Zwischen Flaschensammeln, Schrottplatz und Männerstrich

Hiroyuki Koshikawa lebte für zwölf Monate unter Roma, die in Deutschland ein Leben gefunden haben, das zwar für die wenigsten von uns vorstellbar ist, aber immerhin eines, in dem sie weit weniger diskriminiert werden als in ihrer Heimat.

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Apr. 23 2014, 6:07am

Jacko (r.) und sein Freund in ihrem Zelt. Jacko war im Winter in Hamburg und brachte seinen Freund von dort mit nach Berlin

Im Dezember 2013 wurde die alte Eisfabrik in der Köpenicker Straße in Berlin geräumt. Bis dahin war sie ein Ort, an dem sich die unterschiedlichsten Menschen ohne festen Wohnsitz sammelten. Hippies, Punks und Roma lebten hier für lange Zeit mehr oder weniger friedlich nebeneinander. Ich bin im Dezember 2012 in die Eisfabrik eingestiegen, um zu fotografieren, ohne zu wissen, wer dort eigentlich lebt. Gefunden habe ich sofort die Roma. Und natürlich sollte ich vorausschicken, dass das Bild, dass ich hier zeichne, vermutlich ein romantisches ist. Wir hatten nicht wirklich eine gemeinsame Sprache und ich habe viele Aspekte ihres Lebens nicht verstanden, aber trotzdem habe ich mich bei diesen Leuten immer sehr aufgehoben gefühlt.

Die Roma waren in zwei größere Gruppen aufgeteilt, ein Teil lebte im Gebäude, der andere Teil im Hof in Zelten. Die Bewohner der Zelte waren zum großen Teil schwul. Ich bin Japaner und spreche nur gebrochenes Deutsch. Die Roma sprachen bulgarisch und waren ebenfalls weit von guten Deutschkenntnissen entfernt. Das hinderte uns aber nicht daran, uns sofort gut zu verstehen. Ich habe diese Gruppe fast ein Jahr lang begleitet und war fast jeden Tag mit ihnen zusammen.

Cobra, einer meiner besten Freunde in der Eisfabrik

Schätzungen zufolge leben etwa eine Million Roma in Bulgarien. Mittlerweile sind vermutlich etwa 100.000 in den Westen ausgewandert. Deswegen gibt es auch 100.000 verschiedene Gründe, warum diese Roma Bulgarien verlassen haben. Armut, Arbeitslosigkeit, Vorurteile, alles ist dabei. Roma werden in Bulgarien (wie auch überall sonst) extrem diskriminiert, leben in Ghettos und werden kaum in die Mehrheitsgesellschaft integriert. Aber als schwuler Roma hat man natürlich den traurigen Jackpot der Diskriminierung geknackt. In Bulgarien grassiert Homophobie, und nur die allerwenigsten Homosexuellen wagen es, sich zu outen. Für die Roma-Communitys gilt dasselbe.

Drei der Bewohner der Eisfabrik. Die beiden links gehören zu den heterosexuellen Roma

Das war dann auch der Grund für die meisten der Bewohner der Eisfabrik, ihre Heimat zu verlassen. Sie haben in Deutschland ein Leben gefunden, das zwar für die wenigsten von uns vorstellbar ist, aber immerhin eines, in dem sie weit weniger diskriminiert werden als in ihrer Heimat. Und selbst der Zusammenhalt zwischen den homosexuellen und nicht homosexuellen Roma war bemerkenswert. Viele schienen ihre Berührungsängste verloren zu haben und lebten ohne Problem zusammen, mit und in der Nachbarschaft von Menschen, die sie in ihrer alten Heimat vielleicht verachtet hätten.

Cutie und der Fischer und Jacko und sein Freund, der mir nie seinen Namen verraten hat, hatten sich in ihren Zelten im Hof der Eisfabrik ihre eigene kleine Idylle geschaffen. Beide Paare lebten ihre Beziehung nach klassischem heterosexuellem Muster. Cutie und Jacko waren zu Hause, kochten, wuschen und sorgten dafür, dass es im Zelt nett aussah. Der Fischer und Jackos Freund sorgten für den Lebensunterhalt. Beim Fischer und bei Cutie gab es durchaus auch Konflikte. Der Fischer sorgte zwar dafür, dass immer frischer Fisch auf den Tisch kam (deswegen auch sein Name), den er aus der Spree angelte, aber manchmal reichte das Cutie nicht. Er wollte oft mehr. Mehr zu trinken, mehr Tabak, mehr von allem.

Cutie in ihrem Zelt und bei der Hausarbeit

Cobra war ein anderer Roma, mit dem ich Freundschaft geschlossen habe. Mit seinen 40 Jahren war er einer der Älteren der Gruppe und sein Wort hatte einiges Gewicht in der Gemeinschaft. Im Sommer gab es nach einem Abend voller Wodka und Bier eine große Schlägerei. Wirkliche Gründe, die ich oder irgendeiner der Beteiligten nachvollziehen konnten, gab es keine. Irgendwann tauchte die Polizei auf und einige dachten, ich sei es gewesen, der sie gerufen hatte. Ich fand mich also irgendwann von einer Gruppe von Roma umringt, die in einer Sprache auf mich einredeten, die ich nicht verstand, und langsam, aber sicher wurde die Situation bedrohlich. Bis Cobra auftauchte. Dieser Typ musste mich ziemlich in sein Herz geschlossen haben, er setzte sich für mich ein und sprach mir vor allen anderen sein Vertrauen aus. Ab dem Moment war ich wieder einer der Gruppe.

Fast alle in der Fabrik verdienten ihr Geld mit Flaschensammeln. Ansonsten suchten sie sich Altmetall zusammen und verkauften es auf den Schrottplätzen. Cutie war der Einzige von ihnen, der auf den Strich ging. Er hat mir erzählt, dass er fürs Blasen 20 Euro bekam, mehr macht er aber nicht, sagte er. Roma wird von allen Seiten nachgesagt, dass sie unehrlich sind und Leute ausnutzen und bestehlen. Das habe ich in den fast zwölf Monaten, in denen ich Teil der Gruppe war, kein einziges Mal erlebt. Ich war immer mit meiner Kamera bei ihnen und nicht ein einziges Mal hatte ich Angst, dass mir irgendetwas gestohlen werden könnte. Einmal hatte ich meinen Tabak vergessen, als ich nachts die Eisfabrik verließ, und selbst der war am nächsten Tag nicht angetastet worden und wurde mir wieder überreicht.

Der Fischer vor den Zelten im Hof der alten Eisfabrik

Egal wie sehr die Roma von ihrem Leben geschwärmt haben und wie gut sie sich auch untereinander verstanden, nichts kann davon ablenken, dass das Leben an diesem Ort verdammt hart war. Es gab kein fließendes Wasser, keinen Strom, überall war Dreck. In den wenigen Räumen, in denen Fenster waren, deren Scheiben nicht eingeschlagen waren, wurde im Winter mit Feuer geheizt. Man hatte also die Wahl zwischen eisiger Kälte oder einem Raum, in dem man die Luft schneiden konnte.

Ich habe viel Zeit mit Cobra, Cutie, dem Fischer, Jacko und seinem Freund verbracht. Für sie war Deutschland ein Paradies, was ihr Leben als schwule Männer angeht. Ihnen war es lieber, in der dreckigen Eisfabrik, ohne Heizung, Wasser und Strom zu leben und dafür die Chance zu haben, sich am Wochenende in Schale zu werfen und in irgendeiner billigen Bar ein Bier zu trinken. Vermutlich würden sich nur die wenigsten Deutschen in Drag in so eine Bar trauen. Cutie und Jacko haben das getan, ohne mit der Wimper zu zucken. Sie bekamen nichts mit von unangenehm berührten Blicken oder Bemerkungen, weil alles, was sie hier erlebt haben, immer noch tausendmal einfacher war als ihr altes Leben in Bulgarien. Ich bin mittlerweile wieder in Japan und ich habe keine Ahnung, wohin es die Roma nach der Räumung verschlagen hat.

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