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Der Hashtag #WhyIsaidNothing und das Märchen vom „Vergewaltigungsmärchen“

Seit dem Wochenende berichten Betroffene auf Twitter, warum sie nach sexuellen Übergriffen schwiegen. Marlies Hübner, Initiatorin des Hashtags, erzählt, wie es dazu kam.

„If civilization had been left in female hands we would still be living in grass huts."
„I am a skeptic about what is currently called global warming."
„There is no female Mozart because there is no female Jack the Ripper."

Diese Zitate sind keine Aussagen eines geistig verwirrten, psychoaktiven Drogen zugeneigten Aluhutträgers. Das sind Zitate einer amerikanischen Professorin für Geistes- und Medienwissenschaften. Genauer gesagt sind das verschiedene Aussagen von Camille Paglia, die am vergangenen Wochenende in einem Artikel der Welt, ihres Zeichens überregionale Tageszeitung der Axel Springer SE, in Matusseks erzkonservative geistige Fußstapfen trat.

Der Artikel führt mehrere haarsträubende Zitate dieser Autorin auf. Eines davon behandelt ihre Leugnung der „Rape Culture" an amerikanischen Universitäten. Als Beweis dafür brachte Paglia an, dass es im Gegensatz zu den Angaben einer universitätsinternen Studie, bei der 40 Prozent der Frauen von sexuellen Übergriffen und 16 Prozent von Vergewaltigungen berichteten, kaum polizeiliche Anzeigen gab. Weder sie, noch der Autor der Welt hinterfragten, warum Vergewaltigungen nicht angezeigt werden, sondern nutzten dieses Argument, um die Zahlen der Studie anzuzweifeln. Diese Logik sollte doch selbst den amateurhaftesten Hobbydetektiv zum exzessiven Facepalmen bewegen.

Aussagen wie „Junge Studentinnen, die unfähig sind, die lümmelhaften Vergnügungen und Gefahren von Männerpartys auf Universitäten zu meistern, werden kaum darauf vorbereitet sein, in Zukunft Führungspositionen in Politik und Wirtschaft zu erringen" bedeuten schlussendlich nicht nur eine massive Verharmlosung der Täter, die keineswegs bloß prä-pubertäre Lümmel sind. Sie meinen auch, dass man sich Übergriffen fügen muss, will man entsprechende berufliche Ziele erreichen.

„Vielleicht geht es an amerikanischen Universitäten also doch nicht schlimmer zu als im Kongo? Vielleicht geht es in vielen Fällen gar nicht um Vergewaltigungen, sondern um Sex im Zustande des Vollrausches und nachträgliche Reue?", schlussfolgerte der Welt-Autor daraus.

Was die Welt hier schreibt, ist Rape Culture in Schriftform. Als Rape Culture bezeichnet man nicht nur ein Umfeld, in dem es zu sexueller Gewalt kommt, sondern vor allem ein gesellschaftliches Klima, in dem Frauen objektifiziert, Taten verharmlost sowie Opfer beschuldigt und ihre Aussagen in Frage gestellt werden. Es mag ein unbequemer Gedanke sein, doch ohne jeden Zweifel gibt es auch im deutschsprachigen Raum eine ausgeprägte Rape Culture, wie verschiedene Studien zeigen.

Indem man Rape Culture leugnet, nimmt man den Frauen die Stimme, die oft ohnehin kaum in der Lage sind, sich zu sexuellen Übergriffen zu äußern. Indem eine Frau, die sich selbst als feministisch aktiv bezeichnet, Rape Culture leugnet, verspottet sie damit all jene, die Opfer von sexuellen Übergriffen und Missbrauch geworden sind. „Stellt euch mal nicht so an", liest man aus ihren Worten heraus, denn laut ihrer Aussage habe der Feminismus größere Aufgaben als die paar Vergewaltigungen.

Ich selbst kann nicht mehr mit Gewissheit sagen, wann ich begann, #RapeCulture bewusst wahrzunehmen. Nachdem Freundinnen belästigt wurden? Nachdem es mir selbst widerfuhr? Nach meiner ersten Gewalterfahrung? Oder erst nach der dritten?

Der Zeitpunkt spielt wohl keine Rolle, denn irgendwann im Laufe meiner Adoleszenz begann ich, keine kurzen Röcke mehr zu tragen und verbannte dekolletierte Kleidungsstücke aus meiner Garderobe. Ich fühlte mich nicht mehr sicher darin. Ich bekam den Eindruck, als würde ich „es" damit herausfordern, denn das war es, was man mir beibrachte. Ich brauchte Jahre, um festzustellen, dass genau das nicht stimmt. Und noch länger, um den Gedanken loszuwerden, ich hätte Übergriffe dieser Art nicht anders verdient.

Niemand ist schuld daran, wenn ihm oder ihr etwas Derartiges zustößt. Kein Mensch „hat danach gefragt" oder „darum gebettelt" oder es anderweitig herausgefordert. Diese Denkweisen beschämen die Opfer zutiefst. Und es ist eben dieses Klima der Scham und des Schweigens, das mit diesen Taten einhergeht, welches eine für manche Betroffene unüberwindbare Hemmschwelle bildet, sich zu ihren Erlebnissen zu äußern.

Zu schweigen heißt zu einem gewissen Teil auch, es zu akzeptieren. Ich möchte nicht akzeptieren, möchte nicht hinnehmen, dass Derartiges unzählige Male geschieht und viele Menschen, die sexuelle Gewalt erfahren müssen, erst nach Jahren ihr Schweigen brechen—und manche sogar nie.

Das war der Zeitpunkt, an dem ich beschloss, mit den Möglichkeiten des dialektisch herausfordernden 140 Zeichen-Korsetts von Twitter zu zeigen, dass es uns gibt; dass wir viele sind und eine Stimme haben.

Ich nutze das halb anonyme Wesen des Internets nicht zum ersten Mal dazu, um Erlebnisse zu verarbeiten. Schon zu früheren Zeitpunkten zeigte sich, dass es für mich hilfreich ist, durch das teilweise abstrakte Ausformulieren von Inhalten Abstand zwischen mich und einen Kontext zu bekommen. Ihn in einem öffentlichen Tweet oder einen Blogbeitrag zu verwandeln, unterstützt mich darin, Dinge objektiver zu sehen und unterstützt den Verarbeitungsprozess. Die Hemmschwelle, etwas schriftlich zu äußern, was man jederzeit wieder löschen kann, ohne dabei einer konkreten Person gegenüberzusitzen, ist zudem sehr viel geringer. Und nicht nur ich verarbeite online auf humorvolle, manchmal lyrische, oft sarkastische Art die Widrigkeiten des Lebens.

Als Reaktion auf den Welt-Artikel und Camille Paglias Mythos des Vergewaltigungsmärchen kam für mich nur in Frage, zu erklären, weshalb ich bislang schwieg. Warum ich sexuelle Gewalt bis dahin nicht kommuniziert, geschweige denn angezeigt habe. Meine Intention war dabei nicht die direkte Opferhilfe, auch Aufklärungen bezüglich Statistiken und rechtlicher Lage standen hinten an. Einzig das Verbalisieren lag mir am Herzen. Es war mir ein Anliegen, zu zeigen, dass es uns gibt. Dass wir nicht bloß eine anonyme, von Antifeministen und Männerrechtlern angezweifelte Zahl in einer beliebigen Studie sind. Dass Vergewaltigungen geschehen, auch, wenn sie aus Angst und Scham nicht angezeigt werden. Wir sind hier, wir sind viele und wir haben nicht vor, ewig darüber zu schweigen.

Ich habe den Hashtag #WhyISaidNothing nicht erfunden. Es gab ihn bereits, er wurde aber bereits längere Zeit nicht benutzt. Ich tauschte mich mit meinem Partner über mein Anliegen aus. Der Hashtag schien uns in seiner Kürze am aussagekräftigsten.

Während mein erster Tweet unter #WhyIsaidNothing noch ein ängstlicher, vorsichtiger Versuch war, fand ich bald deutlichere Worte und blieb damit nicht allein. Mehr und mehr Twitter-User jedweden Geschlechts schilderten an diesem Wochenende ihre erschreckenden, traumatischen Erlebnisse und straften Camille Paglia und den Welt-Autor Lügen.

Ebenso zahlreich wie die Stimmen der Betroffenen wurden die der Trolle, die ein breites Spektrum von Beschimpfungen über Verharmlosungen bis hin zu Mord- und Gewaltdrohungen abdeckten, weshalb eine Auswahl an #WhatISaidNothing-Tweets in diesem Storify zusammengefasst sind.

Das Internet offenbarte wieder einmal sein hässliches Gesicht. Es ist gezeichnet von Ignoranz, Faschismus, Gewalt und Victim-Blaming.

#WhyIsaidNothing hat bewiesen, wie wichtig es ist, Opfern sexueller Gewalt eine Stimme zu geben. Ihnen die Möglichkeit zu geben, sich in einem von ihnen selbst gewählten Rahmen dazu zu äußern. Nicht, um als Opfer gesehen zu werden. Das ist das letzte, was man möchte. Im Zuge dieser Aktion meldeten sich Menschen, die das erste Mal überhaupt den Mut fanden, sich dazu zu äußern und denen es half, laut zu werden. Nicht, um Mitleid zu erregen. Das ist das letzte, was man möchte. Es geht darum, das Bewusstsein für Rape Culture zu schärfen.

#WhyIsaidNothing hat vor allem durch die massiven Troll-Reaktionen gezeigt, dass wir eine Rape Culture haben. Denn Rape Culture ist auch das Invalidieren von Opfer-Erlebnissen, das sich lustig machen über Vergewaltigung und die anonyme Androhung von Gewalt. Es ist an uns, das ernst zu nehmen, zuzuhören, da zu sein und zu sensibilisieren. Wir sind viele. Wir sollten nicht noch mehr werden.

Marlies ist Autorin, Bloggerin und auf Twitter: @outerspace_girl