Foto von Manuel Zingg

Dieser Psychiater spritzt Botox gegen Depressionen

"Durch die Lähmung wird die Welt positiver wahrgenommen. Es entstehen weniger negative Gefühle."

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05 August 2017, 3:45am

Foto von Manuel Zingg

Botox wirkt nicht nur nach außen, sondern auch nach innen. An der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der UPD Bern erforschen Gregor Hasler und sein fünfköpfiges Team, wie sich die Substanz zur Muskellähmung auf die Psyche auswirkt. Botulinumtoxin A, besser bekannt als Botox, könnte als neues Heilmittel gegen leichtere Depressionen eingesetzt werden. Wir haben uns mit dem Forscher getroffen, um mehr über das Potential und die Risiken des neuen Wundermittels zu erfahren.

VICE: Wie kamen Sie darauf, dass Botox der Psyche helfen kann?
Gregor Hasler: Ein Dermatologe aus den Staaten hat herausgefunden, dass es manchen Patienten, die mit ästhetischen Problemen zu ihm kamen, nach einer Behandlung auch psychisch besser ging. Drei Forschungsgruppen weltweit, darunter eine aus Basel, haben den Zusammenhang getestet. 50 Prozent der Probanden bekamen ein Placebo gespritzt, zusammengesetzt aus Salzwasser oder Hyaluronsäure. Danach verglich man den Effekt, den das Placebo hatte, mit jenem der Substanz. Und die Ergebnisse haben gezeigt, dass Botox einen Einfluss auf die Psyche haben kann. Wir an der Universitätsklinik Bern sind die Ersten, die schauen, wie der Mechanismus genau funktioniert. Bereits jetzt bieten wir Botox bei Depressionen als ambulante Therapie an.

Wie hilft denn ein Medikament zur Muskellähmung dabei?
Weil die Lähmung von Gesichtsmuskeln sich auf die Wahrnehmung und die Entwicklung von Emotionen auswirkt. Deshalb kann man durch die Lähmung dieser Muskeln Einfluss nehmen auf die Psyche, die Wahrnehmung und die Gefühle. Jeder, der Yoga macht, weiß, dass nicht nur die Gesichtsmuskeln, sondern auch Körpermuskeln einen Einfluss auf das Gemüt und die Konzentration haben. Ferner hat Botox wenige Nebenwirkungen.

Wo wird das Botox gespritzt?
In die Stirn über der Nase. Das Botox verteilt sich im Stirnmuskel und wirkt lokal. Es geht nicht in den Kreislauf und nicht ins Gehirn, sondern in den Muskel. Deshalb entsteht die Lähmung. Genauer: Der Übergang zwischen Nerv und Muskel wird gelähmt. Das wirkt sich auf die Psyche aus. Der Muskel, der negative Gefühle verstärkt, wird gelähmt. Durch die Lähmung wird die Welt positiver wahrgenommen.

Hilft es auch bei jungen Depressiven ohne Falten?
Der Stoff wirkt genauso bei Menschen, die keine Falten haben. Nehmen wir das Beispiel mit den Zornesfalten: Das Zusammenziehen der Zornesfalte, auch wenn dies sehr subtil ist, gibt dem Gegenüber eine oft unbeabsichtigte negative Meldung. Wenn man diese Falte mit Botox wegspritzt, hat der Patient eine bessere Ausstrahlung auf seine Mitmenschen. Wenn man sowas bewusst erlebt, überträgt sich das auch auf die Psyche. Ein Lerneffekt tritt ein. Stellen Sie sich vor, Sie stecken sich einen Bleistift zwischen die Zähne: Da zieht man automatisch das Gesicht hoch und schon fühlt man sich besser.

Wie schnell wirkt Botox?
Nach ein bis zwei Wochen sieht man das Ergebnis, beziehungsweise den Eintritt der Lähmung. Der Effekt hält zwei bis drei Monate an. Botox wirkt immer wieder, man wird nie immun dagegen. Wenn die Wirkung jedoch nachlässt, kommt aber zum Beispiel die oben erwähnte Zornesfalte wieder zurück.

Wirkt die Substanz bei jedem Patienten gleich?
Nein, sie kann bei jedem anders anschlagen. Das wird in der Studie geprüft. Wir haben noch keine harten Daten. Was man aber sagen kann: Leute, denen das Botox injiziert wurde, sagten aus, sie seien weniger anfällig auf Stress. Und weniger emotional. Botox ist eine Emotionsregulierung. Der Patient kann eher positive Gefühle erleben.

Sind die Langzeitschäden von Botox erforscht?
Es gibt keine. Dies ist eine sehr sichere Sache.

Wie kommt die Methode bei Ihren Kollegen an?
Sie sind begeistert! Wir haben viele E-Mails erhalten. Ein paar Stimmen aus der Branche werfen uns Verharmlosung vor, da sie befürchten, bei Schwerdepressiven könne man die Medikamente absetzen. Wir wollen Depression aber nicht trivialisieren. Mittelschwere und schwere Depressionen sollten medikamentös und psychotherapeutisch behandelt werden. Botox ist dann nur eine Zusatzbehandlung.

Haben sich schon viele Interessenten gemeldet?
Es herrscht ein gewaltiges Interesse. Wir sind aber nicht durch die Pharmaindustrie gesponsert. Bisher muss man zu uns kommen und die Kosten für das Medikament selbst bezahlen.

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