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Reisen

Schnapsbrennen in Sao Paulo

Ich war schon immer ein Freund davon, sich möglichst billig zu betrinken. In Brasilien wird ein Zeug gebrannt, dass Crazy Mary [in Portugiesisch Maria-Louca] genannt wird. Ich fand sehr schnell heraus, dass das Zeug weder leicht, noch schnell zu machen...
6.12.10

Ich war schon immer ein Freund davon, sich möglichst billig zu betrinken. Leider bin ich auch ein Fan von allem, was einen ökologischen Hintergrund hat. Natürlich nicht im Zusammenhang mit schmutzigen Drogen. In diesem Sinne beschloss ich, den günstigen Hippie-Weg zu gehen und mir meinen eigenen Schnaps zu brennen. Nach einigen Überlegungen, welche Gruppe von Menschen den stärksten Durst, aber die geringsten Mittel besitzen, entschied ich mich für Gefangene. In Brasilien gibt es ein großes Staatsgefängnis und dort wird ein Zeug gebrannt, dass Crazy Mary [in Portugiesisch Maria-Louca] genannt wird. Zu Beginn meiner Recherche fand ich sehr schnell heraus, dass das Zeug weder leicht, noch schnell zu machen ist. Aber die Scheiße soll fantastisch schmecken.

Ich wusste, zuerst brauche ich einen Häftling, also rief ich meinen Freund Joào Wainer an. Er ist Fotograf und hat einmal die Besserungsanstalt  sehr ausführlich dokumentiert. Er machte mich also mit seinem Freund Sophia bekannt, der 20 Jahre in diesem Gefängnis gearbeitet hat. Der brachte mir dann wiederum den Kontakt zu Twin und Issac, die beide ihre Zeit in Brasilien abgesessen hatten.

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Twin erzählte mir: „Ich war zehn Jahre im Gefängnis. Das letzte Mal für acht Jahre, ich kam 2004 wieder raus [Raub und Körperverletzung]. Ich habe auch mit dem Arzt Dràuzio Varella gearbeitet, in diesem Loch von Krankenstation."

Twins Freund Issac saß seine Zeit in Baixada Santista ab. Er weiß, wie man den Alkohol vorbereitet. Nach mehreren Delikten wie Drogenhandel, Raub und Körperverletzung wurde er für 15 Jahre im Carandirúgot Knast weggesperrt. In dieser Zeit wurde Issac mit dem Herstellungsprozess vertraut gemacht. „Ich habe viel gelernt in dieser Zeit“, erzählte er mir. „In Carandirúgot lernst du dein Handwerk. Und wer kann dir das Handwerk am besten beibringen? Natürlich die Alten. Da gibt es Typen, die sind seit 20 Jahren im Gefängnis. Ich traf viele Banditen aus dem Rotlichtmilieu, die mir ihr Wissen weitergaben. Ich habe im Knast auch vieles durchlebt, aber es gab nur eine Erfahrung, die ich mit rausgenommen habe. Das Zeug zu brennen, war die einzige Möglichkeit, da drin wirklich zu überleben."

Eine Woche bevor wir Issac getroffen haben, hatte er schon mal die erste Stufe der Crazy Mary vorbereitet. Er hatte sich von Twin ein kleines Fass aus Plastik (eigentlich zur Aufbewahrung von Oliven) geliehen und als er reinschaute, gab es positives Feedback: „Es sieht gut aus, es riecht stickig.“

Bevor Issac den Eimer öffnete, erklärte er: „Zu Beginn muss man alles sterilisieren und die Früchte gründlich reinigen. Dann braucht man heißes Wasser, zwei Kilo Zucker, ungekochten Reis, Guave, Passionsfrucht und Orangen. Alles zerhacken und Backhefe unterrühren.“ Das alles in ein verschlossenes Fass und wenn man den richtigen Crazy Mary haben will, muss man noch was anderes hinzufügen, dazu aber später mehr.

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Obwohl wir alles ganz frisch beim Obststand gekauft haben, glaube ich nicht, das es frisches Bio-Obst sein muss. Jede Kombination von Obst ist möglich. Oder auch nur Reis und für die Hefe gibt’s einfach ein Brot.

Twin erzählt mir: „Wenn dir deine Besucher Obst mitbringen, dann wirfst du die kompletten Früchte rein. Da gibt es keinen Abfall. Sogar die Schale lässt sich noch verkaufen. Dann wird es gewaschen, zum richtigen Gären kommen noch Zucker, Wasser und Hefe dazu. '91 bis '94 waren die besten Crazy Mary-Jahre, da gab es nur eine Küche im Gefängnis. Dort entstand aber immer eher ein Saké, nur Reis, Zucker und Hefe.“

Heutzutage gibt es keine Küche mehr im Gefängnis, das ganze Essen besteht nur noch aus Fertiggerichten. Wenn es geliefert wird, erwärmt man es mit einem Feuerzeug und was man sonst so finden kann. Twin meint, mit diesen Fertiggerichten kann man die Crazy Mary viel leichter vorbereiten, als damals in der Küche. „Der Prozess an sich ändert sich nicht.“

Sobald unsere Freunde das Fass geöffnet haben, kam uns ein fauliger Geruch entgegen. Das Gebräu war in seiner ersten Phase. Wir alle nahmen einen Schluck und das Zeug ist  wirklich verdammt stark. Der Alkohol kriecht dir die Nase hoch und man fühlt sich sofort betrunken. Der zusätzliche Luxus, ungekochten Reis zu verwenden, gibt dem Zeug einen Geschmack wie Saké. Das schmeckt so verdammt gut, trotz des widerwärtigen Geruchs, dass wir nicht aufhören konnten zu trinken, bis es schließlich Zeit war, nach Hause zu wanken.

Diese erste Stufe heißt „Champagner für Weihnachten,“ sagt Twin, „es fühlt sich innen sehr warm an und außen geht das Feuerwerk los, das ist einfach großartig. Wenn der Schnaps jedoch wieder herauskommt, dann wird es ein kurvenreiches Feuer.“ Dann wird es auch etwas kompliziert.

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Das Werkzeug zum Destillieren muss komplett sauber sein. „Wir benutzen eine Kupferspirale. Normalerweise nehmen wir die von einem Trinkbrunnen, aber plötzlich waren im Gefängnis alles Spiralen entfernt und keiner wusste, wo sie hin waren. Aber wir haben immer einen Weg gefunden“, erzählt Twin.

Dann kommt der riskanteste Teil des hausgemachten Schnaps: „Du musst die Flüssigkeit vorsichtig erhitzen, denn der Dampf ist wirklich ätzend. Der Prozess muss immer überwacht werden, wenn nur ein kleines Stück Obst die Spirale verstopft, kann alles in die Luft fliegen. Ich hab schon viele Menschen gesehen, die aufgrund so einer Explosion ihre komplette Haut auf der Brust verloren haben. Einmal gab es eine Explosion während der Besuchszeit, da wird nicht kontrolliert, was die Insassen tun.

Eigentlich ist es schwierig, das Zeug zum Explodieren zu bringen, wenn man vorsichtig damit umgeht. Sobald es anfängt zu tropfen, ist auch alles gut. Aber an diesem einen Tag wurde der Typ für eine Sekunde abgelenkt, er wollte die Spirale entlüften und Boom! Der Verschluss schnitt ihm einen zweiten Mund in sein Gesicht und er wurde von all dem kochende Zuckerwasser durchnässt. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie ihn das zugerichtet hat. Wir brachten ihn in Halle 4, leisteten erste Hilfe, aber seitdem besteht jeder neue Tag für ihn aus reinem Leid. Man muss immer wieder all die tote Haut entfernen und mit Wasserstoffperoxid abreiben. Eine grauenhafte Tortur, der Alkohol ist das nicht wert.

FOTOS: JOAO WAINER