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Rugby ist sowas von schwul

Die Berlin Bruisers sind die erste und einzige schwule Rugbymannschaft Deutschlands. Wir konnten uns keine bessere Beschäftigung vorstellen, als uns mit schwitzenden Männern im Matsch zu wälzen, weshalb wir einfach mal mit ihnen trainierten.
10.4.13

Als Schwuler kann ich mir kaum eine bessere Sonntagnachmittagsbeschäftigung vorstellen, als mich mit schwitzenden Männern im Matsch zu wälzen. Dumm nur, dass trotz Outing von Starspieler

Gareth Thomas Rugby immer noch ein ziemlich homphober Sport ist, in dem Typen anfangen laut zu schreien und vom Platz laufen, sobald klar wird, dass einer ihrer Mitspieler schwul ist. Darauf hatten ein paar Jockstrap begeisterte Berliner keine Lust und gründeten kurzerhand ihre eigene all-gay Rugbymannschaft. Im Mai haben die Berlin Bruiser einjähriges Jubiläum, weshalb ich mir dachte, ich könnte mal bei ihrem Training mitmachen. Mitzumachen ist bei den BBs kein Problem, jeder ist willkommen, unabhängig von der sexuellen Orientierung oder dem Grad der Gesichtsbehaarung (obwohl natürlich doch 95 Prozent der Spieler Schwule mit Bart sind). Die einzigen Vorraussetzungen sind Toleranz und eine gewisse Affinität dafür, sich von 100 Kilo Typen über den Haufen rennen zu lassen. Weil die Bruisers, aber nicht nur irgendein Rugbyteam sind, sondern per Definition eine fleischgewordene Fetisch-Fantasie, hat das Team natürlich erstmal seinen eigenen Kalender herausgegeben. In dem sie sich wälzen. Miteinander. Nackt. Im Matsch. Trotzdem soll bei den Bruisern der Sport im Vordergrund stehen und ihre Sonntagsnachmittagstreffen nicht zu Datingtreffen verkommen, bei denen sich frustrierte Homos versuchen einen muskelbepackten One-Night-Stand aufzureissen. „Don‘t fuck a brother“ ist das Motto. Wer gegen die Regel verstößt und Beziehungsprobleme mit anderen Spielern auf den Platz bringt, dem droht öffentliche Ächtung. Und jeder der sich in nem Schwulenclub schonmal über den hundertsten Lady Gaga Song aufgeregt hat, weiß, dass mit einem zickigen Mob Homosexueller nicht zu spaßen ist. Momentan trainieren, die Bruisers noch im Berliner Tiergarten hinter dem Homodenkmal, wo ich am Sonntag dann auch verkatert und in den sportlichsten Klamotten, die ich finden konnte, auftauchte. Am Anfang jedes Trainings wird zur Teambildung und Moralstärkung ein sogenannter „Fairy Ring“ geformt. Während Christian mit überragender Fingerarbeit die Ballpumpe bediente, erklärte er mir, dass er 2000 mal die Mr. Leather Wahl gewonnen hat. Zunächst musste ich einmal die Basics lernen. Alexander hier bracht mir bei wie man den Ball oder wie es im Rugby heißt, das Ei, richtig anpackt und wirft. Was er gesagt hat weiß ich nicht mehr. Ich kann mich nur noch an diese starken, großen Hände erinnern. Mhhhh… Mr Leather zeigte mir dann, wie man richtig tackelt. Dabei geht es wohl darum, immer „cheek to cheek“ zu sein und seine „hard parts“ in die „soft parts“ des anderen zu rammen. Obwohl das anscheinend Standard Rugby Begriffe sind, behaupte ich immer noch, dass er mich eigentlich anmachen wollte. Danach gings ans full-on tackeln. Weil ich mich benommen hab wie ein kleines Mädchen und immer weggelaufen bin, sollte ich alle meine angestauten Aggressionen nutzen und den anderen zu Fall bringen, was dann bei mir eben so aussah. Bei den richtigen Spielern sah, dass dann tatsächlich schon gefährlicher aus. Der Typ in lila stellte sich mir als Beyonce vor und war einer der Top Spieler. Diese Formation wird der „Ruck“ genannt, bei dem es darum geht den Ball irgendwie wegzubringen, oder zu schützen oder so. Also tatsächlich NICHT darum, den anderen Spielern auf den Arsch zu hauen. In der realen Situation sah das dann so aus—und ja. Das war wahrscheinlich der schönste Moment meines Lebens. Am Ende machten wir noch ein Gruppenbild, bei der ich eine typische Position, wie man sich in den Ruck wirft, einnehmen sollte. Ich hab mich mal auf den Boden gelegt und versucht lässig dreinzugucken, was so mäßig funktioniert hat. Abgesehen vom Muskelkater meines Lebens und der Desillusionierung, dass schwules Rugby tatsächlich etwas mit körperlicher Ertüchtigung zu tun hat und nicht nur, damit sich auf andere Männer zu werfen, bin ich eigentlich echt zufrieden mit meiner ersten Begegnung mit dem Sport. Und Christian, wenn du das hier ließt: Ruf mich an!

Fotos: Nikita Kakowsi