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Wie lange lassen sie uns in Istanbul noch feiern?

Auf den Barrikaden schienen alle davon überzeugt, dass die Polizei bei der ersten Gelegenheit den Platz stürmen würde, und man deshalb unbedingt die Stellung halten müsse. Ich war mir nicht ganz so sicher. Wenn sie gewollt hätten, hätten die Polizisten...

Vier Tage nachdem die Demonstranten den Taksim-Platz erobert haben, herrscht in der Istanbuler Innenstadt immer noch Ausnahmezustand. Auf der Einkaufsstraße İstiklal, die am Freitag und Samstag noch einem Schlachtfeld glich, haben die Geschäfte zwar die Graffitis abgeschrubbt und den Normalbetrieb wieder aufgenommen. Aber die gesamte Innenstadt ist immer noch polizeifreie Zone, und die Demonstranten sind fest entschlossen, dass das auch so bleiben soll. Die Zufahrtsstraßen sind durch umgeworfene Autos und zwei lahmgelegte Busse blockiert und in den kleineren Gassen wurden Barrikaden aus Schutt errichtet. 

Aber auch sonst waren die Leute nicht untätig: In demselben Starbucks, in dem ich am Samstag noch glaubte, in einer Gasattacke sterben zu müssen, hatten ein paar Freiwillige eine „Erste-Hilfe-Station“ eingerichtet, von der aus auch Essen und Wasser verteilt wurden. Ilker, einer der Freiwilligen, erklärte mir, dass das irgendwie von selbst passiert sei. „Ein Arzt und ein anderer Typ haben noch Samstagnacht einfach angefangen, hier Verletzte von den Barrikaden zu behandeln. Und dann kamen immer mehr Leute dazu, die über Twitter oder Facebook davon gehört hatten. Jetzt haben wir hier Medizinstudenten, die erste Hilfe leisten, und in ein paar Hotels am Platz haben sich echte Ärzte mit Ausrüstung installiert, die sogar Operationen durchführen können.“ Ein neugieriger holländischer Tourist, der sich als Arzt vorstellte, wurde sofort rekrutiert und versprach, am Abend wiederzukommen, obwohl seine Frau nicht gerade begeistert aussah.

Das Essen würde einfach von Leuten gespendet, meinte Ilker. Während ich mit ihm redete, kam eine riesige Ladung Wasserflaschen an, keiner wusste woher. Im Nu wurde eine Kette gebildet, um die Hälfte der Flaschen quer über den Platz zur Station im Park zu befördern. Can, einer der Medizinstudenten, war sichtlich begeistert: „Die Leute geben uns alles, Wasser, Essen, Medizin. Alle unterstützen diese Revolution. Es ist jetzt nämlich eine Revolution!“


Can

Die Begeisterung wurde überall geteilt, man verglich überall seine Erlebnisse der letzten Tage und erzählte Heldengeschichten, wie die von dem Bagger, den die Beşiktaş-Fans von einer Baustelle geklaut und damit zum ersten Mal die Polizei zum Rennen gebracht hatten.

Überhaupt die Fußballfans: Als eines der größten Wunder der Bewegung gilt, wie die Fans der drei größten Clubs, Galatasaray, Beşiktaş und Fenerbahçe, ihren uralten Hass beiseite gelegt und sich gegen die Polizei verbündet haben. Ein Fener-Fan, der sich selbst als „kurz vor Hooligan, also, ich schlage schon zu, wenn es sein muss“ identifizierte, war bei den Kämpfen in Beşiktaş am Sonntag dabeigewesen. „Das war bestimmt das erste Mal, dass ich in dem Viertel in meinem Fener-Trikot rumlaufen konnte, ohne richtig Ärger zu bekommen.“

Im Gezi-Park, in dem die ganze Sache ihren Ausgang genommen hatte, herrscht Feierstimmung nach den Kämpfen mit der Polizei. Auf jeder freien Fläche sitzen Menschen, Demo-Veteranen und Neugierige, von denen viele zum allerersten Mal im Park sind. Ständig bilden sich spontane Tanzgruppen, manchmal mit, manchmal ohne Trommler. Dazwischen werden Atemmasken, Taucherbrillen, Anonymous-Masken, Trillerpfeifen, Atatürk-Flaggen und Fleischbällchen verkauft. Aus einer aus Ziegelsteinen zusammengebauten „Parkbibliothek“ werden Bücher verliehen. Ein umgeworfener Bus wurde zu einer Art Pinnwand, an der die Leute ihre Botschaften an Erdoğan oder Wünsche für die Zukunft heften.

Überall wehen die Fahnen irgendwelcher politischen Gruppierungen oder Studentenvereine, und die LGBTs machen täglich mindestens eine kleine Pride-Parade, jedes Mal begleitet von enthusiastischem Klatschen. Die Schwulen und Lesben sind in Istanbul notgedrungen politisch ziemlich engagiert und waren von Anfang an bei den Demonstrationen ganz vorne mit dabei.

Das ganze Spektrum politischer Unzufriedenheit ist vertreten, von den härtesteten Nationalisten zu den Trotzkisten—es gibt sogar eine Gruppe „islamischer Antikapitalisten“. Man singt in einer Ecke „Wir sind die Soldaten Mustafa Kemal [Atatürks]“ und in einer anderen die Kommunistenhymne „Bella Ciao“.

Einzelnen Organisationen bemühen sich nach Kräften, sich die Bewegung irgendwie zunutze zu machen, allerdings ohne viel Erfolg. Weder die Reden der nationalistischen Abgeordneten noch die Flugblätter der Kommunisten stoßen beim Großteil der Menge auf besonders viel Interesse. Die Bewegung wurde aus einem spontanen Kollektivimpuls geboren, und die allerwenigsten Teilnehmer scheinen daran interessiert, dem Ganzen eine geregeltere Struktur zu geben.

Eigentlich funktioniert alles nach demselben Prinzip wie die Erste-Hilfe-Station im Starbucks. Irgendjemand malt sich seine Blutgruppe auf den Arm, das wird getweetet, und jetzt haben es alle. Woanders schreit jemand, dass man noch eine Barrikade in der Seitenstraße braucht, und wenn das genug Leute wichtig finden, dann bildet sich schnell eine Kette, die Ziegel dorthin transportiert.

Die Bewegung hat keinen Sprecher und im Grunde auch kein gemeinsames Ziel, außer Widerstand gegen Erdoğan und seine Polizei. Den allerwenigsten scheint das etwas auszumachen—fast immer wenn ich Leute fragte, was denn jetzt der Plan sei, grinsten sie und sagten: „Keine Ahnung. Es gibt keinen Plan.“

Am Samstag hatte Erdoğan verkündet, dass er vielleicht doch keine Shopping-Mall bauen lassen will, mit Sicherheit aber eine Moschee, was die Demonstranten genauso bescheuert finden. Angeblich soll dafür das leerstehende Atatürk-Kulturzentrum am Taksim abgerissen werden, was für viele Anhänger Atatürks eine ziemliche Provokation wäre.

Durch ein Loch im Bauzaun bin ich mit ein paar Freunden auf das Gelände gekommen (es ist ja keine Polizei da, die einen daran hindern könnte). Vom Dach hatten wirs eine unglaubliche Aussicht auf den Bosporus im Rücken und den Taksim vor uns. Mit der Zeit kamen immer mehr Leute hoch, teils um Banner an der Front des Gebäudes herunterzuhängen, teils, um, wie wir, mit Bier und Zigaretten den Sonnenuntergang über der Revolution zu verfolgen. 

Ich fragte Noyan, einen Geschichtsstudenten, ob er glaube, dass der Ministerpräsident tatsächlich zurücktreten werde. „Glaube ich nicht“, meinte er. „Aber sie müssen uns irgendwas geben. Seit sie an der Macht ist, verdrängt die AKP alle Oppositionsparteien. Und Tayyip macht, was er will. Vielleicht geht es einfach nur darum, wie er mit uns redet, um seine Arroganz. Wir wollen respektiert und nicht wie unartige Kinder behandelt werden.“

Je später der Abend wurde, desto voller wurde der Platz, die Gesänge und Lautsprecher wurden lauter. Ein paar Jungs zündeten ein Auto an, dessen Tank mit großem Knall explodierte, allerdings ohne Schaden anzurichten oder die Stimmung zu dämpfen. 

Gerade als wir vom Kulturzentrum runterkamen, lag wieder der altbekannte Geruch in der Nase. Unten hatten bereits alle wieder ihre Masken auf, aber es wurde schnell klar, dass dies noch nicht der von fast allen erwartete Angriff auf den Platz werden würde.

Die Wolke war aus der Inonü Caddesi hergeweht, die die Hauptverkehrsverbindung den Berg runter nach Beşiktaş bildet. Hier war der Krieg anscheinend noch nicht vorbei: Da die Polizei in Richtung Beşiktaş steht, gilt die Straße als Hauptangriffsroute auf den Taksim. Als ich ankam, waren die Demonstranten also gerade dabei, alle hundert Meter eine Barrikade aufzuwerfen, und diesmal meinten sie es wirklich ernst. Durch Hunderte Paar Hände gelangten die frisch gebrochenen Steine vom Gehsteig auf die Barrikaden. 

Die ganze Straße war voll mit Menschen, vor allem ziemlich jungen Menschen, die sich mit den erprobten Gesängen anfeuerten. „Tritt zurück, Tayyip“, „Gegen den Faschismus“, aber vor allem natürlich „Tayyip, du Hurensohn“ und natürlich wieder: „Lutsch meinen Schwanz, Tayyip“. 

Ich habe auch eine große Gruppe mit Regenbogenflaggen gesehen, die aus vollem Halse mitsangen—man hatte denen wohl nicht gesagt, dass das Lied eine homophobe Vergewaltigungsphantasie in Worte fasst. Alle paar Minuten rissen alle den Mittelfinger hoch und brüllten, wenn ein Helikopter auftauchte und uns im Suchscheinwerferlicht badete. Ich ging weiter nach vorne, und schließlich war es wieder da, das Gas.

Obwohl ich in den letzten Tagen genug von dem Zeug erwischt hatte, um mich für abgebrüht zu halten, war der Effekt dieses Mal fast überraschend stark. Schon nach der ersten Prise bekam ich fast zehn Minuten lang die Augen nicht mehr auf. Alle waren sich einig, dass die Polizei heute ein neues, stärkeres Gas einsetzte, auch wenn es immer noch kein „Agent Orange“ ist, wie auf den Barrikaden steif und fest behauptet wird. Auf jeden Fall wirkte das Gas aus größerer Entfernung, hing länger in der Luft und brannte deutlich stärker als alles, was ich in den Tagen davor geschluckt hatte. 

Aus dem Grund war es auch diesmal völlig unmöglich, näher als zweihundert Meter an die Polizisten heranzukommen. Hinter der letzten Barrikade kam eine Kurve, und irgendwo dahinter standen sie, aber die meiste Zeit war dieser Bereich so vergast, dass man ohne echte Maske keine Chance hatte. Als ich mich einmal mit einem Kumpel zu weit vorwagte, wurde wir von Gaswolken eingekreist und mussten uns eine Viertelstunde in einem verlassenen Haus mit einem sehr ungehaltenen Hund verstecken, und trotzdem war ich nie nahe genug an einem Polizisten gekommen, um ein Foto zu machen.

Steineschmeißen stand völlig außer Frage. Und obwohl es deutlich mehr Leute mit richtigen Gasmasken gab als vorher, schien es auch keinen echten Angriffsplan zu geben, was vielleicht damit zusammenhing, dass keiner zu wissen schien, was eigentlich passieren sollte. Viele der Befragten wollten irgendwie näher ran, um die Polizei zu verdrängen, aber für die meisten schien das Wichtigste zu sein, die Barrikaden und damit den Platz zu verteidigen.

Eine Gruppe Jungs erklärte mir, dass es jetzt nur noch darum ginge, die Polizei zu besiegen. „Es hat jetzt nichts mehr mit ein, zwei Bäumen zu tun, es geht jetzt um unsere Ehre! Man kann mit denen nicht mehr sprechen. Jetzt müssen wir nur noch gewinnen.“ Dazu passte auch das neue Lied: „Sprüht doch, wenn ihr könnt, sprüht doch, wenn ihr könnt, sprüht doch euer Pfeffergas. Lasst den Helm, lasst das Schild, dann sehen wir, wer die Helden sind!“

Ich musste an Eren („Wir denken, dass wir gewonnen haben denken“), der mir am Samstag prophezeit hatte, dass es jetzt auf einen „Schwanzvergleich“ zwischen Demonstranten und Regierung hinauslaufen würde. Man kann sich tatsächlich schwer vorstellen, dass die Polizei lange mitansieht, wie der wichtigste Verkehrsknotenpunkt der Stadt von Vermummten auf Barrikaden komplett lahmgelegt wird. „Das Gemeinste ist, dass die Leute auf dem Land denken, wir sind ein Haufen radikaler Randalierer“, sagte mir ein Marineoffizier, der seinen Urlaub nutzte, um mitzukämpfen. „Das Fernsehen zeigt fast nichts von der Wahrheit. Sie zeigen nur zerstörte Sachen, unsere Forderungen werden ignoriert.“

Während ich mit ihm sprach, entstand eine kleine Panik, weil irgendjemand aus einer Seitenstraße gerannt kam und „Sie kommen!“ schrie. Als sich fünf Minuten später immer noch kein Polizist gezeigt hatte, wurde trotzdem schnell eine Barrikade in der Gasse gebaut. Es kam ziemlich oft zu solchen Paniken, und die Leute hatten fast keine Kommunikationsmöglichkeiten untereinander. Oft wusste man 100 Meter die Straße hoch nicht, was unten gerade passierte, und jeder Unsinn wurde sofort weitergegeben. In den beiden Nächten wurde ich bestimmt ein Dutzend Mal angerufen, dass die Polizei jetzt die letzte Barrikade vorm Taksim überrannt hätte, obwohl sie noch nicht mal die erste überstiegen hatte.

Es gab auch hin und wieder Verletzte, die dann die Straße hochgetragen und zur Station im Starbucks gebracht wurden, begleitet von heftigem Klatschen. Ilker erzählte mir, dass das sonst sündhaft teure „Deutsche Krankenhaus“ sich bereit erklärt hatte, in Zusammenstößen mit der Polizei verletzte Demonstranten umsonst zu behandeln.

Auf den Barrikaden schienen alle absolut davon überzeugt, dass die Polizei bei der ersten Gelegenheit den Platz stürmen würde, und man deshalb unbedingt die Stellung halten müsse. Ich war mir nicht ganz so sicher. Wenn sie gewollt hätten, hätten die Polizisten sowieso jederzeit die Straße hochmarschieren und alles Volk mit Gas vor sich hertreiben können, auch wenn sie wegen der Barrikaden auf ihre Wasserwerfer hätten verzichten müssen. Tatsächlich hatte die Polizei seit Samstag zwar in anderen Stadtteilen noch heftig gekämpft, andererseits aber nie Anstalten gemacht, auch nur einen Verkehrspolizisten auf den Taksim zu schicken. Auch auf der Inonü schienen sie das Gas meistens zu schießen, um die Leute vom Weiterkommen abzuhalten. 

Pelif, die ich im Gezi-Park traf, gehörte zu den wenigen Menschen, die den Park tatsächlich vorher genutzt hatten. „Ich bin hier immer joggen gegangen, aber außer mir waren meistens nur Obdachlose da.“ Obwohl sie sich als apolitisch bezeichnete, war sie begeistert von der Besetzung des Platzes. „Der Premier will uns vorschreiben, wie man richtig zu leben hat. Er fragt uns nie, was wir wollen.“ Die Barrikaden hielt sie aber nicht für besonderes sinnvoll. „Ich habe den Jugendlichen versucht zu erklären, dass das unnötig ist, aber sie wollten nicht auf mich hören. Für die ist das, als würden sie ihre Videospiele in echt erleben.“ 

Tagsüber sind die Barrikaden deutlich leerer. Hier traf ich Ceran, eine 19-jährige Schülerin, die mit zwei Freunden den Müll zwischen den Wällen einsammelte. „Der Ministerpräsident sagt, dass wir nur Randalierer sind, also wollen wir ihm zeigen, dass wir nichts kaputtmachen wollen, sondern nur unser Gebiet beschützen.“ Es gebe schon ein paar Leute, die auch mutwillig Sachen zerschlagen, meinte sie. „Aber das ist falsch. Es ist auch falsch, die Polizei oder den Premier zu beleidigen. Wenn wir Frieden wollen, müssen wir selber friedlich sein.“ Wie das enden würde, konnte sie auch nicht sagen. „Aber Istanbul wird nicht aufhören, solange in Ankara und Izmir noch gekämpft wird.“

Anscheinend weiß niemand, wo die Reise hingeht. Erdoğan ist auf Staatsbesuch in Nordafrika und bezeichnet die Demonstranten weiter als „Extremisten“ und Twitter als Staatsfeind Nummer eins. Manchmal droht er auch, er könne seine Anhänger, die Mehrheit, bestimmt nicht mehr lange von der Straße fernhalten, oder dass man die Flughäfen schließen werde, um ausländischen Agenten das Handwerk zu legen. Die Polizei scheint abzuwarten und zeigt im Moment kein Interesse daran, den Platz wieder zu besetzen. Währenddessen freuen sich die Demonstranten auf dem Platz und im Park ihrer neugewonnenen Freiheit, und den Berg runter befestigen sie weiter ihre Barrikaden. „Irgendwie ist es wie ein Abenteuer“, meint Ilker. „Es hat einfach plötzlich angefangen, und keiner weiß, wann es wieder vorbei sein wird.“ Man kann nur hoffen, dass es nicht endet, wie es angefangen hat, in einer riesigen Gaswolke.