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Wie du ohne Flugzeug um die Welt reist

Nimm dir Zeit, sei bereit zu scheitern und besorg dir eine Schiffslizenz.

Alle Fotos zur Verfügung gestellt von Ole Müller

Pumphose, Rastas, dauerrelaxt und notorischer Manu-Chao-Hörer: der Prototyp des Weltreisenden. Jeder, der mal in einem Sechserdorm im Hostel geschlafen hat, kennt diesen Typus. Das Klischee: Diese Leute sind Ökos, sozialromantisch verklärte Hippies unserer Zeit, die auf ihre Umwelt achten und nicht viel brauchen. Die Wahrheit: Das stimmt nicht. Denn die allermeisten reisen nicht zu Fuß, sondern mit dem Flugzeug um die Welt – und das ist nun mal gar nicht öko. Alleine von Frankfurt am Main, Deutschlands größtem Flughafen, hoben im letzten Jahr 60,7 Millionen Passagiere ab – das sind 463.000 Starts und Landungen im Jahr. Auf Platz zwei folgt der Flughafen München mit 42,2 Millionen Passagieren 2016.

Und dabei kämen wir viel günstiger weg, wenn wir stattdessen auf die Bahn umsteigen würden:

Die ZHAW School of Engineering hat herausgefunden, dass bei 82 Prozent der Reisen innerhalb Europas der Zug günstiger ist als das Flugzeug. "Nur bei einigen Einzelverbindungen sind Fluggesellschaften preisgünstiger als die Eisenbahnunternehmen," sagt Thomas Sauter-Servaes, Leiter des ZHAW-Studiengangs "Verkehrssysteme". 

Ole Müller zeigt, dass man ohne Flugzeug weit kommen kann. Zwischen seinem Abitur in Deutschland und seinem Ingenieurstudium in Zürich entschied er sich, innerhalb von zwei Jahren einmal um die Welt zu reisen und dabei möglichst komplett auf das Flugzeug zu verzichten. Nicht nur die Beziehung zu seiner Freundin musste der Weltreise weichen, auch von vielen Illusionen musste er sich bei seinem Experiment trennen. Nach eineinhalb Jahren und mehreren Rückschlägen brach Ole seinen Test in Neuseeland ab. Trotzdem oder gerade deswegen konnte er gegenüber VICE verraten, warum du beim Reisen auf das Flugzeug verzichten solltest und worauf achten musst.

Nutze dein Transportmittel als Unterkunft

Jeder, der schon mal auf Interrail war, weiß, dass Nachtzüge den Vorteil haben, dass man sich das Geld für die Unterkunft spart und in der Zeit, in der man sowieso schläft, gleich auch noch Distanzen zurücklegen kann. In indischen Zügen musst du nichtmal dein eigenes Essen mitbringen: Entweder isst du einfach von deinen Mitreisenden, die immer irgendwas dabei haben und dir nicht selten auch mit dir teilen, oder du kaufst dir günstig was von den Händlern, die immer mal wieder ein paar Stationen mitfahren. "Meine Lieblingsunterkunft war das Boot. Da hast du deine Unterkunft immer dabei und erreichst unberührte Orte, die du auf dem Landweg kaum finden würdest", erklärt Ole. Im Reisebus in Thailand bot ihm auch schon ein mitreisender Hotelbesitzer unentgeltlich einen Schlafplatz an.

Ole auf seinem Lieblingstransportmittel

Passe dein Reisemittel dem Land an

In Europa lässt es sich in den meisten Länder mit Trampen sehr gut vorankommen, auch wenn du vielleicht in manchen Ländern Osteuropas einen kleinen Obolus springen lassen musst. "In Indien hingegen fuhren so viel mehr Busse als Autos an mir vorbei, als ich versuchte zu trampen, dass eine Busreise wohl die bessere Wahl ist", erklärt Ole. Überhaupt findest du an asiatischen Busbahnhöfen Verbindungen in alle möglichen Gegenden, besonders wenn sie nicht von Zugverbindungen erschlossen sind. Die Busse gelten in Indien als sehr gut und sind nur in den Agglomerationen so überfüllt, wie man es aus YouTube-Videos kennt: "Dass Leute sich an den Zügen festhalten und während der Fahrt mit Wellenbewegungen den Pfeilern ausweichen, habe ich nicht so oft gesehen. In der Holzklasse wird es aber schon mal eng und aus der Tasche deines Nachbars gackert dich auch mal ein Huhn an", erzählt Ole. Reist du in Indien mit dem Bus, dann nimm besser eine Mütze mit, denn auch wenn es draussen 30 Grad hat, frierst du dir wegen der Klimaanlage den Arsch ab.

In Laos ist Trampen zwar möglich, bei der Unterkunft solltest du hingegen lieber auf Hostels zurückgreifen: Couchsurfen ist gesetzlich verboten und die Laoten hüten sich davor, Leute bei sich einzuquartieren. Auch Motorräder erweisen sich als praktisches Verkehrsmittel in Südostasien und lassen sich relativ günstig mieten.

Besorge dir Schiffslizenzen und Skills

Einfach mal in einen Hafen spazieren und den Kapitän fragen, ob man gegen etwas Deckschrubben mitsegeln darf, ist leider nicht mehr als ein Mythos. Dubiose Webseiten verkaufen Betten auf Containerschiffen nicht unter mehreren tausend Euro, und um gegen Arbeit mitfahren zu dürfen, brauchst du die STCW 95-Lizenz (den vollen Namen darfst du schon mal auswendig lernen: Internationales Übereinkommen über Normen für die Ausbildung, die Erteilung von Befähigungszeugnissen und den Wachdienst von Seeleuten). Nachdem Ole mehrfach von Schiffskapitänen abgewiesen wurde, machte er in Thailand den Kurs für 700 Dollar. Auf den Philippinen angekommen, wo sein Boot wartete, stellte Ole fest, dass er sie dort für 95 Dollar machen hätte können.

Möchtest du mit einer Bootscrew um die Welt segeln, sind gute handwerkliche Fähigkeiten von Vorteil: "Auf meiner Fahrt durch den Pazifik nach Neuseeland musste ich klempnern, streichen und schreinern. Gut ist auch, wenn jemand an Bord ist, der nähen kann, wenn das Segel reißt", sagt Ole. Skills im sozialen Umgang mit Menschen sind auch von Vorteil, wenn du mehrere Monate auf engem Raum mit den gleichen Leuten verbringst. "Die Leute auf dem Boot reichen von solchen, die einfach eine billige Kreuzfahrt wollen, zu veganen Aktivisten. Einmal gab es fast eine Meuterei, weil eine Frau auf dem Boot einfach nicht aufhören wollte zu duschen, obwohl es seit einem Monat nicht mehr geregnet hatte und die Wassertanks fast leer waren", erzählt Ole.

Bei Plattformen wie findacrew.net oder floatplan.org findest du deine Crew mit Gleichgesinnten oder einen Kapitän, der dich für einen Hungerlohn ausnutzen möchte.

In Indien kann es schon mal eng werden

Sei flexibel

Pläne sind zum Ändern da. In einige Länder wie Myanmar kommst du als Tourist so gut wie nur mit dem Flugzeug rein und auch die russische Grenze kann zum Hindernis werden, solange du auf deine Prinzipien beharrst. "An der Ukrainisch-russischen Grenze wollte ich ein Transitvisum holen, um nach Kasachstan zu reisen. Dort war ich als Gasthörer an einer Uni eingeschrieben und hatte auch ein Visum. Irgendwann musste ich aber feststellen, dass ich ohne Korruption einfach nicht an ein Transitvisum für Russland komme, und Grenzbeamten Geld zustecken wollte ich aus Prinzip nicht – heute würde ich den Zweck die Mittel heiligen lassen", erzählt Ole. Statt nach Kasachstan reiste Ole weiter nach Indien, wofür er schon seinen einzigen Flug-Joker, den er sich erlaubte, opfern musste. Nachdem das Kloster in Indien, in das Ole ursprünglich gehen wollte, ihn wegen der indischen Bürokratie ablehnen musste, reiste Ole trotzdem einfach mal hin – und lernte im Zug jemanden aus eben diesem Kloster kennen, der ihn einfach dorthin mitnahm und sich nicht für irgendwelche Behörden interessierte.

Nimm dir Zeit mit (und Festplattenkapazität)

Willst du einfach von A nach B transportiert werden und hast definierte Ziele, die du erreichen möchtest, ist das Flugzeug vielleicht wirklich das geeignetere Reisemittel für dich. Entscheidest du dich jedoch für die langsamere Variante, kriegst du unterwegs auch etwas von ländlichen Gegenden mit und kannst dich schonend akklimatisieren, anstatt aus dem Flugzeug zu steigen und von Klima, Kultur und Leuten erschlagen zu werden. "Auch wenn die Leute in der ländlichen Ostukraine ein Gewehr im Kofferraum hatten und grimmig starrten, waren es genau die, die dir immer was zu essen und trinken angeboten haben. Abseits der Touristenzentren in Delhi habe ich bei einer Raver-Community gelebt, die mich an ihre Underground-Partys ohne die klassischen Goa-Touristen mitnahm", erzählt Ole. Achte auch darauf, immer genug Festplattenspeicherplatz zu haben, denn Musik und Filme sind auf Reisen begehrte Tauschware: "Besonders wenn du lange auf dem Boot bist, wollen die Leute ihre Sammlungen mit dir austauschen", gibt Ole zukünftigen Kapitänen mit auf den Weg.

Verzichte auf Dogmen und steh dazu, wenn du mal scheiterst

In Vietnam musste Ole feststellen, dass die Fähre, die ihn auf die Philippinen bringen sollte, einige Jahre zuvor gesunken war – und diese zudem die einzige war, die dorthin verkehrt. Sein Ziel, ohne Flugzeug einmal um die Welt zu reisen, erreichte Ole nicht. Dreimal musste er sich in ein Flugzeug setzen, weil seine Visa abzulaufen drohten und sich keine anderen Möglichkeiten mehr zur Weiterreise boten. "Mein eigentlicher Versuch scheiterte wirklich, aber ich habe gelernt, dass dich Dogmen im Leben nicht weiterbringen. Mehrfach habe ich versucht, Vegetarier zu sein, und scheiterte immer wieder. Man muss lernen, sich auch einzugestehen, dass mal etwas nicht klappt", sagt Ole. Nach eineinhalb Jahren auf Reisen beendete Ole sein Experiment in Neuseeland, als er nur noch 150 Euro auf dem Konto hatte und sein Studium beginnen wollte. Zuvor verbrachte er aber acht Monate auf dem Segelschiff, schwamm durch das blau fluoreszierende Meeresleuchten im Pazifik und säuberte abgelegene Strände kubikmeterweise von Plastikmüll. "Unterwegs merkte ich, dass mein Beitrag zur Welt ziemlich begrenzt ist, wenn ich einfach so durch die Gegend tingle, und eigentlich wollte ich schon immer Erfinder werden", erzählt Ole.

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