Junge Alternative: Der AfD-Nachwuchs droht gerade zu zerfallen

Der größte Landesverband bereitet eine Abspaltung vor, zahlreiche andere Mitglieder sind bereits weg. Schuld daran sind der Verfassungsschutz und "sektenartige" Zustände.

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21 November 2018, 10:53am

Die selbsternannte "Generation Deutschland" bei einer Demo 2017 | imago |  Martin Müller

In der AfD können junge Rechte schnell Karriere machen. Die Fraktion im Bundestag etwa stellt vier der zehn jüngsten Abgeordneten des ganzen Parlaments. Doch mit der Nachwuchsförderung dürfte es bei der Partei vorerst vorbei sein, die Nachwuchsorganisation Junge Alternative steht gerade vor dem Zerfall. Ein Landesverband wurde abgegliedert, ein anderer hat sich gespalten und nun droht weiterer Aderlass.

Gegenüber VICE kündigte Alexander Leschik, Mitglied des Bundesvorstands der Organisation, an, dass er und zwei weitere Mitglieder aus Nordrhein-Westfalen aus dem Gremium zurücktreten und anschließend einen Austritt ihres Landesverbandes aus der JA erreichen wollen. Die Junge Alternative würde damit rund 400 Mitglieder, gut ein Viertel ihres Personals verlieren, weitere Landesverbände wie Schleswig-Holstein könnten folgen. In der Organisation ist der Plan bereits bekannt.

Niedersachsen ausgeschlossen, Baden-Württemberg zerfallen

Leschik und der stellvertretende Bundesvorsitzende, Nicolai Boudaghi, hatten bereits am Rande des Bundeskongresses der Jungen Alternative Anfang November von einem möglichen Austritt ihres Landesverbandes gesprochen, sollte die Organisation nicht die JA Niedersachsen ausschließen. Das Treffen war einberufen worden, nachdem bekannt wurde, dass sowohl dieser Landesverband als auch der in Bremen vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit und in einer äußerst knappen Abstimmung entschieden die JAler damals die inzwischen vollzogene Ausgliederung der JA Niedersachsen und ihrer 150 Mitgliedern. Der Bundesvorsitzende der JA, Damian Lohr, sagte direkt nach dem Votum: "Wir haben heute alle Probleme gelöst und es wird keine Probleme mehr geben."


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Keine zwei Wochen später wurde öffentlich, dass der Landesverfassungsschutz Baden-Württemberg die JA in dem Bundesland beobachtet. Anschließend sollen rund 70 Mitglieder aus der Organisation ausgetreten sein. Mehr als 40 davon setzten ihren Namen unter eine öffentliche Erklärung, in der sie ihren Austritt mit einem deutlichen "Radikalisierungsprozess" der restlichen Mitgliedschaft erklären. Es seien "regelrechte Parallelstrukturen mit engen Verbindungen" zur Identitären Bewegung aufgebaut worden. Gut die Hälfte der Mitglieder würde die Demokratie in Deutschland ablehnen und sich "sektenartig" organisieren.

"Man muss sich auch mal entscheiden, ob man Deutschland retten, oder unbedingt einen Beamtenposten in diesem Staat haben will" – ein JA-Mitglied zur Beobachtung durch den Verfassungsschutz

Auch wegen eben dieser Nähe zu den rechtsextremen Identitären haben bzw. hatten die Behörden in Baden-Württemberg, Bremen und Niedersachsen mit der Beobachtung der JA begonnen. Die scheint aber auch in anderen Bundesländern möglich.

Beispielsweise in Sachsen-Anhalt. Bei einem Bundeskongress der JA im Februar waren unter den anwesenden Mitgliedern aus dem Ostbundesland mindestens vier, die bereits bei Aktionen der Identitären in Erscheinung getreten waren, einer von ihnen, Felix Koschkar, wurde später in den Bundesvorstand der JA gewählt. Der JA-Landesvorsitzende, Jan Wenzel Schmidt, sprach 2016 auf einer IB-Demo und hieß noch im letzten Jahr die Aktionen der vom Verfassungsschutz in ganz Deutschland beobachteten Gruppe gut.

Ein weiteres Beispiel ist der Heimverband von JA-Chef Damian Lohr: Rheinland-Pfalz. Dort ist der stellvertretende JA-Landesvorsitzende Justin Salka ebenfalls mehrfach bei Aktionen der Identitären in Erscheinung getreten. Als die Junge Alternative im Februar gegen Gegendemonstrierende ansang und -brüllte, stimmte er eine identitäre Parole an. Lohr und Salka liefen bei einer Demo in Kandel im März im selben Block wie die Identitären. Ein weiteres Vorstandsmitglied schreibt neben zahlreichen Identitären für das Magazin Arcadi.

Der jeweilige Landesverfassungsschutz in Sachsen-Anhalt und Rheinland-Pfalz beobachtet die Junge Alternative weiterhin nicht, wie die Innenministerien beider Länder auf Anfrage von VICE erklären. Die Prüfung dauere an, heißt es aus Rheinland-Pfalz.

Nicht alle Mitglieder sehen die Beobachtung allerdings so kritisch wie die jetzt Ausgetretenen und Austrittswilligen. VICE liegen Screenshots aus der Facebook-Gruppe der JA-Mitglieder vor, die das belegen. "Man muss sich auch mal entscheiden, ob man Deutschland retten, oder unbedingt einen Beamtenposten in diesem Staat haben will", schreibt ein Mitglied einer Facebook-Gruppe der JA. Ein anderes kommentiert die mögliche Verfassungsschutzbeobachtung allem Anschein nach erfreut, dann könne man "endlich offiziell IBler aufnehmen".

Verfassungsschutzbeobachtung ziehe noch mehr Radikale an

Ein ausgetretenes JA-Mitglied aus Baden-Württemberg sagte zu VICE, er glaube, dass der Verfassungsschutz bald die ganze Junge Alternative beobachten dürfte, die Radikalen würden nun einen noch größeren Teil der JA-Mitgliederschaft stellen. Die Nachrichten um die Beobachtungen in Niedersachsen und Bremen hätte verstärkt Leute angezogen, die genau damit kein Problem hätten. Mit gezielten Provokationen, etwa dem Vorschlag, in Schulen künftig alle drei Strophen des Deutschlandliedes singen zu lassen, sei man weiter und weiter an den Rand gedrängt worden: "Du musst dich immer rechtfertigen für die Idioten und kannst gar nicht über deine eigene Positionen sprechen."

Auch im Bundesvorstand der Jungen Alternative lichten sich die Reihen. Sollten die drei Mitglieder aus NRW – Alexander Leschik, der stellvertretende Vorsitzende Nicolai Boudaghi und Alischa Marczinczik – wie geplant zurück- und austreten, säßen nur noch sechs der ursprünglich dreizehn im Februar gewählten Vertreter und Vertreterinnen dort. Der zweite stellvertretende Vorsitzende, Jörg Sobolewski aus Berlin, war bereits im Sommer zurückgetreten – er gab damals eine Erkrankung als Rücktrittsgrund an. Christopher Jahn wurde als niedersächsisches Mitglied aus der Jungen Alternative ausgeschlossen. Matthias Scholz, bis dato auch Landesvorsitzender der JA Sachsen, trat Anfang November von allen Ämtern zurück. Er soll in einer Kneipe einen anderen Gast rassistisch beleidigt haben, bestreitet die Vorwürfe allerdings. Und Moritz Brodbeck gehört zu den Austretenden aus Baden-Württemberg.

Alexander Leschik hält den Bundesvorstand der Jungen Alternative im Gespräch mit VICE damit für nicht mehr beschlussfähig.

Wohin der Streit bei der Jungen Alternative führt, ließ sich beim Europawahl-Parteitag der AfD zwischen Freitag und Montag erahnen. Gleich mehrere JA-Mitglieder versuchten, auf die Kandidierendenliste der Partei zu gelangen, unter ihnen auch der JA-Bundesvorsitzende Damian Lohr, immerhin AfD-Landtagsabgeordneter in Rheinland-Pfalz. Am Ende wurde kein einziger von ihnen gewählt.

Der AfD-Bundesvorstand wird nun am Montag über das weitere Vorgehen mit der JA beraten, schreibt das Redaktionsnetzwerk Deutschland. Auch eine mögliche Aberkennung des Status als "offizielle Jugendorganisation" stehe zur Debatte.

Update vom 21. November, 12:40: In einer früheren Version des Artikels hatten wir geschrieben, dass Alexander Leschik und Nicolai Boudaghi bereits beim Bundeskongress der Jungen Alternative Anfang November in Barsinghausen von einem möglichen Austritt der JA NRW gesprochen hatten. Geknüpft war diese Aussage damals an die Bedingung, dass die Junge Alternative den vom Verfassungsschutz beobachteten Landesverband Niedersachsen nicht abgliedern sollte. Der Bundeskongress beschloss allerdings genau das anschließend. Um Missverständnisse zu vermeiden, haben wir die Passage entsprechend ergänzt.

Update vom 22. November, 14:59: Der Landesverfassungsschutz von Sachsen-Anhalt und der von Rheinland-Pfalz haben mittlerweile unsere Anfrage beantwortet, wir haben die Antworten ergänzt.

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