Kristofer Peataus und Ondrej Brodys TransRatFashion erschien zuerst in unseren Tidbits, aber wir dachten, dass nur ziemlich einzigartige Typen ihre Zeit mit verbringen wollen würden, Fake-Chanel-Bikinis aus Rattenleichen zu machen und diese von brasilianischen Transvestiten tragen zu lassen, die dann darauf wichsen. Eine andere Arbeit heißt Licking Curators Ass, die exakt das zum Inhalt hat. Wir haben Kristofer interviewt, um herauszufinden, wie diese Sichtweise auf die Welt funktioniert und wie sie sich auf die Mode und die Kunst auswirkt.
VICE: Hi. Erzähl uns — wie alt bist du, wie sieht deine Werdegang aus und was hast du bis jetzt gemacht?
Kristofer Paetau: Ich bin 39, ich bin in Finnland geboren worden und mit 13 nach Paris gezogen. Ich habe Kunst in Frankreich, Deutschland und Belgien studiert. 2004 habe ich angefangen, mit meinem Freund Ondrej Brody in Berlin Kunst zu machen und seitdem arbeiten wir zusammen, auch wenn wir nicht im selben Land leben.
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Das meiste unserer Arbeit soll schocken, ekeln oder auf andere Weise provozieren. Normalerweise, fürche ich, sehen die Leute unsere Arbeit nicht als Kunst an. Viele Leute, die mit Kunst zu tun haben, mögen sie nicht, weil wir das Kunst-Establishment direkt und unverfälscht kritisieren. Traditionalisten denken wahrscheinlich, dass unserer Arbeit Formen herkömmlicher Ästhetik fehlen, wie Schöhneit und besinnliche Ästhetik.
Wir versuchen, das Beste aus der Kritik zu machen, die wir kriegen. Wir haben ein Essay veröffentlicht, in dem wir zusammegetragen haben, was die Kritiker über uns sagen und bei unserer Ausstellung Degenerate Art haben wir eine Auswahl der vernichtendsten Kritiken an unseren Werken handgemalt ausgestellt. Selbst unsere Malerei wird nicht als gute Kunst angesehen, seit wir chinesische Firmen damit beauftragen, die schwere Arbeit zu machen. Wir bezeichnen sie als unsere billigen chinesischen Assistenten
Was in aller Welt inspiriert TransRatFashion?
Kurz bevor wir mit TransRatFashion angefangen haben, arbeiten wir in La Paz an einem Projekt mit dem Namen DOG CARPETS. Unsere Idee war, Teppiche aus den Hunden zu produzieren, die in La Paz jede Woche getötet werden, um die Stadt “sauber” zu halten. Wir schafften es tatsächlich, sie herzustellen, aber die Polizeit hat die Teppiche zerstört, nachdem die lokalen Medien und Tieraktivisten den Bürgermeister wegen unserer Arbeit unter Druck gesetzt hatten. Der Bürgermeister feuerte zudem den Museumsdirektor, der uns nach La Paz eingeladen hatte, aber interessanterweise feuerte er nicht den tiermedizinischen Direktor, der für die Jagd und das Töten der Straßenhunde verantwortlich ist. Das im Kopf habe ich angefangen, über TransRatFashion nachzudenken.
Wie kam die Verbindung zu Brasilien zu stande?
Unser nächster Halt war eine Residenz in Rio de Janeiro. Als wir in Rio ankamen, waren wir ziemlich betroffen von all den Transvestiten, die auf den Straßen als Prostituierte arbeiten. Wir entschieden uns dazu, präparierte Ratten zu benutzen, also fing ich an, Ratten zu jagen: Es gibt so viele auf den Straßen in Lapa, in der selben Gegend, in der die Prostituierten arbeiten. Dann fand ich einen Laden, der Ratten als Futter für größere Tiere und Labortests verkauft, ich kaufte 12 Ratten und gab sie einem Präparator, der sie tötete und für mich präparierte. Danach heuerte ich einen lokalen Modedesigner an, um die Stücke zu entwerfen. Der ist in Rio ziemlich bekannt, aber das war keine tolle Publicity für ihn. Er sagte mir, dass die meisten Leute, die er in die Sache einbeziehen wollte, den Job nicht wollten, also war ich einfach glücklich, dass überhaupt etwas passierte. Ich musste das gesamte Projekt selbst finanzieren, das hat mich eine Menge Geld gekostet.
Wieso Ratten, wieso Transvestiten, wieso Chanel?
Die Idee hinter TransRatFashion war, etwas, das die meisten Leute gut findem—Mode—mit etwas, das die meisten Leute abstoßend finden—Ratten—zu verbinden. Anstatt schöne Models wollte ich trashige Transvestiten vom Straßenstrich nehmen, und die Marke Chanel hinzufügen.
Also brauchte ich Ratten, Transvestiten und Chanel, um die Divergenzen Anziehungskraft vs. Abstoßung und Luxus vs. Trash hervorzurufen.
Was interessiert dich in der Welt der Mode? Gibt es bestimmte Elemente, die du hasst oder liebst?
Um ehrlich zu sein, bin ich nicht wirklich an Mode interessiert. Ich habe die Einstellung von befreundeten Künstlern und Kunststudenten in Frankreich gehasst, die lieber in der Vogue geblättert haben, als Bücher über Kunst und Künstler zu lesen. Auf der anderen Seite ist zeitgenössische Kunst vielleicht so langweilig, dass Mode spannender ist? Mein Ziel ist es, zeitgenössische Kunst interessanter als Mode zu machen, ich denke auch, ich bin ein bisschen eifersüchtig und neidisch auf Mode. Vielleicht ist TransRatFashion meine symbolische Rache als Künstler an der Mode. Auch wenn ich nicht wirklich gut über Mode informiert bin, respektiere ich Modeschöpfer, die die Mode immer weiter vorantreiben—wie zum Beispiel die späten Sachen von Alexander McQueen oder Walter Van Beirendonk. Aber wie ich schon sagte, ich bin kein Experte und es gibt bestimmt jüngere Leute, die ich außer Acht lasse.
Warum das mit dem Masturbieren?
Die Idee mit der Masturbation war vom Beruf meiner Models inspiriert und ich dachte, es könnte der Mode einen Fetischaspekt geben. Es war auch ein Wink an den bekannten Künstler Terence Koh, der sich gerne als Modediva kleidet und Unterwäsche mit Wichs- und Scheißeflecken an passionierte Kunstsammler verkauft. Ich habe meine kleine, perverse Freude daran, die Rattenmode den Leuten erst zu zeigen und sie dann das Video gucken zu lassen, in dem sie dann entdecken, dass die Sachen, die sie in ihren Händen hielten, zuvor in Transvestitenwichse getränkt worden waren. Normalerwesie fragen sie hoffnungsvoll, ob ich die Sachen danach gewaschen habe. Hab ich aber natürlich nicht.
Was denkst du über Chanel?
Als ich eine Marke aussuchen musste, dachte ich sofort an Chanel, da sie, wohl mit Rechte, ihre Marke auf ihrer Webseite als „die ultimative Luxusmarke für Modeaccessoires, Ohrringe, Prêt-à-porter und Haute-Couture-Kollektionen” beschreiben. Hier geht’s nicht um die Geschichte der Marke, wen interessiert das? Was heute zählt, ist das gewaltige Geschäft, in das die Marke Chanel sich verwandelt hat und die Gestalt von Karl Lagerfeld, Kreativdirektor bei Chanel, der, meiner Meinung nach, extrem konservative Kleidung entwirtft. Ich stimme mit seinem Statement „in einer fleischfressenden Welt, in der Lederschuhe und Lederkleidung getragen werden, ist die Diskussion um Pelze kindisch”.
Mode vs. Kunst?
Natürlich ist es dumm, diesen Gegensatz aufzustellen, aber manchmal kann Kunst zur Mode Stellung nehmen, genau wie Mode das zur Kunst kann. Für TransRatFashion habe ich mit dem ehemaligen Modefotografen Yann Gamblin gearbeitet, einem Franzosen, der damals in Rio de Janeiro lebte. Er erzählte mir, dass er in der Vergangenheit auch für Chanel gearbeitet war. Wir haben die Fotos in dem Hotel gemacht, in dem die Transvestiten ihre Kunden empfangen. Die Models beim Masturbieren zu filmen, stellte sich als schwierig heraus, da manche nicht der Lage waren, zu kommen.
Viel Kunst sieht sich als bedeutsam an, auch wenn sie es in Wirklichkeit nicht ist, richtig?
Sicher. Alle Künstler denken wohl gerne, dass ihre Arbeit wichtig ist, mich eingeschlossen, aber da meine Karriere so ein solcher Fehlschlag ist, glaube ich das nicht mehr. Ich schätze, es ist gut, sich unbedeutend zu fühlen, dann brauchst du dir keine Sorgen um deine Reputation zu machen und du kannst in völliger Freiheit versagen, ohne ökonomischen Druck oder Karriereerwartungen. Keine Galerie drängt mich dazu, mehr Rattenmode zu machen, genauso wie kein Sammler eifrig dabei ist, mehr chinesische Folterbilder zu kaufen, um sich das gemütliche Heim zu dekorieren. Ich denke, nur die Zeit kann uns sagen, was bedeutsam ist und was nicht.
Mode ist am besten, wenn sie lustig und anarchisch ist, aber viel Mode ist so unglaublich konservativ. Was denkst du?
Ja, es ist das Gleiche in der Kunstwelt. Ich denke, dass es teilweise an der Tatsache liegt, dass die meisten Künstler oder Modeschöpfer nicht wirklich kreativ sind und ihnen der Mut fehlt. Sie entscheiden sich für Kunst oder Mode, weil es nett ist, Kunst oder Mode zu studieren und ihre Eltern in der Lage sind, das Studium zu bezahlen. Manche Leute werden dann ziemlich professionell und ambitioniert: Sie gehen zu den richtigen Plätzen, lernen die richtigen Leute kennen und mit ein bisschen Glück machen sie das große Geld und werden berühmt. Ich denke, ein Künstler oder ein Modeschöpfer sollte nicht versuchen, das Richtige zu tun, sondern eher genau das Gegenteil.
Worauf bist du wütend?
Ich bin sauer auf das Fehlen von Mut und Selbstkritik bei den meisten Künstlern. Ich bin wütend auf mich selbst, weil ich so ein Loser bin und einen regulären Job brauche, um gerade so zu überleben, und dass ich das bisschen Extrageld, das ich verdiene, in irgendwelche dämmlichen Projekte stecke, die niemand kaufen will. Am meisten verärgern mich Leute, die keinen Sinn für Humor haben und ich hoffe, dass ich meinen eigenen Sinn für Humor nicht verliere, weil ich so oft sauer bin.
Wer oder was hat dich bei deiner Arbeit inspiriert?
Meine Hauptinspiration ist mein bester Freund und Weggefährte Ondrej Brody. Unsere Diskussionen über Kunst und unsere Kämpfe wegen der Arbeit, die wir leisten, inspirieren mich am meisten. Natürlich, es gibt viele fantastische Künstler und andere in der Geschichte, aber was am meisten zählt, ist, wer mir in meinem täglichen Leben am nächsten ist und mit wem ich in einem permanenten Dialog stehe.
Warum ist deine Arbeit bewundernswert?
Ich denke nicht, dass sie im Moment schön ist, aber das macht nichts. Wenn es gut ist, wird meine Arbeit eines Tage als bewundernswert angenommen werden.
TEXT: DARYOUSH HAJ-NAJAFI
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