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Wie laufen eigentlich Rekrutierungsgespräche für den Dschihad ab?

Zwei Neuköllner Jugendliche haben uns erzählt, wie Islamisten versuchen, junge Muslime zu radikalisieren und für den Dschihad zu gewinnen.

Das Charlie-Hebdo-Attentat ruft aktuell nicht nur Rechtskonservative auf den Plan, sondern dürfte auch radikalen Islamisten neue Argumente für die Rekrutierung junger Männer zum Dschihad liefern. Ich habe mich vor Kurzem mit zwei jungen Männern getroffen, die in Berlin zu Dschihadisten gemacht werden sollten. Beiden wurde schon mehrfach angeboten, nach Syrien in den Krieg zu ziehen

Ulas* und Mohammad* sind weder besonders gläubig noch besonders hoffnungslos. Sie sind zwei normale junge Männer mit türkischem Migrationshintergrund, die gelegentlich beten. In manchen Teilen Neuköllns waren Freifahrten in den syrischen Bürgerkrieg bis vor Kurzem einfach leicht zu bekommen, berichten sie.

Die beiden waren unabhängig voneinander und in unterschiedlichen Moscheen von freundlichen Mittzwanzigern angesprochen worden, die sie zu islamischen Gesprächskreisen in Privatwohnungen einluden. Der Pitch: Wenn du Freitagnachmittag keine Zeit hast, weil du arbeiten musst oder so, kannst du abends einfach bei uns über den Koran sprechen und wir beten zusammen. Ulas und Mohammad gefielen die Typen und das Angebot zu einer Zeit, zu der sie sonst zu Hause rumhocken würden, zu beten. Außerdem hatten sie Lust, sich über den Islam zu unterhalten. Die Dschihadisten sollen auf diese Weise im großen Stil Jugendliche eingeladen haben, ohne dass die Moscheen davon wussten.

Daniel Köhler war bis vor Kurzem für das weltweit einzigartige Beratungsnetzwerk gegen Radikalisierung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) tätig. Dort betreute er über drei Jahre radikalisierte Jugendliche und deren Familien und er gehört außerdem zur Chefredaktion der Fachzeitschrift für Deradikalisierung. Er kennt solche Veranstaltungen, wie Ulas und Mohammed sie erlebt haben, nur zu gut. Sie appellieren an die Menschlichkeit der Jugendlichen, an ihr Mitgefühl für Unschuldige und den Reflex, sich im Namen Schwächerer zu empören. Und ihnen wird klargemacht: Wirklich verantwortungsvoll bist du nur, wenn du deine Sachen packst und nach Syrien fährst—zum „Helfen".

Die Wohnungen, die Ulas und Mohammad besuchten, waren in Wohngebieten. Sie waren spärlich eingerichtet und sahen nicht so aus, als ob dort jemand wohnen würde. „Die Vorhänge waren immer zugezogen", erinnert sich Ulas. „Und wenn man reinkam, haben sie alle Handys eingesammelt und in einen Sack gesteckt. Vielleicht damit keiner was aufnimmt oder nichts abgehört wird."

Ein Muslim, der gegen eine Anti-Islam-Demo in Berlin demonstriert. Foto: Grey Hutton

Unter den Dschihadisten und unter den Besuchern waren sowohl arabischstämmige und türkischstämmige Jugendliche als auch Deutsche ohne Migrationshintergrund. Gesprochen wurde daher deutsch. Bei den Treffen waren meistens fünf bis zehn Leute. Ulas kam das Ganze schnell komisch vor, Mohammad gefiel es zunächst, denn er hatte das Bedürfnis, religiöser zu werden. Beide besuchten mehrere Veranstaltungen—Ulas besonders deshalb, weil ihm einer der Rekrutierer hartnäckig hinterhertelefonierte. Aber schließlich wurden ihnen die Treffen doch zu krass.

Die Dschihadisten hatten leistungsstarke Beamer, auf denen sie Videos vorführten: zum Beispiel eine wacklige Handy-Aufnahmen, die zeigte, wie Frauen und Kinder im Kugelhagel sterben; eine mit einer Helmkamera gemachte Aufnahme, in der jemand in einen Bunker stürmt und den Kopf eines syrischen Soldaten mit einem Messer abschneidet. Und ein Video von Pierre Vogel, dem radikalen Internet-Prediger, der über den Dschihad spricht. Das wurde dann an einer Stelle abgebrochen und gesagt: Hier hat Vogel unrecht, Dschihad im Nahen Osten ist unter den heutigen Bedingungen religiös vertretbar.

Das war jedoch vor dem Anschlag von Paris. Ab jetzt werden Rekrutierungsveranstaltungen anders ablaufen.

Um die Bedeutung der Anschläge für die Dschihad-Rekrutierung abzuschätzen, muss man sich nur mal auf der Zunge zergehen lassen, dass sich sowohl al-Qaida auf der arabischen Halbinsel als auch der Islamische Staat in Syrien/ Irak geradezu einen abbrechen, um als Drahtzieher der Anschläge in die Geschichte einzugehen.

„Die beiden Organisationen stecken mitten in einem Konkurrenzkampf, der für den Westen durchaus gefährlich werden kann", befürchtet Daniel Köhler. Zwei Attentäter hatten sich laut Aussage eines Überlebenden selbst zu al-Qaida im Yemen und einer zum IS bekannt.

„Es geht nicht nur um die Rekrutierung neuer Kämpfer, sondern auch darum, sich bei Sponsoren und Sympathisanten zu empfehlen", so Köhler. Diejenige Organisation, die als erfolgreicher und radikaler gilt, gewinnt.

Auch der bekannte Konfliktforscher und Dschihad-Beobachter Peter Neumann, Professor am King's College in London, warnt vor dem Qaida-IS-Wettrüsten. Er fürchtet, dass niedrigschwellige Angriffe wie der auf das Charlie-Hebdo-Büro die Waffe der Wahl in diesem Wettkampf sind.

Für diejenigen, die schon radikalisiert sind oder mitten im Radikalisierungsprozess stecken, sind die Anschläge eine Genugtuung, erklärt Daniel Köhler. „Je radikaler [die Jugendlichen] sind, desto mehr wirkt der derzeitige Status Quo wie eine psychische Folter. Etwa weil es Ungerechtigkeit auf der Welt und Unterdrückung von Muslimen gibt. Daraus ergibt sich dann ein Leidensdruck. Und den müssen sie irgendwie abbauen. Wenn andere so einen Anschlag verüben, dann wirkt das wie ein Befreiungsschlag."

Entsprechend wurden die Angreifer im Internet bejubelt. Die Kommentare geben die Stoßrichtung vor, der auch Rekrutierer hierzulande folgen dürften:

So lobt Abu Dujana aka AbuHeadshot, ein bekannter Dschihad-Aktivist, der in Syrien sein soll, die Attentäter. Screenshot von Twitter. Der dazugehörige Account wurde mittlerweile gelöscht.

Um mehr über die Reaktionen junger Berliner Muslime auf das Charlie-Hebdo-Attentat herauszufinden, habe ich eine Moschee besucht. Ich habe bewusst eine Moschee ausgewählt, die nicht zu den üblichen Verdächtigen gehört, den einschlägigen „radikalen" Moscheen in Neukölln oder im Wedding, in die Journalisten immer gehen, wenn sie was über die Szene wissen wollen. Ich bin in eine kleine Moschee in Moabit gegangen, die vom Engagement gläubiger Twens getragen wird und sich gezielt an Jugendliche richtet. Ihre Botschaft: Seid streng gläubig, aber lasst bloß die Finger von Gewalt. Man würde sie gemeinhin als Salafisten bezeichnen, selbst lehnen sie diesen Begriff aber ab. Sie seien einfach „Muslime".

Bis zum Beginn der Freitagspredigt kommen etwa 80 junge und auch einige ältere Männer durch die hellgrün gestrichene Tür, stellen ihre Schuhe ins Schuhregal und finden sich auf dem flauschigen Teppichboden in kleinen Grüppchen zusammen. Sie lachen, reden über Alltägliches, aber immer wieder auch über diejenigen in der westlichen Welt, die Muslime jetzt unter Generalverdacht stellen: Pegida, Horst Seehofer und Medien-Zar Rupert Murdoch, der findet, dass sich alle Muslime mal ganz schnell entschuldigen sollten. Die Islamophoben sind auf dem Vormarsch, so der Tenor.

Der Imam hier ist Azim, Zahntechniker von Beruf, auch er noch keine 30. Sein rundes Gesicht umrahmt ein dichter Vollbart, kurz geschoren an der Oberlippe. Er trägt einen schwarzen Rock und eine schwarze Gebetskappe.

In seiner auf Arabisch gehaltenen Predigt geht es nicht um Charlie Hebdo. Es geht darum, dass die Gläubigen in die Moschee kommen sollen, um Gott zu gefallen und seine Gebote einzuhalten, nicht um Freunde zu treffen oder an Ansehen zu gewinnen. Aber Paris ist das wichtigste Thema vor und nach der Predigt.

Als er fertig ist, bittet Azim mich in sein Büro—ein kleiner Verschlag unter einer Treppe, der mit seiner Holzvertäfelung noch enger wirkt, als er eigentlich ist. „Paris verändert alles", sagt er. „Alle Muslime werden für den Anschlag verantwortlich gemacht und wir fürchten, dass die Islamhasser jetzt erst richtig loslegen. Uns erinnert das Ganze stark an das Attentat vor der Reichskristallnacht ..." 1938 war der Anschlag eines jungen Pariser Juden auf einen NSDAP-Diplomaten willkommener Anlass, jüdisches Eigentum zu zerstören und Juden gesetzlich zu diskriminieren.

Azim betont, dass er seine Privatmeinung wiedergibt, nicht die offizielle seiner Moschee. Für ihn sind die Anschläge von Paris eine persönliche Katastrophe. Er arbeitet hart dafür, dass junge Menschen sich von Gewalt fern halten. „Aber das Gefühl, dass sie sich und ihren Glauben verteidigen müssen, hat sich verstärkt", bedauert er. „Daran sind die Anschläge schuld und die Reaktionen darauf." Eigentlich wollte ich heute in der Moschee auch filmen. Aber die Gläubigen fürchten, dass sie negativ in den Medien auffallen und den Zorn der Islamhasser auf sich ziehen könnten. Ein Text ist aber OK.

Einer der Jugendlichen, Farid, redet mit mir in einem Nebenraum der Moschee. Für ihn gibt es viele Ungereimtheiten im Zusammenhang mit den Anschlägen. Warum berichten die Medien nicht mehr darüber, dass ja auch ein Muslim bei dem Anschlag ums Leben gekommen ist? Warum war so schnell so viel über die Verdächtigen bekannt? Und warum sind diese Profi-Killer so blöd und lassen einen Ausweis im Fluchtauto liegen?

Solche vermeintlichen oder tatsächlichen Ungereimtheiten öffnen Verschwörungstheorien Tür und Tor. Wie Motherboard bereits berichtet hat, ist das Internet seit dem Abend des 7. Januar voll mit verrückten False-Flag-Spinnereien. Sie spiegeln unter anderem das Gefühl wider, dass es der westlichen Gesellschaft eigentlich nur darum geht, den Islam zu diffamieren und Muslime anzugreifen.

Auch ohne Verschwörung bemängeln Farid und Andere, es würde hier mit zweierlei Maß gemessen: Beim rechten Terroranschlag Anders Breiviks sei ein Mann verurteilt worden, bei den Anschlägen von Paris eine ganze Religion. Pressefreiheit gebe es für die, die Mohammed verarschen, aber das Leugnen des Holocausts ist in Deutschland verboten. Und die judenfeindlichen Demonstrationen von 1933 sähen den islamfeindlichen von heute zum Verwechseln ähnlich. Farid ist weit davon entfernt, sich in den Dschihad zu stürzen, aber er sieht sich definitiv in der Defensive.

Unsicherheit polarisiert, deshalb ist sie nicht nur für Pegida wichtig, sondern auch für die Dschihad-Rekrutierer. Daniel Köhler sagt dazu: „Natürlich schlachten die das jetzt aus. Sie sagen: ‚Jetzt zeigt der Westen sein wahres Gesicht und ihr alle werdet die Folgen spüren.'"

Und die Rekrutierer haben vorgearbeitet: In den letzten Jahren haben sie Tausende junge Menschen in Deutschland, wie zum Beispiel die drei verstorbenen Dschihadisten aus Dinslaken, radikalisiert oder bei ihnen einen Radikalisierungsprozess angestoßen. Am Wochenende wurde Syrienheimkehrer Nils D. aus Dinslaken festgenommen, laut Behörden soll es aber keine Zusammenhänge mit Frankreich geben.

Trotzdem dürfte klar sein, dass ein Klima der Angst wie ein Katalysator wirken kann und ein Anschlag wie eine Initialzündung—„ganz ähnlich wie bei der Serie von Brandanschlägen gegen Flüchtlingsheime in den 90er Jahren", so Köhler. Wenn jetzt statt Syrienreisen auch noch niedrigschwellige Attacken im Heimatland angepriesen werden, könnten die das Thema des Jahres 2015 werden.

*Namen geändert