken waren fast 80 Prozent der 218.000 Todesopfer des Bürgerkriegs Zivilisten. Die Vereinten Nationen haben berechnet, dass das Militär 4.716 Morde an fälschlich als FARC-Mitglieder bezeichneten Menschen begangen hat, und der Thinktank Cifras y Conceptos schätzt, dass Guerillakämpfer 9.447 Entführungen begangen haben.

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Die Paramilitärs wurden 2004 und 2005 unter Präsident Álvaro Uribe demobilisiert. Zwar haben viele Paramilitärs neue Drogenschmugglerringe geformt, doch ihre Bedeutung nimmt ab.

Zehn Kilometer von unserem Lager entfernt schwelte jedoch der Konflikt. In einem weiten Tal waren FARC-Einheiten stationiert, um das vorstoßende Heer aufzuhalten, das in dem Gebiet eingetroffen war—was viele Rebellen als Provokation auffassten. Chepe erlaubte uns, durch das Lager zu streifen. Wir sahen Kämpfer und Kämpferinnen, die mit Gewehren über der Schulter Übungen machten. Mittags gab es Essen, dann ein Bad im Fluss, wo die Rebellen sich bis auf die Unterwäsche auszogen und darauf achteten, nur auf ihre eigenen Körper zu schauen. Viele ruhten sich mit ihren „Bettgenossen", ihren Liebhabern, in Hütten aus Holz und Blättern aus. Die FARC besteht zu 40 Prozent aus Frauen und viele Rebellen sind liiert. „Der Dschungel ist unser Zuhause", sagte Jineth, eine 26-Jährige mit einem handgemachten Notizbuch, in das sie mit kindlicher Schrift marxistische Überlegungen und Gedichte über die FARC-Gründer notierte. Als sie neun Jahre alt war, sah Jineth, wie ein Mann ihre Mutter vor ihrem Laden in der Stadt Villavicencio ermordete. „Man schickte mich zur Therapie", sagte sie.

Jineth wurde von ihrem Onkel großgezogen. Als sie älter war, fand sie heraus, dass ihr Cousin Guerillero war, und bat ihn, sich anschließen zu dürfen. Er sagte ja.

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„Wohin würdest du gehen, wenn der Krieg heute enden würde?", fragte ich sie.

„Unser Zuhause ist an unseren Rücken gebunden", sagte sie, womit sie den 40-Kilogramm-Rucksack meinte, den sie seit ihrem Beitritt vor zehn Jahren jeden Tag trägt.

Was würde mit der Region geschehen, wenn es einen Friedensvertrag gäbe? Was würde aus den Bauern, der örtlichen Miliz und den Guerillas werden? Jineth, Antonia, Chepe und Luisa waren alle einig, dass sie ihr Leben ihrer politischen Partei widmen wollten, dass ihr Kampf niemals enden würde und dass sie dann eben anderweitig nach Revolution streben müssten. Chepe und Jineth wollten studieren; Antonia sagte, sie würde unterrichten. Sie alle schienen den Krieg satt zu haben, doch sie schienen auch kein anderes Leben zu kennen.

„Im Moment kann ich mir nicht einmal vorstellen, den bewaffneten Kampf aufzugeben", sagte Chepe. „Normale Leute aus der Region kommen mit ihren Problemen zu uns, wie etwa eine gestohlene Kuh oder ein Streit unter Nachbarn. Wir sind eine bewaffnete Partei, aber wenn wir die Waffen niederlegen, sind wir noch immer eine Partei, und wir werden unseren politischen Kampf fortsetzen."

„Und wie würdet ihr erneute Massaker gegen eure Leute verhindern?", fragte ich. „Wie würdet ihr die Rückkehr der Drogenschmuggler und Paramilitärs verhindern?"

„Das hängt alles von der Regierung ab", sagte er. „Es sollte Garantien geben, dass die [Friedens]Vereinbarung eingehalten wird. Deswegen werden sich viele Länder beteiligen müssen."

Ein FARC-Mitglied patrouilliert im Wald.

Um 17 Uhr an unserem letzten Tag im FARC-Gebiet wollten wir gerade zu Lauras Haus zurück, als einer unserer Fixer auf uns zu kam. „Ihr müsst jetzt gehen", sagte er. „Ihr habt die falschen Fragen gestellt."

Jemand hatte dem Comandante gesagt, ich hätte Rebellen und Zivilisten gefragt, ob sie Entführungsopfer bei sich versteckt halten würden, doch das war nur ein Missverständnis. Ein weiteres Missverständnis in fünf Jahrzehnten der Missverständnisse.

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Mein angeblicher Fehltritt hatte sich zwei Tage zuvor zugetragen, als wir mit Laura und ihrer Familie zu Abend aßen. Neben mir saß eine Frau, die wie eine ganz gewöhnliche Bäuerin bei einem köstlichen Abendessen aussah. Sie sagte mir, sie sei bereits seit Jahren Guerillakämpferin. Sie sprach nicht viel, doch ich nutzte die Gelegenheit, ihr dieselben Fragen zu stellen wie Chepe.

„Hast du dich schon mal um Entführte gekümmert? Ich denke, sie müssen in Bauernhäusern wie diesem untergekommen sein. Du hattest hier nie welche?"

„Nein, nie", antwortete sie.

Das Gespräch fiel auf Laura und ihre Kinder, und ich erwähnte das Thema nicht mehr. Laura erzählte uns von ihrer Gesundheit, von einem Heilkraut, das gegen ihren Schwindel half, von ihrer Kindheit in Tolima und ihrer Zeit in Huila. Dann wurden wir unterbrochen.

„Seht, sie haben die Kamera wieder eingeschaltet", sagte Lauras Sohn, ein Tagelöhner wie sein Vater, und deutete auf ein weit entferntes Licht im nachtschwarzen Himmel. Es sah aus wie ein Satellit oder ein Mobilfunkmast. Dann verschwand es.

„Eine Kamera?", fragte ich. „Ja, das ist das Militär. Sie beobachten uns", sagte er. „Natürlich beobachten sie uns", sagte Laura mit ihrer brüchigen Stimme. „Einmal kam das Militär zu uns. Einer der Soldaten dachte, ich könne ihn nicht sehen, und versteckte ein Gerät auf unserer Tür. Ein paar Tage später kam er wieder und nahm es unauffällig mit."

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Es war eine laue Nacht und ich fragte sie, ob sie Frieden in Kolumbien für möglich halte.

„Ja", sagte sie, ohne Zweifel. „Warum bist du dir so sicher?" „Weil es in der Bibel steht. Darin heißt es ganz klar, dass der Kommunismus in unserer Welt ankommen wird, und sei es nur für einen Tag." Laura stand auf und ging mit einer Lampe in der Hand ihre Bibel holen. Klein und zitternd stand sie da und deutete auf Offenbarung 18, über den Untergang von Babylon. Zwei Monate nachdem ich Laura, Chepe und die anderen in Llanos del Yarí mitten in der Nacht verlassen hatte, würde die FARC ihren eigenen Waffenstillstand mehrfach brechen. Das Militär griff ebenfalls viele Male an. Ein Kämpfer der Kolonne Daniel Aldana, die an der Pazifikküste operiert, ermordete den afro-kolumbianischen Politiker Genaro García, einen friedlichen Mann, der sich lediglich gegen die FARC-Herrschaft in seiner armen Gemeinde ausgesprochen hatte.

Die Waffenstillstandsverhandlungen werden unterdessen fortgeführt—ebenso wie der Krieg.

Schätzungen nach hat die FARC 8.000 bewaffnete Mitglieder.