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Wie der Mafia-Nachwuchs die Macht übernimmt und die Bevölkerung terrorisiert

Die Tage der alten Garde sind gezählt, auf den Straßen Neapels haben jetzt junge, aufstrebende Mafiosi das Sagen—und die Behörden können dagegen nur wenig unternehmen.

Genny Cesaranos Beerdigung—der Name des 17-Jährigen wurde vorschnell mit dem derzeit herrschenden Camorra-Krieg in Neapel assoziiert | Foto: bereitgestellt von Raffaella R. Ferrè

Bis vor ein paar Monaten war der Königspalast am Piazza Plebiscito von Neapel noch mit großen Postern behangen. Darauf zu sehen waren die unschuldigen Opfer der Camorra (die kriminellen Familienclans von Neapel und Kampanien)—Frauen, Männer und Kinder, die aus Versehen, aus Rache oder aufgrund eines Missverständnisses erschossen worden sind. Die eigentliche Fassade des Palastes war quasi komplett verdeckt. Schon bald begannen die Touristen, Fragen zu stellen, und die Fremdenführer mussten daraufhin erklären, was es mit der ganzen Sache auf sich hat. Im Juni wurden die Bilder schließlich wieder entfernt.

Es ist kein Geheimnis, dass die Dinge in Neapel immer komplizierter werden. Wer kann überhaupt noch als „unschuldiges Opfer" angesehen werden? Wenn du hier 17 Jahre alt bist und—wie deine Freunde—die meiste Zeit auf Facebook oder auf deinem Roller verbringst, aber—im Gegensatz zu deinen Freunden—gleichzeitig auch noch mit Leuten verkehrst, die eine Waffe tragen und schon seit langer Zeit in kriminellen Gefilden tätig sind, giltst du dann noch als unschuldig? Gibt es für dich dann überhaupt noch eine Rettung? Oder bist du dazu verdammt, den Weg weiter zu beschreiten, der dich, wenn du Glück hast, „nur" ins Gefängnis bringt (und nicht in die Leichenhalle)?

Mit diesen Fragen beschäftigen sich die Einwohner Neapels derzeit. Und diese Denkweise ist auch extrem wichtig, um zu verstehen, warum das Problem der jungen Camorristi so kompliziert und missverständlich ist. „Man nennt sie Muschilli—junge Drogenkuriere in kurzen Hosen. Sie sind als Zwischenhändler tätig und nehmen nur eine Nebenrolle ein. Die richtigen Drogendealer nutzen sie, um nicht selbst in Schwierigkeiten zu geraten." Vor 30 Jahren schrieb der neapolitanische Journalist Giancarlo Siani, der von der Mafia ermordet wurde, seinen letzten Artikel über eben diese Muschilli.

Heutzutage existieren sie so nicht mehr. Sie haben sich weiterentwickelt und das kriminelle Handwerk ist jetzt viel effizienter als früher. Damals musste man noch ein bestimmtes Alter erreicht haben, um die Mafia-Karriereleiter hinaufzuklettern und um den Mut aufbringen zu können, bei einem Mord den Komplizen zu spielen. Wenn man sich erst einmal nach oben gearbeitet hatte, dann fand die Camorra immer einen Platz, in dem man seine speziellen Fähigkeiten am besten einsetzen konnte. Wenn damals von „Camorra-Angestellten" die Rede sein konnte, dann ist das Ganze heutzutage viel mehr mit freiberuflichen Profis vergleichbar. Die Rekrutierung geht viel schneller vonstatten: Gangs und Clans sind in viele kleine Splittergruppen aufgeteilt, man kämpft um jede noch so kleine Gasse und was den jungen Wilden heutzutage an Erfahrung fehlt, machen sie mit unerbittlicher Brutalität wieder wett. So ist es selbst winzigen Gruppierungen möglich, wie ein richtiger Clan aufzutreten und dem kriminellen Establishment von Neapel die Stirn zu bieten.

Dieses Phänomen ist derzeit wieder in den Fokus der Öffentlichkeit geraten, nachdem der 17-jährige Genny Cesarano bei einer Schießerei mitten im Stadtzentrum Neapels ums Leben kam. Sein Name wurde dann vorschnell mit dem Camorra-Krieg in Verbindung gebracht—wohl auch aufgrund des viel diskutierten Strafregisters des Opfers. Bei der Beerdigung protestierte dann aber die ganze Gemeinde inklusive der Pfarrer gegen diese Assoziation. „Sein Tod war keine Hinrichtung und das sage ich als Person, die hier schon seit zehn Jahren arbeitet", meinte der Lehrer, der Genny bei seinen außerschulischen Aktivitäten begleitete.

Im September 2014 ereignete sich ein weiterer mysteriöser Zwischenfall: Damals wurde der 16 Jahre alte Davide Bifolco im neapolitanischen Stadtteil Rione Traiano von einem Polizisten erschossen. Die ersten Ermittlungen ergaben, dass der Jugendliche eine Straßensperre der Polizei ignorierte und einen flüchtigen Verbrecher auf seinem Motorroller mitnahm. Beide Behauptungen wurden schon am darauffolgenden Tag widerlegt und die genauen Umstände der Schießerei sind bis heute unklar—so ist die Version der Polizei zum Beispiel voller Ungereimtheiten. Die nächste Anhörung ist für den 1. Oktober angesetzt.

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Und trotzdem geht es in besagtem Stadtteil, der vor einem Jahr noch die Schlagzeilen bestimmte und Überlegungen zu Gegenmaßnahmen hervorrief, jetzt noch viel härter zu und die Gegend hat sich zum gefährlichsten Gebiet Neapels entwickelt. Inzwischen ist Rione Traiano berüchtigt für die sogenannten Stese—also bewaffnete Überfälle auf Motorrollern. Diese Methode nutzen kriminelle Banden, um die Konkurrenz aus ihrem Gebiet fernzuhalten. Oftmals sind dort tagelang Schusswechsel zu hören—egal ob nun mit Pistolen oder AK-74-Sturmgewehren. Und je mehr Waffen von der Polizei beschlagnahmt werden, desto mehr Waffen werden wieder auf die Straße gebracht. Dieser Umstand bedeutet, dass die Camorra das Geld besitzt, um sich zu bewaffnen. Und das führt wiederum dazu, dass der Waffenhandel boomt.

Das alles kommt jedoch nicht wirklich überraschend—man schlug bereits vorher Alarm. Im Ende 2014 veröffentlichten Jahresbericht der Mafia-Bekämpfungsbehörde DIA war man sich über das derzeitige Szenario zum Beispiel schon im Klaren: „Eine Vielzahl an Gruppierungen hat sich in diesem Gebiet festgesetzt und ein weit verzweigtes, tief verwurzeltes kriminelles System etabliert. Dabei gehen die Mitglieder mit unverhältnismäßiger Gewalt gegen ihre ausgewählten Ziele vor"; „eine Situation, in der die öffentliche Ordnung durch die Handlungen der Mitglieder der neuen Camorristi-Generation oftmals stark gefährdet ist"; „Junge Generationen, die sich in Jugendbanden organisieren—zu den Schlüsselfiguren der Auseinandersetzungen gehören dabei auch die Nachkommen von lokalen, einflussreichen Familien, die durch Festnahmen und Überläufer nur augenscheinlich geschwächt wurden".

Im Bericht vom vergangenen Januar definiert die DIA das Gebiet, in dem diese jungen Generationen aktiv sind, noch präziser und schreibt von laufenden Auseinandersetzungen „sowohl in den Vororten als auch in der Innenstadt Neapels, im Norden und im Osten der Stadt, genauer gesagt in den Stadtteilen Rione Sanità, Quartieri Spagnoli und Forcella."

Einen weiteren Beweis für diese generationsmäßige Fackelübergabe lieferte letzten Juni die Festnahme von ungefähr 60 Nachwuchs-Gangstern, die mit den Giuliano-, Sibillo-, Brunetti- und Almirante-Familien in Verbindung stehen. Die Ermittler stellten dabei fest, dass sich dieses Kartell, das bereits „das Monopol über die illegalen Aktivitäten im Stadtzentrum Neapels" erlangt hatte, aus „sehr jungen Mitgliedern fest etablierter Familien mit kriminellem Hintergrund" zusammensetzte.

Eine herausstechende Person im neapolitanischen System der Familienclans ist der 1991 geborene Pasquale Sibillo, der angeblich schon eine eigene Gang anführt. Als Bruder eines ermordeten Mafia-Bosses betrachten ihn seine Gefolgsleute als so etwas wie einen Gladiatoren und als das letzte Mal ein Mordversuch gegen ihn verübt wurde, überlebte er nur, weil er in ein Polizeiauto springen und so flüchten konnte. Sibillo ist eine Art Prototyp des jungen Camorrista und bezeichnet seine Waffe im Gespräch auch schon mal als seine „Freundin".

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Und trotzdem geht es hier nicht nur um Waffen, Drogen und Morde. „Das neue Establishment", schreibt die DIA in ihrem Bericht, „wirkt sich negativ auf jegliche Maßnahmen gegen das Verbrechen aus. Dieser Umstand wird durch die Unberechenbarkeit der Handlungen nochmals intensiviert, denn sie folgen keinem rationalen Plan oder irgendeiner Strategie."

Vor Kurzem hat sich die vom Politiker Rosy Bindi angeführte Anti-Mafia-Kommission in Neapel getroffen. Am ersten Tag der Gespräche mit Polizeibeamten, Staatsanwälten und anderen Verbündeten kam es allerdings schon zum ersten Fauxpas: „Die Camorra ist ein wichtiger Bestandteil dieser Stadt", sagte Bindi. Damit sorgte er für einen Aufschrei unter den Leuten, die jeden Tag gegen die organisierte Kriminalität kämpfen: „Wenn Neapel und die Camorra für die Politiker unzertrennlich sind, warum sind sie dann überhaupt hier?"