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Zu Besuch auf einem jüdischen Friedhof, der immer mehr verfällt

Den jüdischen Friedhof Mitten in Wien kennt fast niemand. Die Gräber überwuchern und verfallen. Doch für die Sanierung ist angeblich kein Geld da.

von Michael Bonvalot
13 April 2018, 10:28am

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Umgestürzte Bäume, dichtes Gestrüpp, dazwischen zerbrochene Grabplatten. Manche Gräber auf dem Friedhof sind fast völlig zerstört, teilweise stehen sie sogar offen.

Wir sind mitten in Wien, gleich neben dem Gürtel, einer der wichtigsten Straßen der Stadt. Hier in Wien-Währing erheben sich die Mauern eines weithin unbekannten jüdischen Friedhofs. Über 30.000 Menschen liegen hier begraben. Doch der Friedhof ist in einem katastrophalen Zustand – und kaum jemanden kümmert es.

Den Friedhof zu besuchen, ist heute nur nach Erlaubnis möglich, die Gefahr von Unfällen ist zu groß. Die Vorsichtsmaßnahme scheint nicht übertrieben: Im Boden gibt es immer wieder Löcher, die kaum zu sehen sind. Erst jüngst ist ein Baum umgestürzt und hat mehrere Grabreihen zerstört. Die schwer beschädigten Grabplatten liegen einfach auf der Wiese. Vor dem Betreten des Friedhofs muss ich unterschreiben, dass ich das Gelände auf eigene Gefahr betrete.

"Dieser Friedhof ist eigentlich ein enorm wichtiges Kulturgut der Stadt Wien. Alle Jüdinnen und Juden aus dem Großraum Wien wurden bis 1870 auf dem Friedhof in Währing begraben", erzählt Tina Walzer. Die Historikerin kämpft seit Jahren für die Restaurierung des Friedhofs und ist die Expertin, wenn es um seine Geschichte geht.

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Erst nach 1870 durften auch an anderen Orten jüdische Friedhöfe angelegt werden. Zuvor hatte die kaiserliche Regierung das verboten. "Der letzte Mensch wurde hier 1898 beigesetzt. Die Nazis zerstörten dann Teile des Friedhofs", erzählt Walzer. Das ist auch der Grund, warum manche Gräber offen stehen. "1943 haben die Nazis diese Gräber aufgebrochen. Doch bis heute haben wir nicht genug Geld, um das in Ordnung zu bringen", sagt sie.

Die Nazis holten 400 Schädel von Verstorbenen aus den Gräbern, im Naturhistorischen Museum machten sie dann ihre rassekundlichen Untersuchungen mit den sterblichen Überresten. Nach dem Krieg wurden nur noch 200 der Schädel gefunden. Wo die anderen sind, ist bis heute unbekannt. 2.000 Gräber wurden komplett zerstört. Angeblich sollte dort ein Bunker errichtet werden, der dann nie gebaut wurde.

"In diesem Areal lag dann Bauschutt, klarer Weise gab es auch Ratten. Im Wiener Planungsamt hieß es als Reaktion, das sei eben typisch für die Juden."

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde über diesem Teil des Friedhofs dann einfach ein Wohnhaus errichtet. Ob das auch geschehen wäre, wenn es sich um einen christlichen Friedhof gehandelt hätte? Tina Walzer jedenfalls erzählt vom alltäglichen Antisemitismus der Nachkriegszeit. "In diesem Areal lag dann Bauschutt, klarer Weise gab es auch Ratten. Im Wiener Planungsamt hieß es als Reaktion, das sei eben typisch für die Juden."

Durch die übrig gebliebenen Teile des Friedhofs gibt es heute nur wenige klar erkennbare Wege. Der letzte Friedhofsgärtner, Theodor Schreiber, wurde 1938 von den Nazis im Konzentrationslager ermordet. Seitdem gibt es keinen Gärtner für die Anlage. Die Folgen sind klar sichtbar: Die nahegelegenen Ausläufer des Wienerwalds breiten sich aus, überall wachsen Bäume und Sträucher. Die ursprüngliche Anlage ist unter 20 bis 30 Zentimeter Kompost begraben.

Den Kampf mit der Vegetation haben nun Freiwillige aufgenommen. Jennifer Kickert ist eine der Aktivistinnen, die hilft, die Freiwilligen zu organisieren. Sie ist Gemeinderätin der Grünen in Wien, seit 2006 organisiert sie vier bis fünf Mal im Jahr Führungen über den Friedhof.


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"Die Menschen, die hier begraben wurden, haben das Wien geprägt, das ich kenne", sagt Kickert. Für sie ist der Friedhof "ein wichtiger kulturhistorischer Ort für Wien". Die Freiwilligen entfernen Sträucher, pflegen die Grabsteine und versuchen, Schäden zu beseitigen.

Ganz unterschiedliche Menschen beteiligen sich an der Arbeit, "auch eine türkische Gruppe", wie Walzer stolz erzählt. Besonders freut sie das Engagement vieler Schülerinnen und Schüler. "Während der gemeinsamen Arbeit auf dem Friedhof können wir auch viel über die jüdische Geschichte Wiens erzählen", erklärt Walzer. "Denn die Grabsteine verraten auch sehr viel über ihre Besitzer."

Foto: imago | SKATA

So ist etwa anhand der Gräber zu erkennen, wer orthodox war und wer liberal. Die Grabstätten spiegeln die politischen Veränderungen im Lauf der Jahrzehnte: Traditionelle orthodoxe Grabsteine sind klein, die Schrift ist Hebräisch und weist immer nach Osten, Richtung Jerusalem. Vor allem die ältesten Grabsteine sind so gestaltet.

"Die französische Revolution war dann ein wichtiger Stichwortgeber für aufgeklärte Kreise in Österreich", erzählt Walzer. Für viele aufgeklärte Jüdinnen und Juden galt Religion bald als abergläubisch und altmodisch. Das brachte allerdings auch die Frage auf, was nun der Kern einer jüdischen Identität sein könnte.

"Es wurde der Witz von einem Maurice Lafayette erzählt. Zuvor war der Name noch Moritz Wasserstrahl und in Wirklichkeit hieß er Moische Pisch."

Einige Jüdinnen und Juden wurden komplett säkular und lösten sich in der Mehrheitsgesellschaft auf. Stark verantwortlich dafür war auch der weit verbreitete Antisemitismus – das Leben konnte deutlich leichter sein, wenn jemand im Umfeld nicht als Jude bekannt oder erkennbar war. Sodass Juden sogar die eigenen Namen entsprechend änderten. Tina Walzer erzählt, dass das in der jüdischen Community oft für Gelächter sorgte: "Es wurde der Witz von einem Maurice Lafayette erzählt. Zuvor war der Name noch Moritz Wasserstrahl und in Wirklichkeit hieß er Moische Pisch."

Andere ersetzten die religiöse Ebene durch eine nationale Identität. Eine neue Strömung, der Zionismus, reagierte auf den Antisemitismus mit dem Wunsch nach einem eigenen Staat. All diese Entwicklungen und auch das neue Selbstbewusstsein des jüdischen Bürgertums spiegeln sich auf dem Wiener Friedhof wider. So sehen die jüngeren Grabplatten oft bereits deutlich anders aus als die älteren. Die Grabsteine werden größer und pompöser. Sie sind auf Deutsch statt Hebräisch beschriftet und manchmal sogar mit Gedichten versehen. Das sind die Gräber von Menschen aus liberalen und säkularen Kreisen. "Wer sich nicht so ganz sicher war, hat einfach beide Sprachen verwendet", sagt Walzer lachend.

Der Friedhof in Währing offenbart auch die Klassenspaltung der Gesellschaft, die noch über den Tod hinausreicht. Neben den eindrucksvollen und pompösen Grabmälern des Bürgertums stehen die weit kleineren Gräber der armen Bevölkerung, für die ein Begräbnis oft eine finanziellen Katastrophe bedeutet.

Mit den Mitteln, die momentan zur Verfügung stehen, sind nicht einmal die dringlichsten Renovierungsmaßnahmen zu bewerkstelligen. Gegenwärtig stellt Österreich im Rahmen des Nationalfonds eine Million Euro pro Jahr zur Verfügung – für die Sanierung aller jüdischen Friedhöfe in ganz Österreich.

Im April 2018 hat der Nationalfonds eine erste Förderung von 120.000 Euro für den Friedhof in Währing und zwei andere beschlossen. Doch allein die Renovierung des Friedhofs in Wien-Währing würde rund 20 Millionen Euro kosten, schätzt Tina Walzer.

"Die Gräber sind wirklich in einem schlimmen Zustand und es ist klar, dass die Freiwilligen nur das Nötigste tun können."

Hannah Lessing vom Nationalfonds sagt ebenfalls, der Friedhof in Währing sei eine "Großbaustelle": "Die Gräber sind wirklich in einem schlimmen Zustand und es ist klar, dass die Freiwilligen nur das Nötigste tun können." Was sich Lessing wünscht? "Wir sollten diesen Friedhof einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich machen. Das bedeutet die Sicherung vor herunterkrachenden Ästen, die Sanierung der Grabsteine, Hinweistafeln, Gehwege und lesbare Inschriften." Sie verweist auf den jüdischen Friedhof in Prag, wo das umgesetzt wurde. "Dieser Friedhof ist ein Kulturgut, das wir in gesicherter Weise herzeigen sollten, etwa im Rahmen von Stadtführungen."

Tina Walzer hat eine ähnliche Vision. Sie möchte eine umfassende Sanierung des Friedhofs und auch eine Gedenktafel mit den Namen der Menschen, deren Gräber heute nicht mehr vorhanden sind. "Es gab dazu bereits im Jahr 2007 einen Beschluss im Wiener Gemeinderat, aber bis heute ist nichts passiert", kritisiert sie.

Auf vielen Friedhöfen in Österreich übernehmen Angehörige und Nachfahren bis heute einen Teil der Grabpflege und finanzieren die Instandhaltung. Für jüdische Friedhöfe muss eine andere Lösung gefunden werden. Nach der Shoa gibt es kaum noch Nachfahren, die die Vernichtung durch die Nazis überlebt haben.

Auch der christliche Friedhof in Wien St. Marx sah vor einigen Jahren noch sehr ähnlich aus wie jetzt der jüdische Friedhof in Währing, erzählt Walzer. Doch dann wurde Geld in die Hand genommen und der Friedhof entsprechend saniert.

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