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Welche Datingapp ist besser? Ich habe Tinder Social und The Inner Circle getestet

Bei der einen App matchen Gruppen, die andere nimmt dich nur auf, wenn du elitär genug bist.

Titelfoto: Judith bei Tinder Social | Foto: Screenshot

Meine Erfahrung in Sachen Dating-Apps kann ich am besten in drei Worten beschreiben: Ich habe keine. Neuerdings sitzt man aber immer öfter mit diesen Tinder-Paaren an einem Tisch und denkt sich irgendwann, dass man sich doch auch mal ruhig dem digitalen Frischmarkt anbieten könnte. Da ich aber doch von zu vielen Horrorgeschichten eingeschüchtert bin, die immer irgendwas mit Penisbildern zu tun hatten, steige ich soft ein.

In meiner Facebook-Timeline tauchte eine Anzeige für The Inner Circle auf. Der Name gefällt mir. Ich wollte schon immer mal zu etwas Exklusivem gehören. Nachforschungen ergeben: Die Plattform gilt als die Elite-App der Schönen und Reichen. Auweia. Man kann sich nicht einfach so anmelden, sondern muss genehmigt werden. Business Insider schreibt, dass die Mitarbeiter erstmal LinkedIn-Profile durchforsten, bevor sie jemanden akzeptieren. Für jedes neue Mitglied soll ein alter aus dem inneren Kreis rausgeschmissen werden. In dem Artikel des Business Insider spricht der App-Gründer von 125.000 angemeldeten Usern und weiteren 110.000 auf der Warteliste.

Die Anmeldung bei der Elite-App ist dann doch eigentlich ganz einfach. E-Mail-Adresse, User-Name, Beruf (Buchhändlerin), mein schönstes Bild mit ordentlich Filter, Lieblingsstädte (Melbourne und London), ein Satz zu mir. Mann kann noch ein paar andere Informationen wie Größe, Gewicht und Alter preisgeben oder aus welchem Land man kommt. Nach ein paar Stunden kommt die Mail: Herzlichen Glückwunsch Judith, du wurdest akzeptiert und bist jetzt Mitglied des inneren Kreises.

Ich bin überrascht, wie wenig Informationen über einen zu lesen sind. Die Elite-App reduziert dich auf Beruf und Foto. Interesse wird über ein Like bekundet, oder durch Anstupsen (Wink). Oder du schaust einfach, wer in deiner "View-Liste" auftaucht und chattest ihn oder sie dann an. Die Bedienung ist kinderleicht. Die Macher wollen wohl sichergehen, dass jeder, der vor Sexmangel schon am Zittern ist, damit zurechtkommt. Pluspunkt dafür.

Hallo, ihr schönen Männer mit offensichtlich krassen Berufen. Es gibt viele Gründer, Songwriter/Lawyer und ein paar Jobs, die ich überhaupt nicht kapiere. Der Klassiker ist "was mit Finanzen". Ich will eigentlich auf keinen Fall einen reichen versnobten Mann liken. Dann gehe ich kurz in mich, denke an meinen Dispo und entscheide: Ich will auf jeden Fall einen reichen versnobten Mann. OK Baby, ich bin bereit.

Das letzte Mal war ich beim Zalando-Sale vor drei Monaten so aufgeregt. Ich komme in Shopping-Laune und like gefühlt wahllos alle durch. Meine Mitbewohnerin tritt derweil in mein Zimmer und sieht meinen angestrengten Blick. "Ey", sage ich, "die sind alle so hübsch. Ich krieg hier schon beim Durchscrollen Komplexe."

Unglaubliche Erleichterung, dass die erste Nachricht nicht lange auf sich warten lässt. Der Spanier, mit dem ich die kommende Stunde über chatten werde, fragt, welches Buch ich als Buchhändlerin empfehlen kann. Ganz alter Hut, aber zumindest ist es schon mal ein Einstieg in ein Gespräch, dem ich nicht abgeneigt bin.

Diese View-Liste treibt mich derweil in den Wahnsinn: Ich kann genau sehen, wer mein Profil besucht. Dieses offenkundige Begutachten setzt mich unter Druck. Ich weiß, das ist eine verdammte Dating-App und ich sollte mich ein bisschen zusammenreißen und lieber mal ein bisschen "wink, wink" zurückgeben.

Eine halbe Stunde später bin ich in fünf Chats gleichzeitig. Zeitgleich bekomme ich E-Mails von den Betreibern: Judith, schon acht Views. Judith, zwei neue Nachrichten. Judith, du wurdest gerade angewinkt! Alles schreit nach Interaktion und ich stehe kurz vor meinem ersten Dating-App-Burnout. Ich konzentriere mich auf den Spanier und chatte mit ihm über Fotografie. Irgendwann bin ich so müde, ich kann meine Augen kaum noch offenhalten. Ich weiß, wenn ich ihm jetzt "gute Nacht" schreibe und kein Treffen vorschlage, verliere ich ihn an die Nächste. Denn dessen bin ich mir mittlerweile bewusst: Hier muss man schnell reagieren. Das ist ein Schlaraffenland für alle, die nach einem gutbetuchten Partner suchen. Zögern ist nicht.

Aber um ehrlich zu sein, möchte ich mich mit keinem dieser Männer treffen, auch wenn sie noch so nett schreiben. Dieses aufgesetzte Verkaufsprinzip ist nicht meins. Mittlerweile habe ich auch rausgefunden, dass man die volle Mitgliedschaftskarte kaufen muss, wenn man die Liste der "Winks" einsehen möchte. Ihr habt sie doch nicht mehr alle. Diese ganzen Funktionen überfordern mich, ich brauche etwas Simpleres.

Tinder Social soll jetzt das neue Ding sein. Gibt es seit Ende Juli in Deutschland. Man chattet nicht zu zweit, sondern auch mit mehreren, wenn man das möchte. Ich bilde mir ein, dass es die Penisbild-Wahrscheinlichkeit senkt und außerdem kommt mir ein Treffen in der Gruppe entspannter vor: mehr Sicherheit, weniger sexueller Erwartungsdruck. Überhaupt will ich eigentlich nur zum Feierabend ein Bier in Gesellschaft genießen.

Um in so eine Gruppe zu gelangen, muss man allerdings einen Freund von sich einladen. Tinder weiß natürlich, wer von meinen Facebook-Freunden am Start sein könnte. Ich wähle einen Kumpel aus, dann wische ich die erstbeste Gruppe nach rechts. Eigentlich will ich nur ausprobieren, was passiert, und gucke deshalb weder die Bilder noch die Geschlechterzusammensetzung an. Was dazu führt, dass ich mit vier Männern inklusive eines Freundes in einem Chat lande.

Nach kurzer Zeit stelle ich fest, dass die vier sympathisch und witzig zu sein scheinen. Wir quatschen auf Englisch, und dann geht alles superschnell. Nach ein paar Sprechblasen steht fest, wo und wann man sich trifft. Mein Kumpel ist raus, weil er doch lieber ein Date mit sich allein haben will. Super, ich wollte mit Tinder Social auf Nummer Sicher gehen, jetzt bin ich in einer Stunde mit vier unbekannten Männern verabredet. Ich gebe meiner Mitbewohnerin zur Sicherheit den Chat zum Gegenlesen. Als ich sie frage, ob sie zwischen den Zeilen potentielle Vergewaltiger erkennt, sagte sie erst Nein, fragt dann aber nochmal nach: "Nur zum Verständnis: Das sind vier Männer, die sich mit einer Frau treffen wollen?" Ich nicke. "Alter, du schreibst mir sofort, wenn du angekommen bist und dann im 10-Minuten-Takt!", sagt sie mit einem Blick, den ich eigentlich nur von Mutti kenne.

Vor der Bar gehe ich nochmal kurz in mich und checke den Akku-Stand meines Handys. Die Jungs erkennen mich sofort. Der weitere Verlauf des Abends grenzt ans Unmögliche.

Die vier Männer, die ich treffe, sind alle aus Großbritannien und seit Jahren miteinander befreundet. Wir steigen gleich in ein Gespräch über Berlin ein, während mir einer von ihnen ein Bier ausgibt. Wir sitzen eine halbe Stunde zusammen, dann schmeißt auf einmal einer eine Runde Kurze. Ich bin etwas verwirrt, als dieser dann fünf Minuten später alle in der Bar auffordert, die Gläser zu leeren und sich bereit für die nächste Bar zu machen. Plötzlich begreife ich, dass meine Jungs Teil einer Hostelgruppe sind und ich mich gerade inmitten eines Bar-Crawls befinde, um das Berliner Nachtleben zu erkunden. 15 Minuten später stehe ich mit den Jungs und etwa 50 anderen Touristen auf der Straße vor einem Tour-Guide, der alle nochmal daran erinnert, bitte einen Fahrschein zu kaufen, da in Berlin sonst eine Strafe von 60,00 Euro fällig wird. Um nicht aus der Gruppe geworfen zu werden und von den Kurzen weiterhin zu profitieren, entscheide ich mit den Jungs, dass ich mich besser nicht als Berlinerin oute, obwohl ich hier geboren und aufgewachsen bin. Als ein Amerikaner sich zu uns stellt und nachfragt, wo ich herkomme, sage ich schnell, ich bin Dänin. (Innerlich klatsche ich mir dabei gegen den Kopf. Ich war noch nie in Dänemark!) Nach außen bin ich aber selbstbewusst: "Ja, aus Kopenhagen bin ich. Puh, ich sag's dir, ich kann diese Fahrräder nicht mehr sehen", weil es das Einzige ist, was ich über Kopenhagen weiß.

Der Abend läuft, wir sind in Bar Nummer 2. Mittlerweile weiß ich, dass drei der Jungs vergeben sind. Die können gar nicht aufhören, von ihren Frauen zu schwärmen. Ich bin entsetzt. Nur der Vierte ist Single. Und der wird in einer Stunde in seinen 30. Geburtstag reinfeiern. Deswegen sind sie nach Berlin gekommen. Auf Tinder Social haben sie nach Feierbegleitung gesucht. Falls das Bar-Crawl-Ding blöd gewesen wäre, hätten sie gehofft, mit mir in dieses sogenannte "Burghayn" zu gelangen.

Eine Stunde und drei Cocktails später lade ich betrunken Leute zu mir nach Kopenhagen ein. Gleichzeitig animiere ich alle, den Countdown für den Briten zu zählen. Wir sind in Bar Nummer 3, es ist Mitternacht und alle stimmen ein, "Happy Birthday"—dear random guy—zu singen. Wir umarmen uns wild, lachen und tanzen. Ich nehme mir die Jungs beiseite. Sage ihnen, was für einen Spaß ich mit ihnen hatte. Ich wünsche allen das beste Leben, das sie haben können. Auf meinem Weg nach Hause kann ich nicht aufhören zu lächeln.

Ich finde es völlig OK, sich bei The Inner Circle anzumelden. Mir war dieses Exklusivität-Getue der Betreiber too much. Tinder Social scheint perfekt für Touristen oder Leute, die auch mal unter der Woche ausgehen möchten fern ab des ganzen Dating-Wahns. Und wenn man nicht völlig balla balla im Kopf ist, dann merkt vermutlich jeder schnell, mit was für Leuten man es zu tun hat. Sich mit einem Freund oder einer Freundin vorher abzusichern, halte ich für klug. Ansonsten an alle einsamen Herzen da draußen, traut euch, man weiß ja nie, was man sonst verpasst.