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„Weg mit der Homopropaganda“ – Die AfD fordert russische Verhältnisse

Frauen an den Herd, Abtreibung muss bestraft werden und Homos raus aus Deutschland!


Auf dem Landesparteitag der AfD Baden-Württemberg wurde letzten Sonntag ein „Gender-Antrag" einstimmig beschlossen. Bundesweit will die Partei, die seit Luckes Abwahl nichtmal mehr ein mehr oder weniger „liberales" Feigenblatt zu bieten hat, das abschaffen, was sie unter „Gender-Mainstreaming" versteht. Als Gründe werden die (unendlich schwerwiegende) Diskriminierung von Männern genannt, eine „schleichende Vergiftung des gesellschaftlichen Klimas" durch den „permanenten Kampf der Geschlechter" und dass die „Gender-Ideologie" gegen die „Natur des Menschen" gerichtet sei und sich negativ auf die Geburtenrate auswirkt. Nichts weniger als der Volkstod steht also für die AfD auf dem Spiel.

Das niemals enden wollende Gerede von der „Frühsexualisierung von Kindern", „Homopropaganda" und einem Frauenbild wie aus den 1950er Jahren ist nichts Neues. Aber immerhin kann man jetzt zum ersten Mal lesen, wie Deutschland nach dem Willen der AfD bald aussehen soll. So ähnlich wie Russland. Nur schlimmer.

Würde dieser Antrag aus der Fantasiewelt der AfD Realität werden, könnte man die Aufklärung vergessen. Frauen gehen wieder an den Herd, der Vater ist der Patriarch der Familie, das gesamte moderne Bildungssystem kann weg, Abtreibung wird wieder unter Strafe gestellt und wir glauben alle zusammen an Gott und seine Gebote.

Ah ja, und natürlich finden Schwule, Lesben, Trans* und alle anderen nicht mehr statt. In dem Antrag heißt es:

„Die Alternative für Deutschland lehnt jegliche staatliche Propaganda – in Schulen, den Massenmedien oder im öffentlichen Raum – für bestimmte sexuelle Orientierungen oder Verhaltensweisen strikt ab. Die Förderung der klassischen Familie ist davon ausgenommen."

Hier hat man sich ein dicke Scheibe von Wladimir Putins Anti-Homosexuellen-Gesetz abgeschnitten, der es geschafft hat, dass LGBT-Menschen aus dem gesellschaftlichen Diskurs ausgeklammert werden und nicht mehr sichtbar sind. Weil: Wer denkt denn bitte an die Kinder??!

Immerhin zeigt sich ziemlich deutlich, wie sich die Autoren dieses Antrags die Welt vorstellen: Anscheinend findet momentan staatliche Propaganda statt, die Heteros zu Homos macht. Bekanntlich steigen nach jedem CSD, jedem TV-Auftritt von Olivia Jones und jeder Erwähnung des Wortes „Homosexualität" im Schulunterricht die LGBT-Quoten stark an, Hetero-Paare trennen sich, um in Darkrooms zu ziehen, und Jugendliche entscheiden sich, diesen Homolifestyle anzunehmen (und ein Engel stirbt).

Stimmt nur leider nicht. Was die AfD Propaganda nennt, ist einzig und alleine der Fakt, dass sich LGBT-Menschen nicht mehr damit zufrieden geben, totgeschwiegen zu werden, die gleichen Rechte wie Heteros haben wollen und verlangen, in der Öffentlichkeit, so wie alle anderen auch, wahrgenommen zu werden. Und es ist ja nichtmal so, dass die Forderungen erfüllt werden.

Der Bildungsplan in Baden-Württemberg, der dafür sorgen sollte, dass Schülern klar wird, dass es normal ist, wenn Jungs Jungs oder Mädchen Mädchen gut finden, wurde verschoben. Im deutschen TV finden LGBT-Menschen praktisch nicht statt und CSDs werden mittlerweile aus konservativen schwulen Kreisen kritisiert, weil man Angst hat, dass die Heteros merken, dass wir nicht genauso sind wie sie. Die Ehe für alle, die der Kanzlerin immer noch so furchtbare Magenbeschwerden beschert, scheint zumindest in dieser Legislaturperiode wegen der immergleichen überholten Argumente unmöglich und das Adoptionsrecht ist ebenfalls nicht für LGBTs ausgelegt.

Natürlich leben wir nicht mehr in den 1950ern (sorry, ich weiß, das schockiert dich immer wieder AfD) und Deutschland ist ein bisschen liberaler und toleranter geworden. Aber würde man diese Vorschläge der Partei umsetzen, wäre alles wieder beim Alten. Kein Schulkind würde jemals lernen, dass es nicht nur Heterosexualität gibt und LGBT-Menschen würden endgültig aus der Öffentlichkeit verschwinden. Und noch viel schlimmer, denn an die schwulen, lesbischen und trans* Kinder denkt in der AfD nämlich tatsächlich niemand. Eine Schweizer Studie aus 2013 belegt, dass das Suizidrisiko von homosexuellen Jugendlichen weit höher ist als das von heterosexuellen, auch wenn es die Bildungsplangegner und AfD-Sympathisanten gerne glauben würden, ist das kein Aspekt von Homosexualität. Homosexuelle bringen sich nicht um, weil es Teil ihrer Persönlichkeit ist, sondern weil sie diskriminiert werden, keinerlei positiven Vorbilder haben, das Wort „schwul" für eine Menge Menschen ein Synonym für „scheiße" ist und sie Angst haben müssen, dass ihre besten Freunde und ihre Familie sich von ihnen abwenden, wenn rauskommt, dass sie eben nicht hetero sind. Aber Fakten sind wahrscheinlich auch nur Homopropaganda für AfDler. Und tote Kinder nimmt man dann eben billigend in Kauf, wenn man den imaginierten Volkstod verhindern will.

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