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Mit Die Achse nach Hong Kong Teil 2: Organisiertes Chaos, Rooftopping und Filmrisse

Wir haben uns 5 Tage lang vom Wahnsinn treiben lassen, Farhot und Bazzazian bei ihrem Videodreh begleitet und Sachen gesehen, die uns beten lassen haben.

von Juri Sternburg
26 April 2018, 1:03pm

Foto: Maxim Rosenbauer

Ich werde von einer misstrauisch dreinblickenden Stewardess geweckt. Wir landen demnächst. In Hong Kong. Ich bin immer noch mit einer Filmcrew und dem Produzenten-Duo Farhot und Bazzazian aka Die Achse auf dem Weg nach China um ihr neuestes Video zu drehen. Thema des Videos? Drehort? Darsteller? Alles unbekannt. Ich reibe mir die Falten aus dem Gesicht und pelle mein Frühstück, das irgendwas zwischen Rührei und Pilzpfanne sein soll, aus dem Aluminiumgehäuse. Das Konzert von The Streets am Abend zuvor erscheint mir weit weg. Kurz darauf landen wir, eng gedrängt in die überfüllten Bahnen der Stadt fahren wir in die City.

In der Lobby unseres Hotels sitzt ein Visagist, vor ihm aufgereiht eine Gruppe Ladyboys. Einer nach dem anderen wird geschminkt und dackelt dann auf monströsen Highheels in die Nacht. Das Hotel hat einen Pool auf dem Dach und ist offenbar ein beliebter Platz für Sexarbeiter, die saisonal nach Hong Kong kommen, um die Geschäftsmänner aus aller Herren Länder zu verwöhnen.

"So unmittelbar mit dem Geschehen konfrontiert, passiert etwas anderes: Ich fange an zu beten."

Kaum das Zimmer begutachtet, peitscht die Crew mich wieder raus, durch enge Gassen voller Fleischereien, Gemüseläden und Bäckereien. Die Straßen sind gesäumt von unzähligen Wasserbehältern, in denen sich sämtliche Meeresfrüchte der Ozeane tummeln. Blinkende Leuchtreklamen und Luxus im Überfluss. Ab jetzt gibt es keine Pausen mehr. Kaum Zeit, um die aberwitzige Skyline Hong Kongs oder die immense Überbevölkerung auf sich wirken zu lassen. Unsere erste Station ist einer der Wolkenkratzer, die das Stadtbild bestimmen und sich zwischen den gewöhnlichen Wohnhäusern dem Himmel entgegenreckt. Wir treffen uns mit einem Drohnenpiloten, der hier lebt – und eine gehackte Drohne besitzt, die es ihm erlaubt, auch im Stadtgebiet und inmitten der Häuserschluchten umherzufliegen. Normalerweise riegeln Drohnen im Stadgebiet ab einer gewissen Höhe nämlich ab. "Wofür braucht ihr sowas denn?", frage ich, aber die Filmcrew ist schon im gedanklichen Tunnel. Kneifzangen und Masken wechseln den Besitzer. Ich soll hier warten, bei dem Piloten. Und dann warte ich. Warte zehn Minuten. Zwanzig. Hol mir ein Bier und starre auf den aberwitzigen Verkehr der Stadt, während die Sonne langsam im Smog versinkt.

Foto: Maxim Rosenbauer

Neben mir startet die Drohne, besonders gesprächig ist der Pilot nicht, das Surren der Rotoren ist mein einziger Gesprächspartner. Ich folge dem Fluggerät mit den Augen, warte weiter. Plötzlich ein Punkt am Himmel, auf der Spitze eines Wolkenkratzers. Surreal, unscharf und viel zu weit weg, um wirklich zu begreifen, was da passiert. Ein kurzer Blick auf den Bildschirm des Drohnenpiloten bestätigt meine Ahnung: Da oben klettert jemand auf der riesigen LED-Wand eines Skyscrapers herum. Er trägt eine Achse-Maske und spaziert ohne jegliche Sicherung von einer Seite zur anderen, balanciert über die höchstens 30 Zentimeter breiten Streben, posiert, hüpft hoch. Man kennt diese Aufnahmen aus irgendwelchen YouTube-Videos von völlig verrückten Russen. Schon vor dem Bildschirm überkommt mich meist eine gewisse Mulmigkeit. Hier, so unmittelbar mit dem Geschehen konfrontiert, passiert etwas anderes: Ich fange an zu beten.

Foto: Valentin Hansen

Ein paar Minuten später treffen wir uns einige Straßenecken weiter. Alles hat geklappt, die ersten Shots sind im Kasten, bis auf mich sind alle vollkommen schweißüberströmt und glücklich beseelt. Die Jungs hatten damit gerechnet, nach spätestens fünf Minuten von Securitys oder der Polizei verscheucht zu werden. Stattdessen turnten sie eine geschlagene Stunde auf einem der höchsten Wolkenkratzer Hong Kongs herum. Im Nachhinein erscheint es mir logisch, dass ein solcher Start in die Reise zwangsläufig zu dem führen musste, was danach kam: mein persönlicher Hangover-Film, eine Reise durch die Irrungen und Wirrungen einer Stadt, die keinerlei Gesetze zu kennen scheint.

"Polizisten laufen vorbei, bemerken nichts oder wollen nichts bemerken"

Vom Dach des Wolkenkratzer in die Gänge der Häuserschluchten. Rasende Lichter, alkoholgeschwängerte Nächte, waghalsige Aktionen ohne Anfang und Ende. Die Kamera immer im Anschlag. Irgendwer klettert auf einen Kran. Eine Fahne wird gehisst. Ein nackter Mann mit Skimaske, der vor dem Rolex-Laden flitzt. Jemand erbricht sich. Sie surfen auf Taxidächern. Entführen einen älteren chinesischen Herren aus dem Hotel-Fahrstuhl, trinken Rum mit ihm, überreden ihn, mit uns auf einen LKW zu klettern. Fotoshooting auf dem LKW. Der alte Mann entschließt sich im Übermut, von dem LKW herunter zu springen. "Don’t jump, don’t jump!", rufen alle im Chor. Er springt und verstaucht sich beide Füße. Er will keine Hilfe. Laufen kann er aber auch nicht mehr. Der Regisseur wirft sich den Alten trotzdem über die Schulter und trägt ihn in sein Hotelzimmer, wo eine zeternde Frau nicht versteht, was vor sich geht. Videoshoot auf einem weiteren Hochhaus. Niemand weiß mehr, was noch Teil des Videos ist oder schon persönliche Destruktion.

Foto: Maxim Rosenbauer

Nicht nur die Musik der Band ist auf Kreativität durch Zerstörung aus, das begreife ich relativ schnell. Irgendjemand legt sich in den Kofferraum eines fremden Autos und zieht die Klappe zu. Mal sehen, wo die Reise hingeht. Laptops werden an LED-Werbetafeln angeschlossen, Beamer projizieren Nachrichten auf Häuserwände, eine Guerilla-Aktion nach der nächsten. Eine Baustelle wird zum Drehort, Bauschutt bildet die Kostüme, Jean Paul Gaultier kann einpacken. Tage und Nächte verschwimmen zu einem einzigen Karussell, der Jetlag tut sein Übriges. Jemand holt Überwachungskameras von den Wänden. Kichernde Ladyboys drängeln sich in den Fahrstuhl. Kabelbinder werden durchtrennt. Wir essen undefinierbare Dinge an Orten, die wir gerade noch so verlassen können, aber sicherlich nie wiederfinden werden. Polizisten laufen vorbei, bemerken nichts oder wollen nichts bemerken. Die Skimasken wechseln den Besitzer, wer gerade noch vermummt war, hält jetzt bereits die Kamera. Ist all das minutiös geplant oder lassen wir uns einfach treiben? Ist das hier noch eine Kunstaktion oder schon organisiertes Chaos? Bin ich Beobachter oder Teil der Inszenierung?

Foto: Valentin Hansen

Wie gefährlich ist das hier alles eigentlich? Ein Chinese, der uns begleitet, klärt auf: "If you get busted, it can happen that they will 'white van' you over to China." Niemand von uns fragt nach, was das genau bedeutet. Weißer Van oder weißer Hase, das spielt jetzt auch keine Rolle mehr, wie soll man zu spät kommen, wenn niemand die Uhrzeit hat. Die Achse im Wunderland.

"Mein Körper ist längst eine leere Hülle, macht doch was ihr wollt"

Nach vier rastlosen Tagen endlich eine Pause. Es regnet. Jemand klopft an die Tür, ich öffne nicht, liege in meinem Hotelzimmer in der 34. Etage und starre an die Decke. Zeit, ein wenig Revue passieren zu lassen. Der Beat und die Vocals der letzten Die Achse-Single sind längst zu unserem persönlichen Soundtrack geworden. "Hate You! Hate You! Hate You!" Keine Chance, die Stimme im Kopf abzustellen.

Heute wird inmitten des Videodrehs ein weiteres Video gedreht. Inception-Style. Für den Song "Nicolas Cage", auf dem Die Achse durch den Londoner Rapper Ghetts und die jamaikanische Dancehall-Legende Assassin aka Agent Sasco unterstützt werden, lässt Regisseur Chehad Abdallah eine leuchtende Spinne durch die Hinterhöfe und Gassen Hong Kongs laufen, angetrieben vom Grime-artigen Future Sound des Tracks. Mein Körper weigert sich, das Bett zu verlassen. Es klopft erneut. Jetzt muss ich aufstehen, der Beat in meinem Kopf zwingt mich dazu. Das Hotelzimmer hat die Größe eines komfortablen Dixi-Klos, hier ist alles etwas kleiner, die Füße gucken aus dem Bett. Der Wasserkocher, die Dusche und selbstverständlich auch die Minibar erinnern an Gullivers Reisen. Vor der Tür wartet Farhot, es geht weiter, keine Gnade. Wir zwängen uns in den Fahrstuhl. Kaum treten wir vor die Tür, ist nichts mehr zu sehen, von der kleinen Miniaturwelt im Innern des Hotels. Groß, größer, Hong Kong. Bombastischer Minimalismus wohin man auch blickt.

Foto: Valentin Hansen

An der nächsten Straßenecke kommt uns das Kamera-Team entgegen. Ich bin auf alles vorbereitet: Unterwasserfahrten, Bungeejumping, eingebuddelt werden. Mein Körper längst eine leere Hülle, macht doch was ihr wollt. Also? "Ist a wrap!" Stille. Kein Jubel. Das war es also. Morgen geht's zurück. So schnell soll alles vorbei sein? Geht da nicht noch was? Etwas mehr Rausch? Nein, heute ist Sightseeing angesagt. Endlich die Stadt von außen betrachten, die wir bisher nur von innen wahrgenommen haben. Über Märkte schlendern, Souvenirs kaufen, mit der Fähre fahren. Wie boring! "Als deutscher Tourist im Ausland steht man immer vor der Frage, ob man sich anständig benehmen muss oder ob schon deutsche Touristen dagewesen sind", sagte Kurt Tucholsky einmal. Wir hinterlassen jedenfalls kein Trümmerfeld, soviel ist sicher. Die Stadt hat kaum Notiz genommen von unserem fünftägigen Wahnsinn. Im Gepäck das umtriebige Chaos von fünf Tagen, auf Film gebannt. Was uns zuhause erwartet, dürfte klar sein: Angry Germans.

Morgen erscheint das in Hong Kong gedrehte Video zu "Angry German".

Bis dahin solltet ihr Die Achse auf Facebook und Instagram folgen. Die 'Angry German' EP könnt ihr HIER vorbestellen.

Alle Fotos von Valentin Hansen und Maxim Rosenbauer

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