Sexarbeit

Wie Prostituierte weltweit ihren Twitter-Ausstieg organisieren

Durch ein neues US-Gesetz droht Sexarbeiterinnen und Sexarbeit weltweit die Verbannung aus sozialen Netzwerken. Nun haben sie ihr eigenes entwickelt.

von Juan Marhl
10 April 2018, 5:00am

Das ist Lola | Foto: Elle Thorn

Lola Hunt ist ein australisches Escort-Girl. Davor arbeitete die Melbournerin jahrelang in einem technischen Beruf. Gemeinsam mit ein paar Freunden – dem Programmierer "J" und der Programmiererin "E", die beide anonym bleiben möchten – gründete sie letztes Jahr das Start-up Assembly Four. Ihr Ziel: Mit Hilfe von Technik und IT wollen sie Probleme von Sexarbeitern und Sexarbeiterinnen lösen.

Vor wenigen Tagen haben sie das auf dem Mikrobloggingdienst Mastodon basierende Soziale Netzwerk Switter ins Leben gerufen. Es soll Prostituierten eine Alternative zu Twitter und Co. bieten. Der Start verlief fast schon zu erfolgreich: Nachdem ein Tweet von Lola, der das Projekt Ende März ankündigte, über 1.700 mal geteilt wurde, hat das gesamte Team tagelang nur noch wenig geschlafen. Sie mussten bereits mehrere Server hinzukaufen, um mit den vielen Zugriffen umgehen zu können. In der ersten Woche registrierten sich über 13.000 Menschen auf Switter. Der Grund, warum es Switter überhaupt braucht – und wohl auch der Grund für die hohe Nachfrage – ist ein US-Gesetz.

FOSTA und SESTA heißen die Anträge, die es US-Ermittlern erleichtern sollen, sogenanntes "Sex Trafficking" zu verfolgen, indem Betreiber von Webseiten in Zukunft leichter für den von ihren Usern geposteten Content zur Rechenschaft gezogen werden können.

Viele Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen, die einvernehmliche Dienstleistungen zwischen Erwachsenen anbieten, befürchten aber, nun auch von Social-Media-Plattformen verbannt zu werden. Außerdem könnten die auch den Ermittlern zuvorkommen und im Zweifel Schritte gegen User unternehmen, die Sexarbeit anbieten.

Solche Plattformen sind aber ungemein wichtig für die Sexarbeit. Zum einen, weil sie dort um Kunden werben und so die gefährliche Arbeit auf der Straße vermeiden können. Zum anderen ermöglichen Soziale Netzwerke sogenannte "Screening-Listen", die Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter vor lästigen oder gefährlichen Kunden warnen.

Wie es zu der Entwicklung von Switter kam, wie der Launch so verlaufen ist und warum das ausgerechnet – wie es auch der selbsternannte "Islamische Staat" oft macht – über eine österreichische Domain passiert ist, darüber haben wir mit Lola Hunt gesprochen.

VICE: Für wen ist Switter gedacht? Nur Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen oder auch Klienten?
Lola Hunt: Beide. Wir wollen die ganze Community hier haben. Wir wollen, dass das für alle ein sicherer Ort ist.

Und wie stellt ihr das sicher? Gibt es Regeln, was man posten darf und was nicht?
Na ja, wir wollen die Community eigentlich unzensiert lassen. Aber wir akzeptieren keinen User, der Rassismus, Sexismus oder Diskriminierung propagiert. Xenophobie und gewalttätigen Nationalismus auch nicht. Alle sollten sich auf Switter wohlfühlen.

Du kommst eigentlich aus dem Online-Marketing-Bereich und arbeitest seit vier Jahren in Melbourne als Escort. Wie bist du überhaupt zu diesem Projekt gekommen?
Assembly Four hat damit angefangen, dass mich ein Freund, "J", der Software programmiert, seitdem er ein Kind ist, angesprochen hat. Nachdem wir beide einen technischen Background haben, sind wir meine Arbeitsabläufe als Escort durchgegangen und haben Bereiche identifiziert, die man verbessern könnte. Wir hatten ein paar Produktideen, dann haben wir gemerkt, dass wir mehr Leute im Team gebrauchen könnten. Unser Ziel ist es, Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen zu stärken und aus der Branche einen besseren Ort zu machen.

Wieso wurde euer Produkt, Switter, überhaupt notwendig?
FOSTA und SESTA sind ein ziemlicher Anschlag auf das Internet. Die US-Regierung wird ermächtigt, jede Online-Plattform zu verfolgen, von der sie glaubt, dass sie Menschenhandel ermögliche. Oberflächlich betrachtet klingt das ja gut, aber das Gesetz ist so vage formuliert, dass es Websites durch die hohe Gefahr der Haftung an den Punkt bringt, dass sie auch Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen, die einvernehmlich arbeiten, von ihren Plattformen verbannen. Genauso wie jeden anderen Content, der auch nur halbwegs fragwürdig erscheint.

Welche Folgen hat das?
Wir haben bereits gesehen, dass Seiten wie Reddit, Craigslist und Skype beginnen, ihre Nutzungsbedingungen zu ändern, und uns von ihren Plattformen ausschließen. Speziell in den USA sind diese Seiten aber absolut überlebensnotwendig für uns. Das wird alles nur Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter in die Ausbeutung und die Arbeit direkt auf der Straße drängen, weil ihnen viele wichtige Ressourcen fehlen werden.

Und ohne die Möglichkeit, Klienten zu "screenen", gibt es zum Beispiel ein viel höheres Risiko, in einer möglicherweise lebensbedrohlichen Situation zu landen. Das klingt vielleicht extrem, aber es ist in der Vergangenheit bereits unzählige Male vorgekommen.

Warum habt ihr eine österreichische Domain für eure Seite verwendet?
Das ist Teil unserer Strategie, nicht von FOSTA/SESTA beeinträchtigt werden zu können. So, wie das Gesetz im Moment aussieht, könnte jede ".com"-Domain betroffen sein. In Österreich ist außerdem Prostitution legal und reguliert, was das Ganze für uns zu einer großartigen Alternative für eine ".com"-Domain macht.

Aber in Australien ist Prostitution doch auch legal. Warum habt ihr nicht einfach eine australische Domain genommen?
Das stimmt. Aber da australische Domains in ".com.au" enden, gibt es immer noch die Möglichkeit, dass sie von SESTA/FOSTA betroffen sein könnten. Das Hauptproblem ist, dass das Gesetz so vage formuliert ist, dass wir nicht genau wissen, wie wir uns am besten vorbereiten. Als wir unsere Domain gekauft haben, dachten wir, es wäre das Beste, sich auf das Schlimmste vorzubereiten.

In einem Post vor ein paar Tagen habt ihr gescherzt, dass ihr nie wieder vor einem verlängerten Wochenende eine Social-Media-Seite eröffnen werdet. Wie viel Schlaf habt ihr in den letzten paar Tagen bekommen?
Schlafen war unglücklicherweise ganz unten auf unserer Prioritätenliste! Im Moment haben wir noch einige – ganz normale – Anlaufschwierigkeiten zu überwinden. Also sagen wir mal so: Es wird noch sehr viele durchgemachte Nächte geben und sehr viel mehr bestelltes Essen.

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