"In der Not wird einem die Individualität als erstes genommen." Ein Flüchtlingslager-Leiter erzählt
Foto: Mustafa Khayat | Flickr | CC BY-ND 2.0
Refugee Camps

"In der Not wird einem die Individualität als erstes genommen." Ein Flüchtlingslager-Leiter erzählt

Zaatari ist eines der größten Refugee-Camps der Welt. Als es trotz guter humanitären Grundversorgung zu gewaltsamen Flüchtlingsprotesten kam, wurde Kilian Kleinschmidt mit der Leitung betraut.

Kilian Kleinschmidt ist Unternehmer, Leiter von Flüchtlingslagern und ehemaliger Mitarbeiter des Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen (UNHCR).

Das Thema "Würde und Flucht" wird diese Woche auch im Rahmen der "Woche der Würde" in Wien behandelt – und wir verlosen Tickets. Mehr Infos findet ihr am Ende des Artikels.


In meiner langjährigen Arbeit mit Flüchtlingen und Armen habe ich viele Reaktionen auf Flucht, Vertreibung und extreme Armut erlebt. Manche schämen sich für die Ungleichheit oder haben Mitleid mit den Betroffenen, während andere Erleichterung darüber zeigen, dass sie nicht selbst betroffen sind.

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Einige engagieren sich mit Spenden oder helfen auf freiwilliger Basis in Lagern mit. Andere zeichnen sich durch komplette Ablehnung und Verdrängung aus; Was dabei fast alle gemeinsam haben, ist die Haltung, dass Flüchtlinge (gefälligst) Dankbarkeit für Almosen zeigen sollten, die ihnen das Überleben sichern. Das klingt in der Theorie nachvollziehbar. In der Praxis sieht das Leben aber meistens anders aus. Und das mit gutem Grund. Was mich zu einem Lager in Jordanien bringt, das ich vor einiger Zeit leiten durfte. Aber von Anfang an.

100.000 Einheiten "Mensch"

Das Flüchtlingslager Zaatari in Jordanien, 10 Kilometer von der syrischen Grenze, hatte einen speziellen Ruf in der Region und darüber hinaus. Es war "die Hölle" für alle Involvierten – und genau deshalb hat es geholfen, einen Paradigmenwechsel in der Auseinandersetzung mit Flüchtlingen auszulösen.

100.000 syrische Flüchtlinge wurden hier zwischen Juli und Dezember 2012 "eingelagert" und alle humanitären Bedürfnisse so gut wie möglich gedeckt. Es gab 2100 Kalorien pro Tag, 18 Liter Wasser, Hygieneartikel, Gemeinschaftstoiletten, -duschen und -küchen, sowie Gesundheitsversorgung, Schulen und Zelte oder Container als Unterbringung.

Trotzdem: Die Flüchtlinge rebellierten, protestierten, schmissen Steine auf die Vertreter der Hilfsorganisationen und gegen die jordanische Polizei. Sie demolierten Gebäude, demontierten Gemeinschaftseinrichtungen und stahlen, was es zu stehlen gab. Gewalt unter den Flüchtlingen war allgegenwärtig.

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Für die Hilfsorganisationen war völlig unverständlich, warum die Bewohner nicht dankbarer für die geleistete Hilfe waren. Anfang 2013 entsandte das UNO-Flüchlingshilfswerk (UNHCR) deshalb mich als neuen Krisenmanager in das Lager, um "das Problem zu lösen".

Mir wurde schnell klar, dass hier zwei sehr unterschiedliche Konzepte aufeinanderstießen: Zum einen das Konzept eines Warenlagers, in dem 100.000 Einheiten "Mensch" eingelagert wurden, um irgendwann wieder ausgelagert zu werden und "freiwillig in ein friedliches Syrien" zurückzukehren. Und zum anderen die Vorstellung der Bewohner selbst, die das Lager für die kommenden Jahre zu einem lebenswerten Umfeld machen wollten.

Jetzt, wo die Grundversorgung im Lager erst mal abgedeckt war, gab es eine Sache, die den Menschen in Zaatari offenbar wichtiger war als alle anderen und die es ihnen auch unmöglich machte, sich über das menschenrechtliche Minimum zu freuen: nämlich ihre Individualität zurückzubekommen und die "Entmenschlichung" durch die Flucht zu vergessen.

Es klingt vielleicht banal, aber umso wichtiger ist es, die Erkenntnis zu wiederholen, die wir häufig als Binsenweisheit übergehen: Auch in einem vorübergehenden Lager kann Gemeinschaft nur funktionieren, wenn die Menschen sich sicher fühlen und ihre Identität ausdrücken können. In der Not wird einem aber genau diese Individualität meist als erstes genommen. Humanitäre Hilfe ist ein wichtiger erster Schritt, um nicht vor dem Nichts zu stehen. Aber sie macht alle Menschen gleich. Das gleiche Essen, die gleiche Zahnpasta, der gleiche Tagesablauf und die gleiche Unterbringung – ein absolutes Gleichmachen von allen, ohne Entfaltungsmöglichkeiten.

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Die Refugee-"Champs Elysee"

Was das konkret für Konsequenzen hat, sah ich in Zataari mit eigenen Augen. Innerhalb von kürzester Zeit war hier durch Eigeninitiative eine illegale Marktstraße entstanden, die sogenannte "Champs Elysee".

Der monatliche Umsatz dieses Wirtschaftsstandorts betrug über 10 Millionen Euro. Auch heute wird dort noch alles gehandelt, was es den Leuten ermöglicht, Individualität auszudrücken. Lebensmittel, Stoffe, Möbel, Pflanzen, Farbe, auch finanziert mit dem Verkauf von Hilfsgütern. So wurde innerhalb kürzester Zeit jedes Zelt und jeder Container wurde "personalisiert", umgebaut, neu zusammengebaut und am Anfang auch illegal mit Strom versorgt.

Als Camp-Manager war es eigentlich meine Aufgabe, dieses Treiben zu unterbinden. Es dauerte aber nicht lange für mich, um zu begreifen, dass es den Syrern darum ging, nicht mehr als Opfer behandelt zu werden und endlich mit ihrem Leben weitermachen zu können. Sie wollten wieder für sich selber verantwortlich sein.


Im medialen Brennpunkt: Flüchtlinge am Wiener Westbahnhof


Oft nur wenige Kilometer vom Heimatort entfernt, war ihnen nicht klar, warum sie nicht arbeiten durften, keine Entscheidungen selber treffen sollten, oder warum ein jordanischer Polizei-Colonel und ein UNHCR Beamter – ich – ihr gesamtes Leben bis ins kleinste Detail bestimmen sollten. Der Protest blieb auch nicht immer unpolitisch. Als John Kerry, der damalige US-Außenminister, im Sommer 2013 as Lager besuchte, fragten sie nach einer militärischen Lösungen des Konflikts und forderten Raketen auf Assad. Sie betonten aber auch, dass es für sie völlig unverständlich sei, warum man sie in billigen Zelten unterbrachte. Und sie hatten natürlich Recht.

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Wir beschlossen daraufhin, in Zukunft anders zu arbeiten und die Selbstinitiativen der Menschen im Lager so gut es ging zu fördern. Aber auch neue Strukturen sollten geschaffen werden. Dazu war es zunächst erforderlich, das vorherrschende Bild von Flucht und Vertreibung zu ändern.

Stadtplanung für Stadtbildung

Der erste und wahrscheinlich wesentlichste Schritt bestand darin, uns einzugestehen, dass die wenigsten Flüchtlinge jemals in ihre alte Heimat zurückkehren würden. Das zeigte auch die Vergangenheit – und es hatte natürlich nichts damit zu tun, dass Flüchtlinge einen geheimen Plan hatten, die Welt zu übernehmen. Vielmehr liegt es ganz einfach in der menschlichen Natur, etwas Neuaufgebautes nicht wieder leichtfertig aufzugeben und gegen etwas Überholtes, Altes einzutauschen. Niemand von uns würde das tun. Und Flüchtlinge sind eben nicht geborene Bittsteller, sondern Menschen wie wir, nur eben in einer Notsituation.

Sich das einzugestehen, ist schwierig, weil es sich anfühlt, als würde man den Kritikern Recht geben. Tatsächlich teilt man sich aber nur denselben Ausgangspunkt; was man davon ableitet, ist aber völlig unterschiedlich.

Ich fand die Vorstellung von Anfang an sehr positiv, dass unsere Städte Orte der Hoffnung und der Zuflucht für Vertriebene sind. Und ist nicht Venedig ein wunderschönes Beispiel dafür, was aus einem Flüchtlingslager werden kann? Eine Stadt, die von Menschen auf der Flucht vor Barbaren und Hunnen gebaut wurde, um einen sicheren Zufluchtsort zu schaffen – und die inzwischen als das zweite romantische Paradies Europas gleich nach Paris gilt. Viele Flüchtlingslager sind später zu festen Städten geworden. Also erschien es uns logisch, auch mit Städteplanern zusammenzuarbeiten, um Flüchtlingslager nach dem Vorbild organisch gewachsener urbaner Lebensräume zu gestalten.

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Mit der operationellen Hilfe der Stadt Amsterdam und ihren Städteplanern und Experten versuchten wir ab 2014, städteplanerische Konzepte und urbane Strukturen in Zaatari zu entwickeln. Das Lager als zukünftige Stadt zu verstehen, war unumgänglich. Nur so konnten wir nachhaltige Systeme entwickeln, die nicht wieder nur mit "Menschen-Einheiten" arbeiteten. Die privaten Toiletten wurden nach und nach an ein Abwassersystem angeschlossen. Ein Solarkraftwerk mit 14 Megawatt wurde gebaut. Ein Wasserleitungssystem ist nun fast fertig. Es wurden Supermärkte eingerichtet, in denen man mit Smartcards einkauft, anstatt in einer Schlange auf Almosen zu warten.

Wirtschaftlich attraktive "Refugee Camps"

Das ist nicht übertriebener Luxus, sondern der Realität ins Auge blicken. In den nächsten Jahren werden Millionen weitere Menschen nach neuen Lebensräumen suchen – weil sie es müssen. Der Meeresspiegel steigt, viele Regionen werden unbewohnbar und Menschen suchen nach neuen Perspektiven und Chancen. Unsere Megacitys werden weiter wachsen und immer mehr urbane Regionen werden zu solchen werden. Die Vereinten Nationen prognostizieren dass im Jahre 2050 fast 70 Prozent der Menschen in Städten leben werden. Urbanisierung ist die große Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Vor allem bei neuen Agglomerationen und ständig wachsenden Flüchtlingslagern.

Für Menschen wie mich, die Flüchtlingslager leiten und managen, wird die größte Aufgabe der kommenden Jahre darin bestehen, diese demographischen Veränderungen und die Entwicklung neuer Lebensräume auch menschenwürdig zu begleiten. Das kann nicht die Aufgabe der humanitären Organisationen sein.

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Vielmehr braucht es neue Ansätze. Und einen solchen haben wir in Zaatari entwickelt. Das Konzept der "Sonderentwicklungszonen" knüpft an das verbreitete Modell der Sonderwirtschaftszonen an. Es bedeutet im Wesentlichen, dass geografisch abgegrenzte Gebiete wie eben Flüchtlingslager gewisse Sonderregelungen bekommen, die sie für Investoren attraktiver machen sollen. Dazu gehören rechtliche und administrative Erleichterungen, einschließlich Handelserleichterungen.

"Aus Flüchtlingslagern müssen Flüchtlingsstädte werden."

Das Ziel ist für mich klar. Aus Flüchtlingslagern müssen Flüchtlingsstädte – sogenannte "Refugee Cities" – werden. Das ist keineswegs nur ein naiver Ansatz durch die humanitäre Brille. Arme, Flüchtlinge und gegenwärtige Almosenempfänger sind auch potentielle Konsumenten und Produzenten, wenn man sie an der Wirtschaft teilnehmen lässt.

Im Moment wird aber ein großer Teil der Menschen, besonders in Entwicklungsländern, von der globalisierten Wirtschaft ausgeschlossen. Im Gegenteil- Billigexporte in afrikanische Entwicklungsländer zerstören sogar die lokale Wirtschaft. Es gibt genügend Finanzen, Technologie und Best Practice, um diese Transformation zu begleiten – und es ist überlebensnotwendig, diese auch zu vollziehen. Analog gilt das übrigens auch für die Slums, in denen Migranten und andere benachteiligte Gruppen zusammenleben. Auch sie brauchen müssen entsprechend mit benachbarten Großstädten verbunden werden, um Isolation und eine Abwärtsspirale der Armut zu vermeiden.

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Da die Sonderentwicklungszone aber auch der Inklusion von Migranten und anderer benachteiligter Gruppen dient, ist es damit nicht getan. Ich schlage vor, dass solche Zonen von einem Administrator geleitet werden, der für öffentliche Sicherheit, Infrastruktur und Daseinsvorsorge verantwortlich ist. Die Rolle ist vergleichbar mit einem UN-Interim-Administrator und soll die gute Führung sicherstellen, für die die Regierung sonst vielleicht nicht aufkommen kann oder will.

In der ersten Phase des Modells braucht es dabei nach wie vor finanzielle Unterstützung durch die klassischen Geber aus dem Entwicklungs- und dem humanitären Sektor. Spätestens in der zweiten Phase sollten die klassischen Akteure aber bereit sein, sich zurückzuziehen, um innovative Lösungen zu ermöglichen; durch Private genauso wie durch die Einwohner, also die Konsumenten und Produzenten der Sonderentwicklungszone. Das ist der disruptive Aspekt des Modells und genau die Art von "Lager als Stadt neu denken", die es braucht, damit die Lage in den nächsten Jahren nicht für alle Beteiligten schlimmer wird. In diesem Sinne sind Sonderentwicklungszonen "Sonderwirtschaftszonen plus".

Lassen wir die Menschen selbst Entscheidungen treffen

Aus Erfahrung kann ich sagen, dass es nur eins gibt, das der gegenwärtigen Ohnmacht der Institutionen und der gefühlten Angst vor Armut und Massenmigration entgegenwirken kann: nämlich die Menschen, die arm, auf der Flucht oder auf der Suche nach neuen Perspektiven sind, einfach als Menschen zu begreifen – und zu verstehen, dass diese Menschen nichts anderes wollen, als ein ebenbürtiger Teil einer zunehmend vernetzten, verbundenen auch globalisierten Welt zu sein. Die Würde eines Menschen beginnt damit, ihn eigene Entscheidungen treffen zu lassen. Das bedeutet auch Mitbestimmung in Situationen, in denen Menschen bisher Bittsteller sein müssen und ruhig zu sein haben. Dabei gäbe es unendlich viel Potenzial zu nutzen, wenn wir den Menschen nur ihre Individualität und Entfaltung lassen würden.


Wir verlosen 5x2 Pässe für die Woche der Würde, mit denen ihr Zutritt zu allen Veranstaltungen und Vorträgen habt: Einfach eine Mail mit dem Betreff "Würde ist kein Konjunktiv" an info@vice.at schreiben und mit etwas Glück gratis die Veranstaltung besuchen. Das vollständige Programm findet ihr hier.

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