Lass dich nicht von Fremden fotografieren || Stechpalmen Sticker: ArtsyBee | pixabay || Alle Fotos: Laura Binder 

Was ich mit Senioren am Glühweinstand über das Leben gelernt habe

Die einen erzählen mir, Gott sei attraktiv. Andere halten mich für eine Taschendiebin.

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24 Dezember 2018, 5:00am

Lass dich nicht von Fremden fotografieren || Stechpalmen Sticker: ArtsyBee | pixabay || Alle Fotos: Laura Binder 

Es ist 18 Uhr an einem Samstagabend, als ich zwischen all den glitzernden Lichtern am Hamburger Rathausmarkt auf der Jagd nach ein paar Senioren bin. "Schnell, schnell, der Posaunenchor!", ruft eine ältere Dame und ihr bunter Schal fliegt im Gegenwind fast von ihrem Hals. Wie ein flinkes Wiesel schiebt sie sich durch die Menge. Ich laufe ihr hinterher und merke, dass es gar nicht so leicht ist, meine Beute zu verfolgen. Die Stadt ist so brechend voll, dass man schon vom Stehenbleiben Hämatome der Ellenbogen-Drängler bekommt.

Der angebliche "Posaunenchor" besteht eigentlich nur aus einer Posaune. Und einem Euphonium und zwei Trompeten. Die Dame steht zusammen mit ihrem Mann in der Frontrow einer Menschentraube. Ihre Augen leuchten und nach ein paar andächtig klingenden Liedern lässt ihr euphorisches Klatschen sie wie einen Groupie aussehen. Sie heißt Hilde, ist 74 Jahre alt, und sagt, dass sie sich schon den ganzen Tag auf diese Musikgruppe gefreut habe. "Das ist noch richtige Musik." Ihr Mann Günther, 76 Jahre alt, nickt, er habe letztens im Auto das Radio angemacht und der Krach sei nicht auszuhalten gewesen. "Früher war alles besser, oder?", frage ich. "Das wissen Sie nicht, dafür sind sie viel zu jung", kontert Günther. Aber er findet, ich sehe alt genug aus für einen Glühwein. Los geht es.


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Der erste Becher: Klassischer Glühwein und die Liebe

Der erste Becher Glühwein ist nicht gerade die warme Umarmung, die ich mir gewünscht habe. Die Hälfte platscht auf den Boden, als ich versuche, den nächsten Stehtisch zu erreichen. Ich nehme einen Schluck und verbrenne mir die Zunge (Anfängerfehler). Hilde will wissen, warum ich allein unterwegs bin. Ich erzähle ihr, dass ich etwas über das Leben lernen möchte. Ihr Lachen mündet in einem Husten. "Was wollen Sie denn wissen?", fragt Günther. Ich fackle nicht lange: Was ist Liebe? "Vertrauen!", schießt es so schnell aus Hilde heraus, dass sie als Kandidatin einer Buzzer-Quizshow gute Chancen hätte.

Die beiden kommen aus Pinneberg, 30 S-Bahn-Minuten von Hamburg entfernt, und sind seit 52 Jahren kinderlos verheiratet und glücklich. "Man wurde damals einander vorgestellt", sagt Günther, "Auf einer Feier." Er will wissen, ob man sich heute auch noch auf Partys kennenlernt. Auch, aber eher über Tinder. Ratlose Blicke. Ich zeige die App und versuche, respektvoll zu erklären, dass es dort nicht immer um "Liebe" geht, schließlich sind wir noch so schüchtern versteift wie bei einem Blind-Date. "Das ist ja wie im Katalog", sagt Hilde. Das fände sie nicht gut. Liebe muss durch Gespräche entstehen, durch ehrliche Zuneigung, die nicht auf einem Wisch von links nach rechts basiert. Ihr Mann betrachtet die App und fragt: "Und dort bieten sich junge Menschen an, die niemanden finden?"

Hände halten Glühweinbecher
Lieber trinken als tindern

Der zweite Becher: Heidelbeerglühwein und Kriminelle

Ich tigere weiter durch die Menge. Vor einem Flammlachsstand stehen drei ältere Herren. Ich verstehe nun, wie sich Leute im Club fühlen müssen, die auf Partnersuche sind. Während ich die Männer minutenlang beobachte und überlege, wie ich sie am besten ansprechen kann, kommt mir einer zuvor: "Sehr zu empfehlen!" Er hält stolz sein Flammlachsbrötchen hoch. Ich sage, ich suche eigentlich nichts zu essen, sondern Partner zum Trinken, und möchte über das Leben sprechen. Der Herr neben ihm mustert mich misstrauisch: "Sie sehen aus wie ein Taschendieb, so wie Sie hier umherstreifen ..." Ich biete meinen Personalausweis als Pfand für ein Gespräch an.

Wir gehen zum nächsten Glühweinstand. Warum gibt es eigentlich Kriminelle? "Das sind die Verlierer der Gesellschaft", sagt Volker, 79. Sein Freund, Jürgen, 80 – der mich für eine Taschendiebin hielt – ist nach dem ersten Becher Glühwein besänftigt. Er findet, manche Menschen haben keine andere Wahl als zu klauen. Weil sie in finanzieller Not sind, nicht arbeiten dürfen oder sich ungerecht behandelt fühlen. Der Dritte im Bunde, Rolf, 76, sieht es so: "Als Kinder hatten wir auch mal lange Finger … aber Stehlen ist nicht in Ordnung." Alle anderen Straftaten stünden erst gar nicht zur Diskussion und seien auch mit nichts zu entschuldigen. "Es gibt gute und schlechte Menschen. Was mit den schlechten passiert ist, wissen nur die", sagt Volker und wir stoßen an.

Hamburger Rathaus und Weihnachtsmänner
Das Hamburger Rathaus (links) und der angebliche "Posaunenchor"

Der dritte und vierte Becher: Apfelpunsch mit Calvados, weißer Glühwein und Gott ist attraktiv

Der Alkohol durchfließt meine Venen, meine Nase wird rot und mein Mundwerk locker. Schon wieder sprinten ältere Menschen an mir vorbei. Ich hoffe den Place-to-be für Senioren zu finden und folge ihnen. Kurz danach weiß ich, warum es tumultartige Szenen gibt. Mitten auf dem historischen Weihnachtsmarkt kommt die Attraktion, für die mehr Touristen stundenlang mit dem Zug anreisen als für ein Robbie-Williams-Konzert. Der Weihnachtsmann fliegt mit seinem Schlitten über den Rathausmarkt – na ja, zumindest an einem Drahtseil – und eine Stimme aus dem Off erzählt von Rentieren, Donner und Blitzen.

Ich treffe auf Renate, 81, und Ute, 82. Sie haben mich angesprochen, weil ich als einzige mit richtigem Blitzlicht (kein Handyblitz) die Vorführung des Weihnachtsmann "gestört" habe. Ich stelle mich vor und gebe zur Wiedergutmachung eine Runde Apfelpunsch mit Schuss aus. Ich frage, ob die beiden Christen sind. Renate ist römisch-katholisch, Ute sagt: "Ja, christlich." Aber warum glauben dann beide an den Weihnachtsmann? Müsste nicht Jesus über den Rathausmarkt fliegen? Ute findet, das sei ein schöner Brauch, und Renate sagt, man wisse ja nicht, wie Jesus genau aussieht, da sei ein Weihnachtsmann symbolischer. Wie Gott aussieht, möchte ich wissen. "Mitte 50, lange braune Haare", Ute scheint mir schon beschwipst: "Attraktiv." Und warum ist Gott nicht älter und hat weißes Haar? Renate interessiert sich mehr für mich als für Gottes Aussehen. Wir trinken noch einen Becher Glühwein. Ich hake nach, warum Gott in den 50ern ist, wenn die Bibel älter sei. "Ist so ein Gefühl", meint Ute, "Er ist einfach ein mächtiger Mann." Offensichtlich macht ihn das attraktiv.

Fliegender Weihnachtsmann
Der fliegende Weihnachtsmann schwebt alle zwei Stunden über die Köpfe

Der fünfte Becher: Eierpunsch mit Schuss (widerlich) und der Eklat

Es ist immer leichter, neue Freundschaften zu knüpfen. Eine ältere Frau gibt mir ungefragt eine Getränkeempfehlung: Eierpunsch mit Schuss. Ob sie auch fünf Minuten Zeit habe, um über das Leben zu sprechen? Nein, sie sei "privat" unterwegs. Ich finde zwei Paare, die nach Spaß aussehen. Mit den beiden Damen komme ich ins Gespräch, wir sprechen über Gott (schon wieder) und die Welt. Die Herren nippen an ihrem Glühwein und beäugen mich argwöhnisch. Ich mache ein Foto von Gabriele, 64, und ihrer Freundin. Dann möchte ich die Bildrechte unterschreiben lassen. "Nein, das kommt nicht in Frage", ihr Mann wird wütend und möchte mich wegschieben. "Das landet nachher noch bei Facebook!" Ich versuche charmant, die Situation zu retten, sage, das Internet sei gar nicht so schlimm. Wir stoßen an: "Prost!" Dann versuche ich es nochmal. "Ich bin eine eigenständige Frau, ich kann unterschreiben, was ich will!" Gabriele klingt, als wolle sie eine Rede über Frauenrechte halten. "Schluss jetzt!", ihr Mann hat keine Lust auf Diskussionen. Bevor es droht zu eskalieren, gehe ich lieber.

Frauen mit Weihnachtsmützen
Highlight: Nach dem Auftritt werden Fotos mit dem Weihnachtsmann gemacht

Der sechste Becher: Ich glaube, Kirschglühwein … Erkenntnis: Geld macht glücklich

Dieser kleine Vorfall hat mich am Glühweinstand diskreditiert. Die ersten Menschen weichen mir aus, obwohl ich jetzt auf der anderen Seite des Stands stehe. Ich bestelle mir einen Becher Glühwein zur Beruhigung. Dann spricht mich ein Paar an. Was ich denn da eben gewollt habe? Ich erkläre meine Mission, etwas über das Leben zu lernen. "Na, das war doch eine Lektion", findet Willi, 76, und seine gleichaltrige Ehefrau, Karin, hat Mitleid mit mir. Ich dürfe ein paar Fragen stellen. "Was ist besser: Bauchgefühl oder Verstand?", frage ich. Beide müssen überlegen. Eigentlich sei der Verstand besser, sagt Karin, aber in der Praxis siege das Bauchgefühl. Warum spricht unser Bauch zu uns? Beide lachen nur. Ich will wissen, ob Geld glücklich macht? "Schauen Sie mal in Ihr Portemonnaie und sagen Sie es mir", sagt Willi. Punkt für ihn, Glühwein ist wirklich teuer und ich brauche noch Weihnachtsgeschenke. Vor meinem geistigen Auge schüttelt Peter Zwegat den Kopf.

Geschlossener Gluehweinstand
Nur noch der klebrige Glühwein auf dem Boden erinnert an die feuchtfröhliche Stimmung

Ein Schluck Wasser und Feierabend

Mein Übergang von angetrunken zu betrunken war so fließend wie das Wischwasser des Kerls, der neben mir den Stand ausschrubbt. Es ist 22:10 Uhr und plötzlich sehe ich aus wie der letzte Mensch auf der Party, der nicht gehen will. Der Typ des Glühweinstands kommt zu mir: "Den Becher können Sie noch abgeben oder als Souvenir behalten." Ich beschließe, ihn zu behalten, und trinke einen Schluck Wasser aus meiner Trinkflasche, um einem Kater vorzubeugen. Erkenntnis des Tages: Auch alte Leute können bechern. Und: Vertraue niemandem, der um deine Tasche schleicht oder ein Foto von dir machen möchte.

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