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Ich ging ohne einen Euro feiern und tauschte mich durch die Nacht

Am Anfang hatte ich eine Salami, eine Nachttischlampe und einen Lottoschein. Am Ende schwammen wir glückselig in Whiskey.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ich am Samstag den größten Fehler meines Lebens begangen habe, liegt bei 1:140 Millionen. Trotzdem werde ich sichergehen und Bernd nach der Lottoziehung am Mittwoch anrufen. Was, wenn er doch mit (meinen) sechs Richtigen zum Multimillionär aufsteigt? Dieser clevere, an utopische Quoten glaubende Hund! Den Wettschein habe ich am Samstag gegen einen Whiskey Sour in Bernds Bar eingetauscht. Beim Versuch, eine Nacht in Berlin steilzugehen, ohne Bargeld auszugeben—ausschließlich durch Tauschgeschäfte.

Habe ich erwartet, dass dieser Versuch glückt? Nein. Ging ich hingegen davon aus, für einen ausgebrannten Idioten gehalten zu werden? Durchaus, ja. Dann aber bitte ein Idiot, der die Feilsch-Bigotterie Deutschlands herausfordert und sich im Namen einer alternativen Handelskultur betrinkt. Denn illegal ist Tauschökonomie hierzulande nicht. Im Gegenteil: Das Recht zum Tauschgeschäft ist gesetzlich im Bundesgesetzbuchs verankert, § 480. Die Wirtschaftsfreiheit gestattet sogar, sich ganz offiziell mit Arbeitgebern auf eine Vergütung in Naturalien zu einigen. Klartext: Man kann sich auch in Lachsfilets bezahlen lassen! Die Steuern ermittelt das Finanzamt anschließend anhand des Marktpreises der jeweiligen Delikatesse. Warum tauscht dann aber keiner? OK, ja, online traden Leute ständig. Davon wird noch zu sprechen sein. Nun aber weiter zu meiner schillernden, serotoningeladenen, heldenhaften Rumtreiberei in der Weserstraße in Berlin-Neukölln. Eine der belebtesten und buntesten Spaßstraßen Deutschlands.

Das Ausgangsmaterial

Folgende Tauschobjekte trage ich bei mir: Gläserne Nilpferdfigur mit zwei blauen Kristallen als Kulleraugen—für die Kunstliebhaber. Salami. Einen Zwanni Entspannungsbrokkoli. Aus Thailand mitgebrachte Nachttischlampe. Anleitung zur Revolution, geschrieben von Pussy-Riot-Gründerin Nadja Tolokonnikowa. Besagter Lottoschein. Ein aufblasbarer Strandball. Das Neue Testament als Magazinausgabe.

Implizit besteht natürlich auch die Möglichkeit körperlicher Prostitution. Die ich im Fall des Falles ebenso erschüttert wie geschmeichelt abzulehnen gedenke. Meinen Handelspartnern erzähle ich, dass es sich um eine verlorene Wette handelt. Damit sie nicht einfach irgendwelchen Angeboten zustimmen, nur um als coole Säue bei VICE dazustehen. Ich möchte, dass sie ihren wahren Wirtschaftscharakter offenbaren.

Der Wirtschaftscharakter des Spätibesitzers, der nur Wiesel genannt werden möchte, ist so beschaffen, dass Wiesel sich für den Erwerb von Nilpferdfiguren interessiert. Dafür will ich Kippen.

"Tabak kann ich nicht mir dir tauschen", sagt Wiesel. Ungefähr zarte 52, Cap im Gesicht, Schlitzohrlächeln. "Wieso nicht?" "Weil das Gift ist. Gift gegen Harmloses zu wechseln, geht nicht." "Ich hab auch Gift dabei. Geht Gift gegen Gift?" "Nein." "Was ist mit Bier? Bier ist kein Gift, Bier ist Nahrung." "Wie viel Bier willst du denn?" "Drei Flaschen." An dieser Stelle soll gesagt sein, dass ich diese post-kapitalistische Pionierarbeit nicht nur für mich betrieben habe. Sondern auch versuchte, einen durstigen Freund, der mich begleitete und den Fotografen mit Suff zu versorgen. Ich weiß, Emotionen gehören nicht in den Journalismus. Aber mein Herz krümmte sich bei der Vorstellung, die beiden nüchtern zu lassen. "Ich gebe dir eine." "Eine Flasche Starkbier und Kaugummis. Wie lange gehört dir der Laden schon?" "Elf Jahre. Nur Starkbier. Keine Kaugummis. " "Du bist ein Fuchs, Wiesel. Elf Jahre. Läuft bestimmt besser, seit Neukölln bei den Touris so beliebt ist, oder?" "Willst du den Laden etwa übernehmen?" "Wie viel verlangst du denn?"

Gift nur gegen Cash. Alles andere verhandelbar

Nach dem Bier will ich erst recht rauchen. Ein wenig Tabak habe ich noch, Papers fehlen. Der Verkäufer im nächsten Späti interessiert sich prinzipiell nicht für meine Produktpalette. Stattdessen beschwatze ich die nächste Kundin an der Kasse. Sie will mir die Papers einfach so ausgeben und legt schon den Euro auf die Theke.

"Nein, so läuft das nicht. Wir müssen tauschen, ich bin kein Bettler."

"Aber ich brauche keine thailändische Lampe."

"Pass auf, ich erzähle dir einen Witz. Wenn du lachst, kaufst du mir kurze und lange OCBs."

"Einverstanden."

"Wie kalkuliert ein Selbstmordattentäter die Zahl seiner möglichen Opfer?"

"Wie?"

"Er veranschlagt."

Sie lacht nicht. Bisschen prüde die Gute. Egal, verzockt ist verzockt.

Schnaps aus dem Fenster

Bald stellen wir fest, dass auch andere Alternativ-Hustler in der Weserstraße unterwegs sind. Beispielsweise die zwei Frauen auf der Fensterbank im Erdgeschoss, die ihr Wohnzimmer zum Cocktailstand umfunktioniert haben. Tischchen mit Sitz vors Haus gestellt, paar Schilder ausgehangen, Mucke aufgedreht, clever. Drei Wodkashots gegen ein Bröckchen Grünes? Die zwei in Schwarz gekleideten, durchtätowierten Geschäftsfrauen überlegen kurz. "Nee, lass mal, bei Koks oder Speed wären wir eher dabei."

"Das ist nicht meine Liga, sorry. Was macht ihr eigentlich, wenn ihr nicht gerade illegal Alk verkauft?"

"Wir arbeiten mit Kindern und Jugendlichen."

Auch die drei Gentlemen mit dem Würfelspiel neben einem Späti zelebrieren das Freie an der Marktwirtschaft. Rollt man die sechs an ihrem Klapptischchen, sind die Mexikaner umsonst. Alles unter sechs ist Verhandlungssache. Ich schüttle eine eins, eine drei und eine fünf aus dem Handgelenk. Wir verständigen uns auf drei Gläschen gegen eine luftgetrocknete Salami.

Die schottischen Moralphilosophen um Adam Smith, die predigten, dass die Gleichheit menschlicher Interessen nicht zu Konflikten, sondern Kooperation führt, hätten ihre Freude in Neukölln. Überhaupt könnte man meinen, dass es schon immer in der ökonomischen Intuition des Menschen lag zu tauschen. Lange bevor sich Münzen und Papiergeld als Zahlungsmittel manifestierten. Falsch, sagt die Wissenschaft. Insbesondere der französische Sozio- und Ethnologe Marcel Mauss. Eine Gesellschaft, die vorrangig Tauschhandel betrieb, habe es nie gegeben. Wenn überhaupt, trete Tauschhandel nur zwischen gänzlich Fremden oder potenziellen Feinden auf. Das würde ansatzweise erklären, weshalb Tausch heute hauptsächlich im anonymen Internet auftritt. Auf Plattformen wie tauschbörse.de oder Ebay-Kleinanzeigen.

Mehmet, der großzügigste aller Späti-Besitzer

Hier bietet ein Mann beispielsweise Rohrinstallationsmaterialien / UV-Lampen und unzählige Werkzeuge an. Im Gegenzug wünscht er sich eine Breitling-Uhr. Ein anderer potenzieller Feind und Fremder offeriert:

"ZUCKERWATTEAUTOMAT-ATTRACTION
Zuckerwatte-Maschine war in Einkaufszentren in Deutschland nur 2 Monate verwendet.
Völlig neu für Deutschland
Reale Preis des Gerätes ist 15.000 € !!!

Gewünschte Gegenleistung: "Auto, Haus, Grundschtück u-s-w-"
In dieser Logik müsste unter "und so weiter" bald ein Privatjet für die Eismaschine folgen.

Mehmet, der Besitzer eines weiteren Spätis, schenkt uns Papers und Bier einfach so. Und ich ihm dafür die Lampe aus Thailand. Den Strandball tauschen wir unterwegs (samt etwa 0,4 Gramm Brokkoli) gegen eine Packung Drehtabak. Nicht aus Vergnügen, sondern um unser Geschäftsmodell zu diversifizieren. Statt mit einem schmucklosen Beutel Brokkoli zu schwenken, bieten wir nun einzelne mundgerecht Vorgedrehte. Wer sagt, dass sich Schattenwirtschaft und Verbraucherfreundlichkeit ausschließen müssen? Dann begehe ich unter Umständen den größten ökonomischen Fehler meines Lebens. Den Bernd am liebsten für eine Weltreise nutzen würde. Bevor er mit zwei Freunden die Herzbar eröffnete, verkaufte er Designerklamotten. Nun könne er laut eigener Aussage durchaus ein paar Millionen vertragen, um sich von den Jahren der Selbstständigkeit auszuruhen. Sollte Bernd mit meinen Tipps reich werden, bleibe ich integer genug, um anzuerkennen, dass sein Whiskey Sour hochklassig war.

'Das Neue Testament' als Magazin. Ab jetzt lesbar in der Vaterbar

Unser Meisterstück erhandeln wir aber in der Vaterbar. Für die Anleitung zur Revolution, 'Das Neue Testament' als Magazin und eine propere Verbraucherfreundlichkeits-Jolle erhalten wir drei Melone-Wodka-Minze-Cocktails! Und jeweils einen Shot! Eldorado in Berlin! Mein Rucksack mit den Spekulationsobjekten ist fast leer. Die Nervenenden schnurren wohlig. Außerdem durchströmt mich die Wonne einer stolzen Mutter, die ihre zwei Söhne durchgebracht hat. Mein durstiger Freund und der Fotograf haben ordentlich einen sitzen. Ist unser Experiment geglückt? Und wie! Ist es möglich, auch ohne Geld eine tolle Zeit zu haben, wenn man offen auf die Menschen zugeht und ein wenig Salami mitbringt? Selbstverständlich.