Interviews

​Wir haben mit einem jungen Syrer über das Leben nach der Flucht gesprochen

Schwieriger als die Odyssee nach Schweden war für Shafeek das Ankommen in seiner neuen Heimat.

von Philippe Stalder
04 Dezember 2016, 6:00am

Shafeek Zakko

Alle Fotos von Shafeek Zakko (unten links)

Vor gut einem Jahr traf ich auf einer Reise den heute 20-jährigen Syrer Shafeek Zakko in Athen. Dort interviewte ich ihn für eine Reportage über die Ausbeutung von Flüchtlingen durch Schlepperbanden und griechische Hausbesitzer. Ich war überrascht, wie wenig der aufgeschlossene junge Mann ins Bild des hilfsbedürftigen Flüchtlings passte, das Medienberichte bis dahin in meinem Kopf kreiert hatten.

Seine Familie lebte zu diesem Zeitpunkt bereits seit einem Jahr in Schweden, wo sie Asyl erhalten hatte. Da Shafeek damals jedoch schon volljährig war, wurde er vom Familiennachzug ausgeschlossen. Um mit seiner Familie leben zu können, sah er sich gezwungen, illegal nach Schweden zu gelangen. Shafeek wollte aber nicht mit einem Bus nach Schweden fahren. Die Bilder des LKWs aus Österreich, in dem auf einer Autobahn 71 Flüchtende tot aufgefunden wurden, hatten ihn davon abgeschreckt.

Stattdessen versuchte er sein Glück mit einer Schlepperbande, die ihm für rund 7.000 Euro ein Flugticket nach Schweden sowie einen gefälschten Ausweis besorgen sollte. Die Fehlerquote dieser Methode war jedoch relativ hoch. Als ich Shafeek traf, hatte er bereits drei erfolglose Versuche hinter sich. Das Flughafenpersonal erkannte seinen gefälschten Pass und schickte ihn jeweils wieder zurück. Trotzdem wollte er bei meiner Abreise an seinem Plan festhalten, in einem Flugzeug nach Schweden zu gelangen. Rund einen Monat später erfuhr ich via Facebook, dass Shafeek heil bei seiner Familie in Schweden angekommen ist. Mittlerweile lebt der Syrer seit über einem Jahr in seiner neuen Heimat und ich wollte herausfinden, wie er die Reise dorthin schlussendlich überstanden hat und wie es ihm seither ergangen ist:

VICE: Ich hatte dich letztes Jahr in Athen getroffen, als du auf eine Möglichkeit gewartet hattest, nach Schweden zu fliegen, wo deine Familie bereits auf dich gewartet hatte. Wie ist dir diese Zeit in Erinnerung geblieben?
Shafeek: Es war eine sehr schwere Zeit für mich. Ich war das erste Mal in meinem Leben getrennt von meiner Familie und ich hatte Angst, dass ich es nicht zu ihnen bis nach Schweden schaffen würde oder dass mir jemand auf dem Weg dorthin meine Fingerabdrücke abnimmt und ich in Schweden dann keinen Asylantrag mehr stellen darf. Aber zum Glück war das nicht der Fall.

Was passierte, nachdem wir uns verabschiedet hatten? Wie bist du schlussendlich nach Schweden gelangt?
Als du mich getroffen hast, hatte ich ja bereits drei erfolglose Flugversuche hinter mir. Die griechische Passkontrolle war mir jedes Mal auf die Schliche gekommen. Zwei Wochen und ein weiterer Fehlversuch später habe ich dann die Hoffnung aufgegeben, in einem Flugzeug nach Schweden zu gelangen. Ich habe mich zusammen mit einer Freundin und ihrer Mutter einer 25-köpfigen Gruppe angeschlossen, die erst zu Fuss und später per Bus und Zug via Mazedonien, Serbien, Kroatien, Ungarn, Österreich und Deutschland nach Schweden gereist ist.

Der gesamte Trip dauerte knapp zwei Wochen. Es war hart für uns, denn das Wetter kühlte ab und wir waren die tiefen Temperaturen nicht gewohnt. Unterwegs haben uns aber zahlreiche Hilfsorganisationen mit Essen und Decken unterstützt. Es war eine anstrengende und intensive Reise, aber ich habe gute Freunde gefunden und es fühlte sich auch ein bisschen wie ein Abenteuer an.

War es einfach, deine Familie zu finden?
Nachdem ich endlich in Schweden angekommen bin, ja. Ich bin direkt zu meiner Familie gezogen. Ich war unglaublich erleichtert, als ich meine Mutter in die Arme schliessen konnte. Nun leben wir alle wieder zusammen, ich bin sehr glücklich darüber.

Welche Unterschiede gibt es zwischen Schweden und Griechenland im Umgang mit Flüchtlingen?
Da ich in Griechenland ja gar keinen Asylantrag gestellt hatte, kann ich die Lage dort nicht abschliessend einschätzen. Im Vergleich zu Griechenland, wo der Staat ja noch nicht einmal in der Lage war, seinen eigenen Bedürftigen zu helfen, ist die Situation in Schweden auf jeden Fall besser. Es ist hier einfacher, seine Ausbildung fortzusetzen oder sogar Arbeit zu finden.

Das Problem in Schweden sind jedoch die langen Wartezeiten. Ich musste über ein Jahr auf meine Aufenthaltsbewilligung warten und durfte in der Zwischenzeit noch nicht mal mit dem Sprachkurs beginnen. Ich habe dann einfach selber mit einem Online-Kurs angefangen zu lernen. Zudem hat Schweden im Sommer das Gesetz angepasst, die meisten Flüchtlinge erhalten nun keine permanenten Aufenthaltsbewilligungen mehr. Ich habe vor zwei Woche meine Bewilligung bekommen, sie ist aber bloss 13 Monate gültig.

Unter welchen Umständen kann sie verlängert werden?
Solange in Syrien Krieg herrscht, wird sie sicherlich verlängert werden. Zudem erhalte ich eine permanente Aufenthaltsbewilligung, sofern ich meine Schule vor meinem 25. Lebensjahr beende. Ich bin trotzdem enttäuscht, denn praktisch alle meine Freunde, mit denen ich hierher gereist bin, hatten vor mir noch eine permanente Aufenthaltsbewilligung erhalten. Ich war jedoch eine Woche zu spät. Sie haben das neue Gesetz am 20. Juli geändert.

Was war die grösste Herausforderung daran, dich in die schwedische Gesellschaft zu integrieren?
Ich hatte grosse Schwierigkeiten, meine Ausbildung fortzusetzen. Da ich bereits volljährig bin, kann ich die Schule nicht auf Englisch machen, sondern muss erst einen Sprachkurs besuchen. Ich habe nun über ein Jahr auf meine Aufenthaltsbewilligung gewartet, kann also erst nächsten Monat mit der Sprachschule beginnen. Ich freue mich aber, danach gemeinsam mit Schweden zur Schule zu gehen, denn die Schule ist hier oft die einzige Möglichkeit, um mit Einheimischen zu interagieren. Denn diese sind eher zurückhaltend. Dadurch war es bisher nicht einfach, schwedische Freunde in meinem Alter zu finden. Alle Schweden, die ich kenne, sind schon etwas älter.

Hat die schwedische Kultur deinen Erwartungen entsprochen oder gibt es etwas, was dich komplett überrascht hat?
Nicht wirklich. Ich habe mich im Vorfeld ja bereits mit der schwedischen Kultur auseinandergesetzt. Die Leute hier sind sehr nett und kümmern sich um ihren eigenen Kram. Sie beurteilen einen nicht so stark und jeder hat die Freiheit, zu tun und zu lassen, was er will, solange er damit niemand anderen stört. Die Schweden haben aber schon eine andere Mentalität als wir Syrer. Sie sind eher schüchtern und zurückhaltend. Sie sind höflich und sprechen mit dir, aber sie würden niemals den ersten Schritt machen.

Wie gefallen dir die schwedischen Mädchen?
Niemand kann die Schönheit der Schwedinnen bestreiten. Ich persönlich stehe aber eher auf dunkelhaarige Mädchen. Einige von meinen syrischen Freunden haben aber schwedische Freundinnen, wir haben hier einen Exotenbonus (lacht).

Wie war der Winter?
Es ist schon sehr kalt. Alle meine Freunde frieren, aber ich komme irgendwie klar damit. Die Sonne scheint hier im Winter nur drei Stunden am Tag, das macht mir eher zu schaffen als die Kälte.

Wie hat der Flüchtlingsstatus dein Leben verändert?
Ich lebe nun seit anderthalb Jahren mit dem Stigma des Flüchtlings. Es ist wie ein Stempel, der mich daran erinnert, dass ich mein Zuhause, mein Land und meine Freunde verloren habe. Die Flucht ermöglichte es mir aber auch, etwas von der Welt zu sehen und sie besser zu verstehen. Hier in Schweden habe ich zudem bessere Chancen mein Studium als Ingenieur zu beginnen und meine Träume zu verwirklichen.

Wie sieht ein normaler Tag in deinem Leben aus?
Morgens lerne ich ein paar Stunden Schwedisch, danach gehe ich ins Fitnesscenter oder hänge mit meinen Freunden ab. Ab und zu organisieren wir Demonstrationen gegen Rassismus. In meiner Stadt Eskilstuna gab es letztes Jahr zwei Gewaltverbrechen gegen Flüchtlinge.

Bist du noch im Kontakt mit deinen Freunden, die in Syrien geblieben sind? Was berichten sie über die aktuelle Situation?
Mit den meisten bin ich in Kontakt geblieben. Die Situation hat sich nicht verbessert. Jeden Tag sterben immer noch unschuldige Zivilisten, die zwischen den Fronten des Regimes und der Rebellen leben.

Wie beurteilst du selbst die Lage in Syrien?
Aus Verdrossenheit schaue ich schon länger keine Nachrichten mehr. Aber von dem, was ich durch meine Bekannten mitbekomme, scheint es immer noch dieselbe Scheisse zu sein.

Möchtest du eines Tages zurückkehren, oder denkst du, dass du in Schweden bleiben wirst?
Ich würde gerne nach Hause zurückkehren, ich bin schliesslich dort aufgewachsen. Aber mein Zuhause ist ein Schlachtfeld. Es gibt dort nichts zu tun für mich. Ich will jetzt einfach meine Schule abschliessen und danach ein Ingenieurstudium beginnen. Selbst wenn der Krieg eines Tages endet, wird es bestimmt 50 Jahre dauern, bis mein Land wieder aufgebaut ist, und die Menschen auf ihr Leben klarkommen. Ich glaube kaum, dass das Leben jemals besser sein wird als vor der Revolution.

Was gefällt dir an Europa und was nicht?
Ich mag, dass man hier als Mensch respektiert wird. Du kannst frei leben und deine Ziele erreichen, wenn du dafür arbeitest. Was ich nicht so sehr mag, ist, dass die Leute nicht sehr sozial sind und viele ihren eigenen Weg gehen. Was mich zudem beschäftigt, ist die Zunahme von rassistischen Parteien und den Leuten, die sie unterstützen.

Was hältst du vom Umgang Europas mit den Flüchtlingen?
Es ist schade zu sehen, dass wir Flüchtlinge von der Politik nur instrumentalisiert werden. Ganze Parteien betreiben auf unserem Rücken Wahlkampf. Dabei braucht uns Europa. Euch fehlen die Arbeiter. Von grossen Teilen der Bevölkerung spüre ich aber viel Solidarität. Am schlimmsten ist es jedoch für die Flüchtlinge, die erst jetzt ankommen. Die meisten Grenzen sind nun zu. Sie stecken fest, sie können nicht nach vorne, nicht zurück. Sie leben in der Hölle.

Woher nimmst du die Hoffnung und die Motivation weiterzumachen?
Es ist schön zu sehen, dass hier die Leute aufeinander schauen. Das gibt mir Kraft. Ich glaube auch, dass ich hier bessere Berufschancen habe als in Syrien—selbst als Flüchtling. In Syrien wäre es sehr schwer gewesen, einen Studienplatz als Ingenieur zu erhalten.

Willst du noch etwas loswerden?
Kannst du deinen Lesern eine Nachricht ausrichten?

Klar.
Bitte sag ihnen, dass es extrem wichtig ist, sich um die Schicksale der Menschen zu kümmern, die vor den Grenzen Europas in Camps festsitzen. Mir geht es heute gut, aber ich kann die tausenden Menschen nicht vergessen, die Tag für Tag ums Überleben kämpfen. Macht Druck auf eure Regierungen und setzt euch mit der Thematik auseinander!

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