Rosenmontag ist, wenn einer toten Gans der Kopf abgerissen wird

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Rosenmontag ist, wenn einer toten Gans der Kopf abgerissen wird

DAS Highlight der Karnevalssaison ist für einige das Gänsereiten, bei dem keine Gans reitet, sondern einer toten Gans der Kopf angerissen wird.
17.2.15

DAS Highlight der Karnevalssaison, wenn man aus den Provinzen rund um Bochum und Essen kommt, ist Gänsereiten. Und gestern, am Rosenmontag, fand es wieder statt.

Der Gänseritt ist ein absurder Brauch, bei dem nicht etwa die Gans geritten wird, sondern einer Gans der Kopf abgerissen wird—und zwar vom Pferd aus.

Viele sind nicht mehr übergeblieben, die das Gänsereiten zelebrieren. Nur noch vereinzelt tauchen im Westen Deutschlands Gänsereitervereine auf. Aber die, die noch dran hängen, meinen es auch ernst. Auch dieses Jahr ritten in Sevinghausen also wieder acht Männer im Kreis und zogen einer zuvor getöteten Gans abwechselnd so lang am Hals bzw. am Kopf, bis einer diesen glorreich in der Hand halten und sich Gänsekönig nennen konnte.

Früher, als der Brauch noch von spanischen Söldnern ausgeübt wurde, war die Gans, die an ihren Füßen baumelnd von einem Tor herabhängt, lebendig, und somit schwerer zu köpfen. Heute ist sie bereits vorher getötet worden und wird für den erhöhten Schwierigkeitsgrad mit Schmierseife flutschig gemacht. Es ist also Können gefragt.

In Höntrop/Wattenscheid und in Sevinghausen hat das Spektakel noch einen besonderen Kniff, denn hier weigert man sich vehement, auf Gänse-Attrappen umzusteigen, und besteht auf eine echte Gans, die hinterher beim Rosenmontags-Festmahl aufgetischt wird. In manchen umliegenden Orten der Region wurde der jährliche Gänseritt als „nicht mehr zeitgemäß" empfunden und eingestellt, in den beiden Vereinen bei Bochum sieht man das anders.

Dass ein kleiner Teil der Menschheit in Höntrop noch nicht viel weitergekommen ist und findet, dass „Tradition nunmal Tradition ist und erhalten bleiben muss", verärgert vor allem Tierschützer.

Deshalb formieren sich jedes Jahr Gegendemonstrationen, bei denen es immer mal wieder zu Ausschreitungen kommt. Am Rosenmontag waren auch in Sevinghausen und in Höntrop 60 Demonstranten gegen das „Kriegsspiel" unterwegs. Die Wattenscheider Jugend machte in weißen Stramplern besonderes lautstark ihr Unverständnis den Tierschützern gegenüber deutlich. Immer wieder pöbeln nicht allzu jecke Karnevalisten und Gänsereiter-Freunde die Gegendemonstranten an.

Sandra Lücke startete eine Petition gegen „die Barbarei in Höntrop" und kann die Faszination des gekonnten Kopf-Abreißens nicht nachvollziehen. Sie fordert ein Verbot, echte Gänse zu benutzen. Fast 57.000 Unterzeichner stimmten bereits zu, dass zum Spaß und zur Unterhaltung kein Tier getötet werden darf. Eigentlich steht auch das Tierschutzgesetz auf ihrer Seite, doch „der Verzehr der Gans nach dem Ritt" und traditionsbewusste Kommunalpolitiker von SPD, CDU, NPD und Co. sprechen gegen ein Verbot. Außerdem wünschen die Parteien in der jährlich erscheinenden Sevinghauser Gänsereiter-Zeitung „Gut Ritt".

Auch die Jungen Nationalisten Bochum/Wattenscheid finden, „Traditionen müssen erhalten bleiben", und veröffentlichten eine lange Stellungnahme.

Vor allem die vielen Kinder, die jedes Jahr am Rand stehen und den Gänsekönig feiern, bereiten Sandra Sorgen, „da ihnen mit diesem Brauch keinerlei ethische Werte vermittelt werden" und die Gefahr groß ist, dass der Respekt vor Tieren im Allgemeinen flöten geht.

Das sehen die Karnevalisten aus Höntrop ganz anders, hier haben Kinder bis 2006 noch mit echten Gänsen den Sitz im Sattel und den richtigen Griff um den Hals geübt. Heutzutage findet die Nachwuchsförderung des Vereins offiziell nur noch mit Attrappen statt. Das Verwenden von lebenden Gänsen beim eigentlichen Gänseritt ist immerhin schon seit 1806 wegen unnötiger Tierquälerei verboten.