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Flüchtlinge wegen des Oktoberfests nicht aufzunehmen, ist zum Kotzen, liebe CSU

Unappetitliche Alkoholexzesse sollten nicht als Entschuldigung herhalten, mal kurz eine zweiwöchige Pause beim Versorgen von Menschen in Not einzulegen.
Foto: imago/JOKER

Nachdem Horst Seehofer rausposaunt hatte, dass die Bayern lieber unter sich saufen, anstatt sich während des Oktoberfest um den anhaltenden Flüchtlingsstrom zu kümmern, hat sein Innenminister Joachim Herrmann nochmal erklärt, wie sein Chef das genau gemeint hat: „Insbesondere Asylsuchende aus muslimischen Ländern sind Begegnungen mit massiv alkoholisierten Menschen in der Öffentlichkeit nicht gewohnt."

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Stimmt, das neue Bild bayrischer Willkommenskultur könnte angesichts solcher Bilder einige Schrammen abbekommen. Außerdem weiß man ja, dass sich die Zunge des „Ich bin kein Nazi, aber.."-Typus mit steigendem Alkoholpegel so selbstständig machen kann, dass man die Person trotz wiederholten Leugnens irgendwie doch für einen Rassisten hält. Unvergessen in diesem Zusammenhang ist der Auftritt von Lothar Matthäus. Der hatte einst zu einem Niederländer auf dem Oktoberfest im Streit gesagt, sein Gegenüber sei „wohl vergessen worden vom Adolf".

Lieber Abschrecken als Ausladen

Träfe dann die weiß-blaue Promille-Kultur der Wiesn, die während der vier Wochen in der gesamten Stadt herrscht, auf abstinente Muslime, wären Missverständnisse oder gar Schlimmeres vorprogrammiert, da hat der Innenminister Recht. Daraus allerdings zu folgern, es sei besser, sich alleine zu besaufen, weil man den Flüchtlingen die Bilder kotzender und kopulierender Dirndl- sowie Lederhosenträger/innen nicht zumuten kann, ist so abstrus, dass nicht nur Flüchtlingen das Kotzen kommen sollte.

OMG! Foto: imago/ Ralph Peters

Keiner will den Bayern ihr Bier oder ihre spezielle Form des Humors madig machen. Aber dermaßen unappetitliche Alkoholexzesse, wie sie auf dem Oktoberfest an der Tagesordnung sind, sollten nicht als Entschuldigung herhalten dürfen, mal kurz eine zweiwöchige Pause beim Versorgen von Heimatvertriebenen (muss ich mich jetzt entschuldigen?) einzulegen.

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Das ist allein aufgrund der 100.000 Muslime, die jetzt schon in München leben, ein Witz. Gibt es für die Zeit des Oktoberfests etwa Warnhinweise vor der Häufung sexueller Übergriffe oder Flyer, die davor warnen, sich auf einer ehemaligen Pizza am Wegesrand ein Bein zu brechen? Die Münchner Muslime ertragen es still und leise, weil es anscheinend zur Kultur des Gastgeberlandes gehört. Manche feiern sogar mit, ohne einen Kulturschock zu erleiden.

Kennt man solche Szenarien aus der eigenen Heimat bislang nicht, wirken Massen Schweinefleisch verzehrender Sturzbetrunkene schon sehr befremdlich, wenn nicht gar abschreckend. Genau das könnten sich doch Seehofer und Herrmann zunutze machen: Bayern könnte in muslimischen Ländern auf den Abschreckungseffekt von Schweinshaxen, öffentlichem Urinieren und Grabschkultur hoffen, anstatt sich abzuschotten. Besoffene Oktoberfest-Besuchende statt Mutti Merkel auf Al-Jazeera, das wäre doch viel eher im Sinne einer CSU-flankierten Flüchtlingsabschreckung als die aktuelle Ausladung. Dazu könnte die Bayrische Staatskanzlei noch ähnlich so coole Image-Videos wie das hier produzieren und über YouTube für die Verbreitung im gesamten Nahen Osten sorgen. Besoffene Politiker, eine besonders repressive Polizei, die meisten Drogentoten der Republik—es gäbe noch viel mehr, was Flüchtende von Bayern fernhalten könnte. Wenn sie das vorher wüssten.

Die, die es trotzdem im September und Oktober nach München schaffen, könnten von Freiwilligen langsam in die bajuwarischen Gepflogenheiten während der Ausnahmezeit eingeführt werden: „Nein, der ist morgen wieder normal", „Eigentlich vögeln wir hier nicht einfach hinter dem Busch", „An anderen Orten gilt das Anfassen fremder Ärsche als Straftat" und „Der hätte vorher besser was gegessen" wären dann die Standardsätze, die ein zukünftiger Oktoberfest-Guide für Flüchtlinge in mindestens fünf Sprachen parat hätte. So könnte man zusammen feiern und gleichzeitig für Verständnis der typischen, alkoholbedingten Ausfallerscheinungen der Deutschen Leitkultur, die Edmund Stoiber jüngst erst wieder aus der Mottenkiste gekramt hatte, werben.

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Traditionsbewusst

Eigentlich wissen wir doch, dass es nicht darum geht, flüchtlingsfrei zu saufen, sondern die Politik der CSU zu manifestieren. Die CSU ist ja nicht erst seit dem aktuellen Ansturm darauf bedacht, das Boot für voll zu erklären. Zu fordern, volle Boote sich selbst zu überlassen, um sich unbeobachtet in Ruhe voll laufen lassen, passt zur unrühmlichen Rolle, die Seehofer und seine Vorgänger in der Debatte seit den 1980er Jahren übernommen haben. Konsequent zu Ende gedacht hieße das aber auch, dass jeder Schlachthof, jede Metzgerei, jede Brauerei oder Brennerei demnächst als Ausrede dienen könnte, um keine Flüchtlinge aufzunehmen.

„Ich bin ja kein Nazi, aber…

…der Schlachthof nebenan wäre ein zu großer Kulturschock für die Muslime.

…wir haben hier mindestens fünf Kneipen im Ort. Deshalb können wir keine

…etc. blabla".

Ist das große Besäufnis erst mal vorbei, empfangen König Horst und die Landesregierung Muslime zum Katerfrühstück wieder in Bayern. Andererseits: Um niemanden mehr rein zu lassen, müsste man ja auch nur ein Jahr durchfeiern. Oder man präsentiert uns im vierwöchigen Wiesn-Suff demnächst eine noch bessere Idee, wie man nicht nur zu Zeiten der größten Drogenparty des Landes unter sich bleiben möchte.