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Warum die "Praktikanten-Ausrede" alles andere als witzig ist

Ein diskriminierender Facebook-Post von der SPÖ Steiermark wird mit der altbekannten Praktikanten-Ausrede entschuldigt. Das ist feige und nicht entschuldbar.
29.9.16
Foto: AFL-CIO America's Unions | Flickr | CC BY-2.0

Foto: AFL-CIO America's Unions | Flickr | CC BY-2.0

Die SPÖ Steiermark zeigt, wie sozialdemokratische Politik geht. So steht es zumindest in einem Facebook-Post der vergangenen Tage, in dem 1.300 neue Arbeitsplätze angekündigt werden. Allerdings nur für Steierinnen und Steirer. Im ersten Posting heißt es deswegen: "Diese Arbeitsplätze gehen direkt an jobsuchende Steierinnen und Steirer, es werden keine ausländischen Arbeitskräfte eingestellt oder andere Beschäftigte abgeworben".

Mit einem fast schon euphorisch klingenden "So geht sozialdemokratische Politik" senden sie einen Facebook-Post in die Welt, der mit einem sozialdemokratischen Gedanken eher wenig zu tun hat. Kurze Zeit später wird die diskriminierende Passage herausgestrichen, als wäre der Fehler nie passiert. Allein das ist schon ziemlich fragwürdig. Auf Anfragen des Kuriers verkündet der Landesgeschäftsführer Max Lercher dann, dass es sich um ein Missverständnis handelt. Ja, es war der Praktikant. Und nun alle bitte kurz lachen und wieder vergessen.

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Was ist das für 1 SPÖ? via — Paul Aigner (@pablodiabolo)26. September 2016

Der Praktikanten-Witz ist schon relativ alt. Früher wurde er gerne eingesetzt, um sich über dümmliche Fehler lustig zu machen. Da ist ein Schreibfehler? Ah, das hat bestimmt der Praktikant geschrieben! Komische Mail? Wahrscheinlich vom Praktikanten verfasst!

Dieser Witz stammt aber aus einer Zeit, in der Praktika noch als Bonus im Lebenslauf galten und man die reale Chance hatte, nach einem Praktikum übernommen zu werden. Heute ist das Praktikum zu einer Art Berufsbezeichnung für eine gesamte Altersgruppe geworden— auch wenn es nicht jeden gleich stark trifft . Besonders in den Geisteswissenschaften reichen ein oder zwei Praktika nicht aus. Unbezahlte Praktika nimmt man hin, weil man dann wenigstens eine Referenz mehr, einen großen Namen mehr hat.

Die meisten Menschen, die ein Praktikum machen, sind also durchaus erfahren—weil sie schon gefühlt 5000 Stunden am Ende ihres Studiums gearbeitet haben. Einfach nur, weil einem die ganzen Professoren und Medien einreden, dass man sonst überhaupt keine Chancen hätte. Auch ich mache bei VICE mittlerweile mein viertes Praktikum. Inwiefern mir das bessere Berufschancen einbringt, weiß ich nicht. Ob das mein letztes Praktikum war, weiß ich ebenfalls nicht.

Viele haben auch nach Studienabschluss oder der fertigen Ausbildung immer noch kein Jobangebot in Aussicht. Den Unternehmen kommt das natürlich zu Gute. Schließlich bekommen sie gut ausgebildete Menschen für einen Lohn, für den meine Oma—wie sie immer zu sagen pflegt—nicht einmal putzen gegangen wäre. Wenn man mit ihr beispielsweise darüber diskutiert, warum man doch noch ein fünftes Praktikum macht, merkt man auch, welches Bild ältere Generationen vom Praktikantentum haben: Stumpfsinnige Arbeit, Ausbeutung, Hungerlohn.

Lest hier, wie eine unserer Praktikantinnen ihre Arbeit bei VICE findet

In den wenigsten Fällen muss man aber heutzutage noch klischeehaft Kaffee kochen. Unternehmen und andere Organisationen—besonders die, in denen man unterbesetzt ist—geben teilweise sehr viel Verantwortung an Praktikanten ab. Manchmal ist das eben auch zu viel. Unternehmen nutzen die durchaus übermotivierten Praktikanten und ihre Gier nach Erfahrungen aus.

Ich kenne Geschichten von Praktikanten, die in Redaktionen teilweise eine gesamte Themenrubrik alleine betreut haben, weil es zu wenig Personal gab. Es gibt natürlich auch unfähige Praktikanten, ja. Aber glaubt wirklich jemand, dass solchen Praktikanten derart viel Verantwortung übertragen werden würde? Ich mein ja nur; Unternehmen sind nicht dumm.

Unternehmen sollten sich nicht hinter Praktikanten verstecken, sondern sich vor sie stellen.

Deswegen kommen bei den meisten die Praktikanten-Fehler nicht ans Licht. Anders als bei Parteien, wie nun auch der SPÖ Steiermark. Man hat sich mit der Ausrede auf ein sehr fragwürdiges Niveau begeben. Zuletzt hörte man diese Ausrede nämlich von der AfD. Ein diskriminierender Post zu der Messerattacke in Reutlingen war zuerst die Schuld des Praktikanten, ein paar Tage später dann doch ein Hackerangriff. Das zeigt die Schludrigkeit, mit der man den Berufsstand des Praktikanten gerne darstellt. Hauptsache, man selbst trägt keine Schuld.

Genau dafür gibt es aber Hierarchien und Verantwortliche am oberen Ende der Unternehmensstruktur. Sie sind nicht da, um sich hinter Praktikanten zu verstecken, sondern um sich vor sie zu stellen.

Ein Praktikant sollte nicht öffentlich angeprangert werden, wenn er Fehler macht. Auch, wenn das bei ihm vielleicht noch am verständlichsten ist. Erst recht nicht von einer Partei, die die Ausbeutung von Praktikanten verhindern will. Schließlich liegt bei dieser Ausrede auch die Vermutung nahe, dass der Praktikant ausgebeutet wurde; nicht zwangsweise finanziell, aber zumindest, was seine Kompetenzen angeht.

Zum einen ist da das Verantwortungsproblem. Schließlich müsste der Praktikant ja den Facebook-Post alleine verfasst und auch gepostet haben. Das lässt darauf schließen, dass er anscheinend allein verantwortlich gewesen ist—ohne jemanden, der ihm hilft. Zum anderen ist da aber auch der Ruf des Praktikanten an sich, der hier ausgebeutet wird. Die SPÖ nutzt dieses Berufsbild aus, um sich von dem fragwürdigen Facebook-Post distanzieren zu können. Das ist eine Ausbeutung hoch zwei, die man von einer Partei, die sich gegen eine Ausbeutung von Praktikanten ausspricht, nicht erwartet.